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Aktueller Online-Flyer vom 22. Juli 2019  

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Kultur und Wissen
Anlässlich des Erscheinens der Studie "Antisemitismus 2.0"
Wie das politische Weltbild der Antisemitismusforscherin Schwarz-Friesel deren Forschungsergebnisse prägt
Von Franz Piwonka

Am 18. Juli 2018 hat die Antisemitismusforscherin Prof. Monika Schwarz–Friesel zusammen mit ihrem Team ihre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstütze Studie „Antisemitismus 2.0“ vorgestellt, in der sie Zehntausende von Texten aus den sozialen Netzwerken im Internet untersuchte, die sich zum Judentum oder Israel geäußert haben, um das quantitative Ausmaß an antisemitischen Einstellungen zu erfassen. Aufgrund dieser Pressekonferenz wurde diese Studie in den großen Tageszeitungen wiedergegeben. Das ist Veranlassung für die kritische Beschäftigung mit ihrer Forschungspraxis. Dabei wurde jede als antisemitisch bewertete Aussage einer von drei Kategorien zugeordnet: „klassischer Antisemitismus“, „Post-Holocaust-Antisemitismus“ sowie „israelbezogener Antisemitismus“. Während der klassische Antisemitismus mit 46,61 Prozent vertreten war, der Post-Holocaust-Antisemitismus mit 25,75 Prozent, waren es beim israelbezogenen Antisemitismus 27,64 Prozent. Letztere Kategorie ist von besonderem Interesse, da sich hier die Fähigkeit zur Unterscheidung zu bewähren hat.

„Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“

2013 erschien ihr zusammen mit dem amerikanischen Historiker Jehuda Reinharz verfasstes Werk „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“. Empirische Basis dieser Untersuchung war eine umfangreiche Korpusanalyse mit vorwiegend qualitativer Ausrichtung. Der Studie lag eine Analyse von über 14.000 E-Mails und Briefen an den Zentralrat der Juden aus den Jahren 2002 bis 2009 sowie an die israelische Botschaft in Deutschland aus dem Zeitraum 2002 bis 2012 mit dem Ziel zugrunde, „Einblick in die Einstellungen, Gedanken und Gefühle der Schreiber (zu) geben und damit die modernen Formen der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert transparent (zu) machen“ (S.3). Ich werde aber auf das 7. Kapitel fokussieren: „Anti-Israelismus als moderne Formvariante des Verbal-Antisemitismus: Die moderne Konzeptualisierung des kollektiven Juden“.

Die Studie bedient sich textwissenschaftlicher Analysen, die den Vorzug größerer Aussagekraft haben, weil über Sprache kognitive und emotionale Inhalte transportiert werden. Ich konzentriere mich dabei auf das Thema „antiisraelischer Antisemitismus“, weil es hier um die Abgrenzung von Israelkritik und Antisemitismus geht. Ich möchte den Nachweis führen, dass Schwarz-Friesel zu dieser Unterscheidung nicht in der Lage ist, da sie ein dezidiert pro-israelisches Weltbild besitzt, das sie, im Gegensatz zu wissenschaftlichen Ansprüchen, weitgehend als Maßstab ihrer Einordnung als israelkritisch oder antisemitisch zugrundelegt. (Trotz des Mitautors werde ich der besseren Handhabung wegen nur sie erwähnen, vor allem, weil, wie aus vielen ihrer Artikel zum selben Thema hervorgeht, sie sicherlich der dominantere Part ist.) Sie hat dabei keinerlei Bedenken, ihre politische Weltsicht explizit als einzig gültigen Maßstab der Beurteilung zugrundezulegen, um daraus abzuleiten, dass so gut wie alle von ihr analysierten Texte antisemitische Inhalte transportieren und sie sich somit im Kreise dreht. In Ihren eigenen Worten lebt sie von Trugschlüssen, da sie aus falschen Prämissen falsche Schlüsse zieht (S. 283-288). Das hat zur Folge, dass ich des Öfteren die von ihr analysierten Texte sowie ihre eigenen Interpretationen zitieren muss, um diesen Nachweis führen zu können.

Generös konzediert Schwarz-Friesel, dass selbstverständlich auch eine unter Umständen scharfe Kritik an der israelischen Politik kein Antisemitismus sein muss (ohne dass sie freilich auch nur ein einziges Beispiel dafür anführt), sondern legitimer Ausdruck von politischer Auseinandersetzung sein könne. Sie fügt aber sogleich hinzu, dass die Vorhaltung des vorschnellen oder falschen Antisemitismusvorwurfs immer „nur“ dann erhoben werde, wenn es sich tatsächlich um antisemitische Stereotype handele. Sie schreibt: „Dieser Vorwurf wird immer nur dann erhoben, wenn es sich um antiisraelische Äußerungen handelt, die antisemitische Stereotype vermitteln…“. Der Vorwurf des falschen Gebrauchs ist für sie daher Indikator einer antisemitischen Einstellung. Wer sich somit diesem Vorwurf entziehen möchte, darf an dieser Studie nicht mangelndes Unterscheidungsvermögen kritisieren.

Sie beharrt darauf, dass es „präzise“ kognitions- und sprachwissenschaftliche Kriterien zur Unterscheidung von Israel-Kritik und Anti-Israelismus gibt: „Die Negierung in Bezug auf eine solche Abgrenzungsmöglichkeit zeigen nur das Bedürfnis von Antisemiten, sich die öffentlich artikulierten Formen der Judeophobie nicht nehmen lassen zu wollen“ (S.198). Auch hier findet sich wieder die zu unzulässigen Generalisierungen führende Ausschließungskategorie „nur“. Ebenso interpretiert sie die Kritik, dass Kritik an Israel verpönt sei, als tradiertes „judeophobes Klischee“, da es dieses Kritiktabu gar nicht gebe. (hier aber liegt ein Missverständnis vor, denn natürlich kann jeder ungehindert Kritik an Israel bzw. dessen Politik üben, der Vorwurf des Kritiktabus bezieht sich jedoch auf die Delegitimierung dieser Kritik als antisemitisch, ein vor dem Hintergrund des Holocaust schwerwiegender Vorwurf, der durchaus eine Form der Sanktionierung darstellt und bei Einnahme bestimmter gesellschaftlicher oder politischer Positionen sogar bis zur Existenzbedrohung führen kann).

Weltbild perfekt gegen jede Kritik immunisiert

Damit bestätigt sie zum Einen selbst den fragwürdigen und vorschnellen Gebrauch des Vorwurfs, zum Anderen hat sie auf diese Weise ihr Weltbild perfekt gegen jede Kritik immunisiert. Der Antisemitismusvorwurf würde somit sogar auf Antisemitismusforscher selbst zutreffen, die ihr eine undifferenzierte Analyse vorwerfen, eine sicherlich interessante Variante der Selbstimmunisierung. Desweiteren zeigt sich an dieser Immunisierung ihre Unfähigkeit zur Ambiguitätstoleranz, da sie ihrem Forschungsgegenstand unterstellt, dass die Objekte ihrer Analyse immer eindeutig beurteilbar seien (S.197f). Damit verstößt sie aber gegen ein elementares Prinzip der Wissenschaftlichkeit: das Prinzip der gegenseitigen Kritik als Ausdruck der intersubjektiven Nachprüfbarkeit zur Sicherstellung der Seriösität wissenschaftlicher Produktion.

Um den Vorwurf mangelnder Unterscheidung zurückzuweisen, zieht sie das Schreiben zweier Verfasser heran. Einer der Verfasser beklagt den Einsatz von Streubomben: "Wir sind erstaunt und befremdet darüber, dass Israel den dort arbeitenden Minenräumern die Abwurfkoordinaten nicht zur Verfügung stellt. Wir bitten Sie herzlich, Exzellenz, Ihren Einfluss für die Herausgabe der Daten bei Ihrer Regierung einzusetzen". (S.200) Die zweite Verfasserin schreibt: "Es ist ganz schwer für die Menschen hier in Deutschland, die Situation im Nahen Osten richtig einzuschätzen, zumal die Berichterstattung einseitig ist und Dinge falsch darstellt, weil sie aus dem Kontext gerissen sind. Bitte gestatten Sie mir trotzdem die Äußerung einiger Gedanken zu obigen Konflikten….Trotzdem komme ich mit der Politik Israels nicht zurecht. Und ich bitte Sie von Herzen, auf Ihre Regierung einzuwirken, dass sie andere Wege als den Krieg sucht und die Friedensgespräche fortsetzt bzw. intensiviert." (S.201)

Obwohl Schwarz-Friesel auch diese Darstellung als „monoperspektivisch“ kritisiert, kann sie angesichts so wohlwollender, untertäniger und wohlfeiler Formulierungen und eingedenk der Tatsache, dass die Verfasserin „ihren limitierten Kenntnisstand aufgrund fehlender Selbsterfahrungen“ (S.202) zum Ausdruck bringt, gar nicht umhin, als auf den Vorwurf des Antisemitismus zu verzichten.

Nach diesen Beispielen widmet sie sich nun dem „Antiisraelismus“. Bei diesem handele es sich um eine pauschale Negativbewertung. Er zeichne sich durch ein geschlossenes Orientierungs- und Kategorisierungsmuster aus, das keinen Raum für alternative Sichtweisen lässt. Die eigene Perspektive wird verabsolutiert, so dass ein „kognitives bzw. kommunikatives Miteinander bzw. ein Meinungsaustausch …kategorisch ausgeschlossen wird“ (S.208). Wir sehen bereits jetzt, dass genau dieser Vorwurf auf sie selbst zutrifft, denn der „kategorische Ausschluss“ erfolgt via „klare Abgrenzung“ (S.203) und „textwissenschaftliche Klassifikationsindikatoren“ (S.3). Eine tendenziöse, vorurteilsbehaftete und generalisierende Sichtweise liegt aber ebenso im Falle eines obsessiven, pro-israelischen Weltbildes vor, was ich im weiteren Verlauf zeigen werde. Hier teilt sich bereits eine projektive Sichtweise mit, d.h. es werden anderen Eigenschaften zugeschrieben bzw. unterstellt, die auf einen selbst zutreffen, um sie somit nicht an sich selbst wahrnehmen zu müssen.

Wissenschaftlicher Duktus soll unangreifbar machen

Sie benennt einige Indikatoren für Antiisraelismus: kollektive Schuldzuweisung, pauschale Negativattributierungen, hyperbolische Übertreibungen, Monoperspektivierungen sowie unverhältnismäßige Analogien. Gewiss handelt es sich hier um zuverlässige Indikatoren, doch ich werde darlegen, dass sie auch israelkritische Aussagen unter diese Indikatoren subsumiert. Menschen mit antiisraelischer Einstellung würden einer „Realitätsstörung“ (S.209) unterliegen, die sie als „De-Realisierung“ bezeichnet, die sich durch eine verzerrte, eingeengte oder komplett falsche Sichtweise auf einen außersprachlichen Sachverhalt auszeichne (Fußnote 24). Allein der Begriff „Realitätsstörung“ dramatisiert ein ganz unspezifisches Phänomen zu einem quasipathologischen Sachverhalt, da kein Mensch vor Vereinseitigungen gefeit ist. Es soll gezeigt werden, dass sie zusammen mit dem wissenschaftlichen Duktus „De-Realisierung“ nicht selten politische Botschaften transportiert, die sich durch eben diesen wissenschaftlich Duktus unangreifbar machen wollen.

Um diese De-Realisierungsphänomene aufzeigen zu können, greift sie zu einer Paraphrasierung: „Mit Abscheu und Entsetzen haben wir aus der Presse erfahren, dass die bundesdeutsche GSG9 wieder einmal in SS-Manier mit unverhältnismäßiger Gewalt gegen anständige junge Menschen aufrechter Gesinnung vorgegangen ist, die lediglich einen verzweifelten Freiheitskampf gegen den Staatsterror Deutschlands führen… Deutschland sollte schnellstmöglich aufgelöst und unter UN-Aufsicht gestellt werden“ (S.211). Diese geradezu realsatirische anmutende Paraphrasierung sagt aber mehr über Schwarz-Friesel selbst als über ihre Kontrahenten aus, denn die Richtigkeit dieser Paraphrasierung unterstellt etwas Wesentliches: zwischen deutschen und Nahostverhältnissen gibt es keinen Unterschied. Die Menschen in der Westbank leben unter denselben rechtsstaatlichen Verhältnissen, wie sie in Deutschland existieren. Nicht nur das, die Gleichsetzung unterstellt zudem notwendigerweise, dass es gar keinen Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern gibt. Gemäß dieser geradezu radikalen Ausblendung spezifischer politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse sind für sie Adjektiva wie „grundlos“, „vorsätzlich“ und „völlig unverhältnismäßig“ nichts anderes als ein „semantisches Prinzip“ bei der „verbalen De-Realisierung Israels“(S.213). Hier zeigt sich in der Tat unverhohlen das tatsächliche Ausmaß einer verbohrten De-Realisierung dieser Wissenschaftlerin. Man stelle sich nur einmal vor, in Deutschland würden Kinder in Gefängnisse gesteckt und dort misshandelt, wie es in Israel der Fall ist (siehe die späteren Belege). In kürzester Zeit würde ein bundesweiter Skandal ausbrechen. Da dies aber in Israel geschieht, wird es in den westlichen Ländern schlicht ignoriert.

Um diese absurde Gleichsetzung zu rechtfertigen, führt sie an, dass in den Universitätsseminaren Jena und Berlin de-realisierte Texte zu Deutschland, Frankreich, Australien und Israel in Leseexperimenten vorgelegt wurden. Um die Leser doppelter Standards zu überführen, erwähnt sie das Ergebnis: Während über 95 Prozent der Probanden sofort und ohne zu zögern die Texte zu den drei erstgenannten Ländern als „falsch“, „grotesk“, „irre“ oder „verrückt“ charakterisierten, sahen über 60 Prozent nichts Auffälliges an den anti-israelischen Texten (Fußnote 27). Offenbar sind die Probanden im Gegensatz zu Schwarz-Friesel zu einer differenzierteren Betrachtungsweise in der Lage. Es ist ein in der Tat groteskes, anschauliches Beispiel dafür, wie sich ihr politisches Weltbild in wissenschaftliche Gewänder kleidet, um sich unangreifbar zu machen.

Schwarz-Friesel zitiert einen Verfasser: "Mir ist völlig klar, dass durch eine solche Gewaltpolitik Israels der Hass in den arabischen Staaten immer mehr zunehmen wird und Israel niemals mehr zur Ruhe kommen wird. Aber das hat Israel - und nur Israel - zu vertreten und zu verantworten." Sie konstatiert hier ein „einseitiges Aggressorbild“, das sich durch Verfälschung von Fakten durch Umkehrung, Auslassung oder Relativierung auszeichne (S.212). Gewiss liegt hier eine Vereinseitigung eines komplexeren Problems vor, doch kann man darüber durchaus geteilter Meinung sein. In dieser Sicht ist es durchaus vertretbar, in Israel einen dominanten Aggressor zu sehen, da er ein anderes Volk mit einer gewaltigen Militärmaschine unter vollständiger Kontrolle hält und es jeder Bewegungsfreiheit beraubt. Die Interpretation durch Schwarz-Friesel nimmt jedoch in anmaßender Weise eine einzig gültige Sicht auf den Nahost-Konflikt in Anspruch.

Sichtweise der israelischen Propaganda

Die durch und durch subjektivitätsgefärbte Sicht auf diesen Konflikt geht auch aus der Interpretation folgender Aussage hervor: "Ihr drangsaliert die armen P. völlig grundlos und sperrt sie hinter Mauern." Sie kommentiert: „Dass es sich um Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der israelischen Zivilbevölkerung handelt (die nach zahlreichen terroristischen Attacken eingeführt wurden), bleibt unerwähnt. Ausgeblendet wird auch stets, dass Raketenangriffe des israelischen Militärs auf Ziele der Hamas Antworten bzw. Gegenschläge auf zuvor erfolgte Raketenbeschüsse israelischer Gebiete sind“ (S.213). Damit verläßt sie nun den Boden der Wissenschaftlichkeit und breitet vielmehr ungehemmt ihre spezielle Sicht auf den Konflikt nicht nur aus, sondern verabsolutiert diese qua Wissenschaftlerin zum einzig gültigen und zulässigen Blick. Sie gibt im Wesentlichen die Sichtweise der israelischen Propaganda wieder, kombiniert mit einer Täter-Opfer-Umkehr.

Es stellt sich hier die Frage, ob Schwarz-Friesel noch nie etwas von "Breaking the Silence" oder von den zahlreichen israelischen Menschenrechtsorganisationen gehört hat, oder ob sie gar nicht in der Lage ist, die von diesen Organisationen ausgebreiteten Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Die Gründerin der israelischen Menschenrechtsorganisation Machsom Watch, Roni Hammermann schreibt: „Als Juedin habe ich ein historisches Gedaechtnis. Die Lehren aus dem Holocaust sind nicht nur eine Verpflichtung den Opfern des Nazismus gegenueber, es ist eine Verpflichtung zu einer Reihe von universalen ethischen Werten, in deren Namen wir den Antisemitismus ablehnen. Und einer dieser Werte ist die Verpflichtung nicht zu schweigen, wenn wir in unserem Umfeld Unrecht sichten. Angesichts von Unterdrueckung und Entrechtung darf ein moralischer Mensch nicht die Augen schliessen und schweigen. Und da ich 20 Minuten entfernt von dem Ort lebe, an dem taeglich und stuendlich Verletzungen von Menschenrechten stattfinden, darf ich nicht schweigen". (Auszug aus einem Vortrag, den sie mir zuschickte). Die Mitarbeiter dieser Organisation stehen täglich an den Checkpoints, um das Schlimmste zu verhindern.

In der Einleitung zu dem Buch "Breaking the Silence. Israelische Soldaten berichten von Ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten" steht: „Wie die Aussagen in diesem Teil belegen, zielt ein bedeutender Anteil der offensiven Maßnahmen nicht darauf ab, eine bestimmte terroristische Handlung zu verhindern; vielmehr soll die palästinensische Bevölkerung bestraft, abgeschreckt oder die Herrschaft über sie intensiviert werden“ (S. 29). Schwarz-Friesel schreckt somit nicht vor platten Apologien der israelischen Regierung ab. In ihrem Weltbild sind die Israelis immer Opfer terroristischer Attacken von Hamas oder Palästinensern.

Auch bei gebildeten Schreibern sei eine „starke Monoperspektive“ zu verzeichnen, so wenn Israel vorgeworfen werde, mit „Staatsterror“ gegen die Palästinenser vorzugehen. In der Tat gibt es sogar Antisemitismusforscher, die von „israelischem Staatsterrorismus“ (https://jungle.world/artikel/2002/46/schuld-und-erinnerung) sprechen, so z.B. von Klaus Holz. In dem erwähnten Buch "Breaking the Silence" wird dargelegt, dass die durch und durch schikanösen bis grausamen Vorgehensweisen der Soldaten, die nicht einmal vor gezielten Tötungen Halt machen, nicht etwa Ausdruck individuellen Fehlverhaltens sind, sondern vielmehr die konsequente Umsetzung militärpolitischer Richtlinien und Grundsätze, die dort ausführlich beschrieben werden.

Desweiteren wird den Verfassern vorgeworfen, dass sie nach dem Pars-pro-toto-Prinzip den gesamten Staat Israel über die Wahrnehmung der militärischen Aktivitäten identifizieren würden. Auch hier wird das eigene Weltbild zum einzig gültigen und damit nichtantisemitischen Wahrnehmungsschema erklärt. Die israelisch-deutsche Historikerin Tamar Amar-Dahl hat in Ihrer Forschung dargelegt, dass in Israel Staat und Militär als ausschließliche Autorität für den Konflikt und mithin für die Sicherheit etabliert sind und daher kein Gegenstand der öffentlichen Debatte ist. Der Konflikt wurde daher zu einer Angelegenheit von Sicherheitsexperten mit der Konsequenz der Entpolitisierung des gesamten Konflikts.

Israel: der militarisierteste Staat der Welt

Die Entpolitisierung des mit dem Konflikt verbundenen Fragenkomplexes hatte bereits der erste Premier Israels David Ben Gurion in den 1950er Jahren durchgesetzt. Über die Jahrzehnte hinweg verfestigte sich diese Denkstruktur: die Sicherheitspolitik wird grundsätzlich als ausschließlich militärische Angelegenheit gesehen. Das Militär bestimmte die Grenzen des Staatsgebiets (die Eroberungskriege von 1948, 1956 und 1967) und es ist auch für deren Erhalt und die Besiedlung zuständig. Viele israelische Institutionen werden als „Zivilverwaltungen“ bezeichnet, obwohl sie in Wahrheit Militärverwaltungen sind. (Tamar Amar Dahl: Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts, 2012). Laut dem jährlich vom Bonner International Center für Conversion (BICC) veröffentlichten Global Militarization Index ist Israel der militarisierteste Staat der Welt: (Jeff Halper: Hier wird mehr exportiert als nur Waffen, in: Annette Groth/Norman Paech/Richard Falk (Hg): Palästina – Vertreibung, Krieg und Besatzung- Wie der Konflikt die Demokratie untergräbt, 2017, S.69).

Auch an der Apartheidfrage kann exemplarisch die Verabsolutierung des eigenen Weltbildes aufgezeigt werden, das sich beständig in wissenschaftlich rationalisierte Sprache kleidet: „Dass allein die Verwendung eines einzelnen Lexems eine spezifische, de-realisierende Konzeptualisierung konstituieren kann, zeigt das Kompositum Apartheidstaat“. (S.216). Und nun erneut das politische Glaubensbekenntnis von Schwarz-Friesel: „ Wäre Israel de facto ein solcher Staat, so wäre scharfe internationale Kritik nicht nur angemessen, sondern notwendig. Doch Israel ist so wenig Apartheidstaat wie die Bundesrepublik Deutschland (auch hier findet sich wieder die Gleichsetzung nahöstlicher und bundesrepublikanischer Verhältnisse, F.P.). Die nichtjüdischen Bürger, gleich ob es arabische Christen, Drusen, oder Muslime sind, haben exakt die gleichen Rechte , Bildungs-, Entwicklungs- und Aufstiegschancen wie die jüdischen Staatsbürger. Entsprechend sind arabische Israelis in allen Bereichen der Gesellschaft vertreten, als Geschäftsleute, Ärzte, Polizisten, Soldaten, Rechtsanwälte, Abgeordnete.“ (S.217). Hier ahnt sie aber nun den Vorwurf des Mißbrauchs von Wissenschaft zu eigenen politischen Zwecken und will diesem Vorwurf daher vorbeugen: „Dies ist kein Buch über Israel oder über den Nahostkonflikt, aber um die Diskrepanz zwischen der realen Welt und den de-realisierenden Äußerungen klarmachen zu können, um das manipulative und antisemitische Potential antiisraelischer Äußerungen transparent zu machen, müssen wir teilweise kurz auf außersprachliche Sachverhalte eingehen“ (Fn.29). Die Instrumentalisierung der Wissenschaft für die Durchsetzung ihres eigenen politischen Weltbildes manifestiert sich hier darin, dass Schwarz-Friesel absurderweise erneut politische Argumente in Anspruch nimmt, um dessen Gegenteil, nämlich die durchgängige Wissenschaftlichkeit ihrer Studie zu dekretieren. Das gleicht ganz einem Münchhauseneffekt, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Als Leser gewinnt man zunehmend den Eindruck, als handele es sich hier mehr um eine politische Auseinandersetzung, denn um eine wissenschaftlich seriöse Studie.

Der Vorwurf von Apartheidstrukturen ist aber keineswegs aus der Luft gegriffen, einige, beileibe nicht alle Belege finden sich in dem Buch von Arn Strohmeyer: „Ist Antizionismus gleich Antisemitismus?“ (2016, S. 129-134. Ausführlicher dazu: Jonathan Cook: Warum Israel ein Apartheidstaat ist: https://senderfreiespalaestina.de/pdfs/jonathan). Will etwa Schwarz-Friesel im Ernst den israelischen Schriftsteller, Friedensaktivisten und Friedenspreisträger David Grossmann „antiisraelischer Stereotypen“ beschuldigen, da er gesagt hat: „Aber wenn Israel ein anderes Volk erobert und seit 51 Jahren unterdrückt hält, ein Apartheidregime in den besetzten Gebieten schafft, dann ist es viel weniger geworden als ein Zuhause (http://www.faz.net/social-media/instagram/zu-hause-sein-david-grossmans-rede-vor-israelis-und-palaestinensern-15548708-p2.html). Wie egomanisch muss ihr Weltbild wohl strukturiert sein, wenn sie dies tatsächlich tun sollte?

Das eben erst verabschiedete Nationalstaatsgesetz ist expliziter Ausdruck von Apartheid, es steht nur stellvertretend für die diskriminierende Praxis israelischer Politik gegenüber den Palästinensern. Dass Israel im Westjordanland ein Apartheid-Regime errichtet hat, daran kann kein Zweifel bestehen. Und erneut wird Israel zum Opfer stilisiert, das sich lediglich reaktiv verhält: „Mit Apartheid meinen viele auch die aus Sicherheitsgründen (nach exzessiven terroristischen Attentaten innerhalb der Staatsgrenzen Israels) vollzogene Abgrenzung und Kontrollpolitik (man beachte die zynisch verharmlosende Formulierung F.P.) in Bezug auf die Palästinenser (die nicht Bürger Israels sind).“ (S.217).

Dazu: UN-ESCWA, Verfasser*in Richard Falk und Virginia Tilley, "Israelische Praktiken gegenüber dem palästinensischen Volk und die Frage der Apartheid", Zusammenfassung, in "Palästina – Vertreibung, Krieg und Besatzung - Wie der Konflikt die Demokratie untergräbt", 2017. Es handelt sich hier um das Vorwort zu einem Bericht der Wirtschafts- und Sozialkommission für Westasien. Kurz nach der Veröffentlichung wies UN-Generalsekretär Antonio Guterres den Bericht zurück und ließ ihn von allen UN-Websites entfernen. Die ESCWA-Exekutivsekretärin Rima Khalaf trat aus Protest dagegen von allen Ämtern zurück. Sie bestand darauf, zum Inhalt des Berichts zu stehen.

Gezielte Tötungen gehören zum üblichen Inventar soldatischen Handelns

Aus der folgenden Aussage geht hervor, dass sie die Systematik der Vergehen leugnet und diese lediglich dem Fehlverhalten einzelner Soldaten zuschreibt: „Dabei werden vorkommende Fälle von Schikanen zum Anlass genommen, ganz Israel anzuklagen.“ Auch hier ignoriert sie die Zeugenaussagen von Soldaten, die sich "Breaking the Silence" angeschlossen haben, sowie die Tatsache, dass es offizielle militärpolitische Grundsätze gibt, die in der erwähnten Einleitung näher beschrieben werden. Entgegen zahlloser Belege von Menschenrechts- und UN-Organisationen behauptet sie, dass grausames Verhalten von Soldaten von der israelischen Militärführung geahndet würden. So betrug 2010 der Anteil der polizeilichen Ermittlungen in Fällen von gewalttätigen Angriffen z.B. durch Siedler, die ohne Anklagen abgeschlossen wurden, 90 Prozent (Saree Makdisi: Palästina. Innenansichten einer Belagerung, 2. Auflage, 2012, S.351). Zeugenberichte beschreiben eine Politik, die Palästinenser für ihren Widerstand „bezahlen“ zu lassen. Missionen, deren Ziel, um einen der Kommandeure zu zitieren, darin bestehen, „Leichen zu liefern“ (Breaking the Silence, S.100-104). Immer wieder berichten Soldaten vom Befehl zu grausamen Handlungen, deren Sinn sie gar nicht nachvollziehen konnten (Breaking the Silence, S.31-34). Auch gezielte Tötungen gehören zum üblichen Inventar soldatischen Handelns.

Für die Behauptung, dass schikanöses bis grausames Verhalten eine institutionalisierte Struktur aufweist, gibt es unzählige Belege. Die erwähnte Aussage von Roni Hammermann lässt daran keinen Zweifel. Einen eindrücklichen und traurigen Beleg liefert auch das Buch von Ayelet Waldmann/Michael Chabon (Hg): "Oliven und Asche. Schriftstellerinnen und Schriftsteller über die israelische Besatzung in Palästina", 2017), in dem 26 Augenzeugen von ihren Erlebnissen berichten. Die institutionalisierte Grausamkeit geht hin bis zur „systematischen Misshandlung und Folter“ palästinensischer Kinder in israelischen Gefängnisseen. Dies steht im Bericht der Organisation "Defence for Children International", der von der EU gefördert wurde (http://www.dci-palestine.org/sites/default/files/report_0.pdf). Auch die regelmäßigen Berichte von Amnesty International geben von der Systematik der Vergehen Auskunft. Nicht zuletzt beweisen die mittlerweile 40.000 Häuserzerstörungen seit 1967 die systematische Struktur des Vorgehens. (ICAHD.de). Da Palästinenser so gut wie nie Genehmigungen für den Häuserbau bekommen, werden diese dann abgerissen.

Am Beispiel Sigmar Gabriel will sie aufzeigen, wie schnell israelfeindliche Sprachfloskeln, die habituell im rechtsextremistischen Diskurs artikuliert werden, Eingang in die alltägliche Sprachpraxis finden. Seine empörende Erfahrung in Hebron „Das ist für Palästinenser ein rechtsfreier Raum. Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt“ bezeichnet sie als „realitätsverzerrende Phrasen“, die antiisraelisches Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft tragen würden. (S. 219)

Verfassern, die von „unverhältnismäßiger Gewalt“ sprechen, wirft sie vor, sich eine allwissende Beobachter-Expertenposition anzumaßen, trotz der Entfernung von über 4000 Kilometern. Sieht man einmal davon ab, dass sie Andersdenkenden etwas vorwirft, was sie selbst unablässig tut, womit der projektive Gehalt Ihrer Aussagen immer mehr zum Vorschein kommt, ist doch der geographische Hinweis auf die Entfernung im globalen Informationszeitalter entlarvend genug und lebt von doppelten Standards, denn es gibt vom Westen kritisierte Länder mit noch größerer Entfernung. Der Verzicht auf „Phrasen“, wie „brutale Vorgehensweise“ oder „Krieg gegen die Zivilbevölkerung“ wäre für sie Ausdruck guten Willens, den sie selbst auf ganz besonders bemerkenswerte Weise praktiziert (S.221).

Standardrepertoire: Israelkritikern doppelte Standards vorzuwerfen

Zum Standardrepertoire proisraelischer Voreingenommenheit gehört das Unterfangen, Israelkritikern doppelte Standards vorzuwerfen. Man müsse sich beim Antiisraelismus die Frage stellen - schreibt sie in gespielter Naivität - „warum ein kleines, demokratisches Land zum Weltenübel erklärt wird, das eine kritische Presse, ein unabhängiges Rechtssystem, eine frei gewählte Regierung hat,... das liberal und offen im Umgang mit Homosexuellen ist... Warum nicht Länder, in denen Frauen entmündigt und gesteinigt und Homosexuelle umgebracht werden und in denen Kritik brutal unterdrückt wird... Warum ist Israel das einzige Land der Erde, dem gegenüber sich ein „Ismus“ entwickelt hat (kein Anti-Chinaismus, kein Antikoreanismus, kein Anti-Sudanismus.“ (S.233). Nach dieser Feststellung folgt der Schluss: „Wenn nun aber ohne jeden Zweifel Gewalt, Menschenrechtsverletzungen und Konfliktaustragung in anderen Ländern wesentlich stärker ausgeprägt sind als in Israel, muss es einen anderen Grund für seine exzessive Verdammung geben. Unsere Analysen legen als Grund nahe, dass Israel jüdisch ist und Juden seit Jahrhunderten Opfer von massiven Diffamierungskampagnen waren und sind.“ (S.233f)

Man ist erstaunt über so viel gespielte Larmoyanz dieser Aussagen, denn sie sind zwangsläufig Folge einer radikalen Entkontextualisierung und Entspezifizierung des Konflikts. Höchst heterogene gesellschaftliche und politische Tatbestände werden alle über einen Leisten geschlagen. Es wird radikal ausgeblendet, dass Israel als Demokratie nicht nur integraler Bestandteil der westlichen Wertegemeinschaft ist, sondern sich an jenen demokratischen und humanen Maßstäben selbst messen lassen muss, denen sich dieser Staat verpflichtet hat. Ihr Vorwurf ist somit selbst Ausdruck doppelter Standards. Der von Schwarz-Friesel angestellte Vergleich und Bezug beispielsweise zu Nordkorea unterstellt geradezu absurderweise, als seien die hiesigen und die dortigen Verhältnisse als gleich anzusehen.

Der qualitative Unterschied besteht gerade darin, dass es in diktatorischen Ländern dieser Welt keinen Adressaten für Kritik gibt. Die Adressierungsmöglichkeit ist hingegen gerade ein Kennzeichen demokratisch verfasster Staaten. Nicht nur das: Israel ist Bestandteil des Okzidents. Dazu kommt, dass es sich um einen jahrzehntelangen, bis zum heutigen Tag ungelösten Konflikt ohne Aussicht auf ein Ende handelt, zumal dieser Staat vom Westen größte Unterstützung erfährt. Es ist eben die genannte Adressierungsmöglichkeit, die zur Kritik an demokratisch verfassten Staaten führt. Das gleiche Argument der doppelten Standards könnte man daher auch den westlichen Kritikern an russischen Verhältnissen entgegenhalten, die in Permanenz Gegenstand kritischer Erörterungen sind. Dass dies nicht geschieht, ist eben selbst Ausdruck von doppelten Standards. Gegenüber diktatorischen Regimen zeichnet sich Russland trotz autokratischer Ausrichtung immerhin durch demokratische Strukturen aus.

Die von Schwarz-Friesel stellvertretend für die proisraelische Fraktion vorgenommene Schlussfolgerung antisemitischer Motive für die Kritik an israelischer Politik und damit verbundener angeblicher Doppelstandards ist somit zwingendes Resultat extremer Ausblendung aller hier genannter Spezifika, in anderen Worten: das hehre Ziel der Bekämpfung des Antisemitismus verdankt sich daher den genannten Defiziten einer gänzlich ausblendenden Betrachtung oder noch direkter: auf diese Weise macht sie aus ihrer Not sogar eine Tugend.

Interessant ist die folgende sprachliche Entgleisung bzw. Entlarvung gerade durch eine Linguistin: „Jeder tatsächliche oder angebliche Fehler Israels wird sofort benannt und dramatisch de-realisiert“ (S. 235). Die Wahl des Ausdrucks „Fehler“ ist aufschlussreich genug: Fehlern liegt kein intentionales Verhalten zugrunde, sie passieren unabsichtlich. Das Verhalten der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern beruht daher in ihrer Sicht im schlimmsten Fall lediglich auf einem Unvermögen. Die systematisch betriebene menschenverachtende Politik Israels wird somit entdramatisiert und verharmlost durch Reduktion auf die bloße anthropologische Konstante der prinzipiellen Fehlbarkeit menschlichen Verhaltens.

Ideologische Verblendung zum wissenschaftlichen Forschungsergebnis verklärt

Gewiss haben viele israelkritische Kommentare auch antisemitischen Gehalt. Aber auch wenn diese in Kommentaren fehlen und der Verfasser daher ein authentischer Israelkritiker ist, verfällt er dem Verdikt antisemitischer Verdammung, so in folgendem Kommentar: „ich protestiere (...) gegen die fortgesetzten und vorsätzlichen Vergehen gegen die Menschenrechte und die zahlreichen Verstöße gegen UN-Resolutionen, die der Staat Israel (...) in Palästina begeht und noch weiter begehen will.“ Daraus wird die folgende Bewertung: „Die unikale Fokussierung und Evaluation ist als unmittelbare Folge der de-realisierenden Dämonisierung zu sehen: Israel wird quasi zum 'Juden unter den Staaten der Welt' und damit Objekt exakt dergleichen Diskriminierungs- und Diffamierungsmechanismen wie Juden schon seit Hunderten von Jahren.“ (S. 235f) Hier wird offenbar die ideologische Verblendung in wissenschaftlich rationalisierter Sprache zum wissenschaftlichen Forschungsergebnis verklärt.

Im Zusammenhang des Ausdrucks „Juden unter den Staaten der Welt“ erwähnt sie Stephan Grigat, der einen Artikel mit dem Titel „Israel als Jude unter den Staaten“ geschrieben hat. Grigat, der an der Universität Wien lehrt, ist allen Ernstes der Auffassung, dass der Kern des Nahostkonflikts der Antisemitismus sei: „Das Kernproblem des `Nahostkonflikts` liegt nicht in der Hand von Israel“, sondern der arabischen Staaten (Antisemitismus als Kern des Nahostkonflikts, in: Mirko Niehoff (Hg): Nahostkonflikt kontrovers. Perspektiven für die politische Bildung, 2016, S.269). Demgemäß setzt er den Ausdruck Nahostkonflikt in Anführungszeichen, da es ihn eigentlich nicht gäbe, wenn nur der Antisemitismus verschwunden wäre. Ich erwähne dies nur, damit der Leser sieht, in welchen weltanschaulichen Gemeinschaften Schwarz-Friesel beheimatet ist.

So, wie es in ihrer Welt keine Israelkritiker gibt, so wenig gibt es für sie auch Friedensaktivisten. Das Wort taucht nur in Anführungszeichen auf, dem „sog.“ vorangestellt wird. Lautere, von moralischen Erwägungen getriebene Menschen gibt es ebenso wenig, vielmehr handelt es sich in solchen Fällen um „kommunikative Abwehr- und Legitimierungsmuster“. Um so einen Fall handele es sich auch bei dem Oberbürgermeister in Jena und früheren Pfarrer, Albrecht Schröter, der - so Schwarz-Friesel - „glaubte, seinem „zerrissenen Herzen“ folgen zu müssen und war einer der Erstunterzeichner für einen von Pax Christi initiierten Boykottaufruf gegen Obst und Gemüse aus israelischen Siedlungen. Umgehend zollte Ihm die NPD dafür Beifall.“ (Fn. 48) Dies schreibt sie, obwohl er 2011 den „Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus“ erhielt. Moralische Integrität besitzt offenbar nur sie selbst, wie man an Ihrem NPD-Hinweis erkennt, den sie für diesen Menschen reserviert hat. Dieser Boykottaufruf wurde ins Leben gerufen, weil Israel diese Produkte trotz EU-Verordnung, diese als Siedlungsprodukte zu kennzeichnen, weiterhin als israelische Waren ausweist.

So nimmt es auch nicht Wunder, wenn sie dem Boykottaufruf gegen Israel (BDS) eine „ostentative Parallele zu den antisemitischen Boykottaufrufen der Nationalsozialisten“ (S. 238) bescheinigt. Dieser Vorwurf würde dann sogar selbst auf den Antisemitismusforscher Peter Ullrich zutreffen, der schreibt: „Diese ist, wie gesagt, nicht an sich antisemitisch, sie hat keinen kontextfreien Wesenskern. Angesichts des klaren Völker- und Menschenrechtsbruchs, den die Aufrechterhaltung und andauernde Vertiefung der Besatzung darstellt, gehört sie zum zu erwägenden strategischen Repertoire einer Bewegung gegen die Besatzung und insbesondere dann, wenn sie sich gegen Waren aus den komplett illegalen und illegitimen Siedlungen richtet“ (Antisemitismus, Shoa und deutsche Verantwortung. Die (Nach-)Wirkungen des Nationalsozialismus im Nahostdiskurs, in: BDS/Boykott, Desinvestition und Sanktionen. Königsweg der Befreiung oder Sackgasse der Geschichte, Berlin 2011).

Emphatische und emotionsausdrückende Formulierungen wie z.B. „Besorgnis erregend“ sind für sie nichts anderes als Phrasen, „Empörungsinszenierungen bezüglich der Entlarvung scheinbarer Israel-Kritik als Antisemitismus“. Wie eine Einwandsbehandlung (Begriff aus dem Bereich Marketing, demgemäß zu erwartende Einwände bereits vorweggenommen werden) liest sich die Aussage „Alle Strategien, die zur Diffamierung von Juden benutzt werden, finden auch bei der Diskreditierung der Forschung und der Forscher(innen) ihre Anwendung.“ (S.240) Somit bin ich nun ebenfalls als Antisemit „entlarvt“.

Verkennung der Natur des Konflikts

Aus folgenden Ausführungen geht erneut hervor, dass sie die Natur dieses Konflikts völlig verkennt und in ihren Aussagen ausblendet. Sie moniert, dass in vielen Pressetexten zum Nahostkonflikt sich seit Jahren „extreme, auf intensive Gefühle setzende Kontrastierung und Polarisierung zwischen Palästinensern und Israelis“ finde: „Die Palästinenser werden oft als schwach, unterlegen, leidend und hilflos dargestellt; ...Im Kontrast dazu werden die Israelis (fast ausschließlich vertreten durch Militärangehörige oder Nationalreligiöse) als überlegen, stark und als High-Tech-Macht mit extremer Kontrollgewalt referenzialisiert... Wenn das Elend und die Verzweiflung der Palästinenser betont, aber nicht die Trauer und die Angst von Israelis erwähnt werden, wenn Aktionen der Armee ohne Nennung von Gründen als willkürlich dargestellt und pauschale Täter-Opfer-Strukturen konstruiert werden, wenn Israel als übermächtiger Aggressor skizziert wird, liegt eine monoperspektivische Berichterstattung mit einem hohen Emotionspotential vor.“ (S.247f)

Man ist erstaunt über so viel Blauäugigkeit der Betrachtung. Bereits eine oberflächliche Beschäftigung drängt dem Betrachter die ausgesprochene Asymmetrie dieses Konflikts auf. Schwarz-Friesel verwechselt auf klassische Weise Ideologie und Wirklichkeit, da für sie empirische Beschreibungen der Asymmetrie des Konflikts nichts anderes als antisemitische bzw. antiisraelische Stereotypen darstellen. Selten gibt es so asymmetrisch gelagerte Konflikte, die sich über Jahrzehnte ohne Aussicht auf Veränderung hinziehen. Eine militärisch hochgerüstete Armee steht einem Volk gegenüber, über das es eine „absolute Kontrolle“ (Breaking the Silence, S.24) ausübt. Die einzigen „Waffen“ dieses Volkes sind Steine oder Molotowcocktails, die man durchaus als Verzweiflungswaffen bezeichnen kann, mit denen sie gegen Ihre Unterdrückung und Entrechtung Widerstand leisten.

In den besetzten Gebieten sind Palästinenser aller Menschenrechte beraubt, sie gelten als vogelfrei, was sich eben in unzähligen israelischen und nichtisraelischen Menschenrechtsorganisationen niederschlägt, die dieses umfassende Unrecht dokumentieren. Die Formulierungen Schwarz-Friesels hingegen unterstellen, als ob Israelkritiker sich ihre Beschreibungen in ideologischer Umnachtung ganz aus den Fingern saugen. Alle ihre Aussagen zu diesem Konflikt unterstellen, dass es sich hier um zwei gleichmächtige Konkurrenten handelt, aus denen folgt, dass die Beschreibung der unterlegenen Rolle der Palästinenser nur antisemitische Gedankengebilde sein können: „Sowohl argumentativ als auch grammatikalisch-lexikalisch unterscheiden sich die kommunikativen Handlungen von Antisemitismus und Anti-Israelismus nicht.“ (S.249) Aus dieser Diffamierung folgt mit Notwendigkeit die Absolutsetzung ihres eigenen Weltbildes als einzig gültigem Denkgebäude. Die wissenschaftlich aufgeblasene Rationalisierung tut ihr Übriges dazu, da das eigene Weltbild als empirisches Forschungsergebnis verkauft wird.

Aus der historisch langen Verfolgungsgeschichte der Juden sowie deren extremste Zuspitzung im Holocaust folgt für Schwarz-Friesel offensichtlich ein ewiger Opferstatus der Juden. Daher kann die Thematisierung Israels als Täter nichts anderes als eine Täter-Opfer-Umkehr bedeuten, die in ihren Augen charakteristisch ist für antisemitische Haltungen. Sie schöpft somit ihre Urteile keineswegs aus der empirischen Analyse der Gegenwart, vielmehr sind sie Resultat einer unzulässigen Generalisierung von Vergangenheitserfahrungen in die Zukunft hinein.

Es schließt sich der Kreis zur vollständigen Abdichtung der eigenen Weltsicht


Israelkritiker, die den Vorwurf des Antisemitismus von sich weisen, stellen für sie „lediglich“ kommunikative Ablenkungsmanöver dar, die dem Schutz vor Sanktionen und Gesichtsverlust sowie der Selbstlegitimierung dienen. Aufschlussreich ist hier der Terminus „Schutz vor Sanktionen“, da es doch in ihren Augen gar kein Kritiktabu gibt. Und der Ausdruck „lediglich“ stellt eine Form der Übergeneralisierung dar, eine argumentative Strategie, die sie symptomatisch für antisemitische Einstellungen hält. Auf diese Weise schließt sich der Kreis zur vollständigen Abdichtung der eigenen Weltsicht.

Der israelische Soziologe und Historiker Moshe Zuckermann beschreibt treffend die Natur dieses Konflikts: „Denn wenn man den blutigen israelisch-palästinensischen Konflikt als einen Territorialkonflikt begreift, ist vollkommen klar, wie die Herrschaftsverhältnisse angelegt sind, mithin, wer die Herrschaft darüber ausübt, worum es in diesem Konflikt geht: um Territorien... Israel kontrolliert somit die materielle Voraussetzung für die Ankurbelung eines jeglichen Prozesses der friedlichen Konfliktlösung mit den Palästinensern.“ (Die Ideologisierung des Antisemitismusvorwurfs. Anmerkungen zur Anatomie eines moralischen Defizits. In: Palästina – Vertreibung, Krieg und Besatzung - Wie der Konflikt die Demokratie untergräbt, 2017, S.220).

Die von Zuckermann genannten Grundkoordinaten des Konflikts zugrundegelegt, wirft er der Praxis einer entstellten Antisemitismusbekämpfung Verrat vor: „Insofern sie sich emanzipatorisch wähnt, wird das Emanzipatorische, um welches es zu gehen hätte, hintergangen. Denn wenn Israelkritiker als Antisemiten apostrophiert werden, wird ein Israel in Schutz genommen, das die systematische Unterdrückung eines anderes Volkes betreibt, eine Unterdrückung, die Israel zum Täter werden lässt ... Wer das nicht sieht,... begeht Verrat an den Opfern Israels, und insofern er den Oppressor Israel im Namen der historischen Opfer des Nazismus in Schutz nimmt, begeht er Verrat an den historischen Opfern.“ (a.a.O., S.219)

Und: “Wer aber den ideologisierten Antisemitismus-Vorwurf gegen jene erhebt, die diese Grundkoordinaten erfasst haben... begeht einen moralischen Frevel – nicht nur, weil er politische Gegner ad hominem besudelt... sondern vor allem, weil er mit dem, was nach Auschwitz zur Matrix jeglicher emanzipativer Ausrichtung avanciert ist – der universell eingestellten Bekämpfung des Antisemitismus – eine Realität zu rechtfertigen und ideologisch zu unterstützen trachtet, die dem genuinen Andenken an das, was Auschwitz anmahnt….den Antisemitismus im weitesten Sinne ausmerzen zu wollen, diametral entgegensteht“. Und wie auf Schwarz-Friesel gemünzt, heißt es weiter: „Wer sich mit Opfern im Stande ihres Opferseins nicht zu solidarisieren vermag, sollte das Wort Antisemitismus tunlichst gar nicht erst in den Mund nehmen.“ (a.a.O., S.222)

Eine generelle Überlegung soll zu Schwarz-Friesels Art des Umgangs mit den von ihr analysierten Zuschriften vorgenommen werden. Es trifft durchaus zu, dass israelkritische Zuschriften auch in Kombination mit antisemitischen Gehalten auftreten. Eine genaue Textanalyse müsste aber diese beiden Sachverhalte voneinander trennen können, denn auch Menschen mit antisemitischen Einstellungen sind zur partiellen Realitätseinsicht in der Lage, d.h. nicht alle inhaltlichen Aussagen können daher unter das Etikett des Antisemitismus subsumiert werden. Aber genau dieser Verzicht auf Differenzierung ist das grundlegende Analysemerkmal von Schwarz-Friesel: der antisemitische Anteil in den Zuschriften ist für sie Beleg dafür, dass auch die israelkritischen Anteile selbst antisemitischer Natur sein müssen. Generalisierung ist somit das entscheidende Analysemittel bei Zuschriften mit Bezug auf den Nahostkonflikt. Man hat daher mitunter den Eindruck, dass ihr die tatsächlichen antisemitischen Anteile durchaus willkommen sind.

Egomanische Forschungspraxis, die sich im Kreise dreht

Angesichts dieser merkwürdig egomanischen Forschungspraxis bleibt es nicht aus, dass sie auch von Medien kritisch betrachtet wird wie z.B. in der FAZ (Antisemitismus ohne Grauzonen. Die Berliner Studie zum Antisemitismus im Netz leistet Großes. Bei der Unterscheidung von Judenhass und legitimer Israelkritik verrennt sie sich im Positivismus, 25.7.2018). Auch hier wird nicht nur die mangelnde Unterscheidungsfähigkeit beklagt, sondern ebenso die leichtfertige Unterstellung, dass bereits die Behauptung, dass die Kritik an der israelischen Politik mit Tabus belegt sein könnte, antisemitischer Natur sei. Selbst die Kritik am subjektiven Charakter der Studie sei antisemitisch, da eine klare Klassifikation immer möglich sei. Dass dies nicht der Fall ist, habe ich aufgezeigt. Dass aber bereits eine Kritik an der Studie selbst antisemitisch sein soll, beweist das außergewöhnlich hohe Ausmaß an Selbstimmunisierung gegen jede Kritik mit der Folge, dass sie sich im Kreise dreht.

Den Ausführungen sollte zu entnehmen sein, dass das obsessiv proisraelische Weltbild von Schwarz-Friesel sie unfähig macht, sinnvolle Unterscheidungen von Israelkritik und Antisemitismus zu treffen. Das obwaltende Weltbild führt dazu, auch tatsächlich israelkritische Aussagen als antisemitische bzw. antiisraelische Stereotype zu verunglimpfen. Es ist genau genommen ein ausgeprägt binär strukturiertes Gemälde, das jegliche Differenzierung verunmöglicht und sie zu eindeutigen Klassifizierungen geradezu zwingt. Es sind somit am wenigsten wissenschaftliche, als vielmehr eindeutig politische Kriterien, die sie Ihrer Analyse des Phänomens „Antiisraelismus“ zugrundelegt und damit ihre Forschungsergebnisse präformiert. Wie groß der Anteil der tatsächlich israelkritischen Zuschriften ist, die unter antisemitische Einstellungen subsumiert werden, ist somit leider unbekannt.

Online-Flyer Nr. 670  vom 22.08.2018

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