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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Glossen
Da war doch noch was?
Quälifikation
Von Harald Schauff

Niemals war es einfacher, Erwerbsperson zu werden. Früher, im letzten Jahrtausend, brauchte es dafür noch auskömmliche Vollzeitarbeit. Die statistische Rechenkunst unserer Tage hat diesen immensen Aufwand an Zeit und Energie überflüssig gemacht. Zur Freude auch der Unternehmen. Ihnen wurde die Bürde der Schaffung von Arbeitsplätzen von den Schultern genommen. Heute genügt zum einen die Anmeldung bei der Arbeitsagentur, zum anderen eine Krankmeldung, die Überstellung an einen privaten Arbeitsvermittler, ein Alter über 58 oder die Teilnahme an einer Beschäftigungs- oder Fortbildungsmaßnahme. Schon ist man Teil des 44-Millionen-köpfigen Erwerbspersonals. Völlig zu Recht. Auch Kranksein und Lernen können ganz schön anstrengend und schweißtreibend sein, das schaut doch sehr nach Arbeit aus. Als Lohn für die Mühe gibt es zwar kein existenzsicherndes Gehalt, dafür die Freuden der Genesung und des Mehr-Wissens. Vor dem Glücksgefühl steht die Qual, wie das Wort ‘Qualifikation’ bereits erahnen lässt.

Weit und voller Entbehrung ist der Weg zu Wissen und Weisheit. Er strapaziert zwar nicht die Füße, dafür Gesäß und graue Zellen. Bisweilen so stark, dass sich der Kopf wie Gelee anfühlt. ‘Qualifizierung’ geht auch auf ‘Qualle’ zurück. Und auf ‘Qualität’. Die kann bei der Wabbelmasse sehr unterschiedlich ausfallen. Je nach Verwertbarkeit wird von höher oder gering qualifiziert gesprochen. Besser gesagt: Wurde. Denn vor wenigen Monaten entdeckten unsere Nachrichtenboten eine neue Kategorie: ‘Mittel qualifiziert’. Und jetzt die Überraschung: Besonders in diesem Segment fielen in den letzten Jahren jede Menge Jobs der Automation und Digitalisierung zum Opfer. Wurde uns nicht jahrelang weisgemacht, dass gerade die Stellen der gering Qualifizierten durch technische Rationalisierung gefährdet seien? Nach dem Motto: Die letzten packt der mechanische Greifarm? Nix, er haut mitten in die Mitte. Sie kriegt es immer am heftigsten ab. Siehe die gebeutelte Mittelschicht: An den Rändern zerfranst, von Abstiegsängsten geplagt, von den Eliten abgehängt, anfällig für rechtspopulistisches Geschnodder.

Das Problem der Mitte: Sie ist so breit und bietet soviel Angriffsfläche. Deshalb ist sie schnell betroffen von Umwälzungen, Spaltungen und Krisen. Sie würde dem ja gern entgehen, würde gern höher hinaus, wenn sie denn könnte. Leider ist auf der Bergspitze nur begrenzt Platz. Reicht gerade für ein Restaurant mit Aussichtsplattform. Fast alle Tische darin sind reserviert. Das Restaurant stockt auf, die Spitze wird höher und entfernt sich von der Mitte. Dieser wird erzählt, sie solle sich anstrengen, sich ‘qualifizieren’, also quälen, dann könne sie es nach weiter oben schaffen. Dabei ist längst klar: Die Wenigsten schaffen es. Aller Quälifikation zum Trotz.

Und die gering Qualifizierten? Was sollen sie tun? Sich höher qualifizieren? Dann sind sie mittel-qualifiziert und drohen weg rationalisiert zu werden. Andererseits kommen sie kaum über die Runden. Doch genau wegen der geringen Verdienste gibt es solche Jobs überhaupt noch. Sind die Löhne niedrig genug, lohnt es sich für die Firmen zunächst nicht zu automatisieren. Dafür müssten sie ja investieren, sprich Geld ausgeben. Auf die lange Sicht mag das notwendig sein. Kurz- bis mittelfristig hat es erst einmal Zeit. Solang das alte Geschäftsmodell mit den Billiglöhnen funktioniert.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe August 2017, erschienen.


Online-Flyer Nr. 625  vom 23.08.2017

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