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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2018  

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Medien
Was man nicht alles entdeckt, wenn man bei Zeitungsartikeln einmal hinter die Kulissen schaut
Der Extremismus der Mitte
Von Hermann Ploppa

Im Dezember 2017 schlug die Verleihung des alternativen Karlspreises durch den Blog Neue Rheinische Zeitung an den Journalisten Ken Jebsen hohe Wellen. Damals hatte sich der starke Mann der Berliner Linkspartei und Kultursenator Klaus Lederer höchstselbst in dieses eigentlich gar nicht so bedeutende Prozedere um die Preisverleihung eingeschaltet. Er könne nicht dulden, dass sich im Berliner Kino Babylon „Aluhüte“ – was immer das sein mag – ein Stelldichein gäben. Im Subtext drohte der Kultursenator mit dem Entzug öffentlicher Zuschüsse an das Berliner Lichtspielhaus. Die Veranstaltung fand jedoch statt, zugegebenermaßen unter unglücklichen Begleitumständen, und ein Redakteur der konservativen Tageszeitung Die Welt ließ es sich nicht nehmen, persönlich dem Ereignis beizuwohnen. Der darüber angefertigte Bericht erschien sodann am 14. Dezember 2017 in der Welt. Der Verfasser Martin Niewendick war offenkundig von dem Ereignis wenig angetan, was er denn auch in seinem Text deutlich kundtat. Das ist sein gutes Recht, als Journalist seine subjektive Wertung abzugeben. Doch erstaunt dann doch die völlig überzogene, diffamierende und beleidigende Wortwahl. Der Titel lautet: „Das bizarre Treffen der antisemitischen Verschwörungstheoretiker“. (1)


Screenshot aus der website mit dem Artikel von Martin Niewendick

Nun gut, das muss nicht notwendig auf dem Mist von Niewendick gewachsen sein. Ich habe auch oft bei Mainstreamzeitungen die Erfahrung machen müssen, dass der verantwortliche Redakteur meinen Artikeln bisweilen dümmliche, reißerische und kalauernde Titel verpasst hat. Für den Fließtext zeichnet jedoch Niewendick alleine verantwortlich.

Und da geizt der Autor nicht mit propagandistischen Schlagwörtern, die den Tatbestand der Verleumdung und der üblen Nachrede erfüllen: „Verschwörungs-Guru Ken Jebsen“; „Gästeliste, die sich gewissermaßen aus dem who-is-who der antisemitischen Verschwörungstheoretiker-Szene zusammensetzt.“ Und so weiter und so fort. Unnötig zu sagen, dass sich im Kino Babylon nachweislich weder Antisemiten noch Verschwörungstheoretiker befanden.

Ich habe immer ein bestimmtes Bild vor Augen, wie der Schreiber des Textes wohl aussehen mag. In diesem Falle, bei einem Presseorgan des Springer-Konzerns, stellte ich mir einen versauerten Anzugträger mit zurückgekämmten Haaren und altmodischer Hornbrille vor. Umso erstaunter war ich, als mir eine Leserin meiner Bücher das Bild des Autors (2) oben genannten Artikels zusandte:


Screenshot aus Video "Tacheles: Martin Niewendick über Journalismus und Antisemitismus"

Der Autor ist also ein selbsterklärter Rapper mit einem Mossad-T-Shirt und dem Motto: „Was geht ab? Heute gibt es Truetalk an der Grenze zum Rufmord!“ Hm. Was will der Autor uns damit sagen? So hatte ich mir den Autor der gerne als seriös geachteten Tageszeitung "Die Welt" nun wirklich nicht vorgestellt. Ein Typ mit fanatischem Blick, glasigen Augen und unverhohlenen Sympathien für einen Geheimdienst, der nicht gerade den allerbesten Ruf genießt. Offensichtlich kein neutraler Journalist, sondern ein parteiischer Kämpfer in einer extrem polarisierten geopolitischen Konstellation.

Wer ist dieser Martin Niewendick? Das will ich jetzt aber doch mal wissen. Ein Blog namens „Salonkolumnisten gibt mir erste Orientierungshilfe: „Politik-Redakteur bei der Welt, Blogger bei Ruhrbarone. Stationen bei Tagesspiegel, Spiegel, taz, Berliner Morgenpost, Jungle World and some funky shit. Ansonsten: Sprechsänger, Ruhrpott-Gewächs. Based in Berlin.“ Aha?

Als Rapper „Roni 87“ tritt Niewendick mit Rasta-Locken auf und nuschelt allerlei Zeugs, das uns wegen seiner absoluten Unverständlichkeit nicht weiter interessieren soll. Wie gut, dass der große Bob Marley das nicht mehr erleben muss…

Und das mit dem Mossad? Ist das ein Dummejungen-Scherz? Es wäre nur fair, wenn Niewendick sich in seinen Artikeln in der Mainstreampresse ausdrücklich in der Form eines Kommentars als Parteigänger der Netanyahu-Szene ausweisen würde. Vor kurzem erst echauffierte sich Niewendick in der alten konservativen Welt darüber, dass der scheidende Außenminister Sigmar Gabriel (von Niewendick als „Siggi Pop“ tituliert) weitere Hilfszahlungen Deutschlands an die UNO-Flüchtlingsorganisation UNRWA garantiert hat.

Die UNRWA kümmert sich ausschließlich um notleidende Palästinenser, die in den katastrophal unterversorgten Flüchtlingslagern in Jordanien, Libanon, Syrien, dem Gazastreifen, der Westbank oder in Ost-Jerusalem seit Jahrzehnten vor sich hin vegetieren. Die Bundesregierung unterstützte die UNO-Hilfsorganisation im Jahre 2017 mit 80 Millionen Euro. Der Autor unterstellt der Bundesregierung, sie würde mit diesem Geld Jihadisten finanzieren; die Palästinenser würden aus dem Geld „Märtyrerfonds“ aufbauen. Deshalb diffamiert Niewendick den scheidenden Außenminister als „treuen Freund der Jihadisten“.

Der Autor vergießt Krokodilstränen über die Perspektivlosigkeit der internierten Palästinenser, und beruft sich auf einen Experten namens Thomas von der Osten-Sacken, der einer Hilfsorganisation Wadi vorsteht und resümiert: „Der Status als Flüchtling sei quasi auf Lebenszeit festgeschrieben, da das Acht-Millionen-Einwohner-Land Israel die Eingliederung von rund sieben Millionen Menschen nicht bewerkstelligen kann.“

Wieder ein Fall von Zitierkartell, denn auch Thomas von der Osten-Sacken ist Teil des Problems, und nicht so sehr dessen Lösung. Auch von der Osten-Sacken schreibt durchaus bellizistisch, also Kriegs-bejahend, so ziemlich in den gleichen Presseorganen wie sein Mitstreiter Niewendick, schreibt aber zudem noch im Blog „Achse des Guten“. Am antideutschen Schwenk der Linkspartei war von der Osten-Sacken nicht ganz unbeteiligt.

Das Anti-Gabriel-Pamphlet veröffentlichte Niewendick dann auch noch im Blog Madrasa of Time. Hier bekommt Gabriel noch eine Clownsnase aufgesetzt.

Wer ist Madrasa of Time? Zunächst einmal: Madrasa ist arabisch und bedeutet einfach: „Schule“. Auf der linken Seite des Kopfbildes sieht man eine christliche Kirche. Auf der rechten Seite schweben drei Sterne Israels. Untertitel des Blogs: „Time of Counterjihad“. Der Heilige Krieg des Islam wird offenkundig in einem sehr verflachten Sinne als martialischer Krieg mit Panzern und Gewehren verstanden. Und dagegen, muss, so versteht es der Betrachter, ein Gegenkrieg mit Panzern und Gewehren geführt werden. Wie so viele dieser kriegerischen Blogseiten hat auch Madrasa of Time kein Impressum.

Nach deutschem Recht muss ein Presseorgan, ob gedruckt oder als im Internet, ein Impressum haben; also eine reale Person muss mit Kontaktdaten für den Inhalt des Blogs haften. Auf Madrasa of Time werden unter dem Deckmantel der Anonymität Personen, die für einen friedlichen Ausgleich zwischen Israel und Palästina werben, nach Herzenslust diffamiert. Nicht nur gegen Araber wird hier vom Leder gezogen, sondern auch und ganz besonders gegen den Iran.

Diffamierungen und Falschbehauptungen sogar gegen Regierungsmitglieder wie Sigmar Gabriel: das alles hindert eine Expertenkommission des Bundesministeriums des Innern nicht daran, in einem Dossier über Antisemitismus in Deutschland auch Autoren mit extremistischen Ansichten wie Martin Niewendick als seriöse Quelle zu zitieren. Oder, um es frei nach Shakespeare zu sagen: „Something is rotten in the State of Germany…”


Fussnoten:

1 Screenshot aus dem Artikel von Martin Niewendick
Das bizarre Treffen der antisemitischen Verschwörungstheoretiker
Veröffentlicht am 14.12.2017 bei welt.de
https://www.welt.de/politik/deutschland/article171606054/Das-bizarre-Treffen-der-antisemitischen-Verschwoerungstheoretiker.html

2 Screenshot aus dem Video
Tacheles: Martin Niewendick über Journalismus und Antisemitismus
Veröffentlicht am 06.11.2017 von Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V., JFDA
https://www.youtube.com/watch?v=u8Kc5OkbCgA.


Hermann Ploppa ist Politologe und Publizist. Er hat zahlreiche Artikel über die Eliten der USA veröffentlicht, unter anderem über den einflussreichen Council on Foreign Relations. 2008 veröffentlichte er „Hitlers Amerikanische Lehrer“, in dem er bislang nicht beachtete Einflüsse US-amerikanischer Stiftungen und Autoren auf den Nationalsozialismus offenlegte. Sein Bestseller „Die Macher hinter den Kulissen – Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern“ sorgt nach wie vor für angeregte öffentliche Diskussionen.


Mit Dank an Hermann Ploppa für die Zustimmung zur Übernahme seines Text, der zuerst am 23. März 2018 bei Rubikon erschienen ist. Die Veröffentlichung erfolgt im Rahmen der Creative Commons Lizenz 4.0 International.


Online-Flyer Nr. 652  vom 28.03.2018

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