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Aktueller Online-Flyer vom 22. September 2018  

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Wirtschaft und Umwelt
Das bedingungslose Grundeinkommen
Ahnungsloser Witz
Von Harald Schauff

Das bedingungslose Grundeinkommen - eine schöne Idee, eine sozialromantische Utopie, ein lebensferner Traum vom anstrengungslosen Lebensunterhalt für alle. Völlig unfinanzierbar und nicht in Einklang zu bringen mit den Prinzipien der Leistungsgesellschaft. So ungefähr schallt es herüber aus der breiten Front der Grundeinkommensgegner. Gewerkschaften und Großteile der Linken malen zudem das Schreckgespenst der Sozialabbaus an die Wand, den die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) nach sich zöge.

Eigentlich ist es seit Jahren dieselbe Leier. Zeitweilig scheuten die Gegner weder Zeit noch Mühe, akribisch vorzuhalten und vorzurechnen , warum das BGE ihrer Ansicht nach ein Ding der Unmöglichkeit ist. Zuletzt überwog wieder stärker die Tendenz, es lapidar als unrealistisches Hirngespinst abzutun, das keiner genaueren inhaltlichen Auseinandersetzung bedarf. So genügt vielen Linken bereits die Tatsache, dass sich einige Konzernchefs dafür aussprechen, um es grundsätzlich als kapitalfreundliches Konzept abzutun. Man solle lieber auf Arbeitszeitverkürzung setzen, meinen einige. Als stünde das BGE kürzeren Arbeitszeiten entgegen. Dabei ist das Gegenteil offensichtlich: Es würde für den Nachdruck sorgen, der diesen zum Durchbruch verhilft.

Noch absurder

Es geht noch absurder: SPIEGEL-Kolumnist Jan Fleischhauer (‘Der schwarze Kanal’), meinte letzten Herbst, wir hätten doch schon ein bedingungsloses Grundeinkommen: Hartz IV. Mit dieser abstrusen Gleichsetzung erntete er einen Aufschrei und Shitstorm der Empörung, in den sogar Grundeinkommensgegner mit einstimmten. Genau, was er wollte. Fleischhauer überspitzt regelmäßig mit provokanten Thesen und Formulierungen, die sich hauptsächlich gegen alles Linke wenden. Selbst hat er lange Zeit unter Linken gelebt, bevor er ihrer überdrüssig wurde und seinen Standpunkt weiter nach rechts ins Konservative verlagerte. Von dort aus polemisiert er notorisch nach Links, z.B. durch solche Aussagen wie Sozialismus sei, wenn es allen schlechter gehe. Er suhlt sich mit Vorliebe in den empörten Reaktionen, die seine Provokationen auslösen. Man sollte sie schlicht belächeln, sie verdienen die Aufregung nicht.

Nicht nur Lächeln, sondern schallendes Gelächter garantieren Satiresendungen wie ‘extra 3’ (NDR bzw. ARD), moderiert von Christian Ehring, der auch schon bei den Kollegen der ZDF-‘Heute-Show’ häufiger zu Gast war. Ob Groko-Geplänkel oder Abgasskandal, Politik und Wirtschaft bekommen von Ehring & Co ihr mehr rednerisch als redlich verdientes Fett ab. In der Sendung vom 1.2.18 traf es wieder einmal die Deutsche Bank. Trotz wiederholter roter Zahlen, gönnte sich die Führungsspitze erneut großzügige Bonuszahlungen. Diesbezügliche Ausreden von Deutsche-Bank-Chef Cryan fand Ehring nicht überzeugend. Das klänge Richtung ‘Bedingungsloses Grundeinkommen’, merkte der Satiriker an. Er habe gar nicht gewusst, dass die bei der Deutschen Bank so linke Socken seien.

Schallend... wie ahnungslos

Ha, ha, lustig. Da lacht es sich so schallend... wie ahnungslos. Zum Einen sind viele Linke contra Grundeinkommen, nicht zuletzt die Mehrheit der Linkspartei. Zum anderen sollte sich auch in Satirikerkreisen herum gesprochen haben: Das Grundeinkommen hat nichts mit einer Extra-Vergütung gemein, die zusätzlich zu mehr als auskömmlichen Monatsbezügen gewährt wird. Es soll lediglich das Existenzminimum sichern. Und zwar von allen Bürgern, also auch einfachen Bankangestellten. Der Vergleich zwischen Manager-Boni und Grundeinkommen hinkt nicht nur, er kommt nicht einmal auf die Beine. Er dreht stark in Richtung Klischee von der ‘bequemen Hängematte’.

Ein etwas älterer Sketch von ‘extra 3’, der die Bundestagswahl-Werbung aufs Korn nahm, zielte exakt in dieselbe Richtung: Ein Bild mit Spermien wurde gezeigt, dazu der Untertitel: ‘Bedingungsloses Grundeinkommen - oder wir schwimmen erst gar nicht los.’ Wer die Grundeinkommensidee verstanden hat, tut sich hier schwer mit Lachen. Das Grundeinkommen wird mit Bequemlichkeit, Passivität und Antriebslosigkeit gleich gesetzt. Schwachsinn. Tatsächlich will es Tätigkeit auf freiwilliger Basis fördern, was auch klappt, wie mehrere Pilotprojekte, u.a. in Finnland, vorführen. Satire, die dieses übergeht, verliert ihren Scharfsinn und verkommt zu billigen Polemik.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe März 2018, erschienen.

Online-Flyer Nr. 652  vom 28.03.2018

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