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Inland
Rede beim Festakt zur DDR-Gründung vor 68 Jahren, Bochum, 7.10.2017
An Alle: macht Frieden!
Von Klaus-Dieter Erber

Liebe Mitglieder, Freunde und Gäste des DDR-Kabinett Bochum, liebe Genossinnen und Genossen! „An alle: macht Frieden“ – Mit diesem Ausspruch trat die Sowjetunion in die Geschichte. Auch nach 100 Jahren ist das Dekret einer Partei - dem „Dekret über den Frieden“ - ein Gebot für die Welt! Was 1917 in die Geschichte eintrat, erschien vielen als irreal, manchen allenfalls als Möglichkeit, als Versuch. Mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems fühlten sich diese in ihrer Auffassung bestätigt. Betrachten es als Weltexperiment, welches gescheitert ist. Mitnichten, es kann nicht die „einzige und unumstößliche Wahrheit“ geben wie man uns glauben machen will. Nichts bleibt so, wie es einmal war und dazu gehören auch die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Was bleibt und unveränderlich ist. Ist der Ruf nach Frieden!


Klaus-Dieter Erber am 7.10.2017 in Bochum (Fotos: arbeiterfotografie.com)

Frage nach dem Weiterleben der Menschheit

Es stellt sich schon längst nicht mehr die Frage nach gerechtem oder ungerechtem Krieg, nach Siegern oder Besiegten. Es stellt sich die Frage nach dem Weiterleben der Menschheit. Was haben uns die Kriege geholfen wenn die Menschheit ausgerottet ist, was nützt uns ein atomar verbrannter Erdball? Die Sicherheit jedes einzelnen Staates hängt immer stärker von der internationalen Sicherheit ab, denn der Weltfrieden ist unteilbar. Die bestehenden gemeinsamen Unsicherheiten müssen daher in gemeinsame Sicherheiten verwandelt werden. Die Menschheit ist zusammengerückt. Die Gefahren sind ebenso globaler Natur, wie Möglichkeiten diese abzuwenden.

Im August 1968 erlebte ich als 8 jähriges Kind für mich einprägsam fürs Leben die ersten Begegnungen mit unseren sowjetischen Freunden. Ich brauchte nur aus unserem Bauernhaus am "Reiterberg" in Marienberg und 50 Meter über die Straße zu gehen und ich war mittendrin im letzten Feldlager der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland vor der Grenze zur CSSR im nahen Reitzenhain. Ich war noch zu jung um den Ernst der Lage zu begreifen, vielmehr interessierten mich die Soldaten und die Technik. Ich sah die Soldaten, wie sie die Abdeckungen der Waffen entfernten, saß zum ersten Mal in einem Panzer, in einem Hubschrauber und durfte mit den Offizieren in ihren Fahrzeugen durchs Feldlager fahren. Ich saß mit am Lagerfeuer und lauschte der mir fremden Sprache und den gesungenen Liedern.

Nur meine Mutter konnte sich mit meiner Begeisterung nicht anfreunden. Sie hatte Angst. Ich bezog ihre Angst auf meine Person, ihrem Sohn. Sie brauchte doch um mich keine Angst zu haben, denn ich war doch bei meinen neuen Freunden. Erst viel später erfuhr und begriff ich ihre Angst. Sie war in meinem Alter, als der Krieg den Deutschland in die Welt hinaus geschickt hatte, nach Deutschland zurückkehrte. Sie hatte die Bilder des schrecklichen Krieges wieder vor Augen, erinnerte sich an den Flüchtlingsstrom, der sie in ihre neue und später unsere Heimat dem Erzgebirge brachte.

Als Wochen später die unendlich erscheinende Kolonne sowjetischer Militärfahrzeuge sich aus der CSSR kommend wieder in Richtung Marienberg wälzte, stand sie mit mir an der Straße um den Soldaten zuzuwinken. Ich bemerkte an ihr, ohne es deuten zu können eine Veränderung, denn Sie hatte Tränen in den Augen. Ja, heute kann ich sagen, es waren Tränen, Tränen einer Mutter in der Hoffnung nie ihren Sohn beweinen zu müssen.
Und ich? Ich jubelte meinen Freunden zu, denn es waren doch die selbigen Soldaten die ich im Feldlager kennengelernt hatte, so glaubte ich es jedenfalls.

Zurück blieb eine kleine Kaserne der sowjetischen Garnison Karl-Marx Stadt im Hochmoor von Kühnhaide mit wenigen Offizieren und Soldaten. Ich erinnere mich noch gern an Begegnungen mit ihnen, wenn wir in den Wäldern waren um Blaubeeren zu sammeln und Pilze zu suchen, aber auch wenn es im Milchhaus nach Benzin roch, weil die Genossenschaftsbauern wieder Mal reinen Benzin mit "Hochprozentischen" getauscht hatten. Ende der 70er/ Anfang der 80er Jahre wurden die Soldaten dann abgezogen, ohne, dass wir uns von ihnen verabschieden konnten. Was blieb waren Kindheitserinnerungen an sowjetische Freunde.

Diese Erinnerungen wurden vor wenigen Tagen wieder aufgefrischt, als ich von einem Kühnhaidener Einwohner aus einem Nachlassbestand zwei Uniformen der Sowjetarmee für mein Polizeihistorisches Museum Schönfeld erhielt. Lange Zeit aufbewahrt und in Ehren gehalten.

Beseitigung aller Kernwaffen - oder die Entwicklung von Millionen Jahren kehrt ins Nichts zurück

Die Sozialistischen Staaten - allen voran die Sowjetunion - haben in den Jahren ihres Bestehens vielfältige Vorschläge unterbreitet: Erinnert sei hier nur an die 80er Jahre, an die Vorschläge der UdSSR zur Beseitigung aller Kernwaffen bis zum Jahr 2000 vom 15. Januar 1986 und der Budapester Appell der Warschauer Vertragsstaaten zur Abrüstung in Europa vom Atlantik bis zum Ural vom Juni 1986.

Am 06. August 1986, dem Jahrestag der ersten Atombombenexplosion, hielt der Kolumbianische Literatur-Nobel-Preisträger Gabriel Garcia Marques in Mexiko eine Rede, in der er sagte:

„Seit dem Erscheinen des sichtbaren Lebens auf der Erde mussten 380 Millionen Jahre vergehen, bis ein Schmetterling fliegen lernte, weitere 180 Millionen Jahre, um eine Rose zu erzeugen ohne andere Verpflichtungen als schön zu sein und vier geologische Epochen bis Menschenwesen fähig wurden, besser zu singen als die Vögel und aus Liebe zu sterben. Es ist nicht ehrenhaft für das menschliche Talent, in dem goldenen Zeitalter der Wissenschaft, einen Weg ersonnen zu haben, um eine so enorme und aufwendige Entwicklung von Millionen Jahren in das Nichts zurückkehren zu lassen, aus der sie kam: durch die einfache Kunst, auf einen Knopf zu drücken.“

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands führten zugunsten der USA geschlossene Verträge dazu, dass die Sowjetarmee Deutschland bis 1994 zu verlassen hatte. Die amerikanischen Truppen blieben hiervon verschont. Soldaten durften in Deutschland bleiben, aus dem Land der Vereinten Staaten von Amerika, einem Land,
  • das seit dessen Gründung im Jahr 1776 an weit mehr als 220 kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligt war,
  • wo der längste friedliche Zeitraum seit der Unabhängigkeitserklärung ganze fünf Jahre dauerte,
  • und einem Land, das mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki, die seit Menschheit Gedenken größten Kriegsverbrechen und Völkermorde verübte.
Mit den gesellschaftlich-politischen Veränderungen nahm die Friedenspolitik einen heute deutlich zu spürenden Schaden. Die weltanerkannte Friedenspolitik der Sowjetunion wurde und wird in Abrede gestellt und damit negiert man auch den immensen Beitrag, den die DDR mit ihrer Friedenspolitik geleistet hat. Russland wird zum Staatsfeind erklärt und für alles verantwortlich gemacht, was nicht ins politische Bild passt. Hinzu kommt, dass Politiker mit Waffenlobbyisten gemeinsame Sache machen.

Die Bundesregierung hat im ersten Halbjahr 2017 Rüstungsexporte im Wert von 3,5 Milliarden Euro genehmigt. Hierbei handelt es sich um einen der höchsten Halbjahreswerte überhaupt. Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) hatte sich einst als Wirtschaftsminister eine einschränkende Rüstungsexportpolitik auf die Fahnen geschrieben. Ergebnis, man predigt Wasser und säuft Wein.

Im August 1968 waren keine Angehörigen des Motschützenregiment „Max Roscher“ Marienberg mit in der CSSR. Im Juli 2017 wurden etwa 450 Soldaten des Panzergrenadierbataillons 371 der Erzgebirgskaserne Marienberg, mit dem offiziellen Auftrag „zur Abschreckung Russlands“ an die Ostflanke des Nato- Bündnisgebiets nach Litauen gesandt. So also sieht die Reaktion auf die Worte unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (SPD) aus, als er noch als Außenminister vor „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“ warnte und sagte:

"Wer glaubt, mit symbolischen Panzerparaden an der Ostgrenze des Bündnisses mehr Sicherheit zu schaffen, der irrt. Wir sind gut beraten, keine Vorwände für eine neue, alte Konfrontation frei Haus zu liefern." - Worte nichts anderes als Verblendung und Wahlpropaganda.
 
Der letzte Chemnitzer überlebende des KZ Auschwitz der am 21.04. dieses Jahres die Ehrenbürgerschaft der Stadt Chemnitz erhielt, sagte einmal zu mir bezugnehmend auf innere und äußere gesellschaftliche Entwicklungen:

Klaus-Dieter ich habe Angst! Ich habe vieles von dem, was heute geschieht, schon einmal erlebt. Worte, die sich tief in mein Bewusstsein eingeprägt haben und Mahnung genug sein sollten.

„Laßt das Licht des Friedens scheinen, daß nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint“!

Ein in heutiger Zeit unerfüllter Wunsch, denn wieder kehren Soldaten in Diensten einer Deutschen Armee in Särgen in ihre deutsche Heimat zurück, kommen traumatisierte deutsche Soldatinnen und Soldaten nach Hause, oft unfähig ein normales Leben wieder führen zu können.

Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind

Ans Ende meiner Ausführungen habe ich Worte von Bertolt Brecht gestellt - ein Auszug aus seiner Rede für den Frieden, 1952. Niedergeschrieben unter anderem in der gemeinsamen Publikation "Soldaten für den Frieden - Frieden war und ist unser Lebensinhalt" der Initiativgesellschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger der bewaffneten Organe und der Zollverwaltung der DDR e.V. und des Verbandes zur Pflege der Traditionen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR – erschienen Berlin, im März 2017.
    „Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist
    erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende
    Leiden ist fast noch geringer. Diese Abgestumpftheit ist
    es, die wir zu bekämpfen haben, – ihr äußerster Grad ist
    der Tod.

    Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie
    Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich
    haben, so wenig tun sie dagegen.

    Und doch wird nichts mich davon überzeugen, dass
    es aussichtslos ist, der Vernunft gegen ihre Feinde
    beizustehen.

    Lasst uns das tausendmal Gesagte immer wieder sagen,
    damit es nicht einmal zu wenig gesagt wurde! Lasst uns
    die Warnungen erneuern, und wenn sie schon wie Asche
    in unserem Munde sind!

    Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche
    die vergangenen wie armselige Versuche sind. Und sie
    werden kommen ohne jeden Zweifel, wenn denen,
    die sie in der Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände
    zerschlagen werden.“
Liebe Mitglieder, Freunde und Gäste des DDR-Kabinett Bochum, liebe Genossinnen und Genossen! An Alle - macht Frieden! Und dies im Schulterschluss mit Russland! Glück Auf!



Werbematerial für das Polizeihistorische Museum Schönfeld - Stadt Olbernhau am 7.10.2017 in Bochum


Klaus-Dieter Erber am 7.10.2017 in Bochum


Klaus-Dieter Erber ist Leiter des Polizeihistorischen Museums Schönfeld - Stadt Olbernhau / Erzgebirge.


Siehe auch:

Fotogalerie
Festakt des DDR-Kabinett Bochum am 7.10.2017 zur DDR-Gründung vor 68 Jahren
Frieden nur in Freundschaft mit Russland
NRhZ 632 vom 11.10.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24211

Online-Flyer Nr. 632  vom 11.10.2017

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