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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Kommentar
Nachdenken über Gilad Erdan, Israels Minister für öffentliche Sicherheit
"Marsch der Torheit"
Von Uri Avnery

MEIN VERSTORBENER Freund Nathan Yellin-Mor, der politische Führer der LECHI-Untergrundbewegung, sagte einmal von einem gewissen Politiker, er sei „kein großer Intellekt und kein kleiner Narr“. An diesen Satz erinnere ich mich jedes Mal, wenn ich über unseren Minister für öffentliche Sicherheit Gilad Erdan nachdenke. Die Rolle, die er bei den Ereignissen der letzten Wochen spielte, deretwegen der ganze Nahe Osten fast explodierte, bestätigte dieses Urteil. Andererseits erinnert mich Benjamin Netanjahu an den Spruch: „Schlau ist ein Mensch, der weiß, wie er sich aus einer Falle befreien kann, in die ein kluger Mensch gar nicht erst geraten wäre.“ Über Netanjahu würde ich sagen: „Sehr schlau, aber nicht sehr klug". 

HISTORISCHE Katastrophen kann man auf zweierlei Weise betrachten: Man kann sie als Anschläge böser Menschen oder als törichte Handlungsweisen ansehen. Die erste Sichtweise ist leicht nachzuvollziehen. Schließlich kann es ja nicht sein, dass unser Leben von einem Haufen Narren abhängt, die von nichts irgendeine Ahnung haben. Es ist zum Beispiel leicht zu glauben, dass Benjamin Netanjahu einem Sicherheitsbeamten in der israelischen Botschaft in Amman einen Geheimbefehl schickt, er solle zwei Jordanier töten, um damit Netanjahu zu ermöglichen, mit dem König von Jordanien darüber zu verhandeln, dass er als Gegenleistung für die Entfernung der Metall-Detektoren auf dem Tempelberg in Jerusalem den Mann freilässt. Einfach genial. Die andere Version ist sehr viel prosaischer. Sie besagt, dass die Menschen, die das Schicksal von Nationen und Ländern bestimmen – Kaiser und Könige, Staatsmänner und Generäle, Linke und Rechte – fast alle vollkommene Narren sind. Ein erschreckender Gedanke. Aber so ist es immer gewesen und so ist es noch heute. In der ganzen Welt und besonders in Israel. Diese Woche sagte einer meiner Freunde: „Wir brauchen keine Kameras auf dem Tempelberg zu installieren, wie jetzt vorgeschlagen wird. Wir sollten die Kameras im Konferenzraum des Kabinetts installieren, weil dort die Ursache der größten Gefahr für die Zukunft Israels liegt.“ Amen.  

DIE AMERIKANISCH-jüdische Historikerin Barbara Tuchman hat den Ausdruck the March of Folly, „Marsch der Torheit“, geschaffen. Sie hat verschiedene Katastrophen in der Geschichte untersucht und gezeigt, dass sie durch pure Dummheit verursacht wurden. Ein Beispiel: Der Erste Weltkrieg mit seinen Millionen Opfern war das Ergebnis einer Reihe von unglaublich idiotischen Handlungen. Ein serbischer Fanatiker tötete einen österreichischen Erzherzog. Er begegnete ihm zufällig, nachdem das geplante Attentat misslungen war. Der österreichische Kaiser sah eine Gelegenheit, seinen Heldenmut zu beweisen, und stellte dem kleinen Serbien ein Ultimatum. Der russische Zar mobilisierte seine Armee, um die slawischen Brüder zu verteidigen. Der deutsche Generalstab hatte einen Eingreifplan, der vorsah, dass die deutsche Armee, sobald die Russen beginnen würden, ihre schwerfällige Armee zu mobilisieren, in Frankreich einmarschieren und es erobern würde, bevor die Russen kampfbereit wären. Die Briten erklärten den Krieg, um Frankreich zu unterstützen. Keiner dieser Akteure wollte einen Krieg, schon gar nicht einen Weltkrieg. Jeder von ihnen trug gerade mal ein kleines bisschen Torheit bei. Alle zusammen begannen sie einen Krieg, in dem Millionen Menschen getötet, verwundet und verkrüppelt wurden. Am Ende waren sich alle einig, dass der arme deutsche Kaiser, der auch kein geringer Narr war, als Einziger die Schuld am Krieg trage.

DIESELBE Historikerin hätte vermutlich Vergnügen daran gefunden, über die neuesten Ereignisse auf dem Tempelberg in Jerusalem zu schreiben.
Drei palästinensische Fanatiker und Bürger Israels töteten dort zwei Grenzschutz-„Kämpfer“, die zufällig Drusen waren. (Die Drusen sind eine eigene halb-muslimische Sekte.) Jemand, wahrscheinlich von der Polizei, kam auf die glänzende Idee, Metall-Detektoren zu installieren, die dergleichen Gräueltaten verhindern sollten. Drei Minuten Nachdenken hätten genügt, um zu verstehen, dass das ein törichter Einfall war. An einem guten Tag betreten Hunderttausende Muslime den Tempelberg, um in und vor der Al-Aqsa-Moschee zu beten. Sie ist der drittheiligste Ort des Islam (nach Mekka und Medina). Wenn man sie dazu hätte bringen wollen, durch die Detektoren zu gehen, wäre das gewesen, als versuchte man einen Elefanten durch ein Nadelöhr zu fädeln. Es wäre ein Leichtes gewesen, in der Waqf-Behörde anzurufen, die die Aufsicht über den Tempelberg hat. (Waqf ist eine muslimische Stiftung.) Diese hätte den Gedanken an Metalldetektoren zunichte gemacht, weil das die Hoheit Israels über den heiligen Ort hergestellt hätte. Man hätte auch den König von Jordanien anrufen können, der formell die Aufsicht über die Waqf-Behörde hat. Er hätte dem Unsinn ein Ende gemacht. Aber der Gedanke mit den Metalldetektoren kam Erdan zu Ohren und er begriff sofort, dass ihn ein solcher Akt zum Helden machen würde. Erdan ist 47 Jahre alt und hat eine religiöse Schule besucht. Seinen Dienst in der Armee leistete er nicht in einer Kampfeinheit, sondern in einem Büro ab. Die typische Karriere eines rechtsgerichteten Politikers.

Erdan verhielt sich wie ein Kind, das neben einem Benzintank mit Feuer spielt. Die Metalldetektoren wurden installiert, ohne dass Waqf oder der König informiert worden wären. Im letzten Augenblick informierte Erdan Netanjahu, der im Begriff war, ins Ausland zu reisen. Netanjahu hat viele teure Hobbys, aber das größte Vergnügen bereitet es ihm, ins Ausland zu reisen und sich mit den Großen der Welt zu treffen, um zu beweisen, dass auch er einer von ihnen ist. Er war im Begriff, sich mit dem neuen Präsidenten Frankreichs zu treffen und danach mit vier Führern Osteuropas, die alle Halbdemokraten und Viertelfaschisten sind. Netanjahu war nicht in der Laune, sich mit dem Unsinn Erdans, eines seiner Zwerge, zu befassen, wenn er gerade im Begriff war, sich mit den Riesen der Welt zu treffen. Er war also mit der Installation der Detektoren einverstanden, ohne dass er recht wusste, worum es ging und was er da tat. Wann der Allgemeine Sicherheitsdienst (Schabak) gefragt wurde, ist nicht sicher. Diese Körperschaft jedoch, die genau mit der arabischen Realität vertraut ist, riet stark davon ab. Ebenso der Nachrichtendienst der Armee. Aber wer sind diese schon im Vergleich mit Erdan und seinem Kippa tragenden Polizeipräsidenten, der auch nicht gerade ein Genie ist.

IN DEM AUGENBLICK, als die Detektoren installiert wurden, überschlugen sich die Ereignisse. Aus muslimischer Perspektive sah es wie ein Versuch Israels aus, den Status quo des Tempelberges zu verändern und sich zu seinem Herrn aufzuschwingen. Der Benzintank geriet in Brand. Die Torheit der Entscheidung war sofort erkennbar. Jehova und Allah betraten die Szene. Die muslimischen Gläubigen wollten nicht durch die Detektoren gehen. Die Massen beteten auf den Straßen. Der Ernst der Lage wurde bald offensichtlich. Die Muslime, sowohl die israelischen Bürger als auch die Bürger der besetzten Gebiete, die kurz zuvor noch eine gesichtslose Masse gewesen waren, zeigten sich plötzlich als entschlossene, kampfbereite Menschen. Das war wirklich eine Leistung von Erdan. Bravo. Mit den Detektoren wurden keine Waffen entdeckt, aber sie offenbarten die Ausmaße der Torheit der Regierung. Massendemonstrationen fanden in Jerusalem, in den arabischen Gemeinden Israels, in den besetzten Gebieten und in den angrenzenden Ländern statt. Am ersten Wochenende starben sieben Menschen, Hunderte wurden verletzt.

Das neue Idol hieß „Souveränität“. Die israelischen Behörden hätten die Detektoren nicht entfernen können, ohne ihre „Souveränität aufzugeben“ (und „den Terroristen nachzugeben“). Der Waqf hätte nicht nachgeben können, ohne seine „Souveränität“ über den drittheiligsten Ort des Islam aufzugeben. Übrigens: keine einzige Regierung in der Welt hat jemals die Souveränität Israels über Ostjerusalem anerkannt. Die Muslime befürchten, dass, wenn die Juden den Tempelberg übernehmen würden, sie den Felsendom – den schönen Bau mit dem blau und goldenen Dach – und die Al-Aqsa-Moschee zerstören würden und dass sie an deren Stelle den Dritten Tempel erbauen würden. Das mag verrückt klingen, aber es gibt in Israel bereits randständige Gruppen, die Priester ausbilden und Gerätschaften für den Gebrauch im Tempel produzieren. Nach Barbara Tuchman können Führer nur dann der Torheit beschuldigt werden, wenn wenigstens ein Weiser sie gewarnt hatte. In unserem Fall war ein solcher Mann Mosche Dajan, der sofort nach der Eroberung des Tempelberges 1967 befahl, dass die israelische Flagge dort eingeholt würde, und der Soldaten den Zutritt verbot.

NIEMAND WUSSTE, wie aus dieser Sackgasse herauszukommen wäre. Netanjahu hat seine erfolgreiche Auslandsreise nicht abgebrochen, um nach Hause zu eilen und die Angelegenheit in die eigenen Hände zu nehmen. Warum sollte er auch. Wenn er jedes Mal nach Hause eilen würde, wenn einer seiner Lakaien etwas Dummes anstellte, wie könnten dann er und seine Frau Sara’le die Welt genießen? Und dann ereignete sich ein göttliches Wunder. Gott selbst stürzte sich ins Getümmel. Ein jordanischer 17-jähriger Tischler arbeitete in der Wohnung eines israelischen Sicherheitsbeamten in der israelischen Botschaft in Amman. Plötzlich griff er den Beamten mit einem Schraubenzieher an und verwundete ihn leicht. Der Beamte zog seinen Revolver und erschoss ihn. Sicherheitshalber erschoss er auch gleich noch den Wohnungsbesitzer, einen jordanischen Arzt. Es ist nicht klar, ob sich der Zwischenfall wegen eines Streites über Geld ereignete, oder ob sich der Tischler plötzlich entschlossen hatte, ein Schahid (Zeuge, Märtyrer) zu werden. Ebenso wenig klar ist, warum der Beamte ihn totschoss, statt ihn ins Bein zu schießen oder unbewaffnete Nahkampftechniken anzuwenden, in denen er trainiert war.

Der ehemalige Ministerpräsident Jitzchak Schamir, der selbst kein geringer Terrorist gewesen war, hat einmal gesagt: Kein (arabischer) Terrorist sollte jemals die Terror-Szene lebendig verlassen dürfen. Und tatsächlich wurde weder ein Mädchen mit Schere noch ein Mann, der einen Schraubenzieher schwang, jemals am Leben gelassen. Sogar ein tödlich verwundeter Attentäter, der am Boden lag und stark blutete, wurde durch einen Kopfschuss getötet. (Der Schütze wurde übrigens diese Woche aus der Haft entlassen.) Für Netanjahu und Erdan war der Zwischenfall in Amman jedenfalls ein Geschenk des Himmels. Der jordanische König war einverstanden, den Sicherheitsbeamten ohne Untersuchung des Falls freizulassen, und zwar im Gegenzug zur Entfernung der Metalldetektoren in Jerusalem. Netanjahu schloss mit einem Seufzer der Erleichterung, den man im ganzen Land hören konnte, den Handel ab. Kein Israeli hätte sich jemals weigern können, als Gegenleistung für die Rettung eines unserer furchtlosen Jungs die Detektoren zu entfernen. Man gab ja durchaus nicht die „Souveränität“ auf, nein, man rettete einen Juden, wie es einem alten jüdischen Gebot entsprach. Alle Botschaftsmitglieder wurden in einer Autofahrt von etwa einer Stunde nach Israel gebracht und Netanjahu feierte ihre „Rettung“, obwohl niemand sie bedroht hatte.

INZWISCHEN ereignete sich etwas anderes. Netanjahu fürchtet weder Gott noch die Araber. Er fürchtet Naftali Bennett. Bennett ist der Führer der Partei „Jüdisches Heim“. Diese ist die Nachfolgerin der national-religiösen Partei, die einmal die moderateste Partei im Land war. Jetzt ist sie die extremste rechtsgerichtete Partei. Sie ist eine kleine Fraktion mit nur acht (von 120) Abgeordneten in der Knesset, aber diese Anzahl genügt, um die Koalition zu zerbrechen und die Regierung zu stürzen. Netanjahu hat eine Todesangst vor ihm. Auf dem Höhepunkt der Wut über die Detektoren drang ein junger Araber in die Siedlung Halamisch ein und tötete drei Mitglieder einer Siedlerfamilie. Er wurde verhaftet, blieb wunderbarerweise am Leben und wurde in ein Krankenhaus eingeliefert. Schon ein paar Stunden später forderten Bennet und seine Justizministerin, dass der Attentäter hingerichtet werde. In Israel gibt es die Todesstrafe eigentlich nicht, aber aus irgendeinem Grund wurde die Strafe nicht aus dem Kodex der Militärgerichte gestrichen. Also forderten Bennet und seine schöne Justizministerin ihre Anwendung.

In der gesamten Geschichte des Staates Israel waren nur zwei Menschen aufgrund eines Gerichtsprozesses hingerichtet worden. Der eine war einer der Architekten des Holocaust Adolf Eichmann. Der andere war ein Ingenieur, der in den ersten Wochen des Staates wegen Spionage (zu Unrecht, wie sich später herausstellte) verurteilt worden war. Die Forderung nach der Todesstraße ist unglaublich dumm. Jeder muslimische „Terrorist“ träumt davon, ein Schahid  zu werden, einer der sein Leben für Allah opfert und dafür ins Paradies kommt. Seine Hinrichtung würde ihm seinen Traum erfüllen. Und nichts anderes erregt nationale und internationale Emotionen mehr als eine Hinrichtung. Die von der Todesstrafe Begeisterten und die Leute, die sie unterstützen, haben etwas Krankhaftes an sich. Wenn ihre Forderungen angenommen würden – was vollkommen unwahrscheinlich ist – würde das einen großen Sieg für muslimische Fanatiker darstellen. Zum Glück lehnen alle israelischen Sicherheitsdienste die Forderung entschieden ab. Aber in einer Einrichtung, die von Torheit beherrscht wird, wird sogar dieser Torheit Aufmerksamkeit und Unterstützung zuteil.


Anmerkung: Der Titel "Marsch der Torheit" nimmt Bezug auf Barbara Tuchman (1984): The March of Folly: From Troy to Vietnam – A meditation on unwisdom (as distinct from stupidity) as a force in history – Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam. Frankfurt /Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2001.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 624  vom 02.08.2017

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