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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kommentar
Gedanken zur Zukunft Palästinas
Das Ei des Kolumbus
Von Uri Avnery

ICH WEISS weder, wann das Rad erfunden worden ist noch wer es erfunden hat. Ich zweifele jedoch nicht daran, dass es immer wieder neu erfunden worden ist und dass sich viele glückliche Erfinder den Ruhm teilen müssen. Dasselbe gilt für die israelisch-palästinensische Konföderation. Von Zeit zu Zeit erscheint sie als brandneue Idee in der Öffentlichkeit und wieder wird sie von einer neuen Gruppe von Erfindern stolz der Öffentlichkeit vorgestellt. Das zeigt einfach nur, dass man eine gute Idee nicht unterdrücken kann. Sie taucht immer wieder auf. In den letzten Wochen wurde sie in einigen Artikeln von neuen Erfindern vorgestellt. Jedes Mal, wenn das geschieht, zöge ich den Hut, wenn ich einen trüge. So wie es Europäer einmal taten, wenn sie einer Dame oder einem alten Bekannten begegneten.

TATSÄCHLICH wird in dem Teilungsplan der Vereinten Nationen, den die Generalversammlung am 29. November 1947 (Resolution 181) annahm, schon eine Art Konföderation vorgeschlagen, allerdings ohne dass dieser Ausdruck gebraucht wurde. Es heißt darin, dass die beiden durch die Resolution geschaffenen neuen Staaten – ein arabischer, ein jüdischer und Jerusalem als getrennte Einheit – in einer "Wirtschaftsunion" vereint würden. Ein paar Tage später brach der Krieg von 1948 aus. Es war ein heftiger und grausamer Krieg, und als er Anfang 1949 endete, war von der UN-Resolution nichts übrig. Es gab noch einige halbherzige Verhandlungen, aber sie führten zu nichts. Der Krieg schuf "Tatsachen auf dem Boden" - Israel beherrschte ein sehr viel größeres Gebiet, als ihm zugeteilt worden war, Jordanien und Ägypten übernahmen, was übrig war. Palästina existierte nicht mehr, der Name wurde von der Landkarte getilgt und die Hälfte des palästinensischen Volkes wurde aus ihren Häusern vertrieben.

Gleich nach dem Krieg versuchte ich eine Gruppe junger Juden, Muslime und Drusen zu bilden, die die Errichtung eines palästinensischen Staates neben dem neuen Staat Israel propagieren sollte. Die Initiative führte zu nichts. Als 1954 einige Palästinenser im Westjordanland gegen ihre jordanischen Herren revoltierten, veröffentlichte ich einen Aufruf an die israelische Regierung, die Schaffung eines palästinensischen Staates zu unterstützen. Mein Vorschlag wurde ignoriert. Drei Jahre später nahm die Idee einer israelisch-palästinensischen Föderation ernsthaft Formen an. Der israelische Angriff auf Ägypten 1956, wobei es eine geheime Zusammenarbeit mit Frankreich und Britannien gab, ekelte viele Israelis an. Mitten im Krieg rief mich Nathan Jellin-Mor an. Er schlug vor, wir sollten etwas in der Sache tun.

Jellin-Mor war der politische Führer von Lechi (alias der Stern-Bande) gewesen, der extremsten der drei Untergrundorganisationen, die gegen die Herrschaft der Briten gekämpft hatten. Ich war Besitzer und Chefredakteur eines populären Nachrichtenmagazins. Wir bildeten eine Gruppe namens Semitische Aktion. Wir beschlossen, als ersten Schritt ein Dokument zu erstellen. Nicht eines dieser fadenscheinigen politischen Programme, die heute veröffentlicht und morgen vergessen werden, sondern einen ernsthaften Plan für die Instandsetzung des Staates Israel. Dafür brauchten wir länger als ein Jahr. Wir waren etwa 20 Leute, die meisten von ihnen waren auf ihrem Gebiet prominent, und wir trafen uns wenigstens einmal in der Woche, um zu beraten. Wir teilten das Thema zwischen uns auf. Das Unterthema Frieden mit den Arabern fiel mir zu.

DIE GRUNDLAGE des neuen Glaubens war: Wir Israelis sind eine neue Nation – nicht außerhalb des jüdischen Volkes, sondern ein Teil davon, sehr ähnlich wie Australien, das eine neue Nation innerhalb der angelsächsischen Gemeinschaft war. Eine neue Nation, die von ihrer geopolitischen Lage, ihrem Klima, ihrer Kultur und ihren Traditionen geschaffen worden war. (Die Idee an sich war nicht ganz neu. In den frühen 1940er Jahren hatten einige Dichter und Schriftsteller, die den Spitznamen Kanaaniter bekommen hatten, etwas Ähnliches vorgeschlagen. Sie allerdings leugneten jede Verbindung mit dem jüdischen Volk in der Welt und sie leugneten auch die Existenz der arabischen Nation oder der arabischen Nationen.)

Unserer Ansicht nach war die neue "hebräische Nation" Teil der "semitischen Region" und darum eine natürliche Verbündete der arabischen Nationen. (Wir weigerten uns kategorisch, sie "Naher Osten" zu nennen, denn das war ein eurozentrischer, imperialistischer Name.) In einem Dutzend ausführlicher Paragraphen skizzierten wir die Struktur der Föderation, die aus den beiden souveränen Staaten Israel und Palästina bestehen und für gemeinsame wirtschaftliche und andere Interessen zuständig sein sollte. Die Bürger beider Staaten würden frei in den jeweils anderen Staat reisen, sich aber nicht dort ansiedeln dürfen. Wir sahen voraus, dass diese Föderation im Laufe der Zeit Teil einer größeren Konföderation aller Länder der semitischen Region in Asien und Afrika werden würde. Andere Kapitel handelten von der völligen Trennung zwischen Staat und Religion, freier Einwanderung, Beziehungen zu den jüdischen Gemeinden in aller Welt und einer sozialdemokratischen Wirtschaft. Das "hebräisches Manifest" genannte Dokument wurde veröffentlicht, noch bevor der Staat Israel zehn Jahre alt war.

CHRISTOPHER COLUMBUS, der Mann, der Amerika "entdeckte", wurde gefragt, wie man ein Ei dazu bringen könnte, stehen zu bleiben. Er kickte das Ei auf den Tisch und sieh da, es stand. Seitdem ist das "Ei des Kolumbus" in vielen Sprachen sprichwörtlich geworden, auch im Hebräischen. Die Idee von einer Föderation in Palästina ist ein solches Ei. Sie verbindet zwei Prinzipien: Zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan würde es nur ein einziges Land geben und sowohl Israelis als auch Palästinenser hätten ihren eigenen unabhängigen Staat. "Ganz-Israel" und "Ganz-Palästina" sind Formulierungen der Rechten beider Seiten. Die "Zweistaatenlösung" gehört der Linken. In dieser Debatte werden die Wörter "Föderation" und "Konföderation" gleichbedeutend verwendet. Und tatsächlich kennt fast niemand den Unterschied. Im Allgemeinen ist man sich darin einig, dass in einer Föderation eine zentrale Behörde mehr Macht hat, während in einer "Konföderation" mehr Zuständigkeiten bei den Einheiten liegen, aus denen sie besteht. Aber das ist eine vage Unterscheidung. Im Amerikanische Bürgerkrieg kämpften die in der "Konföderation" vereinigten Südstaaten, die auf vielen Gebieten (darunter das Gebiet der Sklavenhaltung) die Rechte der einzelnen Staaten beibehalten wollten, gegen die Föderation der Nordstaaten, die wollten, dass die Zentralregierung die meisten der wichtigsten Zuständigkeiten behalten sollte.

Die Welt ist voll von Föderationen und Konföderationen. Die Vereinigten Staaten, die Russische Föderation, die Schweizer Konföderation, das Vereinigte Königreich, die Bundesrepublik Deutschland und so weiter. Nicht zwei sind einander völlig gleich. Staaten unterscheiden sich voneinander ebenso stark wie Menschen. Jeder Staat ist das Produkt seiner Geografie, der besonderen Eigenart seiner Menschen, seiner Geschichte, seiner Kriege, seiner Liebes- und seiner Hassobjekte. Die Mitglieder einer Föderation müssen einander nicht lieben. In der letzten Woche wurde auf bizarre Weise der Amerikanische Bürgerkrieg in einer Stadt im Süden der USA am Fuße der Statue eines Generals der Südstaaten erneut ausgefochten. Bayern haben keine besondere Vorliebe für die "Preußen" aus dem Norden, viele Schotten würden nur zu gerne die verdammten Engländer loswerden und ebenso gerne würden viele Bewohner Quebecs Kanada loswerden. Aber gemeinsame Interessen sind stark und haben oft Vorrang.

Wenn es schon keine Liebesheirat ist, so ist es doch wenigstens eine Vernunftheirat. Technischer Fortschritt und die Anforderungen der modernen Wirtschaft treiben die Staaten der Welt zu immer größeren Einheiten zusammen. Die viel gescholtene "Globalisierung" ist eine globale Notwendigkeit. Leute, die heutzutage in Amerika die Fahne der Südstaaten schwenken oder das Hakenkreuz vor sich hertragen, sind lächerlich. Eines künftigen Tages werden die Leute sie ebenso bemitleiden, wie sie heute die Maschinenstürmer bemitleiden, die zu Beginn des industriellen Zeitalters die Maschinen zerschlugen.

ZURÜCK zu uns. Die Idee von einer Föderation oder Konföderation von Israel und Palästina mag einfach klingen, aber das ist sie nicht. Es gibt viele Hindernisse. Allem voran die großen Unterschiede der beiden Völker im Lebensstandard. Die reiche Welt müsste die Palästinenser gewaltig unterstützen. Der historische Hass zwischen den beiden Völkern, der weder 1967 noch 1948 entstand, sondern im Jahre 1882 seinen Anfang nahm, muss überwunden werden. Das ist keine Aufgabe für Politiker, sondern für Schriftsteller und Dichter, Historiker und Philosophen, Musiker und Tänzer. Das klingt nach einer beängstigend schweren Aufgabe, ich bin jedoch tief davon überzeugt, dass es einfacher ist, sie zu lösen, als es aussieht. In israelischen Krankenhäusern (Ärzte und Pflegepersonal), in Universitäten (Professoren und Studenten) und natürlich bei gemeinsamen Friedensdemonstrationen bestehen bereits Brücken zwischen beiden Völkern. Die bloße Tatsache, dass die Idee einer Föderation immer wieder auftaucht, beweist ihre Notwendigkeit. Die Mitglieder der Aktivisten-Gruppen, die sie jetzt zur Sprache bringen, waren noch nicht geboren, als wir die Idee zum ersten Mal äußerten, aber ihre Botschaft klingt neu und frisch. Möge ihre Sache gedeihen!


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 625  vom 23.08.2017

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