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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Globales
Gespräch bei der 23. Linken Literaturmesse in Nürnberg
Der ganz gewöhnliche Imperialismus oder Wenn Syrien stirbt, dann stirbt die Welt
Eva und Markus Heizmann - interviewt von NRhZ (Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann)

Die westliche Welt lebt von Trugbildern, dem Höhlengleichnis Platons ähnlich. Noch viel zu verbreitet (unter älteren Menschen) sind in etablierten Fernsehstationen und auf Zeitungsblättern für die Medienkonsumenten vorverdaute Sichtweisen, die nahtlos einhergehen mit einem brutalen Neokolonialismus. Deutschland steht da in nichts nach. Im Gegenteil. Eva und Markus Heizmann, beide Schweizer Staatsbürger, entzogen sich diesem Schattenspiel, brachen aus aus der Höhle. Was sie in mehreren Reisen in dem seit 2011 von Söldnertruppen aus über 80 Ländern umkämpften laizistischen Staat Syrien erfahren haben, berichten sie in Büchern und Vorträgen: "Wir durften erfahren, dass das Bild, welches die Medien eben dieser Regierungen von Syrien vermitteln, nicht einmal ansatzweise den Gegebenheiten vor Ort entspricht."


Eva und Markus Heizmann (Foto: arbeiterfotografie.com)

NRhZ: Eva, Du bist auf der linken Literaturmesse zum ersten Mal zu Gast. Was hast Du da erfahren, erlebt, z.B. in einem erst vor wenigen Minuten beendeten Vortrag?

Eva: Ich war zum Vortrag zum Buch "In den Sand gesetzt" von Glenn Jäger (Papyrossa). Und er hat darüber berichtet, wie das zustande gekommen ist, dass Katar ausgewählt wurde, die Fußball-WM 2022 durchzuführen. Dazu hat er sein Buch geschrieben über die Ereignisse im Vorfeld dieses Entscheides.

NRhZ: Das Buch ist relativ umfangreich, es hat ein paar Zentimeter...

Eva: Ja, das Buch ist sehr umfangreich und es befasst sich mit den politischen und wirtschaftlichen Hintergründen dieses umstrittenen Entscheids der FIFA. Man kann die Zusammenschlüsse für die Kriege an diesem Beispiel genau sehen – die gleichen Komplizen und Widersacher spielen da – wie es auch im Krieg gegen Syrien der Fall ist eine Rolle.

NRhZ: Du sagtest, er hat auch Jemen einbezogen und damit einen breiten Blick auf die Situation ermöglicht.

Eva: Katar hat ja auch Jemen angegriffen, und anfangs der Aggression bombardiert. Das hat nun aufgehört. Saudi Arabien und dessen Verbündete, die USA, die NATO-Staaten haben nun Katar isoliert - oder sie versuchen Katar zu isolieren. Aber Glenn Jäger hat auch aufgezeigt, dass Katar bei der Zerstörung von Libyen, nach eigenen Angaben, eine Scharnierrolle zwischen den Kämpfern und den Franzosen, die als NATO Macht Libyen total zerstört haben, gespielt hat. Katar, wo jetzt die Fußball WM ausgetragen werden soll, spielt also diese sehr dubiose Rolle.


Auf dem Weg nach Aleppo (Foto: Eva und Markus Heizmann)

In Syrien findet KEIN Bürgerkrieg statt

NRhZ: Ihr seid selbst bei der Linken Literaturmesse vertreten gewesen mit einem Vortrag zu Syrien zur Vorstellung Eures Buches "Syrien. Ein Land im Widerstand". Was war Euch besonders wichtig zu vermitteln?

Markus: In erster Linie natürlich das, was wir bei unseren Vorträgen IMMER vermitteln, nämlich: In Syrien findet KEIN Bürgerkrieg statt, hat niemals ein Bürgerkrieg stattgefunden, sondern das war von allem Anfang an ein Angriff von aussen. Selbstverständlich kann man sagen, 2011 gab es, im Zug des so genannten arabischen Frühlings, Unruhen, es gab Demonstrationen. Aber selbst diejenigen, die an diesen Demonstrationen gegen die Regierung teilgenommen haben, sagen heute, dass diese Demonstrationen von allem Anfang an instrumentalisiert wurden. Es gab Schüsse aus dem Demonstrationszug heraus auf die Bevölkerung, auf die Sicherheitskräfte im Bestreben, den syrischen Staat zu destabilisieren und schlussendlich zu stürzen im Sinne eines Regime Changes des Imperialismus, analog zum Irak, analog auch zu Libyen. Das konnte verhindert werden durch enorme Bemühungen des syrischen Staates selbstverständlich auch in Kooperation mit Russland, dem Iran und der Hisbollah. In unseren Beiträgen, die wir machen, in unseren Veranstaltungen, versuchen wir das klarzustellen und zu würdigen.


Aleppo, PLatz der sieben Brunnen, 2018 (Foto: Eva und Markus Heizmann)

Unabhängigkeitsbestrebungen für Afrika und den Nahen Osten

NRhZ: Ihr betreibt eine sehr grundsätzliche Imperialismuskritik und habt viele Kontakte. So auch zu einem Professor, der schon 2009 prophezeit hat, dass Libyen – ähnlich wie heute Syrien – angegriffen werden wird. Wie begründet er seine Aussage?

Markus: Professor Mohamed Hassan ist Äthiopier, der in Belgien lehrt. Er nennt fünf Gründe, weshalb Libyen angegriffen werden wird. Das sagt er 2009 - also lange, lange vor der Aggression. Jeder dieser Gründe hat mit Afrika zu tun.

1 Es gibt einen Satelliten, der kreist jetzt im All. Der wurde hochgeschickt mit chinesischer Technologie finanziert von Libyen. Dieser Satellit versorgt ganz Afrika mit Telekommunikation. Also jedes Handy, jedes Fernsehen, jedes Internet in Afrika kann von diesem Satelliten bedient werden. Dadurch entgehen westlichen Kommunikationsfirmen Milliardenbeträge.

2 Ein weiterer Grund, der auch mit Afrika zu tun hat, ist, Gaddafi akzeptierte den Petrodollar nicht. Wir müssen sehen, dass wenn ein Land oder eine Gesellschaft, irgendwer, Öl kauft, –müssen zuerst Dollars gekauft werden, und mit diesen Dollars können soundsoviel Barrels Öl gekauft werden. Gaddafi sagte: interessiert mich nicht. Ich nehme Dinars, ich nehme Euro, ich nehme jedes Geld der Welt.

NRhZ: Wie in Venezuela, heute...

Markus: Ja. Auch dadurch entgeht der US-amerikanischen Notenbank ein Milliardenvermögen.

3 Dann war Gaddafi einer der vehementesten Vorreiter für die afrikanische Einheit.

4 Laut Professor Mohamed Hassan gibt es praktisch keine Universität und keine Schule in Afrika, die nicht entweder mit libyschem Geld gebaut oder mit libyscher Unterstützung geführt wird.

5 Und schlussendlich war Libyen das Land, das die antikolonialen Befreiungskämpfe weltweit – nicht nur in Afrika – unterstützt und gefördert hat.

Und all das zusammen führt bei Mohammed Hassan (2009) zu dem Schluss: Libyen wird mit Bestimmtheit angegriffen werden. Und er warnt davor, dass Libyen sich nicht richtig verteidigen kann, weil seine Armee zu schwach ist und weil keine Solidarität mit Libyen da ist. Und leider ist genau das eingetreten.

Die Zeitschrift „Hintergrund“ veröffentlichte übrigens 2011 einen interessanten Artikel zu Libyen, in welchem auch die Thesen von Professor Mohammed Hassan diskutiert werden. (1)
 
Libyen hatte offene Adern

NRhZ: Ist die Prognose des Prof. Hassan auf Syrien übertragbar? Gibt es Parallelen?

Markus: Nein. Und zwar gibt es die Parallelen deswegen nicht, weil das meiner persönlichen Meinung nach viel mit dem Fall der Sowjetunion zu tun hat. Nach dem Fall der Sowjetunion haben viele Länder im arabischen Raum ihre Beziehungen zu Russland gekappt. Die Sowjetunion hatte zwar nur einen Stützpunkt in Syrien, im Hafen von Latakia. Gleichwohl gab es viele freundschaftliche Beziehungen zu der arabischen Region. Jelzin oder einer von Jelzins Diplomaten reiste nach Syrien und wollte diesen Mittelmeerhafen aufheben. Hafez al Assad sagte damals sinngemäß: „Eure Geschäfte stören uns nicht, euch stören sie nicht. Lasst das mal so, wie es ist“. Der Vertrag wurde nicht gekündigt. Plötzlich taucht in Russland ein Präsident Putin auf, der selbstbewusst ist und der sagt, das ist unsere letzte Bastion im Mittelmeer, und die geben wir nicht auf. So einen Rückhalt hatte Libyen international nie, Libyen hatte keine militärisch starken Verbündeten. Libyen hat sich mit Iran zerstritten, Libyen hat sich aus guten Gründen mit so gut wie allen arabischen Ländern zerstritten. Libyen hat sich auch mit Russland zerstritten. Und damit hatte Libyen offene Adern. Das kann man von Syrien nicht sagen. Syrien hat in weiser Voraussicht die Beziehungen zu Russland nie gekappt, hat die Beziehungen zum Iran immer gepflegt, hat – trotzdem (oder obwohl) der Libanon eigentlich eine syrische Provinz ist, immer darauf beharrt: wir wollen gute Beziehungen haben zum Libanon. Und das zahlt sich jetzt aus.

Putin: Diesen Fehler werden wir in Syrien nicht wiederholen.

NRhZ: Aber hätte nicht trotzdem Russland ein Veto einlegen können, als im März 2011 diese so genannte Flugverbotszone über Libyen beschlossen wurde?

Markus: Genau. Das war ein Fehler. Das war definitiv ein Fehler. Und wenn ich auf Russia Today (rt) recherchiere, dann finde ich dort auch Putin, der sagt: „Wir haben im Irak einen Fehler gemacht, in Libyen haben wir einen Fehler gemacht. Diesen Fehler werden wir in Syrien nicht wiederholen“. Ich mag ihn auch deswegen. Ich finde selten einen Politiker, zu den gemachten Fehlern steht.


Kiosk bei Damaskus, 2018 (Foto: Eva und Markus Heizmann)

NRhZ: Es war oder erschien Russland möglicherweise riskant, sich den "westlichen" Forderungen zu widersetzen...

Markus: Vorerst haben sie das ja auch nicht gemacht. In Syrien hätte es ja so ablaufen sollen wie im Irak und wie in Libyen. Also erstmal Beschlüsse des UNO-Sicherheitsrates mit einer Flugverbotszone, und diese Flugverbotszone endet dann in einen Krieg gegen Syrien. So war es im Irak, so war es in Libyen. Und zum ersten Mal seit ich überhaupt politisch denken kann, war ich damals froh um das Veto-Recht im UNO-Sicherheitsrat. Weil das ist es, was Russland gemacht hat: Veto gegen einen Beschluss des UN-Sicherheitsrates einer Flugverbotszone über Syrien... (erstmal nur das). Dann kann ich mich erinnern – das Datum habe ich im Kopf behalten – das war der 3. September 2013. Da gab's Manöver im Mittelmeer zwischen der NATO – also die NATO macht ein Manöver zusammen mit der israelischen Marine – und sie schiessen von einem ihrer Kriegsschiffe zwei Raketen ab, die bestimmt sind für Damaskus. Und diese beiden Raketen werden von einem russischen U-Boot in der Luft abgeschossen. Und da wussten sie: Oh, Russland redet nicht nur. Russland handelt auch. (2)

Und Russland hat auch von Anfang an klar gemacht: Ein direkter Angriff auf Syrien, das wird von uns beantwortet, als wäre es ein direkter Angriff gegen Russland. Und daran haben sie sich gehalten. Man sieht an den Wänden und in den Häusern Syriens Präsident Assad, Präsident Putin und Präsident Nasrallah – schön vereint, die Menschen kennen ihre Verbündeten.

Der durch die Medien gelähmte Widerstand muss wieder wachsen...

NRhZ: Was die Medienberichterstattung anbelangt, habt Ihr einen schwierigen Stand, wenn man die deutsche – und Ihr seid aus der Schweiz – die Schweizer Medienlandschaft betrachtet. Denn hier wird ein ganz anderes Bild vermittelt. Was sagen die Menschen in Syrien dazu?

Eva: Die Menschen sind orientiert, wie im Westen über sie berichtet wird, sie bekommen sämtliche Sender auf dem Fernseher, sie haben Internetzugang, es gibt keine Zensur. Immer wieder sagen sie uns: Geht nach Hause und berichtet, was ihr hier gesehen und gehört habt. Es ist uns auch ein Anliegen zu vermitteln, dass sich die Menschen in Syrien innerhalb eines globalen Spiels sehen. Sie sehen klar, dass nach dem Irak, nach Libyen, jetzt ihr Land zerstört werden soll. Gleichzeitig wird auch Jemen angegriffen und soll zerstört werden. Die Akteure, die Aggressoren sind dieselben. Die Syrienfrage kann also nur in einem globalen Kontext verstanden werden. Hier wird all das als sehr verwirrend dargestellt und das lähmt jeden Widerstand, der von hier aus gegen den Krieg entstehen könnte. Wir möchten dazu beitragen, Klarheit zu schaffen, damit dieser Widerstand wieder wächst.

Bürgerlicher und linker Narrativ sagen genau dasselbe

NRhZ: Was wird Euch entgegengehalten, was an Eurer Sichtweise nicht stimmt, obwohl Ihr über Jahre mehrfach vor Ort gewesen seid und mit unterschiedlichen Menschen dort gesprochen habt?

Markus: Sehr oft treffen sich da der bürgerliche und der linke Narrativ und wir hören genau dasselbe. Was immer wieder kommt: Assad sei ein blutiger Diktator. Es geht nicht darum. Assad ist kein Diktator. Das ist mal das eine, was wir immer wieder richtigstellen müssen. Das andere, was wir immer wieder richtigstellen müssen, ist: Diese Regierung sei beim Volk verhasst, und das Volk wolle diese Regierung stürzen. Beides stimmt nicht. Das und auch das Minderheiten in Syrien verfolgt werden, sind die gängigen, von den westlichen Medien platzierten Diffamierungen. Wir halten dem unsere Erfahrungen, Gespräche und Analysen von vor Ort entgegen. Eigentlich geht es um die ganze Palette von Diffamierungen, die wir erstmal im bürgerlichen Mainstream hören und die dann auch – leider – von linken Medien und Persönlichkeiten wiederholt werden. Primär, wenn wir von den Medien sprechen, geht es um Anschuldigungen gegen Syrien.

Das ist okay. Das darf man machen. Dann aber muss auf die Anschuldigung ein Beweis folgen. Auf diese Beweise warten wir vergeblich, es gibt keine Beweise. Zeugen verbleiben in der Anonymität. Systematische Folterungen durch die Regierung: Wo sind die Beweise? Giftgasangriffe durch die Regierung: Wo sind die Beweise? Unwillkürlich fällt uns dazu der Irak ein und die imperialistische Lüge der „Massenvernichtungswaffen“ des Iraks. Analog dazu gibt es keinerlei Beweise für die gemachten Anschuldigungen gegen die syrische Regierung, deren Armee oder die Behörden. Wir sagen nicht, die syrische Regierung sei fehlerlos – jede Regierung macht Fehler. Auf gar keinen Fall kann jedoch gesagt werden, dass zu und über Syrien fair berichtet wird. Eine faire Behandlung wäre beispielsweise, eine in den Raum gestellte Anschuldigung zu prüfen, zu analysieren und sie dann als richtig oder als falsch zu kommunizieren. Tatsächlich werden jedoch Anschuldigungen gegen die syrische Regierung gemacht und im Raum stehen gelassen – etwas bleibt immer hängen.

Banden: von Europa geschickt, aufgebaut, gesteuert und ausgebildet

NRhZ: Bei Euren Kontakten und Besuchen habt Ihr einiges erfahren über die "Freie Syrische Armee", oder auch über die islamistischen Gruppen. Was genau war Eure Erkenntnis? Wie steht die Bevölkerung zu diesen angeblichen Befreiern?

Eva: Die Bevölkerung hat zu diesen angeblichen Befreiern ein völlig abwehrendes Verhältnis. Sie empfinden sie – zu Recht – als Bedrohung. Die Menschen in Syrien wissen genau, dass diese Gruppen von aussen finanziert sind – von Katar und Saudi Arabien vor allem, aber schon im Auftrag von USA und der NATO Staaten. Sie wissen auch, dass diese Banden im Grunde genommen von Europa geschickt, aufgebaut, gesteuert und ausgebildet werden. Diese Banden haben die unterschiedlichsten Namen. Sie haben sich auch gegenseitig bekämpft und sich wieder zusammengeschlossen immer wieder unter neuen Namen. Das erweckt den Eindruck, das alles sei sehr kompliziert – aber das ist es eigentlich nicht. Es ist wie das Hütchenspiel. Die Hütchen sind immer dieselben. Das wissen die Leute. Die Leute flüchten von den Orten, wo diese so genannten „Rebellen“ die Oberhand haben. Der absolut größte Teil der Flüchtlinge sind Binnenflüchtlinge, sie flüchten immer in das Regierungsgebiet. Dann mag es einige Wenige geben, die ideologisch mit den islamistischen Gruppierungen übereinstimmen. Diese flüchten nach Idlib, von da kann es dann durchaus sein, dass sie in die Türkei oder zu anderen Destinationen (Bestimmungsorten) weiter reisen.

Markus: Ergänzend zu diesen so genannten Rebellengruppen: Im Herbst 2016 waren wir in Al-Waha, das ist ein Vorort von Aleppo. Aleppo war damals noch umkämpft. Wir haben dort eine u.a. von diesen Rebellen zerstörte Schule gesehen. Ein arabisches Graffiti an dieser zerstörten Schule wurde uns so übersetzt: "Wir beobachten Eure Kinder, und wir werden kommen, um sie zu holen". Also das ist die Realität vor Ort. Und die Leute, mit denen wir gesprochen haben, die machen keinen Unterschied: ISIS, al-Nusra, freie syrische Armee (FSA), Dschihad al Islami, für die Menschen vor Ort sind das alles Terroristen.

Wer mit der Waffe in der Hand gegen uns kämpft, ist ein Terrorist


NRhZ: Weißhelme nicht zu vergessen...

Eva: ... Weißhelme nicht zu vergessen, genau! für die Menschen in Syrien sind das alles Terroristen. Wer mit der Waffe in der Hand gegen uns kämpft, ist ein Terrorist. Das ist die einhellige Meinung in der absoluten Mehrheit der syrischen Bevölkerung.

NRhZ: Was gibt es für Beweise, dass in den Söldnergruppen so viele Nationalitäten vertreten sind?

Markus: Da gibt es u.a. das Zeugnis – das kommt in unserem Buch vor – eines Arztes, der in Deir-ez-Zor unter Kriegsbedingungen gearbeitet hat. Und der berichtet in seinem Interview, dass die Leichen der ausländischen Söldner vom IS zurückgekauft wurden für Zugeständnisse, dass z.B. Versorgungsflugzeuge der syrischen Armee nach Deir-ez-Zor nicht attackiert wurden. Und dieser Arzt sagt, sie waren NICHT interessiert an den Leichen der syrischen Kämpfer, der wenigen syrischen Kämpfer, die es gab. Sie wollten nur die Leichen der Ausländer. Damit, so erklärt er uns, sollte verhindert werden, dass bekannt wird, wie viele Ausländer in Syrien tatsächlich auf dem Boden morden. Genannt wird eine Zahl zwischen 80 und 100 Ländern.

Eva: Es gibt dazu auch Aussagen aus verschiedenen Quellen. Europäische Länder selbst deklarieren, wie viele mutmaßliche Söldner aus ihrem Land in Syrien kämpfen. Frankreich gibt es offen zu, die Schweiz auch. Hinweise kommen auch aus dem syrischen Ministerium für Versöhnung: Dieses ist nur zuständig für Kämpfer, die syrische Bürger sind. Amnestie Angebote etc. gelten nur für syrische Bürger. Weil jedoch der größte Teil dieser Kämpfer gar keine syrischen Bürger sind, gibt es auch ein russisches Ministerium für Versöhnung. Wozu soll es so eine Institution geben, wenn es nicht viele ausländische Kämpfer geben würde?

Ein revolutionäres Projekt oder der linke Arm des Imperialismus?

NRhZ: Was ist Euch an Kritik begegnet – speziell bezogen auf Kurdistan? Wie bewertet Ihr die Rolle, die die syrischen KurdInnen einnehmen?

Markus: Dazu muss man sagen, dass die Kritik, die da kommt, nur aus der linken Ecke kommt. Das hat natürlich damit zu tun, dass dieses Projekt im Norden Syriens nahe der türkischen Grenze, dieses so genannte Rojava-Projekt oder wie auch immer man das nennen will, uns als „revolutionäres Projekt“ verkauft wird. Wir haben mehrmals gesagt (und haben uns mit diesen Erklärungen auch entsprechend unbeliebt gemacht), dass wir das aus verschiedenen Gründen für ein konterrevolutionäres Projekt halten.

Ein wichtiger Grund ist: Ein Land, das sich im Krieg mit dem Imperialismus befindet, ist denkbar ungeeignet für solche, sagen wir mal Experimente. Das spaltet das Land, das spaltet den Widerstand. Objektiv ist das Spaltung und objektiv dient dies dem Imperialismus. Das ist mal das Eine. Dann ist es unbestritten, dass diese Kämpfer im Norden Syriens von der EU , von Deutschland speziell, von den USA durch Waffen, Logistik, Training usw. unterstützt werden. Und diese Frage kann uns niemand beantworten: Welches revolutionäre Projekt, welche Revolution wurde jemals gewonnen mit den Truppen des Imperialismus, bzw. mit den Truppen der USA? Außerdem gibt es in diesen Gebieten, die so große revolutionäre Projekte vor sich hertragen, mittlerweile ungefähr 20 Stützpunkte der USA, die genaue Zahl ist umstritten. Bevor sich dort die kurdischen Kämpfer mit den US-Truppen verbündeten, gab es keinen einzigen. Das sind so in etwa die Hauptgründe, weshalb wir sagen, das ist ein konterrevolutionäres Projekt. Es ist darauf angelegt, Syrien zu spalten. Und die Linke Europas, die dieses Projekt unterstützt, die nennen wir den linken Arm des Imperialismus. Integere linke, fortschrittliche, revolutionäre Organisationen und Einzelpersonen müssen sich auf die Seite der angegriffenen Länder stellen und nicht auf die Seite einer ethnischen Gruppe. Zum Glück erfahren wir auch aus linken Kreisen Solidarität. Das wissen wir zu schätzen, alles andere dient der Spaltung.

Eva: KurdInnen haben in Syrien die gleichen Rechte und Pflichten wie jeder syrische Staatsbürger auch. Ich zitiere Elias Samman, den Berater des Ministeriums für Versöhnung in Syrien. Es sind da viele KurdInnen aus der Türkei, welche in der Türkei schlimm verfolgt werden. Sie haben in Syrien eine Zuflucht gefunden und sie konnten in Syrien bleiben.

Kurden bekommen von USA und NATO-Staaten Geld und Waffen

NRhZ: Als Flüchtlinge...

Eva: ... als Flüchtlinge. Die KurdInnen gibt es nicht als deklarierte Einheit. Die KurdInnen sind Teil dieser Region, sowieso, auf jeden Fall.

NRhZ: Sie sind über fünf Staaten verteilt...

Eva: Ja, aber das sind andere ethnische Gruppen auch. Bezogen auf Syrien gibt es KurdInnen zum Beispiel in Ämtern und Spitälern. Die Herkunft spielt keine Rolle. Was es aber in Syrien nicht gibt und was verboten ist, ist eine kurdische Partei. Eine christliche Partei wäre auch verboten, weil die syrische Regierung keine Partei erlaubt, die religiöse oder ethnische Partikularinteressen vertritt. Die Regierung arbeitet darauf hin, die syrische Einheit zu bewahren, die Menschen sollen miteinander leben, wie dies seit Jahrtausenden der Fall ist und nicht gegeneinander agieren. Sie haben auch immer wieder das Gespräch mit der kurdischen Führung gesucht, was immer wieder verweigert wurde. Die Führung der KurdInnen ist unter der Herrschaft der USA und der NATO-Staaten, denn von dort bekommen sie ihre Waffen und ihr Geld. Sie bekommen Waffen, Geld und viele Versprechungen. Die syrische Regierung zeigt seit langem eine große Bereitschaft auf die legitimen Bedürfnisse der kurdischen Bevölkerung einzugehen. Jetzt durch die Krise ist diese Bereitschaft und auch die Fähigkeit des syrischen Staatsapparats und der Ministerien angewachsen. Die Regierung hat sich auch entwickelt und ist auch bereit, etwas einzusehen, zuzuhören, zu verbessern. Diesen Eindruck haben wir nach vielen Gesprächen gewonnen.

NRhZ: Ihr habt eine Geschichte berichtet, bei der die Rebellen – wenn man sie so nennen will – ein Gefängnis aufgemacht und die Gefangenen befreit haben. Wie ging das aus?

Eva: Wir waren im Jahr 2016 mit einer Hilfslieferung auf dem Weg nach Aleppo, das damals noch umkämpft war, und wir mussten viele Umwege fahren. Wir haben Nonnen, welche die Hilfsgüter verteilten, begleitet und durften bei dieser Verteilung assistieren. Dieser Hilfskonvoi wurde von einem Offizier der syrischen Armee begleitet. Wir waren mehrere Tage beieinander im Hotel, beim Essen, im Auto. Er hat berichtet - die Oberin hat übersetzt, weil er arabisch gesprochen hat, dass er in Aleppo im Gefängnis war über Jahre. Wir wissen nicht, weshalb er einsaß, aber er war im Gefängnis, das ist Fakt. Dann hatten die bewaffneten Banden, Terroristen, Rebellen, wie auch immer sie genannt werden, das Gefängnis gestürmt, in der Meinung, sie würden dann neue Kämpfer rekrutieren können. Dann haben sich aber die Gefangenen abgewandt von denen und sich mit der syrischen Armee solidarisiert.

"Rebuild Syria": gigantische Baustelle und zukunftsträchtiger Markt

NRhZ: Was waren die Erfahrungen bei Eurem letzten Besuch 2018?

Markus: Wir mussten noch immer vom Libanon einreisen. Der Flughafen von Damaskus ist zwar offen. Rein theoretisch könnte man also auch auf direktem Weg einfliegen. Aber die europäischen Gesellschaften und auch die turkish airlines boykottieren nach wie vor. Also man könnte wahrscheinlich zum Beispiel aus Südafrika oder aus Moskau einfliegen. Wir fliegen nach Beirut und reisen mit dem Auto nach Syrien ein. Und da haben wir zunächst den Eindruck, man kommt in eine gigantische Baustelle, Wiederaufbau gibt es überall. Das geschieht zum Teil mit einfachsten Mitteln, zum Teil mit Maschinen. In Damaskus haben wir die internationale Baumesse besucht, die unter dem Motto "Rebuild Syria" stand. Da waren Länder vertreten wie Venezuela, Russland, China, viele, viele Länder, die diesen Wiederaufbau von Syrien – natürlich für Geld – unterstützen. Das ist ein gigantisches Projekt, und es ist eine richtige Goldgräberstimmung zu spüren. Das war schon etwas besonders. Der andere Unterschied zu unseren bisherigen Besuchen ist: es gibt noch immer Straßensperren, aber es gibt viel weniger Straßensperren. Wir haben in Damaskus bei unserem letzten Besuch kein einziges Mal Geschützfeuer gehört. Das war vorher sehr oft der Fall. Auch in Aleppo haben wir nichts gehört. Die Kämpfe konzentrieren sich jetzt nur im Norden, in den so genannten Kurdengebieten und im Süden. Im Süden ist es vor allem Israel. Aber das ist nichts besonderes, weil mit Israel hat Syrien seit 1948 Probleme. Deswegen auch der anhaltende Ausnahmezustand. Israel bedroht Syrien akut, hat noch immer die Golanhöhen wider jedes Völkerrecht besetzt und weigert sich, sich zurück zu ziehen. Weiter kann man sagen, dass die ganze Infrastruktur Syriens funktioniert. Die Schulen sind intakt. Die Krankenhäuser sind intakt. Es ist natürlich nicht alles eitel Freude und Sonnenschein. Wir müssen sagen, leider haben wir in den Straßen von Damaskus und auch anderswo – für syrische Verhältnisse – viele bettelnde Kinder gesehen. Und das ist neu. Das haben wir in den vorigen Jahren nicht gesehen. Wir haben auch mit Politikern darüber geredet.


Baumesse in Damaskus, 2018 (Foto: Eva und Markus Heizmann)

NRhZ: Was damit zusammenhängt, dass der Staat zunehmend verarmt? Durch die Sanktionen, oder weshalb?

Markus: Nicht nur. Das hängt vor allem mit dem Embargo und der daraus resultierenden Inflation zusammen. Das syrische Pfund hat massiv an Wert verloren. Das bedeutet, ein Rentner konnte früher von umgerechnet rund 30.- Euro im Monat leben - nicht in Luxus, aber es hat gereicht. Damit kauft er sich heute kaum mehr das Nötigste. Viele Eltern schicken ihre Kinder jetzt zum Betteln auf die Straße statt sie zur Schule zu schicken. Der syrische Staat versucht dagegen etwas zu unternehmen. Das kommt jetzt aber erst in die Gänge. Also, wir haben noch keine Auswirkungen gesehen. Wir hoffen aber, das etwas geschieht. Da muss von staatlicher Seite reagiert werden, sonst kommt eine Katastrophe auf den syrischen Staat zu. Das wissen aber alle. Ich bin also zuversichtlich, dass da was gemacht wird. Das ist das negativste, was wir berichten können. Der Rest ist Wiederaufbau, Zusammenhalt des Landes und die Mediation durch das Ministerium für Versöhnung, das sehr effektiv arbeitet.

Pflicht der Kommunisten weltweit, Syrien gegen die imperialistischen Angriffe zu verteidigen

NRhZ: Und es gibt ein effektiv arbeitendes Parlament? In dem auch die Opposition mitwirkt am Wiederaufbau?

Eva: Das syrische Parlament besteht aus 240 Mitgliedern. Das hat vorher schon bestanden, ist nie aufgelöst worden und besteht immer noch. 2016 waren Wahlen. Wir haben an einer Autobahnraststätte eine Parlamentarierin und einen Parlamentarier zufällig angetroffen. Das Gespräch verlief locker. Es gab auch eine Frau als Präsidentin des syrischen Parlaments. Dieses Amt ist jeweils für vier Jahre besetzt. In diesem Rhythmus wird das Parlament gewählt. Auch in Al-Waha haben wir Parlamentarier getroffen. Wir waren unterwegs mit den Nonnen des Kloster Mar Yakub, der Oberin und Mitgliedern der syrischen Armee als Sicherheitsbegleitung. Da sind wir – aus Versehen denke ich – ins falsche Zimmer gelotst worden in eine Art Gemeindezentrum. Da war eine sehr große Versammlung mit 100 oder mehr Personen, dicht besetzt, mit einem Podium vorne. Das war eine lokale Gemeinde-Versammlung. Vertreter von verschiedenen Bereichen haben ihre Anliegen vorgetragen und Fragen gestellt. Und da waren auch Parlamentarier des syrischen nationalen Parlaments anwesend, um Anliegen entgegenzunehmen oder auch Sachen zu erklären.

NRhZ: Was die Verteilung der Sitze anbelangt: Wie stark ist die Opposition vertreten?

Eva: Vor der Krise gab es nur die Baath-Partei, aber die war innerhalb der Führung sehr vielfältig. Bereits 2012 gab es per Referendum eine Verfassungsreform, andere Parteien wurden zugelassen, unter den bereits erwähnten Auflagen. Wie schon gesagt, es gibt einfach das Kriterium, wenn eine Partei zugelassen werden will, muss gesamtsyrisch für alle offen sein. Sie darf nicht nur die Interessen einer einzelnen ethnischen oder religiösen Gruppe vertreten. Es gibt jetzt mehrere Parteien. Eine davon ist eine Partei, die sehr offen ist. Die heißt Syrische Nationale Sozialistische Partei (SSNP). Hat überhaupt nichts zu tun mit ähnlich klingenden Titeln aus Europa. Das möchte ich dringend betonen. Auch in der Praxis nicht. Die haben jetzt Sitze und auch einen Minister. Das ist Ali Haidar, der Minister des Ministeriums für Versöhnung. Die kommunistische Partei ist nicht mehr verboten.

NRhZ: Bis wann war die kommunistische Partei verboten?
 
Markus: 2012 gab es wie gesagt eine Verfassungsreform. Das war nicht eigentlich eine Reform sondern eine neue Verfassung. Da wurde diese Ausschließlichkeit, dieses Einparteiensystem gekippt. Viele, d.h. alle Parteien wurden zugelassen unter dem Kriterium, das Eva schon geschildert hat, also es darf nicht ausschließlich auf eine Religions- oder Volksgruppe beschränkt sein. Und da gibt es jetzt – in der deutschsprachigen Ausgabe der Granma – ein ausführliches Interview mit Amar al Bagdash. Das ist der Generalsekretär der kommunistischen Partei Syriens. Und er steht der Regierung sehr kritisch gegenüber. Das ist seine Arbeit, das ist verständlich als Kommunist. Aber er sagt auch: in den Zeiten, da der syrische Staat angegriffen wird, ist es die Pflicht der Kommunisten weltweit, Syrien gegen die imperialistischen Angriffe zu verteidigen. Das ist ein kommunistisches Statement von einem Mann vor Ort. Und deswegen versteh ich die europäische Linke nicht, die sich nicht auf solche Argumente einläßt, sondern gebetsmühlenartig die Mär vom blutigen Diktator wiederholt.

Sehnsucht nach Syrien

NRhZ: Gibt es Pläne, wann Ihr wieder hinfahrt?

Markus: Voraussichtlich in einem Jahr.

NRhZ: Habt Ihr Sehnsucht nach Syrien?

Markus: Ja!

Eva: Ich habe sehr Sehnsucht nach Syrien. Wir werden mit offenen Armen empfangen. Mit gefällt es unwahrscheinlich gut, wie einfach alle Menschen eine Gleichwertigkeit geniessen. Es gibt nicht die Vorstellung von wertvollen oder weniger wertvollen oder wertlosen Menschen. Ich kenne Syrien als das Land, wenn man sich hilfesuchend umguckt, wird man sofort angesprochen: kann ich ihnen helfen? Im Zwischenmenschlichen gibt es eine sehr große Herzlichkeit bei gleichzeitig höflicher Distanz. Also man wird auch nicht überschüttet...


Aleppo, Zitadelle, 2018 (Foto: Eva und Markus Heizmann)

NRhZ: Kann man das als orientalische Lebensweise bezeichnen? Oder ist es speziell syrisch?

Eva: Das denke ich nicht, dass das speziell syrisch ist. Syrien hat seine Eigenständigkeit dahingehend bewahrt, es gibt keine rassistischen Ansätze wie in der Türkei z.B. gegen KurdInnen, als wären das andere Menschen. Wie die Saudis, die eigentlich auch mal arabisch waren, sag ich jetzt mal, die aber schon längst total verdorben sind, weil deren Ideologie eines radikalen Wahabismus auch rassistisch ist. Als gäbe es nur eine Art zu leben und alles andere sei nichts wert. In Syrien spürt man die Gleichwertigkeit, dieses universale Menschliche. Und das ist ein Grund, mein privater Gedanke: Wenn Syrien stirbt, dann stirbt die Welt.


Fußnoten:

1 https://www.hintergrund.de/globales/kriege/den-krieg-in-libyen-verstehen/
2 Siehe dazu auch: https://sputniknews.com/world/20130903183138071-Mediterranean-Ballistic-Targets-Were-Part-of-Israeli-Test--Defense-Ministry/


Eva und Markus Heizmann: Syrien – Ein Land im Widerstand
Mehr als ein Reisebericht




Verlag Theorie und Praxis (TuP), Hamburg 2018, Taschenbuch, 154 Seiten, 16 Euro

Online-Flyer Nr. 681  vom 07.11.2018

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