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Aktueller Online-Flyer vom 20. August 2017  

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Globales
Aktionstag "50 Jahre israelische Besatzung", Bonn, 17.6.2017
Eingesperrt und ausgesperrt
Khaled Hamad – interviewt von Anneliese Fikentscher

"Zerstört sind die Hoffnungen der Palästinenser auf ein menschenwürdiges Leben und Frieden: Eine riesige Sperrmauer trennt Bauern von ihren Äckern, israelische Siedler rauben sich das fremde Land, unzählige Militärkontrollposten behindern die Mobilität der Bevölkerung, wirtschaftliche Aktivitäten werden erstickt, die Zerstörung von Häusern gehört ebenso zum Strafinstrument israelischer Besatzung wie nächtliches brutales Eindringen in die Wohnungen." So der Aufruf zum Protest gegen die von der internationalen Staatengemeinschaft geduldete Besatzung und Beraubung der Rechte der palästinensischen Bevölkerung - im eklatanten Widerspruch zur IV. Genfer Konvention. Jegliches - berechtigte - Aufbegehren wird per Militärverordnung sanktioniert. Die Zivilbevölkerung Palästinas findet sich israelischen Militärgerichten ausgesetzt. Per Administrativhaft kann diese willkürlich - ohne Haftbefehl und nachvollziehbarer Gerichtsverfügung - Menschen auf unbestimmte Zeit aus dem Verkehr ziehen. Unter den politischen Häftlingen, die wie Kriminelle behandelt werden, befinden sich skandalöserweise Kinder und Jugendliche.


Dr. Khaled Hamad (Fotos: arbeiterfotografie.com)


Sie sind Mediziner?

Ich bin Arzt für Nuklearmedizin.

Unter den in Israel in Administrativhaft Gefangenen sind viele Jugendliche. Die Art und Weise, wie Jugendliche in ihren Häusern verhaftet werden, wie sehen Sie das aus medizinischer (psychologischer) Sicht?

Es ist klar, dass die Jugendlichen, die zur Schule gehen müssen, die ihr normales Leben führen müssen, die werden aus ihrem Leben rausgerissen, werden mitgenommen - meistens ohne Anklage. Ohne Gerichtsbeschluss werden sie in Administrativhaft gehalten. Zunächst mal für zwei Monate. In Deutschland wären das 24 Stunden, aber dort sind es zwei Monate, und diese zwei Monate werden immer verlängert, so dass Kinder schon seit Jahren in den Gefängnissen sitzen. Damit ist ihre Zukunft im Eimer. Sie können nicht planen, auch nicht, wenn sie freigelassen werden. Sie werden darunter psychisch leiden, und in der Folge wird ihr Umgang mit der Umwelt schwierig sein, mit ihren Eltern, mit der Familie und mit der Umgebung. Durch diese Verhaftung zerstört man die Menschen.

Lassen sich die psychischen Schäden (bei der Verhaftung) etwas genauer beschreiben? Hunde sind im Einsatz. Das müssen traumatische Erfahrungen sein...


In Israel gibt es keine extra Gefängnisse für Kinder. Sie sind zusammen mit Erwachsenen vermischt. Das ist auch ein Problem. Weil, klar, die Kinder sind anders, die sind noch nicht so reif, um mit einem Gefängnisaufenthalt umzugehen. Darunter leiden sie, was sich psychisch ausdrückt im Umgang mit ihren Eltern, mit ihrem Vater, dass sie ihren Eltern nicht mehr akzeptieren.


Aktionstag "50 Jahre israelische Besatzung"


Weil die Eltern ihnen nicht helfen konnten?

Im Gefängnis sind sie früh reif geworden. Sie haben keinen Respekt mehr vor den Eltern. Darunter leiden viele Familien, dass sie ihre Kinder nicht mehr richtig versorgen können. Ich habe das selbst erlebt. Ich habe lange unter der Besatzung gelebt.

Wie lange?


Als 13jähriger habe ich unter der Besatzung gelebt. Dann bin ich legal ausgereist, um zu studieren. Und dann hieß es, ich darf nicht mehr zurück, weil angeblich diese Ausreisegenehmigung ungültig ist. Obwohl da drauf stand, dass die Ausreisegenehmigung unbefristet ist. Die wurde nicht verlängert, und so bin ich "legal deportiert", sozusagen.

Gab es keine juristische Möglichkeit, dagegen vorzugehen?

Ich habe es mit allen Mitteln versucht. Über meine Eltern, durch Vermittlung von Politikern, aber es hat nicht geklappt, so dass ich jetzt nur mit Hilfe meines deutschen Passes dahinfahren kann. Zuletzt war ich vor vier Jahren dort (zu Hause).

Wie lange leben Sie in Deutschland?

Seit 44 Jahren. Das ist schon lange her. Zum ersten Mal war ich dort wieder nach 22 Jahren.

Warum hat das so lange gedauert?

Es hat gedauert, bis ich einen deutschen Pass bekam. Davor ging gar nichts. Mit dem deutschen Pass konnte ich direkt nach Tel Aviv fliegen.

Lebt Ihre Familie noch in Palästina?

Meine ganze Familie ist dort, außer meine Frau und meine Kinder. Aber alle meine Geschwister, Mutter, Onkel, alle leben dort in Palästina, im Norden der Westbank.


Dr. Khaled Hamad


Und wie ist die Situation dort?

Was man hier weiß ist nur ein Bruchteil vom Leben der Palästinenser. Ich habe Flüchtlingslager im Libanon gesehen, da habe ich an der Menschheit gezweifelt. Vor kurzem war ich zu einem medizinischen Seminar in Beirut. Da habe ich gesehen, wie die Menschen in Schatila im Flüchtlingslager leben. Das ist ein Flüchtlingslager wo die Sonne nicht reinkommt. Man kann sich das nicht vorstellen. Das ganze Jahr kommt dort keine Sonne hin. Die Strassen sind so eng, das nur drei Leute nebeneinander gehen können. Über der Straße verlaufen hundert, zweihundert Stromkabel über den Köpfen. Wenn ein Kabel runter fällt, ist der Mensch weg. Die Kanalisation... unvorstellbar. Wo bleibt die Menschheit, wenn die Leute seit 70 Jahren hier leben. Und so leben.

Welchen Vorwurf muss man dem Libanon machen?

Dem Libanon keinen, weil die Flüchtlingslager werden von der UNRWH der Vereinten Nationen verwaltet. Das ist die Organisation, um die palästinensischen Flüchtlinge zu betreuen. Die Gelder für diese Aufgabe werden laufend gekürzt, so dass nur das Mindeste bleibt. Der Organisation selber trägt allein keine Schuld, sondern die Geldgeber. Die geben Milliarden für Waffen aus aber nichts für die Menschen. Die Lage der palästinensischen Flüchtlinge ist nicht akzeptabel. Die ist so schlimm wie auf einer Müllhalde in Sao Paulo. Und das seit 70 Jahren. Generationen sind das...


"50 Jahre israelische Besatzung und die politischen Gefangenen" - Rede von Khaled Hamad beim Aktionstag "50 Jahre israelische Besatzung", Bonn, 17.6.2017:




Siehe auch:

Filmclip
Tanya Ury für Boykott gegen Apartheid
Bonner BDS-Aktionstag anlässlich „50 Jahre Besatzung“
NRhZ 623 vom 26.7.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24002

"Menschenrechte und Völkerrecht achten"
Kundgebung "Für Al-Aqsa-Moschee und ungehinderte Religionsausübung"
NRhZ 624 vom 2.8.2017
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24029

Online-Flyer Nr. 624  vom 02.08.2017

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