NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 17. November 2018  

zurück  
Druckversion

Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Die verleugneten Opfer der christlich-zionistischen Jubelfeiern
Von Evelyn Hecht-Galinski

Herzlichen Glückwunsch zum 70. Geburtstag des "Jüdischen Staates", aufgebaut auf der Vertreibung von 750.000 Palästinensern aus ihrer Heimat Palästina 1948, der Nakba, der Katastrophe. Die gesamte Politprominenz feierte dieses Jubiläum der Gründung des "Jüdischen Staates", doch kein Wort über die Nakba, die Katastrophe, die dazu führte, dass – auch durch unsere Mitschuld – die Palästinenser immer noch unter Besatzung nahezu rechtlos eingesperrt leben müssen. Eintausend illustre politische "Israel-Freunde" von Steinmeier bis Maas ließen sich das Feiern nicht nehmen – während die verleugneten Opfer, die Palästinenser, "allein draußen" bleiben mussten. (1)

Keine Empathie für die letzten Leidtragenden des Holocaust, die Palästinenser

Deutschlands Kanzlerin Merkel und Außenminister Maas überschlagen sich in ihren Freundschaftsbekundungen und Gratulationen. Besonders fragwürdig erscheint mir die Tatsache, dass Merkel in einem Interview für den israelischen Sender Channel Ten sich explizit an die Menschen "jüdischen Ursprungs" oder Juden in Deutschland wendet und ihnen versichert, alles für ihre Sicherheit zu tun. Dass Synagogen, Schulen, Kindergärten und jüdische Einrichtungen bewacht werden müssen, bedrückt sie sehr. (2) Es gibt kein Zeichen der Empathie für die letzten Leidtragenden des Holocaust, die Palästinenser, bei den christlich zionistischen Jubelfeiern.

Allerdings gab es zwei positive Signale von Merkel. Sie setzte sich vor ihrer kommenden Reise zu Trump für die Beibehaltung des von Trump und Netanjahu kritisierten Atomabkommens mit Iran ein: "Wir sind der Meinung, es ist besser, dieses Abkommen zu haben, als kein Abkommen zu haben". Außerdem wird Deutschland den USA nicht folgen und eine Botschaftsverlegung von Tel Aviv nach Jerusalem vollziehen, solange der Status von Jerusalem noch nicht geklärt ist.

Ich frage mich auch, warum gibt Merkel zum 70. Jahrestag der Gründung des "Jüdischen Staates"ein Grußwort an die Jüdische Allgemeine, das "stürmende Organ" des Zentralrats der Juden,? Warum nicht an den israelischen Botschafter? Hier erleben wir genau das, was der Türkei vorgeworfen wird, nämlich eine Verquickung von Ditib als religiöse Vertretung und ihrer Verbindung zur Türkei. Beim Zentralrat als Körperschaft des Öffentlichen Rechts zählt dieses Argument nicht, wenn der sich immer wieder als deutsche "Zweitvertretung" des "Jüdischen Staates" in Deutschland betätigt. Hier werden schreckliche Doppelstandards angelegt, solange es keine Gleichbehandlung der jüdischen zu anderen Organisationen gibt. Genug des "besonderen" Verhältnisses zum "Jüdischen Staat" oder deutschen Bürgern jüdischen Glaubens. Das schafft immer wieder genau die Vorurteile, die zu Antisemitismus führen. Allmählich scheint es allerdings immer deutlicher, dass das genau gewollt ist vom Netanjahu-Regime, um seine Schandtaten ungestört von Kritik zu begehen.

Ganz nebenbei wird von Merkel der israelische Siedlungsbau kritisiert, der die angestrebte Zwei-Staatenlösung nicht einfacher mache. Deutschland wolle den "jüdischen demokratischen Staat" Israel, gleichzeitig aber auch einen Staat für die Palästinenser, der lebensfähig sei. Dann ist das so unglaubwürdig, wie ihre gesamte Politik, die immer wieder von Wendungen und Unglaubwürdigkeit geprägt ist.

Wie kann Kanzlerin Merkel in ihrem Grußwort im gleichen Atemzug davon sprechen, dass "im Wissen um die Verantwortung und im Bewusstsein unserer gemeinsamen Werte, wir unsere Zukunft zum beiderseitigen Wohl gestalten"?

Wie kann diese "christlich-zionistische" Kanzlerin das Jubiläum der Staatsgründung so unkritisch in "Freude und Dankbarkeit" feiern, gar als ein Wunder bezeichnen, dass der "Jüdische Staat" die Hand der Versöhnung reichte, ohne auf die ausstehende "Versöhnung" mit den Palästinensern hinzuweisen? Wieder einmal sind die Palästinenser kein Thema, wie auch schon beim "Versöhnungsbesuch" von "Auschwitzminister" Maas in Israel. Wenn Merkel also im Herbst mit Kabinett in den "Jüdischen Staat" reisen wird, dann können wir uns schon ausmalen, wie der Besuch aussehen wird und welche Ergebnisse erreicht werden. Noch mehr Rüstung und U-Boot-Geschenke für die "Selbstverteidigung".

Israels Ziel: Endlösung auf Kosten der Palästinenser

Wie kann man von gemeinsamen Werten mit einem "jüdischen Besatzer- und Apartheidstaat" sprechen, diesem Staat ohne Verfassung, ohne feste Grenzen, der nur ein Ziel hat die Endlösung der zionistischen Staatsräson auf Kosten der Palästinenser zu vollenden.

Auch beklagt Merkel "neue Formen" des Antisemitismus durch Flüchtlinge oder Menschen "arabischen Ursprungs". Eigentlich sollte die Kanzlerin am besten wissen, dass es kein Antisemitismus ist, der diese Menschen umtreibt, sondern eine mehr als verständliche Wut auf die Verbrechen des Netanjahu-Regimes, die gerade wieder ihren Höhepunkt erleben an der Grenze zu Gaza, wo sich tausende von Palästinensern auf den „Marsch der Rückkehr" aufmachten, der bis zum Tag der Nakba am 15. Mai gehen soll.

Dieser "Marsch der Rückkehr“ ist ein flehentlicher Hilferuf an die Weltöffentlichkeit, die Palästinenser und ihr legales Recht auf Heimkehr nicht zu vergessen. Das Ergebnis bis jetzt, Dutzende Ermordete, darunter auch Kinder und ein Pressefotograf, Jasser Murtaja, der eine Weste mit der Aufschrift Presse trug, der laut Kriegsminister Lieberman mit einer Drohne arbeitete und dadurch zu einem Sicherheitsrisiko wurde. Diese Darstellung wurde nicht einmal von Armeeseite bestätigt.

Er war ein unabhängiger Reporter, der für die Produktionsfirma Ain-Media arbeitete, die sogar von der US-Agentur USAID finanzielle Unterstützung bekam. Alles wird also sehr genau geprüft. Er hatte nichts mit der Hamas zu tun, sondern war der wahrhaftigen Berichterstattung verpflichtet. Er wird als "Märtyrer der Wahrheit" in die palästinensische Widerstandsgeschichte eingehen.

Kein Wort von Merkel zu dem Massaker in Gaza durch das Netanjahu Staatsterror- Regime. Allerdings die wie immer gebetsmühlenartige Bekräftigung des "Rechts auf Selbstverteidigung“, allerdings in "angemessener" Form.

Staatsräson: Unterstützung der illegalen jüdischen Besatzung Palästinas

Natürlich ist hier die Frage zu stellen, was Merkel dafür tun will, schließlich unterstützen wir massiv und vorbehaltlos die rücksichtslose Politik des "Jüdischen Staates“ mit Waffen und U-Boot Lieferungen und der Merkelschen Formel, der deutschen Staatsräson für die Sicherheit des "Jüdischen Staates". Allerdings bedeutet diese "Sicherheit" nur eins, nämlich die Unterstützung der illegalen jüdischen Besatzung Palästinas.

Das Gedenken an diese Katastrophe ist seit März 2010 im "Jüdischen Staat" unter Strafe gestellt. Was mit dem so genannten Nakba-Gesetz begann und mit dem Anti-Boykott Gesetz, dem "Maulkorb-Gesetz" für die Medien und vielen anderen faschistischen Gesetzen fortgeführt wurde, hat immer nur ein Ziel, nämlich die Wahrheit zum Schweigen zu bringen und zu vertuschen. Aber die Wahrheit lässt sich auf Dauer nicht vertuschen, auch wenn die Zionisten nichts mehr fürchten als diese.

Wir alle aber sollten einen "Jüdischen Staat" unter der Führung von Politikern wie Netanjahu fürchten, der die siebzig Stunden währenden "Unabhängigkeitsfeiern" in Jerusalem dazu benutzte zu drohen, dass der "Jüdische Staat" zu einer "aufstrebenden Weltmacht" geworden ist, dessen Licht die "Dunkelheit" seiner Feinde bezwingen werde. Netanjahu drohte diesen Feinden: "In siebzig weiteren Jahren werdet ihr ein Land vorfinden, das noch um ein Vielfaches stärker ist, denn was wir bis heute getan haben, ist nur der Anfang“!

So konnten wir erleben, wie sich dieser "Jüdische Besatzerstaat" mit Flügen der "Davidstern"-Luftwaffe feierte, die über das illegal besetzte Palästina flogen. Auch nahmen an dieser schrecklichen und größten Machtdemonstration in Tel Aviv zwei atomwaffenfähige U-Boote und Korvetten teil (Merkel lässt grüßen!), ebenso mit Waffen bestückte "Davidstern"-Kampfflugzeuge sowie neben Flugzeugen der Typen F15 und F16 auch das kürzlich erworbene Tarnkappenflugzeug F35 teil. Beteiligt an dieser "zionistischen Friedensbotschaft" waren Kampf- und Transportflugzeuge aus Kanada, Italien, Großbritannien, Griechenland, Polen und Österreich.

Aufstehen gegen Krieg, Unterdrückung und ewige Besatzung!

Als Netanjahu, der sich nochmals für die historische Entscheidung von Präsident Trump", Jerusalem als unsere Hauptstadt" anzuerkennen und die Botschaft des mächtigsten Landes der Welt dorthin zu verlegen, bedankte, bekam man einen Vorgeschmack auf das, was diese Zukunft bringen wird: Krieg, Unterdrückung und ewige Besatzung.

Diese aufstrebende Weltmacht ist eine Gefahr für den Weltfrieden. Schade, dass Günter Grass das nicht mehr erleben konnte, um nochmals ein Gedicht für diese "Feierlichkeiten" zu schreiben.

Wenn am Mittwoch in Berlin und anderen deutschen Städten eine Großdemonstration der "christlich -zionistischen" Heuchler unter dem Motto "Berlin trägt Kippa" stattfinden wird, dann sollten wir diese verlogene auf Diffamierungen aufgebauschte Fake-Demonstration zu einer symbolischen Aktion umfunktionieren – unter dem Motto "Berlin trägt Kopftuch", gegen Islam und Fremdenhass und für die Freiheit Palästinas. (3)

Die verleugneten Opfer der christlich-zionistischen Jubelfeiern dürfen nicht allein gelassen werden und sollten durch uns alle eine Stimme bekommen. Wir sollten ein Existenzrecht für ein freies Palästina fordern – als deutsche Staatsräson. 70 Jahre Besatzung Palästinas sind genug.

Und wir gedenken der Nakba und feiern die Aussichten auf ein freies Palästina "From the River to the Sea"


Fussnoten:

1 https://www.tagesspiegel.de/berlin/70-jahre-unabhaengigkeit-1000-gaeste-feiern-israels-geburtstag-in-berlin/21195152.html
2 https://www.suedtirolnews.it/video/merkel-beklagt-neue-formen-des-antisemitismus
3 https://www.berliner-zeitung.de/berlin/-berlin-traegt-kippa--berliner-zur-solidaritaets-aktion-am-mittwoch-aufgerufen-30057842

Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Siehe auch:

Der Staat, der den Juden die Befreiung bringen sollte, ist zum inhumanen Besatzungs- und Apartheidsystem geworden
70 Jahre Israel – 70 Jahre Siedlerkolonialismus und permanenter Krieg gegen die Palästinenser
Von Arn Strohmeyer
NRhZ 656 vom 25.04.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24795

Eine Antwort auf Bastian Berbners ZEIT-Artikel „70 Jahre Israel. Warum kommt der Staat nicht zur Ruhe?“
Die Entstehung Israels als Heldenepos
Von Arn Strohmeyer
NRhZ 656 vom 25.04.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24796

Ben-Gurion und Israels 70. Geburtstag
Der große Tag
Von Uri Avnery
NRhZ 656 vom 25.04.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24801

Vor aller Augen tobt der kapitalistische Krieg gegen die Menschheit
70 Jahre Rechtsverachtung seitens Israel
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann
NRhZ 656 vom 25.04.2018
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24806

Online-Flyer Nr. 656  vom 25.04.2018

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP
FOTOGALERIE