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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Erste Werkschau des New Yorker Videokünstlers Erik Levine (Jg. 1960) in einem europäischen Museum (8 Videofilme) noch bis Ende September in Aachen
As a Matter of Fact
Von Alastair Fosche

Am Eingang zum ersten Filmraum der kleinen Werkschau des Amerikaners Erik Levine überrascht den Besucher des Ludwig Forums eine Skulptur, die ein Landsmann des Künstlers geschaffen hat: ein nahezu hyperreal plastischer Akt, der Jeff Koons beim Liebesspiel mit seiner Muse Ciccolina zeigt. Überlebensgroß und befreit von der Keuschheitsregel im Paradies liegt das Paar auf einem meerumschäumten Felsenbett, durch das sich eine riesige goldene Schlange windet. Dazugestellt ziert ein farbig gefasster, hölzerner Blumenstrauß das Fußende des naturalistisch gestalteten, von allen Seiten betrachtbaren Liebeslagers. „Made in heaven“ ist das Werk ironisch betitelt. Der Künstler stellt sich dar als Liebhaber, der beinahe belustigt, aufmerksam, aber zugleich merkwürdig teilnahmslos auf das Pornosternchen hinabblickt, das sich unter ihm wollüstig hinstreckt. Einst ließ es sich unter seinem bürgerlichen Namen Ilona Staller ins italienische Parlament wählen, dann wurde es Koons Ehefrau. Deren Darstellung ist gleichsam ein Heiligenbildchen der Postmoderne, platziert auf einem verweltlichten Altar. Eine offensive Demonstration von Kitsch.


Erik-Levine-Ausstellung im Ludwig Forum Aachen: Still Lifes, Raum- und Filmstandbild, © Alastair Fosche


Erik-Levine-Ausstellung im Ludwig Forum Aachen: Still Lifes, Videostill (Filmstandbild), 2016, © Erik Levine

Die Plastik kontrastiert mit einem Bild von Keith Haring: Aus einfachen Strichen zusammengesetzt, umgarnen geflügelte Totenköpfe ein zentrales Maskengesicht, das gezeichnet ist von todmüdem Entsetzen. "Aids 1985" heißt das Werk. Das großformatige, schmerzverhangene Medusenhaupt kollidiert eisig mit Koons‘ Pornokitsch. Die Kohlenstriche wirken wie von einer aus Urzeiten herüberreichenden Hand auf eine Höhlenwand gebannt. Der Stil ist so archaisch abbreviativ wie modern abstrahierend. Das gelbe Laken, das den Malgrund bildet, spannt sich als Achtungsschild, als eine Art Totem von emblematischer Wucht dem „im Himmel Gemachten“ entgegen. Lang schon vergiftet sind die wilden Feiern auf den Laken der Betten jüngerer Tage; rot eingefärbt auf goldgelbem Grund zeichnet sich ein Andreaskreuz ab, ein Marterinstrument, das für den opfervollen Sinn früherer Zeiten steht. Aids 1985 ist weit über den aktuellen Anlass der Immunschwächekrankheit hinaus ein Ewigkeitsbild von einschneidender Schärfe.
 
So prallen zwei Sichtweisen männlicher Kunstprotagonisten der 1980er Jahre plakativ aufeinander. Hier der Kombinierer von Kunst, Kitsch und Kommerz, der sich ungebrochen vital eines enormen merkantilen Marktwertes erfreut, dort der früh gestorbene Schöpfer flächiger, von kräftigen, klaren Linien bestimmte Bilder, dessen Sterbensschicksal ihm die Aura eines mythischen Frühvollendeten verlieh. Derart eingestimmt tritt der Besucher ein ins Dunkel, aus dem die laufenden Bilder des Wahl-New-Yorkers Erik Levine (Jg. 1960) gewohnt Gesehenes neuartig erhellen. Vom Sehen im Dunkeln handeln seine Videos nicht allein im wörtlichen Sinn, sondern auch im metaphorischen, da sie sich wie etwa in „a confession“ dem Tabu vom Suizid eines Gefängnisinsassen widmen oder vom überwiegend mechanisch-seelenlos erscheinenden Lebens-Leerlauf Demenzkranker in einem argentinischen Altenheim erzählen. Männlichkeit, Kampf und Tod sind zentrale Themen des Künstlers. Mit acht Videofilmen ist die Ausstellung der erste größere Museumsauftritt des Amerikaners in Europa. Museumschef Andreas Beitin lernte den Künstler und dessen Frau in New York kennen und beschloss, den seit 2003 ausschließlich mit filmischen Mitteln malenden Videovirtuosen für eine Ausstellung in sein neues Haus nach Aachen einzuladen.

tableaux vivants sugestives

In "More Man" (2005) ist man Zuschauer eines Footballtrainings. Weit davon entfernt, dokumentarisch zu sein, sprechen die Bilder vom Drill des todernsten Spiels junger farbiger Amerikaner verschiedener Ethnien. Vom harten Mann-gegen-Mann-Spiel über Sprungtechniken bis zum rituellen Getrommel auf Körper und Helme. Martialischer Kampfgeist formt sich zum Gleichmaß sportlicher Übungen. Die Mannschaft wird beschworen als ein Leib mit vielen Gliedern. Zur Einstimmung der Zöglinge auf  den Kampf mit dem Gegner gesellt sich die Order zu demonstrativem Respekt vor ihm. So entreißen brachial herrschende Vollmänner Heranwachsende ihrer Kindheit. Der Initiationsritus schwört sie auf ein männliches Rollenbild ein, auf ein letztlich fiktives Profil, eine Schablone, der die Trainer bereits entsprechen. Es liegt eine versteckte Zärtlichkeit darin, die Jugendlichen dieser unhinterfragten Akkulturation zu unterwerfen, denn ein pädagogischer Eros treibt die rigide Umformung voran. Unvertonte Zeitlupenschleifen allein lassen das individuelle Empfinden hinter achtsam blickenden, von Helmen uniformierten Spielerköpfen erahnen. Ein Empfinden, das zum Beispiel in den das Kameraauge fokussierenden Augenpaaren eines Spielers zutage tritt oder sich eben verbirgt, bevor die Sequenz sanft übergeht in den verlangsamten, leicht verzögerten Sprung der einzelnen Person im rhythmischen Gewoge des Mannschaftskörpers.

Vibrierend sirren die schnellen Bogenstriche eines Cellos zum Crescendo auf. Ein elektronisch aufglimmender Ton legt sich verstärkend hinein. Es geht hinauf zum Höhepunkt: „someone heard a shot“ (2008). Im Bildstrom ist ein Mann in Shorts zu sehen. In offener Savannenlandschaft läuft er einer Zebraherde hinterher; und aus der Vogelperspektive eines Sportflugzeugs hält die Handkamera eine Jagd nach Büffeln fest. Im Wechsel mit diesen Handlungssequenzen, die in eine afrikanische Landschaft eingebettet sind, kommentieren zwei Kriminalbeamte eine urbane Straßenszene: Ein Mann wird tot in seinem PKW aufgefunden. Dann leuchten Pixelbilder von Menschen- und Tieropfern auf, im Modus einer rotierenden Warnblinkleuchte; dies ist gekoppelt mit Momentaufnahmen eines polizeilichen Einsatzwagens. In kurzen Intervallen springen die Bilder mit wenigen Überblendungen zwischen der Szene mit dem menschlichen Opfer und den exotischen Tierjagdszenen hin und her: hier der Abtransport der verhüllten Leiche, dort die Präsentation erlegter Tierköpfe in Reih und Glied. Der Abspann klärt über den Hintergrund der Bilderzählung auf: 26 Jahre nachdem der Vater des Künstlers die privat gefilmte Afrika-Safari unternommen hatte, wurde er selbst zum Opfer. Die Untersuchung des ungeklärten Todesfalls dauere an, ist zu lesen. Der Bildstrom, der vom Tod des Vaters erzählt, ist im weiteren Sinne die Geschichte von der Jagd nach der Erkenntnis, warum und wie jemand zu Tode gekommen ist.


Erik-Levine-Ausstellung im Ludwig Forum Aachen: More Man, Videostill (Filmstandbild), 2005, © Erik Levine

allwissende Augen - unbewusste Wesen

"a confession" (2007) betitelt ist der dreiminütige Dokumentarstreifen der Überwachungskamera einer Gefängniszelle. Blick auf einen orangefarben bezogenen Armlehnstuhl, auf dem niemand sitzt. Farbig strahlt er aus dem Grau dieses von grellem Neonlicht entblößten Strafvollzugsraums. Ein Beamter tritt ein, stellt einen weißen Plastikbecher auf dem Tischbett ab. Ein Delinquent streicht sich mit der Rechten über Stirn und Kopf. Griff nach der transparenten Plastikwasserflasche. Ein Schluck. Ein Griff unter das Shirt. Im Hosenbund steckt die Schusswaffe. Noch ein Griff. Schon setzt die Mündung des Revolvers an der Schläfe an. Finis.

"cold storage" (2014). Gut 18 Minuten laufen bei statischer Kameraeinstellung in Einkanal-Videotechnik Bilder aus einem argentinischen Schlachthaus ab. Es ist vielleicht Levines bislang ästhetischster Film, der zunächst allein in der Tonspur bei noch schwarzer Leinwand beginnt und dann in langsam aufscheinenden Lichtquellen anhebt. Auf die Totale mit einer Sprinkleranlage zur Reinigung des eingehenden Schlachtviehs folgt ein symmetrischer Bildausschnitt, der sich geometrisch exakt kreuzende Wasserstrahlen zeigt. Zuvor hat der Betrachter einen ersten Eindruck von dem mit Wasserdampf geschwängerten Innern der Maschinenstraßen bekommen. Von zwei außerhalb des Bildfeldes befindlichen Sprinklerköpfen radial ausgehend, bilden die Strahlen ein wie von Moholy Nagy erdachtes kinetisches Objekt.

Reife Stimmen singen. Aus der Unschärfe eines Bildes zeichnen sich allmählich Konturen von Profilen ab. "Still Lifes" (2016) - immer noch lebendig sind die Menschen, deren Alltagsleben Levine in einem Altenheim eingefangen hat. Die verlangsamten Bewegungen unterschiedlich stark Dementer ziehen vor dem Auge des Betrachters vorbei, als wollten sie ihre Langsamkeit auf den Betrachter übertragen und seine Gehirnströme drosseln. Diese Suggestion wird wesentlich von der Tonspur mitgetragen. Zu verzerrt-psychedelischen Klängen wird die Kundin eines Friseursalons hergerichtet: Haare, Fingernägel und Gesicht werden in Form und Farbe präpariert.

Die filmischen Aufnahmen aus dem Schlachthaus und dem Altenheim verbindet als gemeinsamer Nenner ein merkwürdig seelenloses Dasein. Auf der einen Seite mechanisierte Abläufe in fast menschenleeren Räumen, durch die tierische Lebewesen zum reinen Nährstoff werden, auf der anderen Seite die deutlich eingeschränkte Motorik der alten Menschen, einförmig und mechanisiert durch das biologische Schicksal.


Erik-Levine-Ausstellung im Ludwig Forum Aachen: coyote North, Videostill (Filmstandbild), 2013, © Erik Levine

Ohnmächtige Männlichkeit

"coyote North" (2013) und "post time" (2012) laufen auf mittelgroßem Screen nacheinander. Der erste Titel bezieht sich auf die Stimmen der Wölfe, von der ein Geflüchteter aus dem Off erzählt, sie hätten ihm in fremdem Terrain Orientierung in Richtung Norden geboten: "The first time", hört der Zuschauer, „we crossed a canal". Eine waagerechte Reihe von acht punktuellen Lichtreflexionen scheint auf. Ein Maschendrahtzaun zeichnet sein Rautenmuster ab. "It was raining." Frontalansicht einer Wand aus aufgetürmten Strohballen im Gegenlicht. Blicke auf Stallungen und Wirtschaftshöfe einer Pferderennbahn. Text - und Bildstrom erzählen im Modus dokumentarischer Sachlichkeit von der Flucht (Text) und dem Leben am Zielort (Bild) mittelamerikanischer Wirtschaftsemigranten. Es geht um die Tätigkeiten der Arbeiter eines kalifornischen Rennsportunternehmens; den Grundton bildet eine merkwürdig melancholische Stimmung. Nur gelegentlich bringt eine den Bildern unterlegte Begleitmusik die Bewegungen der Männer zum Tanzen. Dieses Mittels der Verlebendigung bediente sich Levine schon in einigen kurze Sequenzen des milde gequälten oder surreal munteren Daseins im Altenheim.

Der Film „cocker“ (2010), vielleicht zu übersetzen mit Hahnenkampfmacher, schließlich schlägt den Bogen zurück zu „More Man“. Hier sind es Kampfhähne, denen die strenge Liebe ihrer Herren gilt. Sie tragen eine Stellvertreterschlacht aus, abgerichtet und konditioniert allein auf Kampf, Sieg oder Untergang.

Naturalistische Genrebilder aufnehmend, gelingen Levines Videos bei geringer Inszenierung und knapper formalästhetischer Abstrahierung eindrückliche Neuansichten von scheinbar Bekanntem. Dabei bildet die Abfolge der acht Filme einen übergeordneten Erzählstrang entlang tradierter Rollenbilder einer exaltierten Männlichkeit auf der Affektenskala zwischen todesverliebter, aufgepeitschter Gewaltfantasie, kurzschlussartiger Selbsttötung, meditativ-ritueller Ruhe des Schlachtens und merkwürdig leerlaufender Apathie und verschleierter Traurigkeit. Ob die Bilder dieser Filme ihren Platz im Strom der Zeit werden behaupten können? Betrachtenswert sind sie allemal.


Ausstellung
Erik Levine
As a Matter of Fact
im Ludwig Forum Aachen bis 24. September 2017

Weitere Informationen:
http://ludwigforum.de/event/erik-levine-as-a-matter-of-fact/

Online-Flyer Nr. 626  vom 30.08.2017

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