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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Literatur
Peter Wawerzinek schreibt in seinem neuen Buch "Bin ein Schreiberling" über seine Existenz als Autor
"Am Schreibtisch hört die Idylle auf"
Von Jochen Knoblauch

Der 1954 in Rostock geborene Wawerzinek will sich nicht kleiner machen als er ist, und – was durchaus wichtig ist für einen „öffentlichen“ Menschen – er mag sich, was vielleicht nicht jedem Künstler gegeben ist. Er beschreibt in seinem Buch u.a. den Unterschied zwischen einem Schriftsteller, der er nicht sei, und der Existenz eines Schreiberlings. Wobei er selbst den Begriff für sich wählte, weil er ein „Feldarbeiter“ ist, ein Schreib-Handwerker, der immer hartnäckig geblieben ist. Der „Heißhunger auf Schreiben...“ muss erhalten bleiben.

Die Berge an Papier, die dann nicht zur Veröffentlichung kommen sind größer als jene die es dann als Buch schaffen gedruckt zu werden. Wawerzinek schreibt sich, nach diversen Rückschlägen langsam in die erste Liga der deutschen Schriftsteller, was von ihm dann allerdings flux relativiert wird, wenn er schreibt: „… wurde in den Literaturbetrieb aufgenommen, als Liftboy, nicht in die Chefetage.“ Aber irgendwann wird er oben aussteigen, und die anderen Kollegen werden sich wundern, warum der Wawerzinek so einen komischen grauen Anzug an hat und ständig mit dem Fahrstuhl hoch und runter fährt.

In gewohnt poetischer Sprache lässt Wawerzinik sein bisheriges Schaffen Revue passieren. Weniger eine Bestandsaufnahme des bisherigen Schaffens, als die Herstellung von Kausalität seines – meist unruhigen Nomadensein – und seinem Kampf mit den Worten. Er ist in der DDR groß geworden, und natürlich zog es ihn in die Szene vom Prenzlauer Berg mit all ihren kreativen und aufrührerischen Geistern, aber der Norddeutsche wurde (auch) da nicht besonders warm, und er lässt irgendwie kein gutes Haar, weder an den Schriftstellern noch an den DDR-Oppositionellen. Wenngleich zahlreiche Menschen ihm hier und da begleitet,sie sich gegenseitig geschätzt haben. Aber es geht auch nicht um Personen, sondern eher um Gruppierungen, denen er sich nie hundertprozentig anschließen kann. Seine Beschreibung der Ost-Berliner-Szene vor dem Mauerfall ist solidarisch und liebevoll. Jede Entbehrung eine Erfahrung für‘s Leben (und letztlich der West-Berliner Künstlerszene nicht unähnlich). Aber ein Tingeln durch die DDR-Provinz mit Kumpels als Dadaisten liegt ihm mehr. Denn: „Die Szene war voll wie ein Rettungsboot, kein Platz für uns.“

Doch Wawerzinek schlägt sich durch mit aller Kraft. Auch einige Jahre, die durch zu viel Alkohol ihn lahmlegen sein Schreiben beeinträchtigen werden nicht verschwiegen. Er verlagert sich auf Stipendien, auf Stadtschreiberei – dorthin, wo die Schriftsteller nicht mehr hin wollen. Jene Schriftsteller werden nicht verteufelt, wenngleich eine gewisse unsympathische Haltung ihnen an zu haften scheinen. Sie mäkeln rum, essen Häppchen und schlürfen Champus mit sehr wichtigen Menschen usw. Wawerzinek sind die ganz normalen Typen da lieber, jedes Brimborium scheint ihm irgendwie nicht zu passen. Er ist ein Menschenfreund. Und er kocht gern, und hockt lieber mit ganz normalen Menschen am Küchentisch herum.

Sein Autorenleben ist mühselig, aber die Liebe zum Schreiben ist ihm wichtig. Alles fing an mit Liebesbriefen, die er für andere Jungens verfasste, sozusagen ein Cyrano de Bergerac von der Ostsee. Sein Schreiberling-Dasein erschöpft sich eben auch nicht nur im Schreiben, sondern auch durch diverse öffentliche Auftritte, durch Lesungen, die er gerne und zahlreich absolviert. Er beschreibt sich selbst dann auch als Rampensau, und das muss eben ein Schreiberling auch sein. Das Schreiben als solches ist für Wawerzinek durch Disziplin und Musik möglich. Die Texte erhalten ihren Rhythmus durch die unterschiedlichste Musik, die er beim Schreiben hört. Und man muss eben raus gehen, auf die Straße, oder eben mit dem Tram durch die Stadt fahren um, nicht nur Gespräche zu belauschen, sondern sie auch zu führen.

Ein beeindruckendes Beispiel seiner Schreibart war sicher die Beschreibung eines Küchenfensters ohne das Wort „Fenster“ oder „Glas“ zu benutzen. Was ihm sicherlich auch beim Schreiben hilft, ist sein Humor. Ein feiner, norddeutscher – und bei ihm auch poetischer – Humor.

Was den Literaturbetrieb angeht, steckt er vielleicht schon tiefer drin als er glaubt. Aber sein mit Drehbuch und Regie durchgeführten Auftritt beim Ingeborg Bachmann-Preis in Klagenfurt 2010 (Publikumspreis für seinem Roman „Rabenliebe“) ist schon lesenswert und eine Anleitung für alle Nachkommenden. Wawerzinek zeigt aber auch, dass Literatur, die mit Herzblut geschrieben wird den Betrieb als solches nicht braucht, sie setzt sich einfach irgendwann durch. Die Frage bleibt nur, wer fähig ist durch zu halten.

Die biographisch gefärbten Kapitel, die gespickt mit Anekdoten und Lebensweisheiten sind, die seine Arbeitsweise beschreiben, machen Spaß und sind nicht nur für Schreibende interessant. Sie geben Einblick in die Schwierigkeiten von einem, der versucht vom Schreiben zu leben, was in diesem Land wahrlich nicht einfach ist.

So beschreibt er dann auch, was er mit seinen Händen alles macht – außer Schreiben – und dies auch durchaus von einem Schreiberling wissen dürfen, macht ihm zum Schreibarbeiter. Was er nicht kann, sei Zigaretten drehen: Lieber Peter Wawerzinek, gerne würde ich Dir dies beibringen. Man weiß nie wofür man dies mal brauchen kann, auch wenn Du selbst nicht rauchst. Einfach um der Literatur willen…


Peter Wawerzinek: Bin ein Schreiberling



TRANSIT Buchverlag Berlin 2017, 143 Seiten, 18 Euro

Online-Flyer Nr. 632  vom 11.10.2017

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