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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Kommentar
Gedanken zu Militär und Moral
Die moralischste Armee
Von Uri Avnery

VOR EIN paar Tagen stieß ich zufällig auf den ausgezeichneten britischen Film Testament einer Jugend. Er hat die Erinnerungen von Vera Brittain zur Grundlage. Vera erzählt ihre Geschichte. Es ist die Geschichte eines britischen Mädchens, das in einer bürgerlichen Familie ohne Nöte und Sorgen aufwuchs, bis der Erste Weltkrieg diesem Paradies ein Ende setzte. Ihr Bruder, ihre Freunde und ihr Verlobter starben einer nach dem anderen im schrecklichen Schlamm Frankreichs. Sie verpflichtete sich zum Dienst als Krankenschwester in der Nähe der Front und hatte es mit Hunderten Verwundeter und Toter zu tun. Das zarte Mädchen vom Lande verwandelte sich in eine abgehärtete Frau. Die Szene, die mich am meisten beeindruckte, war die: Sie wird zu einer Baracke mit verwundeten Deutschen geschickt. Ein nicht mehr ganz junger deutscher Offizier liegt im Sterben. In seinem Delirium sieht er seine Geliebte, fasst Veras Hände und flüstert: „Bist du es, Klara?“. Vera antwortet auf Deutsch: „Ich bin hier.“ Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen stirbt der Deutsche. Gleich nach dem Krieg fordert die englische Menge einen rachsüchtigen Frieden. Vera betritt die Bühne und erzählt von diesem Erlebnis. Die Menge verstummt.

Wie können im Krieg Gesetze gelten, wenn Krieg ohnehin alle Gesetze bricht?

DER FILM brachte mich wieder auf die Affäre Elor Asarias, des Soldaten, der einen hilflos am Boden liegenden schwer verwundeten arabischen Angreifer getötet hat. Er wurde vom Militärgericht zwar mit scharfen Worten verurteilt, aber nur mit der lächerlich niedrigen Strafe von eineinhalb Jahren Gefängnis bestraft. Sein öffentlichkeitsgeiler Anwalt hat Berufung eingelegt. Einen verwundeten oder gefangenen Feind töten ist ein Kriegsverbrechen. Warum eigentlich? Für viele ist das ein Rätsel. Krieg ist der Bereich des Tötens und Vernichtens. Soldaten bekommen Orden, weil sie getötet haben. Warum ist es also plötzlich ein Verbrechen, einen verwundeten Feind zu töten? Wie kann man meinen, ein Gesetz sollte im Krieg gelten, wenn doch der Krieg ohnehin alle Gesetze bricht? Eine Armee, die ihre Soldaten im Töten trainiert, wie kann die von ihnen fordern, dass sie einem Feind Gnade erweisen?

Die Grenzen für die Verheerungen durch Krieg wurden nach einem der schrecklichsten blutigen Konflikte der Geschichte, dem Dreißigjährigen Krieg (1618-48), festgelegt. Das Haupt-Schlachtfeld war Deutschland – ein ebenes Land in der Mitte Europas, das keine natürlichen Grenzen zur Verteidigung hat. Ausländische Armeen drangen von allen Seiten ein und machten es unter sich aus. Armeen verwüsteten ganze Städte, töteten, vergewaltigten und plünderten. Zwar begann der Krieg als Religionskrieg, wurde dann aber ein Krieg um Vorherrschaft und Gewinn. Millionen starben. Am Ende waren zwei Drittel Deutschlands verwüstet und ein Drittel der deutschen Bevölkerung umgebracht. Eines der Ergebnisse war, dass die Deutschen, da sie keine natürlichen Grenzen hatten, die sie hätten verteidigen können, etwa Meere und Gebirge, eine künstliche Grenze schufen: eine starke Armee. Es war der Anfang des deutschen Militarismus, der mit dem Nazi-Wahnsinn seinen Höhepunkt erreichte.

Freiheitskämpfer: Kämpfer der eigenen Seite - Terroristen: die der anderen Seite


HUMANISTEN, die Zeugen der Gräuel des Dreißigjährigen Krieges geworden waren, dachten über Möglichkeiten nach, die Kriegsführung einzuschränken und ein Kernstück des Völkerrechts zu schaffen. Der herausragende Verfechter dieser Idee war der Niederländer Hugo de Groot („Grotius“). Er legte das Fundament für Kriegsregeln. Wie kann Krieg eingeschränkt werden? Wie können Waffen „rein“ sein, wenn es gerade ihr Zweck ist zu töten und zu vernichten? Grotius stellte ein einfaches Prinzip auf: Zwar kann man nichts tun, um die Mittel und Praktiken einzuschränken, die für das Gewinnen eines Krieges notwendig sind. Keine Armee würde derartige Einschränkungen anerkennen. Aber im Krieg geschieht Schreckliches, das nichts mit Sieg zu tun hat. Zivilpersonen, Gefangene und Verwundete töten trägt nicht zum Sieg bei. Wenn man ihr Leben schont, ist das für alle Seiten gut. Wenn eine Seite das Leben gefangener Soldaten ihres Feindes schont und der Feind wiederum das Leben der gefangenen Soldaten eben dieser Seite schont, ist das ein Gewinn für beide Seiten. Die modernen Kriegsgesetze waren also nicht nur moralisch und menschlich, sondern sie waren auch vernünftig. Alle zivilisierten Nationen erkannten sie an. Sie brechen ist ein Verbrechen.

Anfänglich wurde das Gesetz, das das Töten Gefangener und Verwundeter verbot, nur auf uniformierte Soldaten angewandt. In der Lebenszeit der letzten Generationen wurde die Trennung zwischen uniformierten Soldaten und kämpfenden Zivilpersonen aber immer schwerer zu vollziehen. Guerillas, Partisanen, Untergrundkämpfer und Terroristen beteiligen sich an Kämpfen, die als Krieg anerkannt werden. Das Völkerrecht wurde auch auf sie ausgedehnt. (Worin besteht der Unterschied zwischen einem Terroristen und einem Freiheitskämpfer? Ich bin stolz darauf, dass ich vor langer Zeit die einzig wissenschaftliche Formel dafür gefunden habe: „Freiheitskämpfer sind die Kämpfer der eigenen Seite, Terroristen die der anderen Seite.“) Kommen wir nun also auf Elor Asaria zurück. Einen verwundeten, kampfunfähigen feindlichen „Terroristen“ töten ist schlicht und einfach ein Kriegsverbrechen. Verwundete „Terroristen“ müssen medizinisch versorgt werden. Sie sind keine Feinde mehr, sondern nur verletzte Menschen. Wie der sterbende Deutsche im Film.

Am Ende alle entmenschlicht?

DIE WEITHIN unbeliebte Frau des Ministerpräsidenten Sarah Netanjahu sagte vor Kurzem in einem Interview: „Ich glaube, dass die israelische Armee die moralischste Armee in der ganzen Welt ist!“ Sie hat damit nur einen Glaubensartikel zitiert, der endlos in allen israelischen Medien, Schulen und politischen Reden wiederholt wird. Einige mögen denken, dass der Ausdruck „moralische Armee“ ein Oxymoron sei. Armeen sind ihrem Wesen nach unmoralisch. Armeen gibt es, damit sie Krieg machen, und Krieg ist grundsätzlich unmoralisch. Man könnte sich fragen, wie der Krieg all diese Jahrtausende hat überleben können. Die Menschheit hat riesige Fortschritte auf allen Gebieten gemacht, und doch hat der Krieg überdauert. Anscheinend ist er zu tief im menschlichen Wesen und der menschlichen Gesellschaft verankert. Von Anbeginn der Menschheit gehörte Krieg zur conditio humana. Das begann bei den urtümlichen Stämmen.

Wenn sich zwei Bürger streiten, wird nicht mehr zugelassen, dass einer den anderen tötet. Sie müssen vor Gericht gehen und das Urteil annehmen, das auf der Grundlage des von allen akzeptierten Rechts gesprochen wurde. Der gesunde Menschenverstand könnte sagen, dass dasselbe auf Nationen angewandt werden sollte. Wenn zwei Staaten sich streiten, sollten sie vor einen internationalen Gerichtshof ziehen und dann dessen Urteil friedlich akzeptieren. Wie weit sind wir von einer solchen Realität entfernt? Jahrhunderte? Jahrtausende? Eine Ewigkeit? Im 17. Jahrhundert wurde der Krieg von Söldnern geführt. Sie kämpften, um damit zu verdienen. Manchmal wechselten Regimenter noch auf dem Schlachtfeld die Seiten. Soldaten waren auf Plünderungen aus. Die „Plünderung Magdeburgs“ im Dreißigjährigen Krieg ist bis heute in der deutschen Geschichte lebendig. Es war eine Orgie im Plündern, Töten und Vergewaltigen in der Stadt.

Ein Jahrhundert später wurde der Krieg von nationalen Berufsheeren geführt und er wurde etwas zivilisierter. In den Kriegen Ludwig XIV. und Friedrichs des Großen blieb die Zivilbevölkerung weitgehend unbehelligt. Mit der Französischen Revolution entstanden die modernen Massenarmeen. Allgemeine Wehrpflicht wurde die Regel, die in Israel und anderen Ländern immer noch in Kraft ist. Wehrpflicht bedeutet, dass fast alle Seite an Seite dienen – die Guten und die Bösen, die Normalen und die Verwahrlosten. Ich habe erlebt, wie wohlerzogene Söhne aus „guten Familien“ furchtbare Kriegsverbrechen begingen. Als ich sie ein paar Jahre später wiedertraf, waren sie gesetzestreue Bürger und stolze Familienväter.

Ich habe beobachtet, dass, wenn in einer gewöhnlichen Einheit ein paar moralisch gefestigte Soldaten auf einige faule Äpfel treffen und die Mehrheit der Soldaten dazwischen steht, die Chance vorhanden ist, dass die Besseren den Ton angeben. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, dass die Besseren sich den anderen anpassen und dass sie am Ende alle entmenschlicht sind. Das ist ein gutes Argument für Kriegsdienstverweigerer. (Ich muss zugeben, dass ich hinsichtlich dieses Themas zwiespältig bin: Einerseits möchte ich, dass moralisch gesunde Männer und Frauen Militärdienst leisten und ihre Einheiten beeinflussen, und andererseits empfinde ich große Sympathie für diejenigen, die der Stimme ihres Gewissens folgen – und den Preis dafür zahlen.)

Kaltblütiger Soldat sonnt sich im Glanz seiner Stellung als Held

WENN ich einen Soldaten sehe, der kaltblütig seinen verwundeten Feind erschießt, frage ich mich: Wer sind seine Eltern? In was für einer Familie ist er aufgewachsen? Wer sind seine Befehlshaber? Die Hauptschuld tragen die Offiziere, vom Kompanieführer bis hinauf zum Frontkommandeur. In einer Armee müssen die Befehlshaber immer die Hauptverantwortung tragen. Alles hängt von den moralischen Maßstäben ab, die sie ihren Untergebenen einprägen. Ich gebe immer ihnen zuerst und vor allen anderen die Schuld. Gleich zu Beginn der Affäre schlug ich vor, Asaria für alle sichtbar zu einer strengen Freiheitsstrafe zu verurteilen. Dann würde ich ihn begnadigen, aber nur unter der Bedingung, dass er sein Verbrechen öffentlich zugibt und um Verzeihung bittet. Bisher hat er sich geweigert, das zu tun, stattdessen sonnt er sich im Glanz seiner Stellung als Held, die er in manchen Teilen der Bevölkerung innehat. Ebenso seine Eltern, die anscheinend ihre Auftritte in der Öffentlichkeit genießen.

Nur eine Armee, die nicht kämpft, ist vollkommen moralisch

WIE MORALISCH ist nun also die israelische Armee? Schon bevor der Staat Israel gegründet wurde, brüstete sich die Untergrundorganisation (die Haganah), die seine Grundlage bildete, mit ihrer Moralität. „Die Reinheit der hebräischen Waffen“ war damals der Spruch und ist es immer noch. Das traf damals ebenso wenig wie heute zu, aber es schuf den Glauben an die „moralischste Armee der Welt“. So etwas wie eine wirklich moralische Armee gibt es nicht. Leider sind Armeen in der Welt notwendig, ihre Moralität ist jedoch immer fragwürdig. Wenn ich unsere Armee einschätzen sollte, würde ich meinen, sie sei moralischer als die russische Armee und weniger moralisch als zum Beispiel die Schweizer Armee. Die einzig vollkommen moralische Armee ist die Armee, die nicht kämpft.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Online-Flyer Nr. 605  vom 22.03.2017

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