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Aktueller Online-Flyer vom 21. August 2018  

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Kultur und Wissen
Zum Tod des Schweizer Sozial-Archivars Roland Gretler (30.5.1937 - 22.1.2018)
Im Panoptikum der vergangenen Zukunftshoffnungen
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

„Wenn wir uns mit geschichtlichen Fotos befassen, kann uns nichts davon befreien, die Geschichte der Fotos zu erforschen. Nur so können konkrete Bildinhalte uns helfen, Geschichte besser zu verstehen, und das ist wohl für uns Arbeiterfotografen der einzige mögliche Sinn des Umgangs mit historischen Fotos.“ Gegenstand der Betrachtung ist eine Aufnahme von 1931 mit dem Titel „Kösliner Str. 19, exmittierte lungenkranke Frau wohnte mit zwei Kindern mehrere Wochen im Hausflur“. Die Bildautorenangabe lautet: Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands, Arbeits-Kollektiv Berlin. Der Analyst des Bildes ist (1989) der zu Beginn des Jahres 2018 verstorbene Schweizer Archivar und Fotograf Roland Gretler. Damals nennt er seine in Zürich beheimatete Institution noch „Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung“, ein Archiv, das eine „gewaltige Hypothek an vergangenen Zukunftshoffnungen“ birgt.


Roland Gretler in seinem "Bildarchiv zur Geschichte der Arbeiterbewegung" in Zürich, 1992 (Foto: arbeiterfotografie.com)

„Das uns vorliegende Bild ist zweifellos ein Bild, das die Ansprüche der damaligen Arbeiterfotografen erfüllte. Der vom Blitzlicht verursachte Schwarz-Weiß-Kontrast unterstützt in diesem Fall die beabsichtigte Schockwirkung des Bildes. Hier wurde schlaglichtartig soziale Realität erhellt. Diese Bild will keine Story über ein persönliches Schicksal evozieren, wie es heute in der Boulevardpresse geschehen würde. Es fordert nicht zur Identifikation auf, es klagt die Not der ganzen Klasse, der diese Arbeiterfrau angehört, an. Hier schaut uns – vergleichbar mit gewissen Bildern von Kollwitz – die nackte existentiell bedrängte Kreatur in die Augen. Da gibt es keine Hilfe – oder doch? Das System ändern müßte man, Arbeit für alle schaffen, Häuser für die Obdachlosen bauen und nicht für den Profit der Kapitalisten: das Beispiel Sowjetunion weist den Weg.“ Das hier diskutierte Foto ist Bestandteil einer Reportage der Berliner Arbeiterfotografen, die unter dem Titel „Die deutschen Filipows“ in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung AIZ Nr. 48/1931 veröffentlicht wurde. (1)


Von Roland Gretler besprochenes Foto: Berlin, Kösliner Straße 19, exmittierte lungenkranke Frau wohnte mit ihren Kindern mehrere Wochen im Hausflur – Foto eines unbekannten Fotografen aus dem 1931 erschienenen Buch „Deutschland von unten – Reise durch die proletarische Provinz“ von Graf Stenbock-Fermor

„Bilder haben mich immer sehr bewegt. Und weil das so war, wollte ich mit Bildern wieder andere bewegen.“ Bilder waren das Metier des am 30. Mai 1937 in St. Gallen geborenen diplomierten Tropenlandwirts (Studium zum Agrikulturchemiker am Schweizerischen Tropeninstitut), Fotografen mit Ausbildung im bürgerlichen Fotostudio Meiner, beim prominenten Schweizer Werbefotografen René Groebli und zeitweiligen Werbestudioleiters der Agentur Rudolf Farner. Roland, Sohn eines Stickereizeichners und – nach Arbeitslosigkeit – zum Militär übergewechselten, im Grunde kreativen Vaters, entwickelt sich zum Rebell, Kommunist, ist hitzig, streitbar, listig, schelmig, dissident mit anarchistischem Anflug und gerät gar als „Berufsrevoluzzer“ in die „Fichen“. Das sind Karteikarten von Polizeiaufzeichnungen über seine politischen Aktivitäten, die ebenfalls in sein Archiv integriert sind, die aber nur einen Verweis auf weitere Aktenberge darstellen.

Vietnamkrieg und die 1968er Bewegung sind eine Herausforderung für den mit Talent zur Organisation ausgestatteten revolutionär-kreativen Roland, der beim Antipoden zum konservativ kapitalistischen Rudolf Farner abends Vorträge beim John Heartfield Biografen Konrad Farner über „Die Kunst der Revolution“ besuchte – was alles in den „Fichen“ säuberlich vermerkt wurde, wobei eine vom Fotografen Gretler gefertigte Bildserie für den Vortrag in die Hände der enttäuschten Schnüffler fiel. Fanden sie doch nur Bild-Reproduktionen von russischen Konstruktivisten statt die erhofften Pläne zum Aufruhr und Anleitungen für Sprengsätze.

Die Sprengsätze sind allerdings – wie beim vorbildlich politisch-satirischen Fotomonteur John Heartfield – künstlerischer und nicht einmal ausschließlich fotografischer Art. Der Krieg ist weit weg von den Wohlstandsenklaven insbesondere der „neutralen“ Schweiz. Seit 1964 ist Gretler vorübergehend Mitglied der Partei der Arbeit PdA, eine Nachfolgepartei der verbotenen Kommunisten. Er wird Mitbegründer des „Komitees zur Information über den Vietnamkrieg“. Vor der Haustür des europäischen Firmensitzes von US-Konzern und Napalm-Hersteller Dow Chemical in Zürich protestieren vor allem junge Menschen im April 1968 mit Bildern von Brandopfern der Napalm-Waffe. Anhand von brennenden Puppen demonstrieren sie die diabolische Wirkung der klebrigen Substanz mit Bestandteilen an weißem Phosphor (wie letzterer jüngst – 2014 – von Israel gegen die palästinensische Bevölkerung in Gaza eingesetzt), der nicht (mit Wasser) löschbar ist. „Ich bin überzeugt, dass Napalm eine gute Waffe ist, um Menschenleben zu retten. Es ist eine strategische Waffe und für die Verfolgung der Taktik, die wir eingeschlagen haben, erforderlich, wenn man übermäßig hohe Verluste amerikanischen Lebens verhindern will“, wird der damalige Dow-Chemical-Präsident Doan in einem Flugblatt zitiert. Die mitgeführten, von Roland Gretler reproduzierten und vergrößerten Fotos der Opfer vermitteln einen schockierenden Einblick in den Irrwitz des Krieges und des Kriegsgeschäfts. Wer wusste schon, dass seit 1963 über 100tausend Tonnen Napalm auf die vietnamesische Bevölkerung abgeworfen wurden, und dass 1967 für 37 Millionen US-Dollar weiterer Kampfstoff in Auftrag gegeben wurde,

Bereits 1967 marschiert am 20. Dezember unter der Regie von Roland Gretler durchs vorweihnachtliche Zürich eine als Hirten und Heilige Drei Könige verkleidete Gruppe der „jungen Linken“ gefolgt von einer 25köpfigen als Vietnamesen verkleideten Nachhut und Flugblatt verteilenden Akteuren in Engelsgestalt. Über mitgeführte Lautsprecher wird eine Tonkollage von Kriegsgebrüll und festlicher Musik, darunter Haydens „Halleluja“, Todesschreien und Politiker-Phrasen unter großem Beifall der Bevölkerung vorgetragen. „Der ganze Ablauf des Tonbandes dauerte ungefähr 15 Minuten und war – man sollte es gehört haben – schaurig schön. Von den vermummten Teilnehmern konnte vorläufig nur Roland Gretler, 37, der den ganzen Umzug ständig allein und ohne Maskerade anführte, erkannt werden...“, heißt es im Bericht des Kriminalkommissariats 3 der Stadtpolizei Zürich.


Roland Gretler, Zürich, 1984 - Fast 20 Jahre danach in den städtischen Ausstellungsräumen im Helmhaus „Bilder vom Krieg“ - Der damalige Stadtrat von Zürich hatte die Bewilligung der Ausstellung verweigert mit der Begründung: „Von Seiten der Öffentlichkeit besteht kein Interesse an einer solchen Schau.“

Und noch einmal werden Schweizer Bürger mit Napalmopfern, genauer mit dem Portrait eines unkenntlich verbrannten Kindes, hundertfach in verschiedenen Größen um einen Spiegel angeordnet, konfrontiert. Innerhalb des Kunstobjektes „Vietnam grüßt Zürich“ von Roland Gretler im Dezember 1971 in einer Ausstellung von 750 beteiligten Künstlern in der Züspahalle gibt ein Text Auskunft über das Anliegen der Präsentation in Altar ähnlicher Form: „Dieses Kunstwerk ist allen gewidmet, die seine Herstellung möglich gemacht haben. Zuerst dem Volk von Vietnam, aber auch der arbeitenden Bevölkerung von Zürich, ohne die das Werk ohne konkreten Inhalt bleiben würde. Im weiteren ist es dem Konzern Dow Chemical Co. gewidmet, der das Napalm herstellte und lieferte, mit welchem dieses vietnamesische Kind verbrannt wurde, und dessen europäischer Hauptsitz in Zürich ist und der jedes Jahr einem Schweizer Künstler ein Stipendium im Wert von einigen hundert Kilo Napalm gewährt...“ Der unvermeidliche Polizeibericht vermerkt: „Der Eröffnungszeremonie wohnten schätzungsweise 600 Personen bei... Ich glaube Gretler gesehen zu haben, aber ohne Schnauz und Bart... Vielleicht gibt diese Ausstellung darüber Aufschluss, von was die uns bekannten Berufsrevoluzzer wie Gretler leben.“


Ausstellungsobjekt „Vietnam grüßt Zürich“ von Roland Gretler bei einer Ausstellung in der Züspahalle in Zürich, Dezember 1971 (Foto: Bildarchiv / Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte)

Wovon leben? Gretler wird bespitzelt, 1968 „enttarnt“, denunziert auf einem Bild der Zürcher Zeitung Die Tat: „Der Kommunist Roland Gretler mit den langen Haaren, einer der Rädelsführer des Krawalls“. Der betreibt nun ein eigenes Atelier und arbeitet als Auftragsfotograf in Sachen Industriefotografie und Kunstreproduktion. Ab Mitte der 1970er konzentriert er sich auf den Aufbau des Bildarchivs zur Geschichte der Arbeiterbewegung, das er später umbenennt in Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte, sein Privatarchiv, das eine einzigartige Sammlung beherbergt. Aus seinen politischen Kontakten ergibt sich das „Erbe“ von Fotosammlungen (2). Der Kontakt zum 1929 gegründeten Arbeiterfotobund Zürich AFB und deren Fotoarbeiten im Jahr 1974 – darunter naturverliebte Landschaftsaufnahmen „Jenseits der Fabriken“ – bildet einen weiteren Grundstock zum Archiv, das vorwiegend aus Bildmaterial besteht, darunter auch selbst entworfene Plakate, z.B. von einem Motiv mit Jimi Hendrix. 1976 ruft Roland Gretler im Rahmen der Produzentengalerie Produga zur Gründung einer jungen Generation von ArbeiterfotografInnen auf, die aber auf die Dauer keinen Bestand hat, weil die Mitwirkenden ihre individuellen Wege verfolgen und ihnen das Thema „Arbeit“ – trotz beachtlicher Ergebnisse im Einsatz um die Gastarbeiter unterstützende Gegenbewegung zur Schwarzenbachinitiative – nicht ausreicht. Hans Peter Jost und Giorgio von Arb nehmen den Weg zum Berufsfotografen, der Uri Urech zum Filmer, Gertrud Vogeler ist Bildredaktorin der WoZ (siehe auch Fotogalerie in NRhZ 649 – Alpenblicke [http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24621]) Warum es nicht mehr funktioniert hat, begründet Roland damit: „Die Arbeiterfotografie hat doch hauptsächlich darin bestanden, gesellschaftliche Missstände zu dokumentieren und zu kritisieren. Die Menschen, denen es schlecht ging, sahen auch schlecht aus... In den 60er und 70er Jahren sieht man den Menschen nicht mehr an, ob sie arm oder reich sind... Wenn du sie in der Wohnung antriffst, siehst du dem Fernsehapparat nicht an, ob er bezahlt ist oder nicht. Der Grad der Entfremdung hat eine Stufe erreicht, dass nichts mehr das ist, was es darstellt, und alles was man sieht, hinterfragt werden muss...“


Roland Gretler mit Mitgliedern des Arbeiterfotobund Zürich (Oscar Burkhard, Edi Gottschall, Ernst Borer, Fritz Hodel), Zürich, 1992 (Foto: arbeiterfotografie.com)

Aber so, wie die Integrationsfigur der Schweizer Arbeiterfotografenbewegung Roland Gretler glaubte, der Begriff Bildarchiv... müsse im Panoptikum in ein breiteres Spektrum überführt werden, so ist auch „Arbeiterfotografie“ möglicherweise nur ein überkommener Begriff, unter dem sich sozialrelevante und gesellschaftskritische Fotografie dennoch, auch als künstlerische Konzeptfotografie betreiben lässt, die nach dem großen Vorbild John Heartfield gerade neue, spannende Wege finden könnte, Abstraktes zu visualisieren.

Umgekehrt erlebte Gretler als engagierter Bild- und Dokumentenbewahrer eine Enttäuschung hinsichtlich der erhofften Wirkmacht der Kulturgeschichte der Arbeiter auf die Arbeiter und auf die unsensiblen „Linken“. Sie werfen Ausstellungsobjekte in den Müll... haben ein gebrochenes Verhältnis zur eigenen Kultur, kaum Wertvorstellungen ihren eigenen Alltag betreffend.

Den Gewerkschaften macht er zum Vorwurf: „Der Sinn erschöpft sich nicht in banalen Lohnverhandlungen, wo es nur um Prozentli geht, Jahr für Jahr. Wenn das alles wäre, dann wäre nichts mehr da.“ (Bericht in DU, 1991)

Und so wie Roland Gretler einst seiner eingeborenen sozialen Schicht durch Aufstieg entkommen wollte, so kehrt er um so intensiver zu ihr zurück. Er wird zum Gedächtnis und zum Gewissen, letzteres das leidvolle Thema Krieg betreffend. Mit seinem Historikerblick fügt er Fotografie und Grafik zusammen, vergleicht Bilder aus Vietnam mit den Holzschnitten der Käthe Kollwitz, erklärt und referiert (Arbeiterfotografie-Symposium 1993, Berlin (3) die Absichten hinter den Darstellungen. So stellte ein Buchtitel aus dem Hause Rudolf Farner die invasive US-Armee in Vietnam als Retter der Bevölkerung dar. Als Kenner und Analyst steht er der Nachkommenschaft nun nicht mehr persönlich zur Verfügung. Aber der Traum, die „gewaltige Hypothek an vergangenen Zukunftshoffnungen“ noch einlösen zu können, muss weiter verfolgt werden – so kann oder muss das Erbe des Bildarchivs und Panoptikums auch verstanden werden.

„Denn die Bilder der Erinnerung sind sowohl Fragen als auch Antworten; indem sie das Vergangene vergegenwärtigen, stellen sie sich dem Schwinden der Zeit entgegen und retten das Leben, das gelebte, weiter in der Generationenfolge vor der Gewalt der Geschichte und nehmen dem physischen Tod seine Endgültigkeit.“


Fussnoten:

1 Darüber hinaus ist es enthalten in dem 1931 erschienenen Buch „Deutschland von unten – Reise durch die proletarische Provinz“. (hier: Zeitschrift Arbeiterfotografie Nr. 64, 1989)

2 Fotos aus dem Nachlass der antifaschistischen Hilfsorganisation Centrale Sanitaire Suisse, ...zusammen mit 10tausenden weiteren Fotos, darunter der Nachlass des 1929 gegründeten Arbeiter-Foto-Bundes Zürich

3
Zeitschrift Arbeiterfotografie, Ausgabe 76 (2/1995) teil 1 (link s.u.)
Zeitschrift Arbeiterfotografie, Ausgabe 77 (3/1995) teil 2
Zeitschrift Arbeiterfotografie, Ausgabe 70/71 (1/2/1992) „Schweiz“ - vergriffen
Zeitschrift Arbeiterfotografie, Ausgabe 64 (1989) „Geschichte“

siehe auch in dieser NRhZ-Ausgabe 650:
Berliner Arbeiterfotografie-Symposium „Fotografie in einer Neuen Welt“ (Teil 1)
Der Kampf gegen das Vergessen, Vortrag von Roland Gretler
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24659

Online-Flyer Nr. 650  vom 07.03.2018

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