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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Krieg und Frieden
Rede im Rahmen der Stopp-Ramstein-Aktionen, Kaiserslautern, 8.9.2017
Die US-Airbase Ramstein gehört nicht auf deutschen Boden!
Von Eugen Drewermann / LUFTPOST

"Und wenn wir schon in einer Versöhnungskirche sind, und miterleben, dass wir immer noch Militärpfarrer haben, die uns beibringen wollen, die Verantwortung der Deutschen sei die (erneute) Bereitschaft zum Führen internationaler Kriege, dann antworten wir denen mit dem letzten Satz aus Borcherts Testament: Pfarrer auf der Kanzel, wenn sie wiederkommen, und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg heilig sprechen, Mann auf der Kanzel sag NEIN! Denn wenn du nicht NEIN sagst, wird das alles schlimmer denn je weitergehen. Und das müssen wir gemeinsam verhindern!" Das ist ein Appell aus der bewegenden Rede, die der Theologe Eugen Drewermann im Rahmen der Aktionstage der Kampagne "Stopp Ramstein" am 08.09.2017 in der Versöhnungskirche in Kaiserslautern gehalten hat.


Eugen Drewermann am 8.9.2017 in Kaiserslautern in der Versöhnungskirche (Foto: arbeiterfotografie.com)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Friedens, von Herzen danke ich den Organisatoren und Veranstaltern der Friedensbewegung für den heutigen Abend, Ihnen allen aber für das große Engagement, in der Versöhnungskirche in Kaiserslautern nachdrücklich und nachhaltig Nein zu sagen zur US-Airbase in Ramstein. Sie gehört nicht auf deutschen Boden, und wir sind nicht länger verpflichtet, für unsere transatlantischen Freunde eine Zentrale des internationalen Mordens außerhalb von Gerichtsurteilen – illegal und in der Regel im Geheimen – weiter zu unterhalten.

Die Drohnenmorde begannen unter George W. Bush, ausgedehnt unter Barack Obama, sind natürlich billiger als "Boots on the Ground", als Kampfeinsätze und militärische Truppen am Boden. Es hieß, dass Langley und die CIA inzwischen die Auseinandersetzung mit dem Pentagon in dieser Frage gewonnen haben. Es werden mehr Drohnenpiloten ausgebildet als Bomberpiloten, denn vor allem ist es billiger und für die Weltöffentlichkeit nicht so spektakulär wie große Bombeneinsätze.

Das aber bringt die Friedensbewegung in eine merkwürdige Situation. Das Thema Krieg und Frieden – Abrüstung, Deeskalation, Abbau der Militärpräsenz global – spielt im Bundestagswahlkampf kaum irgendeine Rolle – außerhalb der mühseligen Bedingungen und Bemühungen der Linkspartei.

Die Situation der Gegner des Krieges ist zu vergleichen mit der Lage der griechischen Trojanerin Kassandra. Sie war von Apoll damit bestraft worden, weil sie ihm die Liebe verweigerte, alles sehen zu müssen und verkünden zu sollen, ohne je Gehör und Gefolgschaft zu finden. Wir, die Friedensbewegung, sehen den Aufmarsch von einem Krieg in den nächsten, wir erklären, wie das Ende dieses Desasters sein wird, aber die Politiker scheinen taub zu sein, wenn wir sie hinweisen auf all das, was weder dem Frieden, noch der Gerechtigkeit, noch dem Zusammenwachsen der Völker dienen kann.

Am heutigen Tag erleben wir mit, wie (der Hurrikan) "Irma" durch die Karibik zieht und Insel um Insel verwüstet. Wir sehen, wie in Mexiko ein Erdbeben der Stärke 8 Elend und Leid bringt. Seit Monaten erleben wir, wie zwanzig Millionen Afrikaner auf der Flucht vor Hunger und Elend darum betteln, von der UNO die nötigen etwa 4 Milliarden Dollar zu bekommen, damit sie wenigsten überleben (können). Es ist der UNO nicht möglich, 4 Milliarden Dollar zu geben, damit 20 Millionen Menschen überleben können, aber es ist möglich, Herrn Stoltenberg, dem Chef der NATO, zuzustimmen, (der gefordert hat, dass) die europäischen NATO-Mitglieder ihre Militärausgaben gefälligst auf 2 Prozent der Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen haben. Für diesen Schwindel scheint jedes Geld auf Erden richtig und gut angewandt – es ist es aber nicht.

Allein die Rüstungsausgaben sind ein laterales Hinmorden der Bedürftigsten, und wir in Deutschland bereiten uns darauf vor, dass die 35 Milliarden Euro für Rüstung rasch auf über 70 Milliarden anwachsen sollen. Das ist eine sinnlose Verschwendung – selbst Herr Kissinger sagt das inzwischen. Wir haben eine Unmenge an Zeitvergeudung und an Verurteilung fremder Staaten hinter uns – anstatt miteinander zu reden und Gespräche für den Frieden einzuleiten.

USA und NATO: pro Jahr 900 Milliarden Dollar für die Rüstung

Ich höre sagen, die NATO sorgt sich vor Russland. Russland gibt ungefähr 80 Milliarden Dollar pro Jahr für Rüstung aus – das ist allemal zu viel. Aber es ist nicht ein Zehntel von dem, was "God's own Coutry", die USA (sich leisten, die) zusammen mit den 300 Milliarden der restlichen NATO-Staaten mehr als 900 Milliarden Dollar für Rüstung ausgeben. Der Westen wendet also fast die Hälfte aller weltweiten Militärausgaben für seine Machtansprüche auf den gesamten Globus aus, und wir sollten außerstande sein, uns dagegen zu wehren - gegen eine Bevölkerung, die das alles aussitzen und verschlafen will, nur weil wir eine Kanzlerin haben, die jede Diskussion vermeidet und die letzte Gelegenheit, im Parlament darüber zu reden, unterbindet?

Die Amerikaner unterhalten etwa 600 Militärstützpunkte weltweit, Russland hat einen einzigen – in Syrien. Wer hat da Grund, sich vor wem zu fürchten? 1989 hat Michael Gorbatschow dem (US-)Unterhändler James Baker ein ehrliches Angebot gemacht: Man könnte Europa nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und bei Auflösung der NATO entmilitarisieren – vom Ural bis zur Atlantikküste.

Stellen Sie sich vor, wir hätten nur in den letzten 25 Jahren die enormen Anstrengungen für Rüstung konvertieren können, zur Lösung der wirklichen Probleme dieser Welt – Hunger, Elend, Naturzerstörung, Analphabetismus, Seuchen, Krankheiten, was Sie wollen. Die UNO benötigt mindestens 4 Milliarden als einen Dauerposten für unmittelbare Katastropheneinsätze. Nicht einmal dieser Posten steht zur Verfügung. Stattdessen wird dann die Bevölkerung gebeten, in den nächsten 6 Wochen oder 2 Monaten persönlich zu helfen den Katastrophenopfern in Mexiko, in Haiti oder sonstwo. Menschen in einem Erdbebengebiet brauchen Hilfe und zwar unmittelbar und nicht erst in 6 Wochen, denn dann sind sie tot. Nicht einmal das ist möglich.

Wir hören, dass wir einen internationalen Antiterrorkrieg führen müssen. Nelson Mandela hat bereits gesagt, dass auf jeden getöteten Terroristen 10 neue Terroristen kommen, und das ist wahr. 2001 hatten wir in Afghanistan etwa 1.000 Al-Qaida-Mitglieder, der IS rekrutiert heute bis zu 30.000 Terroristen. Und vergleichen Sie die Taten. Wenn der IS 10.000 Menschen getötet hat, ist das eine furchtbare Zahl. Aber die Amerikaner haben im Nahen Osten über 2 Millionen Tote zu verantworten – seit 1991 und dann ab 2003 in zwei langen Kriegen. Alleine in den Proportionen stimmt der Satz: Terror ist der Krieg der Schwachen, Krieg aber ist Terror der Starken, und den müssen wir überwinden.

Statt auf Gorbatschow zu hören, verfolgte Bush der Ältere ab 1991 den Plan, die NATO nach Osten zu erweitern und die USA zur globalen Hegemonialmacht zu machen. Seitdem haben wir einen Krieg nach dem anderen: 1991 im Irak, 1992 in Somalia, 1995 gegen Belgrad, 2001 in Afghanistan, 2003 wieder im Irak, dann kamen Libyen, Syrien, und Mali – und wir Deutschen immer irgendwie mit dabei, uns scheibchenweise der Realität des Krieges annähernd, unter dem Stichwort, wir müssen uns um Afrika kümmern, denn wir haben eine internationale Verantwortung. Jawohl Frau Merkel und Frau von der Leyen, wir hätten internationale Verantwortung – im Kampf gegen Hunger und Elend, aber nicht mit Bomben und Granaten.

Man lügt uns in einen Krieg nach dem anderen hinein und nennt dabei das Töten von Menschen "humanitäre Einsätze". Wir verteidigen mit keinem Krieg irgendeinen humanitären Wert. Krieg ist die Widerlegung aller Werte, und er zerstört sich selber in seinem moralischen Anspruch – durch den Einsatz von Mitteln, die in keinem zivilen Zusammenhang genehmigungsfähig wären. Was (ist das) überhaupt für eine Logik?

Wann begreifen wir endlich, dass Krieg kein Problem löst?

Erasmus von Rotterdam hat in der "Klage des Friedens" 1520 geschrieben: "Doch wenn es zum Krieg kommt, keine der kombattanten Parteien die eigene Sache für eine unrechte halten wird. Dann aber fällt man übereinander her, um wie in einem Gottesurteil auf dem Schlachtfeld herauszufinden, wer der Stärkere sei. Und der Besitzer der schlimmsten Mordwaffen, weil er siegreich war im Abschlachten von Menschen, soll ausgerechnet die Rechtsinstanz sein, die jetzt verkündet, dass sein Anspruch schon immer recht gewesen wäre. Das ist absurd." Das meinte Erasmus von Rotterdam schon vor einem halben Jahrtausend. Wann begreifen wir endlich, dass Krieg kein Problem löst, aber alle bestehenden Probleme nur vermehren kann.

Statt Krieg zu führen, müssten wir miteinander reden. Die Idee Gorbatschows ist im Grunde sehr alt, und wir hätten nur jemandem folgen müssen, dem wir damals nicht glauben wollten. Einer der Hauptkonstrukteure des so genannten Kalten Krieges ab 1945 war Sir Winston Churchill. Am 10. Mai 1953 bringt es Winston Churchill im Rückblick auf seine gesamte Amtszeit kurz vor seinem eigenen Sterbedatum in einer ergreifenden Rede fertig, zu sagen, der Kalte Krieg müsse beendet werden. Er sei eine ungeheure Verschwendung von menschlichen, wirtschaftlichen, militärischen, kulturellen und politischen Ressourcen. Er müsse gestoppt werden, damit wir die Zukunft gewinnen (könnten). Der kalte Krieg sei desaströs. Das stammt von dem Mann, der den über 50 Jahre dauernden Kalten Krieg mit zu verantworten hat.

Uns Deutschen hat man aber beigebracht, dass wir uns wiederbewaffnen müssten – zwei Jahre später im Jahr 1955 – damit wir all das Furchtbare lernen, zur Aufrechterhaltung der "Balance of Power", der wechselseitigen Bedrohung, und damit wir nie tun müssten, was Soldaten zu tun pflegen. Wir könnten das Töten von Menschen vermeiden, indem wir mit dem Töten von Menschen derart furchtbar drohen, dass uns niemand anzugreifen wage. Dieses moralische (Konstrukt) war die Einleitung der bundesdeutschen Lüge zur Bundeswehr West.

Man kann nur ernsthaft drohen, wenn man willens ist, das Angedrohte im Ernstfall auch zu tun. Und das waren wir, das waren die uns Regierenden. Sie hielten Atomkriege für führbar. Sie waren in der Kubakrise 1962 bereit, auf den Knopf zu drücken. Wir haben mehrfach Glück gehabt. Und jetzt (ist) wieder zu hören, dass die 15.000 Nuklearsprengköpfe der Amerikaner modernisiert werden müssen, damit sie noch besser, taktisch klüger und präziser einzusetzen wären, und sie sollen weiter in Büchel auf deutschem Boden gelagert sein; (das) kann nur beantwortet werden mit höchstem Widerspruch. Und wir verlangen, dass die bundesdeutsche Regierung selber diese, unsere Stimme des Widerstandes endlich aufgreift. Herr Westerwelle als Außenminister war willens und fähig, dafür zu sorgen, dass Büchel geschlossen wird. Frau Merkel war es nicht. Sie musste in atlantischer Treue den Amerikanern weiter in den Krieg folgen. Wer stoppt eigentlich Frau Merkel?

Jetzt schreiben sogar Mainstream-Medien wie die Süddeutsche, man werde mit Nordkorea reden müssen. Ich frage Sie, in welcher Welt befinden wir uns, dass erst einmal Wasserstoffbomben gezündet werden müssen, damit die Mächtigen willens werden, miteinander zu reden. Es ist Putin, der den Amerikanern den Vorschlag gemacht hat, sie und die Südkoreaner sollten ihre Militärmanöver abblasen und dann Nordkorea (auffordern,) seine Atomrüstung (zu) stoppen. Beides wäre gleichgewichtig, und es wäre sogar die geheime Absicht Nordkoreas, genau das zu tun.

Wer macht sich noch eine Vorstellung, wie ab 1950 Nordkorea unter Napalm verbrannt wurde – in einem der furchtbarsten, menschenfressenden Kriege, die wir im ganzen 20. Jahrhundert hatten. Da ist eine Riesenschuld zu begleichen, die aber meistens totgeschwiegen wird – scheinbar, weil nicht wir damit leben (müssen). Allein, dass wir Raketen aufstellen im Baltikum, zeigt, in welch einem Wahnsinn die uns Regierenden immer noch befindlich sind. Was am 6. August 1945 über Hiroshima geschah, hätte das Bewusstsein der Menschheit ein für alle Mal ändern können: Niemals mehr Hiroshima, niemals mehr Nagasaki! Stattdessen haben wir die Dauerbedrohung zum Normalzustand gemacht. Wir müssen aufhören, uns von den Regierenden Angst einjagen zu lassen.

Wir können sagen, wir verstehen die trojanische Kassandra. Wir reden von all dem, aber wer hört denn wirklich auf uns, und was können wir persönlich tun? Die nächste Wahl wird hingehen, und wir werden erleben, dass alles weiter geräuschlos hinter der Bühne Tritt fasst und in Marsch kommt.

Moral muss die Politik bestimmen - nicht die Politik die Moral

Wir als Einzelne können eine Menge tun, indem wir in unserer eigenen Umgebung und Zuständigkeit, bei unseren Freunden, in Gesprächskreisen, (in) den eigenen Familien Frau von der Leyens Programm, die Bundeswehr in der Mitte der Gesellschaft ankommen zu lassen, mit Bewusstsein und in Klarheit boykottieren. Sie schickt ihre Bundeswehroffiziere inzwischen in die Schulen, um 16- und 18-jährigen Jungen und Mädchen beizubringen, dass Soldatsein, ein Beruf wäre. Helmut Schmidt hat einmal gesagt, Soldatsein sei kein Beruf – da hatte er recht. Dann fügte er aber hinzu, es sei eine Pflicht; da er sich gern auf Immanuel Kant berufen hat, hätte ihm gesagt werden müssen, Soldatsein ist nie eine Pflicht, es ist stets verboten, denn immer muss die Moral bestimmen, wie die politische Handlung zu sein hat, nie aber die Politik die Moral.

Vor 200 Jahren konnte Immanuel Kant bereits klar und deutlich formulieren, dass, so lange aufgerüstet wird, die Option des Krieges vorbereitet wird und (dass) schon die Kosten des Krieges verbrecherisch sind – in Ansehung der Ungerechtigkeit und des Leids, das damit einhergeht. Es ist widersinnig, auf diese Weise Frieden präparieren zu wollen, denn wo der eine seine Kriegsbereitschaft durch Rüstung dokumentiert, wird der Nachbarstaat oder der angezielte potentielle Gegner genau so rüsten. Und er wird schlimmer rüsten müssen, als der andere, denn nur der Überlegene wird auch auf dem Schlachtfeld überleben.

Krieg wird sich immer weiter steigern. Der preußische Militärstratege Clausewitz hatte völlig recht: "Ein Krieg hat in sich die Tendenz, zum Unendlichen zu gehen, wenn nicht äußere Faktoren hemmend auf ihn einwirken." Wir sind hier, (um) schon auf die Kriegsvorbereitungen hemmend einzuwirken, so lange wir reden und denken können. Wir sagen, Schluss damit – mit der Rüstung, der Kriegsvorbereitung und der Schaffung der Kriegsbereitschaft schon in den Köpfen von 16- und 18-Jährigen.

Und so sagen wir Frau von der Leyen: Soldatsein ist kein Beruf wie jeder andere. Es ist möglich, dass Sie sich beim Einkauf einer Wurstware keine Gedanken über die Schlachtungsbedingungen in der Schlachthöfen an der Peripherie der Großstädte machen. Es ist auch möglich, dass man die Bevölkerung derart eindämmert, dass sie am Ende glaubt, Sicherheit käme von weit entfernten Maßnahmen, die sie kaum sieht und auch nicht bemerken soll, die aber blutrünstig genug und inakzeptabel wären, könnte man sie sehen. Und wir sind hier, möglichst bewusst zu machen, was Soldatsein heißt.

Es ist das Gegenteil von dem, was ein Bürger sein sollte. Es ist die geborene Schizophrenie, denn der Krieg verteidigt nicht die Kultur, er widerspricht ihr in allem. Alles, was im bürgerlichen Zusammenleben als verboten und verbrecherisch gebrandmarkt wird, ist im Krieg die trainierte Ausführung gegebener Befehle, die zum Sieg führen sollen. Um (das Jahr) 220 schreibt in Nordafrika der Kirchenvater Cyprian: "Deck die Dächer der Häuser dieser Welt ab, und du siehst die Welt triefen vor Blut, denn mordet ein Einzelner einen Einzelnen, dann ist das ein Verbrechen. Mordet aber einer auf Befehl des Staates Hunderte, dann ist es verdienstvoll, und er wird dafür geehrt. Das bedeutet es, Soldat zu sein – geschützt durch den Gesamtraum des Kollektivs, Dinge tun zu müssen, die keinem privaten Willen unter normalen Bedingungen entstammen könnten.

Rückfall in die Steinzeit

Ein Rückfall in die Steinzeit – das heißt Soldat (zu) werden, und eben deshalb ist das Training auf den Kasernenhöfen nötig. In Stanley Kubricks Film (Full Metal Jacket) wird das klar analysiert. Der Drill-Sergeant muss das persönliche Gewissen niederbrüllen und niederschreien. Er ist ab sofort d i e Autorität – kein Pastor, kein Papst, kein eigener Vater, niemand. Er befiehlt. "That's an order!" (Das ist ein Befehl!), und es wird nicht diskutiert über die Richtigkeit des Befehls, einzig zu verantworten ist die korrekte Ausführung des Befehls. "Also, wenn ich euch sage, ihr bringt die auf dem Hügel alle um, dann bringt ihr sie alle um. Wir machen euch zu Profikillern." Schauen sie Stanley Kubricks Film "Full Metal Jacket" an, die erste halbe Stunde, die Präparation auf den Vietnamkrieg. Permanent entmenschlichte Personen, die sich nur noch bewegen wie Menschen. In ihnen steckt die Bereitschaft zum Morden, und die ist jederzeit abrufbar. Das von der Zivilisation geprägte Verhalten wurde durch den Drill auf dem Kasernenhof ausgelöscht. Das nennt man dann Gehorsam.

Dabei haben Amerikaner 1947 im Nürnberger Prozess diesen (Kadaver-)Gehorsam) selbst kriminalisiert. Alle Nazi-Granden hatten die Ausrede, "Befehl ist Befehl!" Und die amerikanischen Ankläger haben richtigerweise dagegen gehalten: "Das tilgt doch nicht eure Schuld. Ihr habt euer Gewissen abgegeben, eure Personalität; beim Eintreten in das Walhall eurer Geschichte habt ihr es ausgetauscht gegen den Stahlhelm. Ihr habt nur noch gedacht, was befohlen wurde. Was wart ihr denn für Menschen, als ihr euch freiwillig entmenschlicht habt." Die Amerikaner haben die von ihnen aufgestellten Nürnberger Prinzipien allerdings nie auf sich selbst bezogen.

1995 hat Günter Jauch den Bomberpiloten Charles Sweeney (der am 9. August die Atombombe auf Nagasaki abgeworfen hat) in seiner RTL-Sendung gefragt: "Mister Sweeney, Sie waren damals knapp 20 Jahre alt und haben eigenhändig über 100.000 Menschen umgebracht, mehr als jeder andere zuvor, ausgenommen ihr Staffelkamerad Majors Eatherly (s. http://www.zeit.de/1964/35/der-bomberpilot-von-hiroshima ) drei Tage vorher. Was ist da in Ihnen vorgegangen?" Die saloppe Antwort Sweeneys ist mir unvergesslich: "Befehl ist Befehl, jeder Soldat der Welt hätte dasselbe getan." Und damit hatte Sweeney sogar recht.

Es kommt ein Anderes hinzu: Unsere eigene Sache ist grundsätzlich immer die gute. Warum muss sich Amerika mit der Ostausdehnung (der NATO) immer weiter hineingraben in die Vakuumsländer der alten Sowjetunion? Mittelasien, Kirgistan, Kasachstan, Usbekistan, inzwischen auch Georgien, der Manöveraufmarsch im Baltikum (und) das soll so weitergehen. Die Ukraine (wurde) durch die Farbrevolution im Grunde okkupiert, vorbereitet (wird) die Abtrennung Weißrusslands und seiner Hauptstadt Minsk von der Russischen Föderation. Es soll nicht aufhören. Das dient nicht dem Frieden, es erhöht nur das Leid der Bewohner dieser Regionen.

Als Europäer können wir nur sagen, die Amerikaner sollten aufhören, auf unserem Rücken, auf unsere Kosten, auf unserer Haut und unseren Knochen ihre Machtspiele weiter auszudehnen. Dann kommt noch ein absolut vereinfachtes Weltbild hinzu: Wir sind die Guten und drüben sind die Bösen. Um Menschen in Serie töten zu können, dürfen sie eigentlich keine Menschen mehr sein. (Als) "Unmenschen, Gegenmenschen, Bestien, Ungeziefer, Wahnsinnige" oder irgend so etwas werden sie in der BILD-Zeitung beschrieben, und dass sie "abgeschafft" gehören. Nach Meinung des Friedensnobelpreisträgers Obama "verstehen sie nur die Sprache der Gewalt". Wer das ernsthaft glaubt, kann nur noch morden. Je weniger von den Bösen überleben, desto besser scheint dadurch die Welt (zu werden). Aber wir selber werden immer böser dabei, und dagegen müssen wir uns wehren und unsere Kinder schützen.

Wir verwandeln die ganze Erde in eine Hölle und uns selber in Teufel


Philip Zimbardo hat ein Buch geschrieben, "Der Luzifer-Effekt". Das meint genau dies. Wir versuchen den Teufel von der Erde zu vertreiben und in die Hölle zurück zu bomben. Aber das Ergebnis ist umgekehrt, wir verwandeln die ganze Erde in eine Hölle und uns selber in Teufel. Denn den Menschen bringen wir bei, dass es richtig ist, Befehle, die gegen unsere "Feinde" gerichtet sind, auch auszuführen. Unsere Feinde wären aber nicht unsere Feinde, würden wir mit ihnen reden und versuchen, sie zu verstehen. Für jeden Mann und jede Frau ist das die normale Form der Versöhnung, warum (sollte die) zwischen Staaten nicht (möglich) sein?

Sechs Wochen militärischer Drill – Erich Maria Remarque hat in seinem (Buch) "Im Westen nichts Neues" gesagt: "Die (sechs Wochen) haben genügt, dass wir für jeden ehemaligen Postboten im Schlamm kriechen und alles, was er sagt, tun. Wir sind keine Menschen mehr, wir sind wilde Tiere, wir sind Mörder geworden."

Wer Tucholsky zitiert und sagt "Soldaten sind Mörder", kann als Verfassungsfeind angeklagt werden, weil die Bundeswehr ein Verfassungsorgan ist. Unser Forderung ist, sie endlich aufzulösen. Sie ist völlig überflüssig. Wir hätten keine natürlichen Feinde, wenn wir den gesamten Rüstungsetat für die Interessen konvertieren würden, die Menschen tatsächlich haben, wenn sie leben wollen. So lange wir aber den Krieg für die Rüstungsindustrie sponsern – als Rammbock einer inhumanen Wirtschaftsordnung, zur Ausdehnung des Kapitalismus und um Zugriff auf die Rohstoffe und die Handelswege zu haben, für eine Regime-Change-Politik, die in Staaten der Dritten Welt (Komplizen des Westens als) Präsidenten installieren will – ist das alles ein Gemenge zynischer Brutalität und einer Machtausdehnung, die den Namen Menschlichkeit noch nicht einmal im Ansatz verdient. Damit wird nicht die Zukunft gerettet, sondern nur die Vergangenheit immer wieder repetiert. Damit wird die Steinzeit in die Gegenwart geholt und alles verhindert, was wir als Hoffnung in die Zukunft setzen.

Ich entsinne mich eines Vortrags "Wozu Griechisch?", der gesponsert wurde von Frau von der Leyen über den Altphilologen-Verband in Niedersachsen. Sie saß in der ersten Reihe, und ich ergriff die Gelegenheit, den Nutzen des Altgriechischen in unserem Themenzusammenhang vorzustellen. Lesen Sie Euripides. Im Peloponnesischen Krieg, der im letzten Drittel des 5. Jahrhunderts (v. Chr.) stattfand, verlieren Athen und Sparta ihre geschichtliche Rolle. Dreißig Jahre lang hat das grausame Morden gewütet. Und viele sind heute noch begeistert von den Helden, die Homer besingt: Agamemnon, Odysseus und Achill (werden) als großartige Vorbilder (verehrt). Alexander der Große schlief mit Homers Ilias unter dem Kopfkissen ein.

Es ist Euripides, der mitten in dem Wahnsinn in seiner Tragödie "Die Troerinnen" lediglich die Perspektive ändert. Er betrachtet den Krieg nicht aus der Perspektive der Heroen, sondern aus der Perspektive der Opfer, der Frauen und Kinder. Astyanax, der kleine Sohn der Andromache wird an der Stadtmauer zerschmettert, damit aus dem Hause des trojanischen König Priamos kein Nachfolger mehr kommen kann, der die Griechen bedrohen könnte. Polyxena wird abgeschlachtet, damit ihr Blut den bösen Geist des Achill besänftige. Andromache selber wir abgeführt in die Sklaverei. Kassandra, die Sehende und Wissende, die Heroine des Agamemnon, wird mitgenommen nach Mykene.

Das ganze Grauen, das Leiden der Kinder, das Leiden der Frauen, wird es je gesehen, wenn das Wort "Krieg" fällt? Drei Viertel aller Opfer sind Kinder, sind Frauen, sind alte Leute. Und dann will man den Sieg feiern – mit Paraden, die von New York bis nach Los Angeles durch das ganze Land gehen und länger dauern als der ganze Krieg "Dessert Storm" (gegen den Irak) im Jahr 1991. Nach dem Krieg muss man das Gewissen der Mörder reinwaschen und sie wieder aufnehmen in den Schoß der Beifall zollenden Bevölkerung. Auch sie verhält sich schizophren. Sie hat nicht gesiegt, sie hat alles verraten, was Menschen als Sieg betrachten könnten. Es wurde über Leichen gegangen für ein Ziel, das immer unerreichbarer wird, wenn es denn jemals Frieden, Menschlichkeit und Gerechtigkeit gewesen wäre.

Wenn sie dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg heilig sprechen, Mann auf der Kanzel sag NEIN!


In unserer digitalen Bildungsoffensive wird wahrscheinlich Euripides nicht mehr gelesen werden. Darum empfehle ich, dass wir uns im Deutschunterricht eines Autors erinnern, von dem Reich-Ranicki sagte, er sei "inaktuell". In Wahrheit ist er aktueller denn je – wegen der Wiedereröffnung des so genannten Kalten Krieges, wegen der erneuten Vorbereitung einer atomaren Auseinandersetzung, wegen der Verwandlung der ganzen Welt in ein Schlachtfeld. 1947 stirbt in Basel Wolfgang Borchert, (der) Autor des Bühnenstücks "Draußen vor der Tür", ein Mann, der die Welt nur noch durch die Gasmaskenbrille des Zweiten Weltkriegs sieht. Und er versteht nicht, was man mit ihm gemacht hat und wie es weitergeht, und dass die Generäle schon wieder arriviert sind und dass sich die Kriegsgewinnler schon wieder in ihren bequemen Sesseln räkeln. Der lungenkranke Wolfgang Borchert hat uns ein Testament hinterlassen. Er kann eigentlich nur noch zu uns reden, durch die Stimme, die wir ihm verleihen – beschwörend, bittend. flehend: Mutter in der Ukraine, Mutter in Deutschland, wenn sie wieder kommen und euch sagen, ihr sollt Kinder gebären, Jungen für die Schützengräben, Mädchen für die Spitäler, Mütter in der Ukraine, Mütter in Deutschland, sagt NEIN! Mann an der Werkbank, wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst statt Kochgeschirren und Wasserrohren Kanonen und Handgranaten ziehen, Mann an der Werkbank, sag NEIN! Und Forscher im Labor, wenn sie wiederkommen und dir sagen, du sollst den neuen Tod entdecken für das alte Leben, Mann im Labor, sag NEIN!

Und wenn wir schon in einer Versöhnungskirche sind, und miterleben, dass wir immer noch Militärpfarrer haben, die uns beibringen wollen, die Verantwortung der Deutschen sei die (erneute) Bereitschaft zum Führen internationaler Kriege, dann antworten wir denen mit dem letzten Satz aus Borcherts Testament: Pfarrer auf der Kanzel, wenn sie wiederkommen, und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg heilig sprechen, Mann auf der Kanzel sag NEIN, denn wenn du nicht NEIN sagst, wird das alles schlimmer denn je weitergehen. Und das müssen wir gemeinsam verhindern!

Ich wollte eine politisch-humane Mahnrede halten, aber bei so viel Beifall in einer Kirche wage ich zu äußern, was ich im Grunde sagen wollte. Der Mann aus Nazareth hat mit seiner Botschaft absolut recht: Der Frieden kommt nicht durch die Überlegenheit der Stärkeren, das wäre ein Kapitulationsfrieden, wie die Welt ihn gibt. Im Johannes-Evangelium steht, Jesus habe beim Einzug in Jerusalem gesagt: "Meinen Frieden gebe ich euch nicht wie die Welt ihn gibt." (Sein Frieden) erfordert als erste Maßnahme die einseitige Abrüstung. Beim Einzug in Jerusalem spricht Jesus das für mich schönste Wort zu unserem Thema. Es steht am Beginn der Bergpredigt: "Glücklich wage ich die Menschen zu nennen, die es unternehmen, inmitten dieser Welt wehrlos zu bleiben, denn nur sie haben das Zeug, den Frieden zu bereiten," nachzulesen in Matthäus 5 und gültig für alle Zeit.


Wir haben versucht, den Text der völlig frei gehaltenen, aufrüttelnden Rede ohne jede inhaltliche Veränderung durch das Umstellen von Sätzen und durch in Klammern eingefügte einzelne Worte und Links leichter lesbar zu machen. Der originale Wortlaut der Rede ist in der Videoaufzeichnung zu hören. (Zwischenüberschriften: NRhZ)

Erstveröffentlichung bei "LUFTPOST - Friedenspolitische Mitteilungen aus der US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein" am 14.09.2017 (dort mit zusätzlichen Hinweisen)
http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_16/LP15017_140917.pdf


Siehe auch:


Veranstaltung der Kampagne "Stopp Ramstein", Kaiserslautern, 8.9.2017
Daniele Ganser: Was ist Imperialismus? Mut zum Widerstand!
Video von Arbeiterfotografie
NRhZ 628 vom 13.09.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24125

Filmclip
Ken Jebsen am 9.9.2017 in Ramstein im Rahmen der Aktionstage "Stopp Ramstein"
Wir brauchen eine Ost- und Westerweiterung der Friedensbewegung
NRhZ 629 vom 20.09.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24147

Fotogalerie
Stopp Ramstein! Army go home!
Protest in Kaiserlautern und an der US-Airbase Ramstein
NRhZ 628 vom 13.09.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24126



Online-Flyer Nr. 629  vom 20.09.2017

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