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Aktueller Online-Flyer vom 18. Dezember 2017  

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Arbeit und Soziales
Reformationsjubiläum und protestantischer Arbeitsethos
Lobpreisung der Schinderei
Von Harald Schauff

Zum Thema ‘Arbeit’ hat der Moralkatalog der frommen Sprüche so einiges zu bieten: ‘Der frühe Vogel frisst den Wurm’. Na, wenn er sich daran nicht verschluckt, dann vergeht ihm das Zwitschern. ‘Arbeit macht den Menschen zum Menschen.’ Ist es nicht der aufrechte Gang, welcher den Menschen auszeichnet? Doch wie ist er dazu noch imstande, wenn er sich den Buckel krumm geschuftet hat? ‘Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen’. Mahlzeit. Wer nichts gegessen hat, dem fehlt die Kraft etwas zu tun, also auch zu arbeiten. ‘Ohne Fleiß kein Preis’. Für zu viele Fleißige ist der Preis kaum mehr als eine Schale Reis. ‘Du sollst dein Brot im Schweiße deines Angesichtes essen’. Wie unästhetisch, wie unappetitlich. In einem Disney-Comic stand irgendwann zu lesen: ‘Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt’.

Arbeit: Leid, Not, Mühsal oder Knechtschaft

Nichts gegen freiwillige, sinnvolle Tätigkeit, doch wer lässt sich gern aufzwingen, was seit Jahrhunderten unter dem Label ‘Arbeit’ verkauft wird: Fremd bestimmte, eintönige, abstumpfende, erschöpfende und auslaugende Beschäftigung. Also nichts Angenehmes und das verrät bereits der Wortursprung: ‘Arbeit’ hat altgermanische Vorläufer wie ‘arbed’ oder ‘arbeijo’, die ähnlich wie das lateinische ‘labor’ so viel bedeuten wie Leid, Not, Mühsal oder Knechtschaft. Gemeint waren vom Altertum bis hinein ins frühe Mittelalter körperlich anstrengende Beschäftigungen wie Feldarbeit oder Lastenschleppen, die man lieber Sklaven und später Leibeigenen überließ.

Ihre moralische Aufwertung erfuhr die Arbeit erst im Spätmittelalter mit Aufkommen des Calvinismus, Pietismus und Protestantismus. Jene verklärten sie zur heiligen Pflicht, der es sich ohne Wenn und Aber zu unterwerfen galt. Dagegen geriet der Müßiggang als ‘aller Laster Anfang’ in Verruf. Auch Martin Luther, dessen Werk, die Reformation, dieses Jahr ihr 500 jähriges Bestehen feiert, stimmte wortgewaltig ein in den Lobgesang auf die Arbeit: ’Von Arbeit stirbt kein Mensch, aber von Ledig- und Müßiggehen kommen die Leute um Lieb und Leben, denn der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen (Zitat aus DER SPIEGEL 48/2016).

Der Vergleich hinkt: Niemals sind so viele Vögel abgestürzt wie Menschen bei, an und durch die Arbeit gestorben. Abermillionen, die es bis heute auf den Feldern, in den Minen und Fabriken der Welt dahin raffte, strafen die fromme Predigt Lügen. Gleichwohl setzte sich die Heiligsprechung und Verklärung der Schinderei zusammen mit dem protestantischen Tugend-Katalog durch und verankerte sich immer fester und tiefer im gesellschaftlichen Bewusstsein. Zu besagtem Katalog zählten neben der Rationalität und dem Interesse an Kunst, Musik und Literatur in erster Linie auch Fleiß, Pflichtgehorsam und Sparsamkeit. Das klingt bekannt, sprich nach den berühmten deutschen Tugenden. Diese haben ihre Wurzeln im Protestantismus.

Dieser prägte auch den von evangelischen Pfarrhäusern gepflegten einfachen, bescheidenen, nahezu asketischen Lebensstil. Der große Reformator Luther selbst war diesem allerdings eher abgeneigt. Er trat beileibe nicht als Kostverächter auf, sondern genoss üppige Festmahle, gesellige Gelage und das von seiner Frau selbst gebraute Bier. Diät zu halten kam für ihn nicht in Frage. Er trank also auch schon gerne Wein und reichte das gepredigte Wasser an andere weiter.

Der Protestantismus erhöhte seit Luthers Zeiten nicht nur den Stellenwert der Arbeit, sondern auch der Bildung. Nicht von ungefähr entstammten viele deutsche Geistesgrößen Pfarrersfamilien. Berühmte Beispiele sind Matthias Claudius, Gotthold Ephraim Lessing, Georg Christian Lichtenberg, Jean Paul, Hermann Hesse, Friedrich Nietzsche, C.G. Jung und Gottfried Benn. Die Überzeugung, Bildung und Qualifikation könnten das Problem der Erwerbslosigkeit vollends lösen, dürfte auf diese Tradition zurück gehen. Sie wurde Anfang der 80er bereits vom damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan bemüht. Reagan meinte, jemand, der Arbeit suche, brauche nur genügend ausgebildet bzw. qualifiziert zu sein bzw. werden, dann hätte er/sie keine Probleme, einen Job zu finden.

Haupterbe des Protestantismus bleibt der ausgeprägte Arbeitsethos, dem das neoliberale Leistungsdenken zu neuer Blüte verhalf. Nach Notwendigkeit, Sinn, Zweck und Wert der Arbeit fragt dieser Ethos nicht, noch weniger nach der Zumutbarkeit von Arbeitsbedingungen. Vielmehr umschreibt er die Arbeit nicht nur als notwendiges Übel, sondern als reinen Selbstzweck, dem es sich unhinterfragt zu unterwerfen gilt. Ansonsten droht die gesellschaftliche Ächtung. Diese Überzeugung wurde im Laufe der Jahrhunderte so stark verinnerlicht, dass ein Leben geschweige denn eine Existenzsicherung ohne Arbeit jenseits der Vorstellungskraft lag und liegt. Das Leistungsprinzip gibt sich dabei nicht mit der bezahlten Arbeitszeit zufrieden, sondern verlangt vom Einzelnen, dass er auch noch in seiner Freizeit produktiv ist, z.B. durch Hobby-Handwerk. Es unterstellt eine unbegrenzte Belastbarkeit des Menschen. Es kennt kein gesundes Maß.

Obwohl die reale Tätigkeit mit ihrer ideologischen Verherrlichung in etwa so viel zu tun hat wie abgehobene Börsenkurse mit dem Zustand der Realwirtschaft, gilt Arbeit nach wie vor als soziales Maß aller Dinge und wird in politischen Sonntagsreden als Allheilmittel angepriesen. Von dieser Position aus, die Arbeit als Selbstzweck, Sinnstiftung und Fetisch vergöttert, wird der technische Fortschritt als Bedrohung und Drama empfunden. Sein Frevel: Er macht mehr und mehr menschliche Arbeitskraft überflüssig und bringt das vermeintliche Arbeitstier Mensch um die essentielle Bestimmung seiner Existenz.

Der Fetisch Arbeit darf nicht verschwinden


Eigentlich ist es ein Segen, wenn abstumpfende, eintönige, körperlich und psychisch verschleißende und gesundheitsschädliche Tätigkeit automatisiert wird. Doch die ‘Hauptsache Arbeit’-Logik sieht darin einen Fluch. Der Fetisch ‘Arbeit’ darf nicht verschwinden. Er hält die Köpfe fest im Griff. Aus diesem Grund steht seit Jahrzehnten mit Verfestigung einer hohen Sockelarbeitslosigkeit von mind. 2 Millionen die ‘Schaffung von Arbeitsplätzen’ an der Spitze sämtlicher politischer Agendas. In Erinnerung kommt der Bundestagswahlkampf von 2002. Zahlreiche Wahlplakate schrieen nach ‘Arbeit, Arbeit, Arbeit’. Auf einem des Linkspartei-Vorläufers PDS stand gar, die schönsten Plätze der Welt seien die Arbeitsplätze. Einen solchen Spruch dürften von der arbeitenden Bevölkerung die wenigsten unterschreiben. Am allerwenigsten jene, welche infolge der Schröder-Agenda in den Genuss prekärer Niedriglohnbeschäftigung und Leiharbeit kamen. Eben so jene, die wie anno dazumal 50 bis 60 Wochenstunden schuften.

Schöner wurde einzig die Erwerbslosenstatistik. Nicht zuletzt, weil Arbeitslose über 58 und solche in Auffang- und Qualifizierungsmaßnahmen anders als noch vor 25 Jahren nicht mehr mitgezählt werden. Mit ihnen zusammen liegt der eigentliche Sockel immer noch bei über 3 Millionen. Die Rekordzahl von rund 44 Millionen Erwerbspersonen ist eindeutig dem massiven Zuwachs an Teilzeitbeschäftigung geschuldet und nicht einem erhöhten Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft. Zumal bei Angestellten das Arbeitsvolumen, die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden von einst über 52 Mrd. in den 90ern auf inzwischen leicht unter 50 Mrd. abgesunken ist.

Der Langzeittrend weist Richtung niedrigeres Arbeitsvolumen und kürzere Arbeitszeiten. Kein Vertun. Die (ideologisch überhöhte) Erwerbsarbeit befindet sich auf dem Rückzug. Zweckoptimisten mögen darauf verweisen, durch den Wandel auf dem Arbeitsmarkt würde auch eine Menge neuer Jobs entstehen. Sicher, jedoch ersetzen diese die weg brechende Beschäftigung nicht 1:1. Genau das lässt sich aus der hohen Sockelarbeitslosigkeit, dem Zuwachs an Teilzeitbeschäftigung und dem sinkenden Arbeitsvolumen ersehen.

Diese Entwicklung schreitet Schub für Schub unaufhaltsam voran. Irgendwann wird die zumindest teilweise Trennung von Arbeit und Einkommen unerlässlich. Arbeit wird dadurch ihren zwang- und fetischhaften Charakter verlieren und sich zu freier, selbst bestimmter Tätigkeit wandeln.

Bis heute fällt ein Umdenken in diese Richtung schwer. Zu tief sind der Leistungsethos und die Gleichung Einkommen =Arbeit in den Köpfen verankert. Auf diesem Mist sind solche Ideen wie die eines ‘öffentlich geförderten Beschäftigungssektors’ gewachsen. Teile der Linken fordern ihn, neuerdings auch der Chef der Bundesarbeitsagentur Frank-Jürgen Weise. Beschäftigung, für die im Prinzip kein Bedarf besteht soll mit öffentlichen Geldern künstlich gefördert werden.

Angesichts der beschriebenen Entwicklung ist das nicht mehr als ein hilfloser Reflex, die alte Arbeitsgesellschaft auf Biegen und Brechen zu erhalten. Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurück drehen, die Situation auf dem Arbeitsmarkt nicht ewig schön färben. Angeblich sei dieser so robust, dass in einigen Bereichen Unterbeschäftigung, sprich ‘Fachkräftemangel’, herrsche. Wäre dem so, müssten Fachkräfte überproportional verdienen, weil so stark nachgefragt. Dies ist nicht der Fall. Eher scheint hinter der ganzen (Schein-)Diskussion die Absicht zu stecken, die Löhne auch in diesem Segment zu drücken, in dem ein künstliches Überangebot an Fachkräften geschaffen wird. Der nächste heftigere Rationalisierungsschub dürfte das Thema eben so erledigen wie den Restglauben an die Vollbeschäftigung.

Dem Fetisch Erwerbsarbeit braucht nicht nachgetrauert zu werden

Mit dem Absterben der Lohnarbeit im klassischen Sinne stößt auch die Umverteilung von unten nach oben an ihre ultimative Grenze. Die notwendige Entkopplung von Arbeit und Einkommen wird auch die überbordende Vermögenskonzentration in wenigen Händen bremsen und zu einer gerechteren Einkommensverteilung führen. Insofern darf voller Hoffnung in die Zukunft geschaut werden. Dem Fetisch der allmählich sich verabschiedenden Erwerbsarbeit braucht nicht nachgetrauert zu werden.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Mai 2017, erschienen.

Online-Flyer Nr. 614  vom 24.05.2017

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