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Aktueller Online-Flyer vom 21. Juni 2018  

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Kultur und Wissen
Russische Jugendliche als Botschafter der Versöhnung und des Friedens
„Komm wieder, Söhnchen, aber ohne Waffen!“
Von Rudolf Hänsel

Angesichts einer seit Jahrzehnten vorherrschenden russophoben Grundstimmung in unserem Land waren zwei Erlebnisse eine gefühlsmäßige Wohltat und ein Beispiel gelebter Vergebung und Versöhnung: das Theaterstück nach Erinnerungen deutscher Kriegsgefangener „Komm wieder – aber ohne Waffen!“, das russische Gymnasiasten auf einer Deutschlandtournee in Deutsch und Russisch präsentierten und die Trauerstunde zum Volkstrauertag 2017 im Deutschen Bundestag, in der russische Jugendliche gemeinsam ein Projekt realisierten, in dem es um die Schaffung von Frieden ging, ohne eine bestimmte Konfliktseite einzunehmen oder gar Kriegsverbrechen zu verharmlosen. Russische Schüler taten das, was eigentlich unser aller Aufgabe wäre: alles zu versuchen, um Krieg zu verhindern und auf Frieden mit unseren Nachbarn hinzuarbeiten.

Theaterstück als gelebtes „Nie wieder Krieg!“


Im vergangenen Oktober unternahmen Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus Nischni Nowgorod in Russland zusammen mit ihrer Lehrerin eine Tournee, die im Rahmen der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir (zwischen Nischni Novgorod und Moskau gelegen) in Erlangen begann und am Bodensee endete. Sie präsentierten in Deutsch und Russisch ein Theaterstück von Maria Kotschkina (Idee und Übersetzung: Rose Ebding) „Komm wieder, aber ohne Waffen!“, das in sieben Szenen die Erlebnisse von deutschen Soldaten in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft veranschaulicht. Es zeigt, wie die Soldaten als junge Menschen gegen Russland in den Krieg ziehen, gefangen genommen werden, in den Lagern Krankheiten und Hunger erleiden und schwere Arbeit leisten müssen. Aber es gab auch die andere Seite: das heimlich zugesteckte Brot, die verständnisvolle Geste, sogar Respekt, Zuneigung und Liebe, durch die viele Gefangenen den Lebensmut wiederfanden.


Buchtitel "Komm wieder – aber ohne Waffen", Herausgeber: Peter Steger, Bürgermeister- und Presseamt der Stadt Erlangen (2015) 340 Seiten; ISBN 978-3-944452-09-8

Dem Theaterstück liegt das gleichnamige Buch von Peter Steger (Hrsg.) zugrunde mit etwa 50 Berichten von ehemaligen deutschen Kriegsgefangenen in Wladimir und Nischni Novgorod (ehemals Gorki). Das Theaterstück war ein Projekt des Gymnasiums Nr. 1 mit erweitertem Deutschunterricht, einem Programm zur Förderung der deutschen Sprache und Kultur in den Ländern Osteuropas. Die jungen Russen trugen ihre Texte eineinhalb Stunden lang in Deutsch, in einer für sie fremden Sprache, vor – und das ohne Stocken. Ein Kriegsveteran, zusammen mit seinem Freund die Vorlage für den Helden im Stück, begleitete die gesamte Tournee. Nach den Vorstellungen bestieg der 95jährige Zeitzeuge die Bühnen und stellte sich den Fragen der Zuschauer. Er konnte keine bewusste Politik zur Vernichtung der Gefangenen feststellen, meinte er, wie sie im Dritten Reich gegenüber den russischen Gefangenen verübt wurde, von denen zwei Drittel (3,6 Millionen) als Folge von Hitlers ausgerufenen „Vernichtungskrieg gegen die russischen Untermenschen“ ums Leben kamen.

Zur Aufführung in Erlangen war ein weiterer 90jähriger Zeitzeuge aus Berlin angereist. Ein altes Mütterchen zupfte ihn damals in Wladimir kurz vor dem Heimtransport mit Tränen in den Augen am Ärmel und rief ihm zu: „Komm wieder, Söhnchen, aber ohne Waffen!“ Für die Nachkriegsgenerationen sind die Augenzeugenberichte der Eltern und Großeltern von großer Bedeutung. Eben auch diese Geschichte von deutschen Kriegsgefangenen in Russland, vor allem von der deutsch-russischen Freundschaft, vom Vergeben und Versöhnen. „Dieses Theaterstück ist ein gelebtes ‚Nie wieder Krieg!’, schrieb die Ideengeberin Rose Ebding im Programmheft, „- und diese Botschaft ist für die Schüler wichtig.“ Bei den drei Schulaufführungen am Bodensee lauschten die jungen Zuschauer atemlos und sichtlich beeindruckt bis zum Schluss der Darbietungen der gleichaltrigen russischen Darsteller. Viele verließen mit betroffenen Gesichtern den Saal, manche gar mit Tränen in den Augen. Eine Lehrerin sagte, sie habe noch keine Schultheater-Vorstellung erlebt, in der die Schüler so ruhig und konzentriert zuhörten.

Deutsch-russisches Schüleraustausch-Projekt 75 Jahre nach Weltkrieg II

Das zweite Erlebnis war ein deutsch-russisches Schüler-Austauschprojekt im Rahmen der Deutsch-Russischen Städtepartnerschaften mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK). Jeweils drei Gymnasiasten aus dem russischen Nowyj Urengoj und der Stadt Kassel sprachen am 19. November in der Trauerstunde zum Volkstrauertag 2017 im Deutschen Bundestag über ganz private Schicksale einzelner Menschen, die in die so genannte „Hölle von Stalingrad“ geraten waren. Der Volkstrauertag fiel dieses Jahr mit dem 75. Jahrestag des Befehls zur „Operation Uranus“ zusammen, der sowjetischen Gegenoffensive bei Stalingrad, die die Einkesselung der deutschen Truppen sowie deren rumänischer und italienischer Verbündeter zum Ziel hatte. Während die deutschen Schüler über die Schicksale zweier russischer Soldaten sprachen, thematisierten die russischen Schüler die dreier deutscher Militärs.
 
Der junge Russe Nikolaj Desjatnitschenko sprach über den deutschen Soldaten Georg Johann Rau, der in der Gefangenschaft ums Leben kam. Abschließend sagte er mit belegter Stimme: „Georgs Geschichte und die Arbeit an unserem Projekt haben mich sehr berührt und dazu gebracht, auch die Gräber der Wehrmachtssoldaten in der Nähe der Stadt Kopejsk zu besuchen. Dort hat es mich sehr betroffen gemacht, Gräber unschuldig gestorbener Menschen zu sehen, von denen viele friedlich leben und nicht kämpfen wollten. Sie haben zu Kriegszeiten so viele Schwierigkeiten erlebt, von denen mir auch noch mein Uropa erzählte, der damals selbst im Krieg war. Er allerdings kämpfte nicht lange, weil er bald schwer verwundet wurde. Otto  von Bismarck sagte einmal: ‚Jeder, der einmal einem auf dem Schlachtfeld sterbenden Soldaten in die glasigen Augen geschaut hat, denkt künftig zweimal nach, bevor er einen Krieg beginnt.’ Ich hoffe aufrichtig, dass einmal auf aller Welt der gesunde Menschenverstand walten wird und die Welt nie wieder Kriege sehen wird.“

Nikolajs Mitschülerin aus Nowyj Urengoj, Waleria Agejewa, zitierte anschließend Albert Schweitzer mit den Worten: „Soldatengräber sind die größten Prediger des Friedens.“ Und die dritte russische Schülerin erzählte die Geschichte ihres Urgroßvaters, der mit Hilfe eines deutschen Generals namens Hans aus der Gefangenschaft entkommen konnte. Laut „RT Deutsch“ ist die Initiative zwischen den Schulen in Nowyj Urengoj und Kassel kein einmaliges Projekt. So gäbe es unter der Schirmherrschaft des VDK zahlreiche Austausch- und Geschichtsprojekte, die über den direkten Kontakt Erinnerung, Verständnis und Frieden fördern wollen. Außerdem gilt zwischen Russland und Deutschland seit dem 6.12.1992 eine Vereinbarung, wonach die Gräber der einstigen Soldaten auf beiden Seiten erkundet und bewahrt werden sollen.

Russische Jugendliche als Botschafter der Versöhnung und des Friedens

Was mit dem deutsch-französischen Schüleraustausch nach dem Zweiten Weltkrieg gelang, das wünscht man sich auch für den deutsch-russischen Schüleraustausch: dass er einen Beitrag leisten kann zur Versöhnung der beiden seelenverwandten Völker, die von den USA gezielt verhindert wird.  Und dass er weiter beiträgt zum Abbau der Feindbilder, zum Ende der Dämonisierung des russischen Präsidenten Putin und zur Einstellung der immer lauter werdenden Kriegshetze der Journaille gegen Russland. Die Vorbereitungen für den nächsten Krieg sind ja bereits in vollem Gange. „Feindbilder (...), schreibt Hofbauer in seinem Buch „Feindbild Russland“, begleiten militärische Aggressionen oder gehen diesen voraus bzw. bereiten das Publikum an der Heimatfront auf entsprechende Maßnahmen vor. Sie sind Instrumente einer psychischen Herrschaftssicherung zur Herstellung einer Massenloyalität’, (...) (S. 9). Und eine der führenden Russland-Expertinnen Deutschlands, Krone-Schmalz, schreibt im Vorwort ihres Buches „Russland verstehen“: „Wie ist es um die politische Kultur eines Landes bestellt, in der ein Begriff wie ‚Russlandversteher’ zur Stigmatisierung und Ausgrenzung taugt?“


Literatur

Ebding, R. (2017). Programmheft „Kommt wieder, aber ohne Waffen.“ Erlangen.

Hofbauer, H. (2017). Feindbild Russland. Geschichte einer Dämonisierung. Wien.

Krone-Schmalz, G. (2015). Russland verstehen. Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens. München.

Steger, P. (Hrsg.) (2015). Komm wieder, aber ohne Waffen! Erlangen.




Dr. Rudolf Hänsel ist Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologe. Sie erreichen ihn unter www.psychologische-menschenkenntnis.de

Online-Flyer Nr. 639  vom 29.11.2017

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