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Aktueller Online-Flyer vom 22. Oktober 2018  

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Krieg und Frieden
Ändert sich durch das Bündnis der Türkei mit Russland, China und dem Iran die Struktur militärischer Koalitionen?
Wird es zu Austritten aus der NATO kommen?
Von Michel Chossudovsky / LUFTPOST

Schon im Ersten Weltkrieg sind zerbrechende Allianzen und Änderungen in der Struktur militärischer Koalitionen zu entscheidenden Determinanten der Geschichte geworden. Heutige Militärbündnisse, auch solche mit Querverbindungen zwischen Großmächten, sind ebenso gefährlich, aber anders strukturiert und sehr viel komplizierter als die den Ersten Weltkrieg prägende Konfrontation zwischen der Triple Entente (die aus Frankreich, Großbritannien und Russland bestand) und dem Dreibund (der aus Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien bestand). Gegenwärtige Entwicklungen könnten zu Veränderungen in der Struktur militärischer Bündnisse führen, die eine Schwächung der US-Hegemonie im Mittleren Osten und das Auseinanderbrechen der North Atlantic Treaty Organization (NATO) bewirken könnten. Noch ist die NATO eine furchterregende Militärmacht, die sich aus 29 Mitgliedsstaaten zusammensetzt, aber größtenteils vom Pentagon kontrolliert wird. Sie ist eine militärische Koalition und ein modernes Instrument zur Kriegsführung, die eine Bedrohung für die globale Sicherheit und den Weltfrieden darstellt. Risse in der transatlantischen Allianz könnten dazu führen, dass ein oder mehrere Mitgliedsstaaten aus der NATO austreten. Ein Austritt oder eine Austrittswelle würde natürlich die an einem Wendepunkt der Geschichte von den Regierungen der NATO-Staaten angestrebte Verabredung zu einem Präemptivkrieg gegen die russische Föderation erschweren.

In diesem Artikel werden wir uns hauptsächlich mit einem NATO-Mitgliedsstaat befassen, der tatsächlich die Absicht haben könnte, aus dem Bündnis auszutreten – mit der Türkei und ihrer fortschreitenden Annäherung an Russland, den Iran und China.

Die Türkei denkt (laut) über einen "NATO-Austritt" nach, der weit reichende Folgen hätte. Dann müssten Militärbündnisse neu definiert werden.

Derzeit kämpft die Türkei in Nordsyrien gegen die kurdischen Fußtruppen der USA – ein NATO-Mitglied führt also Krieg gegen ein anderes NATO-Mitglied.

Die Haltung Russlands zu der Militäraktion der Türkei in Nordsyrien ist unklar. Russland ist mit Syrien verbündet, und die Türkei, die Syrien angegriffen hat, strebt ebenfalls ein Bündnis mit Russland an.

Ansonsten kooperiert die Türkei mit Russland, das ihr wohl eine Sicherheitsgarantie gegeben hat. Dazu hat Beyazit Karatas, ein pensionierter Generalmajor der türkischen Luftwaffe, erklärt: "Wenn sich die Türkei aus der NATO zurückzieht, will Moskau unser Land vor Übergriffen der USA und des Bündnisses schützen." (1)

Außerdem will Ankara 2020 die S-400, die modernste russische Flugabwehrrakete, erwerben und damit de facto aus dem von den USA, der NATO und Israel gemeinsam betriebenen Luftabwehrsystem ausscheren. Der S-400-Deal hat bei anderen NATO-Mitgliedern Besorgnis erregt, weil das russische System "nicht in die militärische Architektur der NATO integriert" werden kann.

Die Flugabwehrrakete S-400 Triumf, die bei der NATO unter der Bezeichnung SA-21 Growler läuft, gehört zum modernsten Flugabwehrsystems Russlands. Es wurde 2007 in Dienst gestellt und kann Flugzeuge, Marschflugkörper sowie ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen abfangen und Bodenziele zerstören. Die S-400 kann Ziele in einer Entfernung von bis zu 400 Kilometern und in einer Höhe von bis zu 30 Kilometern erreichen [Tass, 29. Dezember 2017].

Was bedeutet das?

Hat das in Bezug auf seine konventionellen Streitkräfte "schwergewichtige" NATO-Mitglied Türkei beschlossen, aus dem Bündnis auszutreten? Oder strebt die Türkei nur ein Zweckbündnis mit Russland an – unter Beibehaltung ihrer NATO-Mitgliedschaft und mit Billigung des Pentagons?

Das transatlantische Bündnis ist potenziell gefährdet. Könnte die Türkei eine Austrittswelle auslösen, die andere NATO-Mitglieder mitreißt?

Moskau versucht über diplomatische Kanäle bessere bilaterale Beziehungen zu ausgewählten Mitgliedsstaaten der EU und der NATO aufzubauen. Damit möchte es die durch den NATO-Aufmarsch an seiner Westgrenze entstandenen Spannungen deeskalieren.

Außer der Türkei könnten auch EU-Staaten wie Deutschland, Italien, Griechenland, das bereits militärische Kontakte zu Russland unterhält, und Bulgarien über einen NATO-Austritt nachdenken.

Die "Annäherung" der Türkei an Russland hat strategische Auswirkungen, weil Ankara eine Schlüsselrolle im Nahen Osten spielt und den Zugang zum Schwarzen Meer durch die Dardanellen und den Bosporus kontrolliert.

Der Austritt der Türkei aus der NATO würde sich also sofort sehr nachteilig auf die im Schwarzen Meer und an seinen Küsten stationierten NATO-Truppen auswirken und die Position der NATO auf dem Balkan, in Osteuropa und im Baltikum entscheidend schwächen. 

Die Annäherung Ankaras an Moskau erleichtert natürlich den Transit russischer und chinesischer Kriegsschiffe zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer.

Mit der Annäherung der Türkei an Russland verbessern sich auch ihre Beziehungen zum Iran und zu Pakistan, das seine militärischen Verbindungen zu den USA gerade lockert und seine Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zu China ausbaut. Pakistan ist wie Indien Vollmitglied der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ).

Durch die neuen militärischen Strukturen ändert sich also auch die Verfügungsgewalt über Seewege und Pipeline-Routen.

Der Einfluss und die bisherige Vorherrschaft der USA im Mittleren Osten und in der ganzen Welt

Diese geopolitischen Veränderungen werden den Einfluss der USA im Mittleren Osten sowie in Zentral- und Südasien schwächen.

Die Türkei strebt auch ein Zweckbündnis mit dem Iran an. Und der Iran wird zunehmend von der mächtigen Allianz Russland mit China unterstützt – durch militärische Zusammenarbeit, den Bau strategisch wichtiger Pipelines und durch neue Handels und Investitionsabkommen.

Gleichzeitig steht das Bündnis Saudi-Arabiens mit den Golfstaaten auf dem Spiel, weil sich Katar, Oman und Kuwait dem Iran und damit auch der Türkei angenähert haben und deren Beziehungen zu Saudi-Arabien und den Vereinigten Emiraten abgekühlt sind.

Durch die von Saudi-Arabien gegen Katar verhängte Wirtschaftsblockade sind geopolitische Risse entstanden, die auch den Einfluss der USA auf die Golfregion verringert haben.

Der Golf Cooperation Council / GCC ist gespalten, weil sich die Vereinigten Emirate und Bahrain der Wirtschaftsblockade Saudi-Arabiens gegen Katar angeschlossen haben, während Oman und Kuwait Katar zur Seite stehen. Dadurch ist der GCC, der die USA bisher geschlossen gegen den Iran unterstützt hat, praktisch wertlos geworden.

In Katar betreibt das U.S. Central Command eine wichtige Militärbasis

2014 hat die Türkei mit dem Verteidigungsministerium Katars ein Abkommen geschlossen, das ihr gestattet, dort eine nach dem muslimischen Feldherrn Tariq ibn Ziyad benannte Militärbasis zu betreiben, auf der dauerhaft türkische Truppen stationiert sind.

In Katar befindet sich auch der Vorposten Al Udeid des U.S. Central Command, die größte US-Militärbasis im Mittleren Osten. Von dort aus werden alle US-Militäreinsätze im ganzen Mittleren Osten und in Zentralasien befehligt.

In Al Udeid sind rund 10.000 US-Soldaten stationiert; dort befindet sich auch die Kommandozentrale für alle Luftoperationen in Afghanistan, im Irak und in Syrien.

Es gibt jedoch ein grundsätzliches Problem, denn Al Udeid befindet sich in einem Land, das gute Beziehungen zu dem Iran, einem "Feind" der USA, unterhält. Außerdem sind die Hauptpartner Katars bei der Öl- und Gasförderung und dem Betrieb von Pipelines der Iran und die Türkei. Deshalb sind auch Russland und China einbezogen.

Als Reaktion auf die Annäherung Katars an den Iran hat das Pentagon bereits erwogen, Al Udeid aufzugeben und auf die 80 km südlich der saudi-arabischen Hauptstadt Riad gelegene Prince Sultan Air Force Base umzuziehen.

Katar ist aber nicht nur aus militärstrategischer Sicht wichtig.

Warum? Weil sich vor seiner Küste große Erdgasfelder befinden, die es sich mit dem Iran teilt, hat Katar auch eine große geopolitische Bedeutung.

Der Iran und Katar arbeiten bei der Ausbeutung dieser Erdgasfelder sehr eng zusammen. Auch dieses Erdgas ist strategisch wichtig, weil es nicht nur das größten Erdgasvorkommen im Persischen Golf, sondern auf der ganzen Welt ist. (2)

Im März 2018 musste sich der von Katar betriebene TV-Sender Al Jazeera in den USA als Einrichtung "ausländischer Agenten" registrieren lassen, weil sich Doha "im Bündnis mit Feinden der USA" befinde; gemeint waren natürlich Russland und der Iran.

War das schon das Vorspiel zu einem neuen "Qatar Gate" für Trumps "Kriegskabinett", in dem Außenminister Tillerson gerade durch (den CIA-Chef) Pompeo ersetzt wurde?

Im November 2017 hat Scheich Mohammed bin Abdulrahman Al Thani, der Außenminister Katars, bei einem Besuch in Washington angedeutet, dass "Katar mit einem Angriff Saudi-Arabiens rechne". Der wird wahrscheinlich nicht stattfinden, es ist aber durchaus denkbar, dass die USA und ihr Verbündeter Saudi-Arabien versuchen werden, einen "Regimewechsel" in Doha herbeizuführen.

Der Luftwaffenstützpunkt Incirlik im Süden der Türkei

Das Pentagon denkt auch darüber nach, Einrichtungen und Personal der U.S. Air Force vom Flugplatz Incirlik im Süden der Türkei abzuziehen.

Anfang März hat Johnny Michael, ein Sprecher des EUCOM, "Spekulationen" über eine Reduzierung der von Incirlik ausgehenden US-Militäroperationen zurückgewiesen und betont, alle Aktivitäten gingen unverändert weiter.

Einen Tag vor Michaels Erklärung hatte das Wall Street Journal berichtet, die von diesem Flugplatz ausgehenden US-Kampfoperationen seien "stark reduziert" worden, und und man ziehe dauerhafte Beschränkungen in Betracht. (3)

Abschließende Bemerkungen

Wenn die NATO zerbricht, verlieren die US-Kriegstreiber ihr zweites Standbein. Nicht nur die Beziehungen zwischen Washington und Ankara, auch die NATO befindet sich in einer Krise. Wenn die Türkei aus der NATO austräte, wäre das eine schwerwiegende Schwächung des Bündnisses.

Wir sind an einem gefährlichen Scheideweg angelangt. Die militärischen Planungen der USA und der NATO bedrohen die Zukunft der Menschheit.

Ist der heraufziehende Krieg noch zu stoppen? Welche konkreten Maßnahmen sollten ergriffen werden?

Mit der Forderung "Austritt aus der NATO" sollte eine Bewegung ins Leben gerufen werden, die sich über ganz Europa ausbreiten müsste.

Die Friedensbewegungen in Europa und Nordamerika sollten ihre nationalen Kampagnen auf die Forderung "Austritt aus der NATO" konzentrieren, um das Bündnis aufzubrechen, das Washington braucht, um seine globalen militärischen Ziele durchzusetzen.

Das ist keine leichte Aufgabe. Eine solche Bewegung wird den Regierungen nicht gefallen, weil die meisten Staatsoberhäupter und Regierungschefs der NATO-Mitgliedsländer (von der US-Regierung) "umgedreht" wurden (damit sie im Sinne Washingtons agieren).

Außerdem werden viele zivilgesellschaftliche Organisationen und NGOs im Westen von Konzernstiftungen finanziert, damit sie die "humanitären Interventionen" (der USA und der NATO) durch Stillschweigen unterstützen.

Das bedeutet auch, dass eine neue, unabhängige Friedensbewegung aufgebaut werden muss.


Fussnoten:

1 https://www.globalresearch.ca/willturkey-withdraw-from-nato/5633960

2 Weitere Infos dazu sind nachzulesen unter
https://www.globalresearch.ca/shift-in-geopolitical-alliances/5611373

3 https://www.aljazeera.com/news/2018/03/denies-leaving-air-bases-turkey-qatar-180326073201309.html


Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung am 30.04.2018 bei LUFTPOST – Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein (dort mit zusätzlichen Hinweisen)
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP05318_300418.pdf

Englischsprachiger Originalartikel:
Prof Michel Chossudovsky: "Towards 'NATO-Exit'? Shift in the Structure of Military Coalitions. Turkey’s Alliance with Russia, China and Iran?", Global Research, 31.03.2018
https://www.globalresearch.ca/towards-nato-exit-shift-in-the-structure-of-military-coalitions-turkeys-alliance-with-russia-china-and-iran/5633771


Online-Flyer Nr. 657  vom 02.05.2018

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