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Aktueller Online-Flyer vom 13. November 2018  

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Krieg und Frieden
Zeitzeugen des Großen Krieges 1914-1918
„Die Jugend starb, bevor sie zu leben beginnen konnte“
Von Rudolf Hänsel

Am 11. November vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Bei glamourösen Gedenkveranstaltungen werden westliche Regierungschefs über die „Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ dicke Krokodilstränen vergießen. Das hindert sie jedoch nicht daran, zeitgleich im Auftrag der herrschenden Elite die Kriegstrommeln für den nächsten großen Krieg zu rühren: Die US-geführte Nato übt in Norwegen nahe der russischen Grenze mit 50.000 Soldaten aus 31 Ländern schon mal den „Ernstfall“, die beiden Großmächte Russland und China treffen zum Schutz ihrer Länder bereits Kriegsvorbereitungen. (1) Anstatt sich anlässlich dieses hundertsten Jahrestages vor den Millionen Opfern der bis anhin größten kriegerischen Auseinandersetzung in der Weltgeschichte „niederzuknien“, strebt die führende westliche Elite die alleinige Weltherrschaft und gigantische Kriegsgewinne an. Berichte von Zeitzeugen des Großen Krieges 1914 bis 1918 rufen uns in Erinnerung, was Krieg für Kombattanten wie Zivilisten bedeutet. Doch die gottlosen und geschichtsvergessenen Kriegstreiber des Tiefen Staates und deren Marionetten in Politik und Konzernmedien werden auch angesichts dieser erschreckenden Zeitzeugnisse nicht innehalten.

Erich Maria Remarque: „Die Jugend starb, bevor sie zu leben beginnen konnte.“

Der deutsche Schriftsteller Remarque (1898-1970) wurde im November 1916 als Reserve-Rekrut ins kaiserliche Heer eingezogen, kam im Juni 1917 als Soldat an die Westfront und wurde bereits Ende Juli verwundet. Im Armee-Hospital in Duisburg war er in einer Schreibstube tätig und begann schon hier, seine Kriegserlebnisse niederzuschreiben. (2) Nach seiner Genesung kehrte er in die Armee zurück. Sein berühmtes Werk „Im Westen nichts Neues“, das „klassische Erlebnisbuch eines Frontsoldaten“, erschien erstmals im Jahr 1928 und wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt.

Remarque beginnt seinen Roman mit einer persönlichen Erklärung: „Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“ (3) Sodann schildert er die Grausamkeit des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines jungen Frontsoldaten, der sich und seine Kameraden als eine verlorene Generation ansieht. Bereits mit 18 Jahren hatte sich seine Klasse auf Drängen des Lehrers geschlossen zum freiwilligen Kriegsdienst gemeldet. Sie alle sind von der Schulbank aus direkt in den Krieg gezogen, ohne zuvor eine Perspektive für ihr Leben entwickeln zu können.

Bei den Einsätzen an der Westfront kommen zahllose Kameraden ums Leben. Die Gefallenen werden zum Teil durch unerfahrene Soldaten aus dem Rekrutierungslager ersetzt, die den extremen Anforderungen des Stellungskrieges hilflos ausgeliefert sind. Der Frontsoldat erlebt, wie seine Kameraden in aussichtslosen Kämpfen aufgerieben werden; sie kommen im Trommelfeuer ums Leben, werden von Granaten zerfetzt oder ersticken bei Gasangriffen. Er selbst fällt kurz vor Kriegsende als letzter seiner Gruppe an einem sehr ruhigen Tag: Der Heeresbericht meldet, es gebe im Westen nichts Neues.

Drei Jahre nach dem Klassiker „Im Westen nichts Neues“ erscheint als konsequente Fortsetzung Remarques Antikriegs-Roman „Der Weg zurück“. Darin malt er das Bild einer „Jugend, die starb, bevor sie zu leben beginnen konnte.“ Der Inhalt lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: „November 1918: endlich Frieden. Von Frankreich aus treten ein paar Frontsoldaten den Rückzug in die Heimat, den Weg ins Leben an. In Deutschland tobt die Revolution, von der Begeisterung, mit der man sie vor Jahren in den Kampf fürs Vaterland schickte, ist nichts geblieben. Stattdessen schlagen den ehemaligen Helden Unverständnis, Gleichgültigkeit und offene Verachtung entgegen. Sie fühlen sich fremd und überflüssig, verzweifelt suchen sie nach einem Sinn: ‚Unsere Ideale sind bankrott, unsere Träume kaputt.’ Geblieben ist nur die Kameradschaft, aber selbst die bröckelt nach und nach.“ (4)

Der Verlauf der geschichtlichen Ereignisse hat der aufrüttelnden Anklage Erich Maria Remarques auf bittere Weise Recht gegeben. Deshalb forderte er für die Zeit nach dem Ende des Krieges einen „Kampf gegen die drohende Militarisierung der Jugend, gegen den Militarismus in jeder Form seiner Auswüchse“. (5) In Nazi-Deutschland wurden seine Arbeiten als „schädliches und unerwünschtes Schrifttum“ verboten und 1933 öffentlich verbrannt. Er selbst wurde im Jahr 1938 aus Deutschland ausgebürgert.

Ernst Friedrich: „Krieg dem Kriege!“

Ernst Friedrich (1894-1967) war anarchistischer Pazifist. Zwischen den beiden Weltkriegen engagierte er sich politisch, agitatorisch und künstlerisch gegen den Krieg. Als er in den Ersten Weltkrieg einberufen wurde, verweigerte er aus Gewissensgründen den Kriegsdienst. Da er sich dagegen wehrte, eine Uniform anzuziehen, wies man ihn in eine Beobachtungsstation für Geisteskranke ein. Wegen Sabotage in einem kriegswichtigen Betrieb wurde er 1917 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. (6)

Mit seinem Buch „Krieg dem Kriege“ (im Original viersprachig: Krieg dem Kriege! Guerre à la Guerre! War against War! Oorlog aan den Oorlog!), das 1924 erstmals erschien und in weitere 50 Sprachen übersetzt wurde, hat Friedrich den Opfern des Großen Krieges ein Denkmal gesetzt. Das Buch zeigt dessen wahres Antlitz: Schlachtfelder, die Grauen der Schützengräben, Schwerstverwundete, Verstümmelte, Hingerichtete, Leiden, Elend und Sterben. Friedrich versuchte, die Menschen wach zu rütteln, in dem er die Schrecken eines Krieges aufzeigte. Das Buch erregte weltweit Aufsehen auch deshalb, weil die entstellten Kriegsopfer in abgelegenen Heimen für Kriegsversehrte vor der Öffentlichkeit weitestgehend versteckt wurden.

Kurt Tucholsky (1890-1935), politisch engagierter Journalist, Schriftsteller und einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik meinte zum Buch „Krieg dem Kriege“: „Die Photographien der Schlachtfelder, die Photographien der Kriegsverstümmelten gehören zu den fürchterlichsten Dokumenten, die mir jemals unter die Augen gekommen sind.“ (7) Und er machte den Vorschlag: „Denen, die mir so oft bejahend zugehört haben, lege ich nahe: Das Buch in einem oder mehreren Exemplaren zu kaufen und für seine Verbreitung zu sorgen.“ (8) Für Robert Jungk (1913-1994), österreichischer Publizist, Journalist und einer der ersten Zukunftsforscher, war das Buch „Krieg dem Kriege“ ein „Augenöffner“: „Ernst Friedrich hat mir die Augen für die furchtbarste aller Seuchen, für den großen Verkrüppler, den sinnlosen Vernichter Krieg geöffnet.“ (9)

Doch Ernst Friedrich schreibt in seinem Buch auch Positives und Ermutigendes: So machte er weitsichtige Vorschläge, wie Kriege zu verhindern seien. An die Eltern gerichtet schreibt er im Kapitel „Kriegsverhinderung“: „ (...) Wie viele übersehen allzu leicht, dass in dem eigenen Hause, in der Familie, der Krieg freiwillig vorbereitet wird!!! Und hier liegt aller Laster Anfang. (...) Ihr Eltern, die ihr nicht wollt, dass Eure Söhne anderer Eltern liebevolle Söhne morden, Ihr sollt bedenken, dass das Kind, das ihr mit Helm, mit Säbel und Gewehr beschenkt, sich seine zarte Seele aus dem jungen Körper spielt! Doch jene Kinder, die zur Liebe und zur Solidarität, zur unbedingten Achtung vor dem unverletzlich heiligen Menschenleben sind erzogen, die Kinder werden ganz bestimmt untauglich sein für Waffendienst und Kriegsverwendung. (...).“ (10)

Rudolf Archibald Reiss / Henri Barbusse: „Die Augenzeugenberichte über die Kriegsverbrechen in Serbien verursachten Entsetzen in der zivilisierten Welt.“

Gemeinhin wird der Erste Weltkrieg als „Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnet, weil man ohne die gründliche Betrachtung dieses großen Kriegs die europäische Geschichte nicht begreifen würde. Er habe den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts bestimmt – bis heute. Ein Beispiel seien die Kriege in Ex-Jugoslawien. Die „Urkatastrophe“ begann damit, dass Österreich-Ungarn Serbien nach den Schüssen von Sarajevo und einem völlig inakzeptablen Ultimatum am 28. Juli 1914 den Krieg erklärte. Dieser wurde von Seiten der großen und mächtigen Nation mit äußerster Härte und Grausamkeit geführt.

Anlässlich des hundertsten Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges gaben die „Serbische Literatur-Genossenschaft“ zusammen mit dem „Belgrader Forum für eine Welt der Gleichberechtigten“ das hervorragend recherchierte historische Werk „Serbien im Großen Krieg 1914-1918“ heraus. Es erschien inzwischen auch in englischer, russischer und deutscher Sprache. Verfasser sind zwei renommierte serbische Historiker und Mitglieder des Vorstands der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (SANU), Mira Radojevic und Ljubodrag Dimic. In der Einleitung des Buches nennen sie ihr Motiv: „Die Autoren dieses Buches hatten die bescheidene Absicht, entstanden aus dem Wunsch, die wissenschaftlichen Ergebnisse der serbischen Geschichtsschreibung zu bekräftigen, sie in die anregende wissenschaftliche Perzeption von Historikern anderer Kulturen einzubetten und so die Aufmerksamkeit auf die schändlichen Auswirkungen einer politisch motivierten Revision der Geschichte zu lenken.“ (11)



Dieser Krieg wurde von Österreich-Ungarn nicht nur gegen Serbien als Staat, sondern auch gegen das gesamte serbische Volk geführt. Das geht sowohl aus den Aussagen des mit Österreich verbündeten deutschen Kaisers als auch aus den Befehlen der Heeresleitung hervor, die sie den österreichisch-ungarischen Soldaten beim Einfall in Serbien erteilte. Allseits bekannt ist der berühmte „Leitgedanke“ von Kaiser Wilhelm II. vor Beginn des Krieges: „Jetzt oder nie.“, gefolgt von den Worten: „Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald. Versteht sich alles von selbst, und das sind Binsenwahrheiten.“ (12) Der österreichische Kulturkritiker Karl Kraus hat die seinerzeit in Österreich vorherrschende serbophobe Stimmung in der Weltkriegstragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ mit dem geflügelten Ausruf „Serbien muss sterbien! – ob’s da wüll oder net!“ auf den Punkt gebracht. (13)

Auch der Befehl von General Lothar Elder von Hortstein, Befehlshaber des 9. Korps der österreichisch-ungarischen Armee, den er nach Eintritt seiner Truppen in Serbien erteilte, offenbarte die Absichten der Großmacht Österreich: „Der Krieg führt uns in ein feindliches Land mit einer Bevölkerung, die von fanatischem Hass gegen uns erfüllt ist; in ein Land, wo der Meuchelmord, wie die Katastrophe von Sarajevo zeigt, selbst höheren Klassen erlaubt ist, wo er sogar noch als Heldentum gefeiert wird. Gegen eine solche Bevölkerung ist jede Menschlichkeit und Großzügigkeit völlig fehl am Platz, sie ist sogar schädlich, (...). Ich befehle, dass während der Operationen und der gesamten Kriegszeit jeder mit äußerster Härte, Strenge und größtem Misstrauen behandelt wird. (...) Vor allem kann ich nicht dulden, dass nichtuniformierte, aber bewaffnete Bewohner des feindlichen Landes, (...) gefangen genommen werden; sie müssen bedingungslos getötet werden. Wer in solchen Fällen Gnade zeigt, wir aufs strengste bestraft.“ (14)

Um die Welt von den Verbrechen in Kenntnis zu setzen, die aufgrund dieser Befehle an der serbischen Zivilbevölkerung verübt wurden, beauftrage die serbische Regierung eine Gruppe von Kriminologen, deren Charakter und Umfang zu untersuchen. Der berühmte Schweizer Arzt und Universitätsprofessor Rudolf Archibald Reiss führte diese Expertengruppe an. Sein erster Bericht, basierend auf den gesammelten Fakten, hatte den Titel: „Wie Österreich-Ungarn in Serbien kämpfte.“ Was in diesem Bericht steht, ist nur schwer zu ertragen: „Die von den Henkern gewählte Todesart war sehr vielfältig. Sehr oft wurden die Opfer vor oder nach dem Tod verstümmelt. Ich stellte folgende Arten der Tötung oder Verstümmelung fest: Die Opfer waren von Schüssen durchlöchert, ermordet, ihnen wurde mit einem Messer die Kehle durchgeschnitten, vergewaltigt und dann ermordet, gesteinigt, erhängt, mit Schäften und Stöcken erschlagen, erstochen, lebendig verbrannt; es gab Opfer (...).“ (15) Was folgt, wird immer grausamer und sadistischer.

Die Berichte von Archibald Reiss wurden von anderen Ärzten und Augenzeugen bestätigt und „verursachten Entsetzen in der zivilisierten Welt“. (16) Schockierende Fakten über die in Serbien begangenen Verbrechen meldeten auch andere ausländische Korrespondenten wie der US-amerikanische Journalist John Reed und der französische Politiker und Schriftsteller Henri Barbusse (1873-1935), bekannt durch sein 1916 erschienenes Kriegstagebuch „Das Feuer“.

Im Buch „Serbien im Großen Krieg 1914-1918“ schreiben Radojevic und Dimic: „Nach den Worten von Henry Barbusse wurde die Bevölkerung ‚durch Terror und Angst in den Wahnsinn getrieben’. Denn die österreichisch-ungarische Armee begann ‚ihre Vernichtungsarbeit schon beim Eintritt nach Serbien’ mit Grausamkeit und ‚höllischen Orgien’. ‚Wie oft war ich vor Schreck wie versteinert’, heißt es bei ihm, ‚angesichts der Ergebnisse der mörderischen Trunkenheit, der Brände oder des Sadismus dieser Soldaten, die einem großen Land angehören, das stolz auf seine Zivilisation ist! Das was Österreich ,eine große und mächtige Nation, die sich auf ein kleines Volk stürzte, wollte, war nichts anderes, als Serbien zu vernichten, und hatte sich dabei geschworen, es systematisch zu tun, mit Feuer und Schwert, mit Zerstörung und Niederbrennen von Städten und Dörfern, und ebenso mit der Vernichtung und Massakrierung der Serben’.“ (17)


Literatur:

Remarque, E. M. (1957). Im Westen nichts Neues. West-Berlin.
Remarque, E. M. (2009, 7.Aufl.). Der Weg zurück. Köln.
Friedrich, E. (2004). Krieg dem Kriege. München.
Radojevic, M./Dimic, L. (2014). Serbien im Großen Krieg 1914-1918. Belgrad.
Kraus, K. (2014). Die letzten Tage der Menschheit. Salzburg und Wien.


Fußnoten:

(1) „RT Deutsch“ vom 30.10.2018: „Russischer UN-Diplomat: ’Ja, Russland bereitet sich auf einen großen Krieg vor’“ und „Chinas Präsident Xi Jinping ordnet für das Militär Kriegsvorbereitung an“.
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Maria_Remarque
(3) Remarque, E. M. (1957). Im Westen nichts Neues. West-Berlin. Buchdeckel.
(4) Remarque, E. M. (2009, 7.Aufl.). Der Weg zurück. Köln. „Über das Buch“.
(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Maria_Remarque
(6) https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Friedrich
(7) Friedrich, E. (2004). Krieg dem Kriege. München. Buchdeckel.
(8) https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_dem_Kriege
(9) A.a.O.
(10) Friedrich, E. (2004). Krieg dem Kriege. München, S. 10.
(11) Radojevic, M./Dimic, L. (2014). Serbien im Großen Krieg... Belgrad, S. 9.
(12) A.a.O., S. 94.
(13) Kraus, K. (2014). Die letzten Tage der Menschheit. Salzburg und Wien, S. 75f.
(14) Radojevic, M./Dimic, L. (2014) Serbien im Großen Krieg... Belgrad, S. 143.
(15) A.a.O., S. 144f.
(16) A.a.O.
(17) A.a.O., S. 146f.


Dr. Rudolf Hänsel ist Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe



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