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Aktueller Online-Flyer vom 23. Mai 2018  

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Kultur und Wissen
Aufruf zu einer ehrlichen und offenen Werte-Debatte jenseits von Ideologien
Das Zurückweichen vor Gewalt ermutigt Gewalttäter
Von Rudolf Hänsel

Der Mensch ist nicht definiert, von vornherein bestimmt, Wolf oder Lamm zu sein. Er ist frei, sein Leben selbst zu gestalten. Die Möglichkeit der Wahl ist die Möglichkeit des Guten und Bösen. Wenn er das Böse tut, so hat er sich zuvor dafür entschieden; er hat es zuvor gewollt. Der Ursprung des Bösen liegt nicht in der menschlichen Natur, aber in den Daseinsbedingungen, die der Mensch am Anfang der Zeiten auf der Erde vorgefunden hat. Die Gewalt erschien als ein Ausweg, als ein Mittel, das eigene Leben zu schützen und zu bewahren. Seitdem hat er sich immer wieder für das Böse entschieden, indem er die menschlichen Probleme durch Gewalttätigkeit zu lösen versuchte.


Computer-Spiel-Messe Gamescom (Foto: arbeiterfotografie.com)

Bei den täglichen Gewaltexzessen heute – ob in der Schule oder auf der Straße – geht es nicht um die Lösung schwieriger Probleme, hierbei sind andere Motive im Spiel. Diese zunehmende Gewalt ist eine Herausforderung für die liberale Gesellschaft. Unsere Reaktion ist inadäquat, wenn wir vor der Gewalt zurückweichen und damit den Gewalttäter ermutigen – anstatt ein entschiedenes Stoppzeichen gegen die Gewalt zu setzen. Als Beispiel wähle ich die Prävention von Jugendgewalt, speziell von Gewalt in der Schule und möchte damit aufrufen zu einer ehrlichen und offenen Werte-Debatte jenseits von Ideologien. Es ist an der Zeit zu handeln!

„Gewalt hebt den Menschen auf“

Friedrich Schiller beschreibt die Auswirkungen von Gewalt wie folgt: „Eben deswegen ist des Menschen nichts so unwürdig, als Gewalt zu erleiden, denn Gewalt hebt ihn auf. Wer sie uns anthut, macht uns nichts Geringeres als die Menschheit streitig; wer sie feiger Weise erleidet, wirft seine Menschheit hinweg. “ („Über das Erhabene“)

Was können wir tun – jeder auf seine Weise und an seinem Platz –, dieses Krebsgeschwür der Gewalt in unserem täglichen Leben einzudämmen, um weitere Gewalt-Opfer zu vermeiden? Nicht die Gewalt- und Kriegskultur in unserer Gesellschaft und die Machtgier in Politik und Wirtschaft stehen im Focus meiner Überlegungen, auch wenn sie der Nährboden und das Modell sind für die „Gewaltexzesse im Kleinen“ und mit einbezogen werden müssen. Es geht mir um die Alltags-Gewalt vor unserer Haustüre, von der uns Schülerinnen und Schüler wie auch Kindergärtnerinnen und Lehrkräfte erzählen, aber auch Ehefrauen, Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, Sozialarbeiter oder Krankenpfleger. Vor ihr sollten wir nicht zurückweichen.

Hans Joachim Schneider, Kriminologe, Psychologe und Gründungs-Präsident der „Weltgesellschaft für Viktimologie“ (Opferforschung), schreibt in „Kriminologie für das 21. Jahrhundert“: „Durch das Trauma der Viktimisierung (des Opferwerdens, der Autor) kann das Opfer in seinem Selbstkonzept so schwer geschädigt sein, dass eine Re-Viktimisierung, ein Rückfall-Opferwerden, wahrscheinlich wird. Es kann durch seine wiederholte Viktimisierung ein schwaches Selbstwertgefühl, niedrige Selbstbehauptungs- und Durchsetzungs-Fähigkeit und eine Schwächung seiner psychischen Selbstschutz-Mechanismen davontragen. Es kann die Zwecklosigkeit zielgerichteten Widerstandes verinnerlichen. Seine so entstandene Opferanfälligkeit kann Mehrfach-Opferwerden, eine Opferkarriere einleiten. Durch die verfehlte Reaktion auf die primäre Viktimisierung, auf das Opferwerden durch die Tat selbst, kann erneutes Opferwerden (sekundäre Viktimisierung) hervorgerufen werden.“ (S. 4)

Warum weichen wir vor Gewalt zurück?


Das Wissen um diese psychologischen Zusammenhänge sollte uns dazu verhelfen, aggressives Verhalten nicht länger zu „verstehen“ oder vor ihm zurück zu weichen und damit Gewalttäter zu ermutigen, mit ihrem aggressiven Verhalten fortzufahren. Eine mögliche Erklärung für dieses Verhalten könnte sein, dass viele von uns immer noch Aggressionstheorien anhängen (Hypothese vom Aggressionstrieb, Aggressions-Frustrations-Hypothese), die bereits seit Jahrzehnten widerlegt sind oder anderen falschen Theorien. Ein Beispiel:

Nach Auffassung des Kriminalpsychologen Uwe Füllgrabe kam in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im Zusammenhang mit der „68er Revolution“ eine Theorie bzw. neue Denkrichtung auf, die zur Förderung anstatt zur Verhinderung von Gewalt führte. Dieses völlig neue Paradigma sah die Ursachen für Gewalt und Kriminalität ausschließlich in gesellschaftlichen Ursachen wie Jugendarbeitslosigkeit, Armut, Wohnungsproblemen, Perspektivlosigkeit und bestimmten Schulformen. Demnach war „die Gesellschaft“ für viele Missstände und spezifisch für Kriminalität verantwortlich. Zudem war man der Meinung, dass Täter auf keinen Fall durch Sanktionen „stigmatisiert“ oder „ausgegrenzt“ werden sollten. Diese Überbetonung von sozialen Faktoren führte in der Folge zur Gewalt-Toleranz und damit zur Gewaltsteigerung bei jugendlichen Tätern.

Die Eigenverantwortung und die unterschiedlichen Persönlichkeitsstrukturen von Tätern wie z.B. ein impulsiver Lebensstil oder fehlender Lebenssinn wurden völlig ignoriert. Ebenso die Tatsache, so Füllgrabe, dass Jugendgewalt zumeist durch die Suche nach einem „Kick“, Spaß an der Gewalt oder durch mangelnde soziale Fähigkeiten ausgelöst und durch eine fehlende gesellschaftliche Reaktion verstärkt wird. Füllgrabe hat diese Gewaltförderung durch falsche Paradigmen am Beispiel der aufkommenden Rockergewalt in den 70er Jahren und des Hooliganismus beschrieben und belegt.

Und heute? Welche Entschuldigungen haben wir heute angesichts wieder zunehmender Jugendgewalt parat – auch in Bezug auf junge, aggressive Jugendliche mit Migrationshintergrund und Kriegserfahrung? Der erste Schritt einer Intervention und Prävention von Jugendgewalt ist, ein entschiedenes Stoppzeichen gegen Gewalt zu setzen? Und dann überlegen wir die nächsten Schritte.

Aufruf zu ehrlicher und offener Werte-Debatte jenseits von Ideologien

Wie gesagt, möchte ich den vorliegenden Beitrag verstanden wissen als Einladung zu einer offenen Diskussion. Diese Diskussion wird sehr kontrovers verlaufen, aber sie ist dringend nötig. Bezogen auf die Jugendgewalt und die Gewalt in Schulen sollten wir auf folgende Fragen praxistaugliche Antworten finden:

1. Sollen Heranwachsenden Werte vermittelt werden und wenn ja, welche und durch wen? Oder müssen Kinder und Jugendliche selbst herausfinden, was gut für sie ist?

2. Sind Anstand, Rücksichtnahme, Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft, Fleiß, Verantwortungs- und Gemeinschaftssinn noch erstrebenswerte Tugenden, die wir der Jugend vermitteln sollten? Oder stehen sie im Widerspruch zum Ziel der „Selbstverwirklichung“ und führen nur zu blinder Unterordnung unter autoritäre Strukturen?

3. Soll man Kindern und Jugendlichen Grenzen setzen? Oder sollen sie durch Ausprobieren selbst an ihre Grenzen stoßen? Sollten also Erzieher einschreiten, wenn Kinder und Jugendliche ihre Konflikte mit Gewalt „lösen“ wollen? Oder sollte man auf „Selbstregulierung“ vertrauen?

4. Tut es jungen Mensch gut, wenn sie sich täglich stundenlang mit gewalthaltigen Video-oder Computerspielen beschäftigen oder sich Abend für Abend auf allen TV-Kanälen Gewalttaten und Pornografie in sämtlichen Variationen anschauen? Oder wirkt sich dieser mediale Einfluss schädlich auf ihre gefühlsmäßige Entwicklung und ihr Verhalten aus und sollte deshalb eingeschränkt und kontrolliert werden?

Die offenkundige Uneinigkeit in der Gesellschaft über diese und weitere Fragen reicht der heranwachsenden Generation nicht zum Vorteil: Gewaltbereitschaft, Drogenmissbrauch und Nihilismus nehmen zu. Deshalb ist eine breite gesellschaftliche Diskussion dringend nötig, an deren Ende ein Konsens stehen sollte, um der Jugend wieder Orientierung und Halt geben zu können. Diese Diskussion sollte geführt werden ohne Tabuisierung und Abstempelung anderer Meinungen und muss sich unter anderem an den vielen wertvollen Forschungsergebnissen der Entwicklungspsychologie, besonders der Bindungs- und Erziehungsstilforschung sowie den Forschungsergebnissen zu den Bedingungen pro-sozialen Verhaltens und an der Medienwirkungsforschung orientieren.


Literatur:

Füllgrabe, U. Gewaltförderung durch falsche Paradigmen. reportpsychologie 1/2007, S. 12-27.

Lt. Col. Grossman, D. (2016) Assassination Generation. Video Games, Aggression and the Psychology of Killing. New York, Boston, London.

Hänsel R. / Hänsel R. (Hrsg.) (20062). Da spiel ich nicht mit! Auswirkungen von „Unterhaltungsgewalt“ in Fernsehen, Video- und Computerspielen – und was man dagegen tun kann. Eine Handreichung für Lehrer und Eltern. Donauwörth.

Heisig, K. (2010). Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter. Freiburg im Breisgau.

Schiller, F. (1801). Über das Erhabene. In: Kleinere prosaische Schriften. Kein Ort.

Schneider, H. J. (2001). Kriminologie für das 21. Jahrhundert. Schwerpunkte und Fortschritte der internationalen Kriminologie. Münster-Hamburg-London.




Dr. Rudolf Hänsel ist Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe und Experte für die Prävention von Schulgewalt, Jugendgewalt und Mediengewalt. Weitere Informationen unter www.psychologische-menschenkenntnis.de

Online-Flyer Nr. 644  vom 24.01.2018

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