NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 09. Dezember 2019  

zurück  
Druckversion

Literatur
Aus dem Roman "Alle Wünsche werden erfüllt"
Sprayen (und fotografieren) als Gesellschaftskritik
Von Renate Schoof

Blicklos präsentiert eine junge Frau ihre Brüste im knappen BH - ein Werbeplakat, wie es in Renate Schoofs neuem Roman „Alle Wünsche werden erfüllt“ Skye und Bonnie zur Umgestaltung mit der Spraydose animiert. Sie haben Amelie gebeten, mitzumachen. Auf dem Weg zur Kunsthochschule denkt Amelie darüber nach. Ihre Gedanken spannen im folgenden Auszug aus dem Roman einen weiten Bogen. Er reicht von illegalen Aktionen ihrer Großtante und dem Mössinger Generalstreik am 31. Januar 1933 über Formen der Frauenverachtung in Religion und Werbung bis zur Darstellung weiblicher Körper in der Kunst. (1)(2)


Vielleicht nur weil sie über das Mäuerchen steigen muss, um wieder auf den Gehsteig zu gelangen, fällt ihr Blick auf das Plakat: Den ehemals lasziven Blick des Models überdeckt eine elegante Sonnenbrille, und den zuvor nur wenig bekleideten wohlgeformten Körper ziert ein griechisches Gewand. Gelungen, richtig gut gelungen, denkt sie anerkennend. Für solch perfektes Sprayen würde sie lange üben müssen. Mit einem tiefen Atemzug erinnert sie sich daran, gestern Nachmittag im Atelier die Frage, mitmachen oder die Finger davon lassen, im Kopf hin und her gewälzt zu haben.

Beim Zusammenleimen der Rahmen für große Bilder waren ihre Gedanken abgeschweift zu Jakob – natürlich zu Jakob –, aber auch zu der anheimelnden Atmosphäre im Elsa, zu Ortrud. Abends hatte sie sich sogar Elsa Schiaparelli und ihre Mode noch einmal im Internet angeschaut, den Diana-Ausschnitt, den legendären Schleifenpullover, eine mit astrologischen Motiven bestickte Abendjacke ...

„Vorher gefiel mir die Dame besser!“, kommentiert ein älterer Herr, und sie geht rasch weiter, muss sich ohnehin beeilen, um zur Vorlesung in Kunstgeschichte nicht zu spät zu kommen. Der Mann war nicht der Einzige, der seinen Schritt verlangsamte, um das Kunstwerk zu betrachten, es entfaltet also Wirkung. Lohnt das den Aufwand?, überlegt sie. Und möchte sie für solche Aktionen Zeit opfern? Eher nicht. Sie wird die Mädel fragen, warum sie nicht einfach Zettel mit der Aufschrift „frauenfeindlich“ quer über den Papierbusen kleben. Schwarze Schrift auf gelbem Grund, sie sieht das vor sich. Das wäre im Vorbeigehen zu erledigen.

Als sie darüber nachdenkt, welche Strafe ein Erwischtwerden nach sich ziehen würde, fällt ihr ihre kürzlich verstorbene Großtante Fredi ein, die während des Faschismus Zettel auf Plakate geklebt hat. „Das war lebensgefährlich, aber es tat auch gut“, sagte sie und erzählte davon, um für Zivilcourage zu werben. „Hitler will Krieg“ war eine der von ihr auf den Zetteln verbreiteten Kernaussagen gewesen.

Diese Außenseiterin der Familie hatte Amelie immer bewundert. „Um Hitler zu durchschauen, musste man nicht hellsichtig sein“, sagte Tante Fredi oft. „Was der vorhatte, hätte jeder wissen können.“ Gern erwähnte sie den Mössinger Generalstreik. Wohl nur in dem kleinen baden-württembergischen Industrieort waren die Arbeiter am 31. Januar 1933 geschlossen dem Aufruf der Kommunistischen Partei zum Massenstreik gefolgt. „Das deutschlandweit am Tag der Machtergreifung, und der Weltgemeinschaft wäre viel erspart geblieben. Ein kurzer Bürgerkrieg – und fertig.“ Gemeinsam hatten sie geträumt, wie anders Deutschland, Europa und die Welt aussähen, wenn es den Menschen damals gelungen wäre, den Faschismus zu verhindern.

Es tut Amelie gut, sich an Fredi zu erinnern, an das gemütliche kleine Zimmer im siebten Stock einer Hochhaussiedlung. Um ihre innere Unabhängigkeit zu bewahren, war Fredi nie Kompromisse eingegangen, beruflich nicht und privat nicht. Sie hatte keinen ihrer Liebhaber geheiratet und als Sozialpädagogin Nachteile in Kauf genommen, um sich nicht verbiegen zu müssen.

„Wie leicht es heute ist, zu protestieren“, hatte Fredi gesagt, wenn sie Amelie auf Demonstrationen gegen Landminen, gegen Atomkraft, für Frieden und Gerechtigkeit begleitete. Bis ins hohe Alter liebte die Tante die Gespräche und die Stimmung bei solch basisdemokratischen Veranstaltungen. Menschenrechtsthemen schlossen Frauenrechte für sie ein. Gegen Sexismus hatten sie nie öffentlich demonstriert, obwohl auch Fredi empfindlich auf Frauenfeindlichkeit und Geringschätzung reagierte. Über die Olcays und Tufans und deren Väter, die Amelie in der Schule oft an den Rand ihrer Geduld brachten, hatte sie in Ruhe mit der alten Frau reden können, ganz ehrlich, ohne politische Korrektheit. Und meist hatten sie dabei für alle Beteiligten befriedigende Lösungen gefunden.

Amelie muss sich ein Lachen verbeißen, wenn sie an ihre damals mit den „Früchten des Tages“ gefüllte Mailbox denkt. Weil Fredi sich den ganzen Tag und die halbe Nacht im Internet fortbildete, ließ sie ihre Freundinnen und Freunde mit einem gewissen missionarischen Eifer daran teilhaben.

So war Amelie auf die „Heroes“ aufmerksam geworden. Eine Gruppe echter Helden, die Übungsseminare für Jugendliche und auch für Lehrer anbot. Junge Männer aus islamischen Familien, die sich vom alten Rollenbild emanzipieren konnten, halfen anderen auf diesem Weg, warben für einen anderen, tieferen Begriff der Ehre – nicht nur im Islam.

Ihre Freundin Janet, die ältere Schüler an einer Brennpunktschule unterrichtet, lud den Initiator der Gruppe, einen Psychologen mit palästinensischen Wurzeln, in ihre Schule ein. Später berichtete sie begeistert von Rollenspielen zum Thema Ehre und davon, dass sich in den Köpfen tatsächlich etwas bewegte. Beim Rollentausch erwarben die Jungs Distanz zu der Selbstverständlichkeit, ihre Schwestern zu bevormunden und zu kontrollieren. Nach und nach begriffen sie, dass nicht der Koran, sondern die Tradition – also Brauch und Sitte – dazu führten, Mädchen und Frauen weniger Rechte zuzubilligen als Jungen und Männern. Amelie muss tief durchatmen, vermisst auf einmal die Abende mit Janet, an denen die Freundin ihr aus ihrem turbulenten Schulalltag berichtete.

Und wie wirkt es auf von Kultur und Glauben patriarchal geprägte junge Männer, wenn auf Reklamewänden halb nackte Frauen herumliegen? fragt sie sich gereizt. Denn wie um sie zu ärgern, steht kurz vor der Hochschule noch so ein Plakat, gleiche Firma, gleicher Stil, der laszive Blick ohne Übermalung. Bis gestern hat sie gleichgültig an dem mit edlen Dessous appetitlich angerichteten Körper der kultivierten Schönen vorbeigeschaut. Nun regt sie sich darüber auf.

Haben Rüya, Skye und Bonnie mich sensibilisiert für diese Art Frauenverachtung?, überlegt sie. Oder etwa angesteckt mit feministischer Strenge? Sind die drei vielleicht einfach prüde? Wendungen wie „ästhetisch reizvoll“, „werbetechnisch perfekt“ und „zielgruppengerecht“ wandern ihr durch den Kopf. Frauen werden genauso unwiderstehlich aussehen wollen, werden sich Pfunde abhungern und für solch einen Hauch von Luxus Vermögen ausgeben. Hat sie leicht lachen, weil sie keine Probleme mit sich und ihrer Figur hat, weil sie sich auch nackt oder in baumwollener Unterwäsche, jedenfalls ohne teuren Schnickschnack verführerisch fühlen kann, wenn sie es denn möchte.

Während sie die Treppe zum Hörsaal hinaufläuft, fällt ihr ein, wie wenig sich derartige Werbefotos von Gemälden aus allen Jahrhunderten unterscheiden. Ging es Malern – so wie heute Fotografen – nicht oft darum, nackte oder leicht bekleidete Frauen verführerisch in Szene zu setzen? Mit passender Umgebung versehen, hießen die Bilder Salome, Venus, Eva, Maria-Magdalena oder sonst wie. Was soll also die Aufregung?

Eine halbe Stunde später verlässt Amelie das altehrwürdige Gebäude schon wieder. Sie hat sich einfach nicht auf den für ihren Geschmack zu nüchternen, verwissenschaftlichten Vortrag konzentrieren können. Ein in jeder Beziehung blasser Assistent vertrat die Professorin, eine Koryphäe in ihrem Fach, der es zweifellos besser gelungen wäre, sie und die anderen zu fesseln.

Der Wind hat blaue Lücken in den Wolkenvorhang geweht, und sie ist froh, aus der langweiligen Vorlesung geflohen zu sein, hat genügend Seminarpapiere und Bücher, um sich auf die anstehende Semesterklausur vorzubereiten. Gern würde sie das Anliegen der Mädel vergessen und weitermachen, als sei nichts geschehen.

Jetzt ein Tee bei Fredi, denkt sie. Dort würde sich das Schneegestöber in ihrem Kopf ordnen. Amelie sieht sie vor sich, in einem der hübschen Kleider, die sie in dem Secondhandladen kaufte, in dem sie trotz ihres Alters aushilfsweise arbeitete. Es tut ihr gut, sich in die Gesellschaft von Fredi hineinzuträumen. Auch die Freude darauf, sich gleich in ein wissenschaftliches Buch vertiefen zu können, gibt ihr den Freiraum, noch ein bisschen über das Für und Wider von Sprühaktionen gegen Werbung, die ein bestimmtes Frauenbild bedient, nachzudenken.

Ihr fällt eine Gruppe von Studentinnen und Studenten ein, die sich in einem Atelier „Werkstatt Politische Kunst“ treffen. Am Schwarzen Brett der Hochschule laden sie dazu ein. Bisher hatte sie das nur wahrgenommen, es hat sie nie genug interessiert, um in ihrem überfüllten Stundenplan eine Lücke dafür zu finden. Vielleicht kann sie mit Professor Parpado über die Aktionen von Skye und Bonnie sprechen, überlegt sie. Sicher kann er beurteilen, ob ein solches Thema in die Werkstatt passt. Von einem Kommilitonen weiß sie, dass der Professor dort früher aktiv war. Dieser Oliver erzählt manchmal von der Werkstatt; die Arbeit dort scheint anerkannter Teil des Studiums zu sein.

Sprayen als Gesellschaftskritik. Über die Vorstellung, Studentinnen und Studenten könnten mit – an sich ja wohl illegalem – Sprayen Punkte für das Studium sammeln, muss sie lachen. Auf jeden Fall sollte es möglich sein, Sprayaktionen fotografisch zu dokumentieren, Plakate vor und nach der Bearbeitung zu zeigen, Passanten und die Werbewirtschaft zu befragen und vieles mehr. Damit wäre den Mädeln geholfen – und sie kann ihre Kreativität weiterhin auf das Malen großformatiger Bilder richten.

Inzwischen hat sie das Plakat mit der Sonnenbebrillten im Diana-Gewand erreicht. Auf dem Parkplatz ist vormitttägliche Ruhe eingekehrt. Und sie nimmt sich nun doch die Zeit, das Kunstwerk genauer zu betrachten. Offensichtlich hat die Sprayerin mehrere Farben eingesetzt. Hellgrau, Cremeweiß und Braun dominieren. Mit etwas Übung ist so etwas wohl in wenigen Minuten zu schaffen. Gute Arbeit, das muss sie zugeben. Vor allem das Verfremden der Augenpartie mit der Sonnenbrille zeugt von Übung. Womöglich betätigen sich Bonnie und Skye in dem kleinen Theater, von dem sie erzählt haben, als Kulissenmalerinnen.

Bevor Amelie weitergeht, holt sie ihre Kamera aus der Tasche und fotografiert das Gemälde aus verschiedenen Perspektiven. Dabei erinnert sie sich an eine Zeit, als sie gegenständlich gemalt hat. Ein paar Jahre ist das her. Damals malte sie in der Freizeit Fotos ab, beschäftigte sich in einer Serie mit der möglichst typischen Darstellung verschiedener Freundinnen, in einer anderen mit jungen Vätern und ihren kleinen Kindern. Sie riecht förmlich die Eitempera, mit der sie Farbpigmente auftrug, spürt die Geborgenheit des Schaffensprozesses.

Als Amelie sich dann doch zu einer nächtlichen Sprühaktion entschließt, lernt sie ganz neue –  auch gefährliche Seiten – von B. kennen.


Renate Schoof: Alle Wünsche werden erfüllt



Klappenbroschur, 275 Seiten, 16,90 Euro
Zeitgeist Verlag, Höhr-Grenzhausen 2018

Mitten im Leben neu beginnen. Raus aus dem überfordernden Alltag und der zu eng gewordenen Partnerschaft. Endlich Luft zum Atmen und Träumen, endlich Platz für Wünsche. Amelie lebt nun in einer Stadt für Anfänge und überraschende Begegnungen. Sie genießt es, unterwegs zu sein, zu malen – und sich zu verlieben. Der Verdacht, an Krebs erkrankt zu sein, verändert alles: Amelie gerät in einen Irrgarten aus Angst und Hoffnung. Doch da ist auch das Bedürfnis, dem inneren Kompass zu folgen. Ein Roman über die Kunst, die Liebe und die Krankheit.


Renate Schoof lebt als freie Schriftstellerin in Göttingen. Nach einer Ausbildung im Buchhandel arbeitete sie als Dokumentarin bei der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg; anschließend studierte sie Pädagogik und Germanistik und war neun Jahre als Lehrerin tätig. Von ihr erschienen bisher mehr als zwanzig Bücher, u. a. die Romane „Blauer Oktober“ und „Alle Wünsche werden erfüllt“, der Erzählungsband „In ganz naher Ferne“, das Sachbuch „Geheimnisse des Christentums – Vom verborgenen Wissen alter Bilder“ sowie die Kinder- und Jugendromane „W + M = Liebe?“ und „Wiedersehen in Berlin“. Weitere Informationen: www.renateschoof.de



Fußnoten:

1 Besprechung des Romans "Alle Wünsche werden erfüllt" von Renate Schoof
Von Beate Grazianski
NRhZ 651 vom 21.03.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24694

2 Weiterer Auszug aus dem Roman "Alle Wünsche werden erfüllt"
Geisterbahn Schule
NRhZ 672 vom 05.09.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=25173

Online-Flyer Nr. 674  vom 19.09.2018

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE


#Neustartklima – Für Klima oder Kapital?
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann