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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Kommentar
Kommentar vom Hochblauen
Im Tiefpunkt der medialen Berichterstattung
Von Evelyn Hecht-Galinski

In der Tat: deutsche Medien haben eine "besondere" Verantwortung, sich endlich vom Druck durch die Israel-Lobby zu befreien, also über die ethnische Säuberung Palästinas so zu berichten, wie es von sauberem Journalismus erwartet wird. Ich erinnere mich noch sehr gut an die wöchentlichen Pegida-Demonstrationen, die nichts an Argumenten brachten als blanken Hass. Aus diesem Schoß kroch die AfD, und sie konnte dank der vielen Unzufriedenen und Abgehängten ihr Wählerpotential erhalten. Was sich in anderen Teilen Europas schon sehr viel früher abzeichnete, erleben wir - allerdings in abgeschwächter Form - auch in Deutschland.

Besonders erschreckend daran ist, dass gerade diese Rechtspopulisten an der Seite des "Jüdischen Staates" stehen und diesen als Bollwerk gegen den Islam feiern. Alle diese Rechten pilgerten schon nach Israel und wollten damit die Juden gegen die "islamische Terrorbedrohung" unterstützen und damit eine anti-islamische Front bilden. Nicht umsonst gilt heute der "Jüdische Staat" den Rechtsextremen als Vorposten des "christlich-jüdischen Abendlandes“, den es zu erhalten gilt, gegen den gemeinsamen Feind Islam und gegen muslimische Bürger. Dadurch gewannen sie viele Freunde in Israel. Ist man sich doch so ähnlich in den Zielen.

Was wir jetzt also sehen, ist das Ergebnis vieler medialer Versäumnisse, dass an den brennenden Problemen vorbei berichtet wird, stattdessen diese gefährliche Strömung noch gefördert wird. Dass sich der "Jüdische Staat" längst von demokratischen Werten entfernt hat und sich immer mehr zu einem rassistischen Apartheidstaat entwickelt hat, der an den Medien und offizieller Politik vorbei walten und schalten kann, sich seiner Macht so sicher sein kann, dank massiver finanzieller und politischer Hilfe. Dass Kritiker des "Jüdischen Staates" und BDS-Unterstützer massiv bekämpft werden.

Wenn es um die Berichterstattung über den "Jüdischen Staat" geht, dann begibt sich jeder Journalist oder jedes Medium auf ein durch die Israel-Lobby vermintes Gelände. Sobald ein Journalist es wagt, nicht konform zu berichten, kommt das Echo. 

Entlarvende Veranstaltung

Lassen sie mich also von einer gerade für Deutschland ganz typischen Podiumsdiskussion berichten, zu der die Deutsch-Israelische Gesellschaft DIG in den Räumen des Rundfunks Berlin Brandenburg (rbb) "eingeladen" hatte. Diese Veranstaltung entlarvte genau diese Problematik, allerdings anders als von den Veranstaltern beabsichtigt.

Es war eine mehr als fragwürdige Diskussionsrunde, die sich dort unter dem Titel "Das Israelbild in deutschen Medien" eingefunden hatte. Schließlich war man "unter sich", indem man nur Befürworter des "Jüdischen Staates" auf das Podium gebeten hatte: den "Stahlhelmjuden" Michael Wolffsohn, den Vorsitzenden der Bild-Chefredaktion, Julian Reichelt, sowie für die beiden Chefredakteure von ARD und Deutschlandfunk DLF, Rainald Becker und Birgit Wentzien.

Was dann noch an "Fachexperten" der Israel-Lobby vertreten war, spricht Bände. Da hielt die Vize-Vorsitzende der DIG eine Begrüßungsrede, in der sie die "tendenziöse anti-israelische" Berichterstattung kritisierte, die eine Richtung "emotionalisiert", wovon dann die Politik auch betroffen sei. Es wäre an der Zeit, dass sich die Medien "als vierte Gewalt" bewusst sein müssten. Es sei der richtige Zeitpunkt, endlich den Umgang deutscher Medien mit Israel zu debattieren.

Als dann ein führendes Mitglied der DIG, Gesine Palmer, eine "christliche Zionistin", evangelische Theologin, die auch Pädagogik und Judaistik  studierte, auch im "Jüdischen Staat" bemängelte, dass Israel mehr zu bieten habe als Gewalt und Terror, da vergaß sie allerdings zu erwähnen, dass der Besatzungs- und Siedlungsterror immer vorhanden ist und daher niemals unbeachtet bleiben darf. Diese international als völkerrechtswidrig anerkannte Politik der Unterdrückung eines Volkes ist einmalig.

In der Tat ist es schon überfällig, dieses Thema immer und immer wieder auf den Tisch zu bringen, zumal die Berichterstattung über den "Jüdischen Staat" so gut wie nur noch aus Weglassen oder tendenziösem Israel-Verständnis besteht.

Verständlich, dass diese Veranstaltung gut besucht war, weil diese Tatsachen inzwischen auch dem normalen "Medien-Konsumenten" aufgefallen sind. Wie mir Berliner Freunde, die diese Propagandaveranstaltung besucht hatten, berichteten, gab diese Diskussion genau das Spiegelbild des heutigen mehr als traurigen Journalismus wieder. Es war ein einseitiger und mehr als unbefriedigender Abend, der sich dort abspielte.

Als der "Stahlhelmjude" Wolffsohn, nicht nur die "fehlende" Empathie - sondern auch noch unverschämter - "einseitige" Berichterstattung, bis hin zur Manipulation und damit besonders auch die im "Jüdischen Staat" arbeitenden Korrespondenten kritisierte, da war das Maß voll. Die Stimmung im Saal war zum zerreißen gespannt und drohte zu explodieren, wie mir Freunde berichteten, aber keiner wagte es, offen zu opponieren.

Als dann auch noch DIG-Präsidiumsmitglied und Journalist Daniel Killy seinen Kollegen fehlende Sensibilität und Sachkenntnis vorwarf, sowohl den schreibenden, als auch den Fernsehjournalisten wenn sie falsche Worte wählen würden, die dann "negative" Assoziationen wecken würden.

Diese mehr als empörende Veranstaltung, zumal noch in einem Raum eines öffentlichen Senders stattfindend, war mehr als kläglich wie ich es empfand für die beiden teilnehmenden Vertreter der Sender. Becker und Wentzien wehrten sich zwar gegen Pauschalkritik, aber ihre Verteidigung war mehr als devot und substanzlos. Sie versuchten sich quasi zu rechtfertigen für ihre Berichterstattung.

"Kollege" Killy von der DIG forderte "sprachliche Vorgaben" seitens der Chefredaktion sowie für die Israel-Berichterstattung "eine Liste von Begriffen mit Begriffen, die Redaktionen in diesem Kontext künftig meiden oder zumindest wohldosiert einsetzen sollten, dass wäre ein Schritt mit großer Wirkung". Soweit Killy.

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt forderte aufgrund der "besonderen" Verantwortung wegen des Nationalsozialismus, mehr "Empathie" zu entwickeln. Diese "besondere" Verantwortung erleben wir täglich in der Bild-Zeitung! Mit dieser "Sensibilität" machen sich deutsche Journalisten mitschuldig an der ethnischen Säuberung Palästinas, und das ist verantwortungslos!

In der Tat, deutsche Medien haben eine "besondere" Verantwortung, sich endlich vom Druck durch die Israel-Lobby zu befreien, also über Palästina zu berichten, wie es von sauberem Journalismus erwartet wird.

Wie tief man sinken kann

Wie tief können Chefredakteure der öffentlich-rechtlichen Medien und Zeitungen eigentlich noch sinken, wenn sie unter solchen diktatorischen Vorgaben arbeiten und das widerspruchslos akzeptieren, nur um ihren Job zu behalten? Was muss eigentlich noch geschehen, bis sich offener Widerstand zeigt?

Da stelle ich mir natürlich die Frage, wie kann man als ordentlicher Journalist, Redakteur oder Reporter positiv über einen "Jüdischen Apartheidstaat" berichten, wie es tatsächlich fast täglich geschieht, und sich dafür nicht schämen oder den Beruf an den Nagel zu hängen.

Schon seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit diesem unerfreulichen Thema und stelle fest, dass es doch immer noch schlimmer kommt, als ich es mir jemals vorstellen konnte, wenn es um deutsche Medien und Israel geht.

Alles, was täglich in seriösen ausländischen Zeitungen von der liberalen israelischen Zeitung Haaretz bis hin zu diversen britischen und skandinavischen Blätter berichtet wird, findet keinerlei Widerhall in deutschen Blättern.

Schon immer war es "Gang und Gebe", dass sich Vertreter des Zentralrats der Juden, der israelischen Botschaft oder - heute ausgeweitet - internationale, in Berlin vertretene Organisationen in den Redaktionen und Sendern tummelten. Was man früher einmal Hintergrundgespräche nannte, wird heute offen zelebriert als dreiste Beeinflussung in die Berichterstattung. Darüber hinaus die ständigen Einladungen an Journalisten durch die israelische Regierung und ihnen verbundene Institutionen. Was früher noch möglich war, dass auch einmal eine kritische Stimme zu Wort kam, ist traurige Vergangenheit. So befinden wir uns momentan im Tiefpunkt der medialen Glaubwürdigkeit. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Auf Dauer lassen sich die Konsumenten der Medien nicht täuschen.


Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland, Heinz Galinski, ist Publizistin und Autorin. Ihre Kommentare für die NRhZ schreibt sie regelmäßig vom "Hochblauen", dem 1165 m hohen "Hausberg" im Badischen, wo sie mit ihrem Ehemann Benjamin Hecht lebt. (http://sicht-vom-hochblauen.de/) 2012 kam ihr Buch "Das elfte Gebot: Israel darf alles" heraus. Erschienen im tz-Verlag, ISBN 978-3940456-51-9 (print), Preis 17,89 Euro. Am 28. September 2014 wurde sie von der NRhZ mit dem vierten "Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik" ausgezeichnet.

Top-Foto:
Evelyn Hecht-Galinski (sicht-vom-hochblauen.de)


Online-Flyer Nr. 631  vom 04.10.2017

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