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Aktueller Online-Flyer vom 19. September 2018  

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Kommentar
Über die Ideologie "Jüdisch-Zuerst"
Was zum Teufel?
Von Uri Avnery

WAS ZUM TEUFEL bin ich? Israeli? Jude? Friedensaktivist? Journalist? Autor? Ehemaliger Kampfsoldat in der israelischen Armee? Ex-Terrorist? Oder was? Alles das und mehr. Schon gut. Aber in welcher Reihenfolge? Welcher Aspekt ist der wichtigste? Zu allererst bin ich natürlich ein Mensch mit allen Rechten und Pflichten eines Menschen. Bis hierher ist es einfach. Wenigstens theoretisch. Dann bin ich Israeli. Dann bin ich Jude. Und so weiter.

EIN AUSTRALIER englischer Abstammung hätte keine Mühe, eine derartige Frage zu beantworten. Zuerst und vor allem ist er Australier und dann ist er Angelsachse. In zwei Weltkriegen eilte er Britannien zur Hilfe, ohne dass er das hätte tun müssen. Als im zweiten Krieg jedoch sein Heimatland in Gefahr geriet, eilte er nach Hause. Das war ganz natürlich. Es stimmt schon, Australien wurde vor allem von Briten geschaffen (darunter deportierte Straftäter), aber die geistige Welt eine Australiers wurde durch die geografische, politische und physische Umgebung Australiens geformt. Im Laufe der Zeit hat sich sogar seine physische Erscheinung verändert.

EINMAL sprach ich mit Ariel Scharon über das Thema. Ich sagte ihm, dass ich mich in erster Linie als Israeli sähe und erst in zweiter Linie als Jude. Scharon war im vor-israelischen Palästina geboren worden und entgegnete hitzig: „Ich bin in erster Linie Jude und erst danach Israeli!“ Dies sieht zwar wie eine überflüssige Diskussion aus, aber für das tägliche Leben hat die Sache eine sehr praktische Bedeutung. Zum Beispiel: Wenn dies ein „jüdischer“ Staat ist – wie kann er dann ohne die Vorherrschaft der jüdischen Religion existieren? Israel wurde von sehr säkularen Idealisten gegründet. Die meisten von ihnen betrachteten Religion als ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, als Niederschlag eines lächerlichen Aberglaubens. Dieser musste abgelegt werden und damit den Weg für einen gesunden modernen Nationalismus freimachen. Der Gründervater Theodor Herzl, dessen Bild in jedem israelischen Klassenzimmer hängt, war vollkommen areligiös, um nicht zu sagen antireligiös. In seinem bahnbrechenden Buch Der Judenstaat erklärte er, dass im künftigen zionistischen Staat die Rabbiner in den Synagogen bleiben und keinen Einfluss auf die öffentlichen Angelegenheiten haben würden.

Die Rabbiner antworteten unmissverständlich. Sie verfluchten ihn freiheraus und bedienten sich dabei der extremsten Ausdrücke. Sie glaubten, dass Gott der Allmächtige die Juden zur Strafe für ihre Sünden ins Exil geschickt habe und dass allein Gott der Allmächtige das Recht habe, sie zurückzubringen. Zu diesem Zweck werde Er den Messias senden. Sogar die deutschen Reform-Rabbiner, die damals eine kleine Minderheit waren, verdammten Herzl. Nur wenige Rabbiner traten gleich zu Beginn der zionistischen Bewegung bei.

In Jerusalem war eine bedeutende Gruppe orthodoxer Rabbiner, die sich Neturei Karta („Wächter der Stadt“) nannten, ganz offen antizionistisch. Viel später begegnete ich ihnen oft in Arafats Büro. Andere, etwas weniger radikale orthodoxe Rabbiner bestanden darauf, keine Zionisten zu sein, allerdings nahmen sie zionistisches Geld an. Jetzt gehören sie zur Regierungskoalition. Damals, als der Staat entstand, verachtete der führende Zionist David Ben-Gurion die Religiösen. Er glaubte, dass sie im Laufe der Zeit von selbst verschwinden würden. Deshalb (und um die Unterstützung der orthodoxen Juden im Ausland zu gewinnen und ihr Geld zu bekommen) machte er den Religiösen alle möglichen Zugeständnisse. Diese ermöglichten der religiösen Gemeinschaft, im Laufe der Zeit überproportional zu wachsen. Jetzt gefährden sie die Existenz unseres säkularen Staates.

Obwohl sie nur etwa ein Fünftel von Israels Bevölkerung ausmachen, stellen die Orthodoxen aller Schattierungen jetzt eine mächtige Kraft in der israelischen Politik dar. Sie waren einmal gemäßigt und hatten den Frieden befürwortet, wandten sich dann aber einem radikalen Nationalismus zu, der bei vielen zum religiösen Faschismus geworden ist. Ihr Einfluss auf das tägliche Leben dehnt sich immer weiter aus. Vor Kurzem gelang es ihnen, ein Gesetz zu verabschieden, das verbietet, dass Supermärkte am Schabbat geöffnet sind. Angehörige des extrem orthodoxen Flügels verbieten ihren Söhnen, in der Armee zu dienen. Sie fordern, dass es keine Soldatinnen geben solle oder dass wenigstens verhindert werde, dass sie irgendwelche Kontakte mit ihren männlichen Kameraden hätten.

Da die meisten Israelis die Armee als die (vielleicht) einzige einigende Kraft ansehen, die Israel verblieben ist, führt das zu einer ständigen Krise. Andere orthodoxe Flügel nehmen die entgegengesetzte Haltung ein: Sie betrachten die Armee als Instrument Gottes zur Reinigung des Heiligen Landes von allen Nichtjuden. Arabische Bürger Israels – mehr als 20% der Bevölkerung – dienen mit einigen Ausnahmen nicht in der Armee. Wie sollte man sich auch bei der Erfüllung von Gottes Plänen für Israel auf sie verlassen können? Wenn Ben-Gurion und alle gefallenen Soldaten meiner Generation hören könnten, wie es heute damit steht, würden sie sich im Grabe herumdrehen.

DIES IST nur eine der Erscheinungsformen der Ideologie „Jüdisch-Zuerst“. Etwas anderes ist die Frage nach Israels Platz in der Region. „Jüdisch-Zuerst“ zwingt zu einer ganz anderen Zukunftsperspektive als „Israelisch-Zuerst“. Ich war gerade einmal zehn Jahre alt, als meine Familie aus Nazideutschland nach Palästina floh. Auf dem Schiff von Marseille nach Jaffa trennte ich mich vollkommen vom europäischen Kontinent und verband mich mit dem asiatischen. Ich liebte ihn. Die Geräusche, die Gerüche, die Umgebung. Ich wollte mir alles zu eigen machen. Als ich mich im Alter von 15 Jahren dem Untergrundbefreiungskampf gegen die britischen Oberherren Palästinas anschloss, hatte ich das Gefühl, meine Kameraden und ich nähmen am allgemeinen Kampf einer neuen Welt gegen die westliche Vorherrschaft teil.

Damals nahmen wir alle einen bestimmten Sprachgebrauch an und merkten das nicht einmal. Wir unterschieden zwischen „jüdisch“, womit wir die Juden in der Diaspora (zionistisch „Exiljuden“ genannt) bezeichneten, und „hebräisch“, womit wir alles Lokale, Einheimische bezeichneten. „Jüdisch“ waren Religion, Ghettos, Jiddisch, alles dort draußen. Hebräisch waren wir, die erneuerte Sprache, die neue Gemeinschaft in unserem Land, die Kibbuzim, alles Lokale. Schließlich ging eine kleine Gruppe junger Intellektueller, die mit dem Spitznamen „Kanaaniter“ belegt wurden, noch viel weiter und versicherte, wir Hebräer hätten nichts mit den Juden gemein, wir seien eine ganz und gar neue Nation, eine direkte Fortsetzung der hebräischen Nation, die etwa 2000 Jahre zuvor von den Römern zerstreut worden war. (Diese Vorstellung wird übrigens von vielen nicht jüdischen Historikern bestritten. Diese behaupten, die Römer hätten nur die Intelligenz ins Exil geschickt. Die einfachen Leute aber seien geblieben, hätten den Islam angenommen und seien jetzt die Palästinenser.)

Als die Wahrheit über den Holocaust bekannt wurde, überflutete eine Welle der Reue die hebräische Gemeinschaft hier im Land. Jüdisch sein wurde zur herrschenden Selbstdefinition. Seit damals ist ein steter Prozess der Re-Judaisierung Israels im Gange. Als der Staat Israel gegründet wurde, wurde der Begriff „hebräisch“ durch den Begriff „israelisch“ ersetzt. Jetzt ist die Frage: zuerst „jüdisch“ oder zuerst „israelisch“? Die Antwort wirkt sich direkt auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aus. Für Herzl war es ganz einfach. Er war ein überzeugter Westler. In seinem Buch schrieb er die schicksalhaften Worte: „Für Europa würden wir dort (in Palästina) ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen." Mit anderen Worten: Der Gründer des Zionismus verstand den künftigen jüdischen Staat als Bastion des europäischen Imperialismus gegen die indigenen Völker. Schon vor 120 Jahren nahm er die gegenwärtige Situation vorweg. Der Zionismus folgt konsequent diesem Grundsatz. 

HÄTTE ES denn anders kommen können? Hätten wir uns denn wieder in die Region integrieren können? Ich weiß es nicht. Als ich jung war, glaubte ich es. Ich war 22 Jahre alt, als ich eine Gruppe gründete und „Junges Eretz-Israel“ (arabisch und englisch: „Junges Palästina“) nannte. Sie wurde allgemein als „Kampfgruppe“ bekannt und verhasst, weil wir in unregelmäßigen Abständen eine Zeitung mit diesem Namen herausbrachten. Als Jawaharlal Nehru in Neu-Delhi einen asiatisch-afrikanischen Kongress einberief, schickten wir ihm ein Glückwunschtelegramm. Nach dem Krieg von 1948 gründete ich eine Gruppe mit dem Namen „Semitische Aktion“. Sie widmete sich dem Gedanken, dass sich Israel in die „semitische Region“ eingliedern würde. Ich wählte den Begriff „semitisch“, weil er alle Araber und Israelis nach Abstammung und Sprache umfasst. 1959 lernte ich Jean-Paul Sartre in Paris kennen. Er hatte Vorbehalte gegen das Wort  „semitisch“, weil es ihm rassistisch klang. Aber es gelang mir, ihn zu überzeugen, und er veröffentlichte einen Artikel, den ich über das Thema geschrieben hatte, in seinen Temps Modernes.

JE „JÜDISCHER“ Israel wird, umso breiter wird der Abgrund zwischen ihm und der muslimischen Welt. Je „israelischer“ Israel wird, umso größer ist die Chance, dass es sich schließlich in die Region einfügt. Diese Idealvorstellung greift viel weiter als nur nach dem Ziel Frieden. Darum wiederhole ich: Ich bin in erster Linie Israeli und erst in zweiter Linie Jude.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert. Seine Schrift “Wahrheit gegen Wahrheit” steht als PDFzur Verfügung.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier. Das von ihr ins Deutsche übertragende Buch "Eine Theorie der gewaltfreien Aktion. Wie ziviler Widerstand funktioniert" von Stellan Vinthagen ist hier beschrieben und hier als PDF abrufbar.


Online-Flyer Nr. 647  vom 14.02.2018

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