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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Literatur
Jack Blacks Kriminalgeschichte: Im Knast und auf der Flucht
Jack Black - Ein gehetztes Leben
Von Jochen Knoblauch

"Im Knast und auf der Flucht" - das sind die Memoiren des Diebes Jack Black, der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in den USA zur Legende wurde, Kriminalgeschichte schrieb und Literaten beflügelte. „Kriminalität rechnet sich nicht.“ Dies war die Erkenntnis des Jack Black (1871-1933), ein US-amerikanischer Hobo, Dieb, Ausbrecher, Opiumesser und Drogenhändler, als er 46jährig nach einer Odyssee von Knast, Ausbruch und wieder Knast für das San Francisco Bulletin, einer Zeitung des Philanthropen Fremont Older, eine 34teilige Serie über seine letzten Jahre als Krimineller publizierte, die später unter dem Originaltitel „Out of Prison“ auch als Buch erschien.


Jack Black

Eigentlich hieß Jack Black mit richtigen Namen Thomas Callaghan und war Canadier, weil er in British-Columbia geboren wurde, und selbst sein Todesjahr ist nicht ganz geklärt. Die englischsprachige Wikipedia nennt das Jahr 1932, der Zeitpunkt seines Verschwindens aus seiner New Yorker Wohnung. Allgemein wird davon ausgegangen, dass er sich selbst umbrachte, aber seine Todesumstände wurden nie ganz geklärt. Wie das eben so mit den Mythen ist, etwas bleibt immer im Nebel, im Verborgenen.

Als 1989 im Berliner Karin Kramer Verlag die Biographie von Jack Black „Du kommst nicht durch“ erstmals auf Deutsch erschien (übrigens auch unter der Beteiligung von Axel Monte übersetzt), war er eine Figur für Spezialisten der amerikanischen Kriminalgeschichte, in der er zwischen Jesse James (1847-1882), dessen Tod den 14jährigen Black stark beeinflusst haben soll, und Al Capone (1899-1947) anzusiedeln ist. Und nicht erst der Schriftsteller W. S. Burroughs verhalf Black, in dem er ihn in verschiedenen Bücher zitiert und auftreten lässt, und der vom Ethos des damaligen Gangstertums beeindruckt war, zum Mythos.

Black beschreibt hier im neuen Buch „Im Knast und auf der Flucht“ in 34 Kapiteln das Ende seiner Gangsterkarriere, die er unter das Credo „Ich verbuche das alles unter Bildung“, zusammenfasst, und die Zeit von ca. 1905 bis 1917 umfasst, als in Europa der Erste Weltkrieg tobte. Die Beschreibungen vom Knastalltag sind dünn, und etwa wie er sich Waffen und/oder Geld „beschafft“ wird gar nicht ausgeführt. Vieles bleibt unserer heutigen, an „Tartörter“ geschultes Fernsehwissen, überlassen. Auch fehlt die Sozialanalyse, das Warum. Das alles spielt hier kaum ein Rolle.

Was Black zu Rastlosigkeit antreibt ist das krude, bis heute existierende Rechtssystem der USA. Black saß sechs Jahre im Stadtgefängnis, ohne Sonne, ohne „Hofgang“ etc. und wartete auf seine Revision, von der er zwischen Hoffen und Bangen mit 25 Jahre Haft in Folsom rechnete, wobei ihm die sechs Jahre Stadtgefängnis nicht angerechnet wurden. Er berichtet von selbstherrlichen Richtern, die nur drei Strafmaße kannten: Freispruch, 25 Jahre Haft und die Todesstrafe. Von solchen widersinnigen Verurteilungen wie „200 Jahre Gefängnis“ oder etwas „zweimal zum Tode verurteilt“ mal ganz abgesehen.

Folsom Prison war damals wie heute ein Ort des Schreckens, der Hoffnungslosigkeit, der selbst in die Populärmusik Eingang fand als etwa Johnny Cash 1968 sein Live-Album „At Folsom Prison“ veröffentlichte mit seinem Song „Inside the Walls of Folsom Prison“ (der allerdings bereits 1951 veröffentlicht worden ist).

Diese krude Rechtssystem gilt bis heute, wenn wir etwa an den Fall des Bürgerrechtlers Leonard Peltier denken, der seit über 40 Jahren im Gefängnis sitzt, obwohl selbst der Staatsanwalt der damaligen Verhandlung inzwischen eingestanden hat, dass Beweise manipuliert und Zeugenaussagen erpresst worden sind. Seit vielen Jahren kann Peltier nur hoffen von einem scheidenden Präsidenten begnadigt zu werden, aber Gerechtigkeit wird er wohl nie zu Lebzeiten erfahren.

In der Reihe der politischen „Knastliteratur“ (etwa von Carl Harper, der meines Erachtens erstmals über Vergewaltigung im Knast berichtete oder Jaques Mesrine, der vom Gangster zum Kritiker des französischen Hochsicherheitstrakts QHS wurde) nimmt sich Jack Black mit seinen Beschreibungen der damaligen US-Gefängnisse recht harmlos aus, obwohl er sicher die schlimmsten Knäste der USA, Folsom Prison und San Quentin, kennen gelernt hat.

Am 31. Oktober 1916 wird Black als Mitarbeiter des San Francisco Bulletin von einem Mitarbeiter der Konkurrenz-Zeitung niedergeschossen, wie wir aus der Einleitung von Axel Monte erfahren. Black geht später nach New York, wo sein – unbekanntes – Schicksal wie oben bereits geschildert besiegelt wurde. Ebenso schicksalhaft war sicherlich die Tatsache, dass der Übersetzer Axel Monte einen Tag bevor das Buch hier aus der Druckerei kam, am 16.8.2016 verstorben ist. Monte, ein ausgezeichneter Übersetzer und Herausgeber, der neben Klassikern der Weltliteratur sich auch immer wieder Texte aus der Beatgeneration, von Piraten und Gangstern annahm.

Wurde nun Jack Black vom Saulus zum Paulus? Nein. Er behielt seinen ganz eigenen Gangster-Codex bei und er wurde nicht Müde in Aufsätzen und Vorträgen das US-Gefängnissystem zu bekämpfen, welches bis heute sich kaum verändert hat. Ein System der Rache, einer unbarmherzigen Rache gegen alle, die sich nicht anpassen wollen oder können. Und einmal in diese Mühle geraten, kommt man schlecht da wieder raus. Das ist die Rechnung, die Black aufmacht, die uns als historisches Dokument daran erinnern soll, das ein solches, gottgewolltes, Rachesystem, fast möchte man den Vergleich mit der Shariha ziehen, nicht mehr in unsere Zeit passt. Darüber lässt sich bei dem Text von Jack Black gut nachdenken.




Jack Black, Im Knast und auf der Flucht („Out of Prison“), dialog-edition & trikont verlag Duisburg/Istanbul 2016. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Axel Monte und Jerk Götterwind. Mit Illustrationen von Horst Kirstein. OPb., 155 S., 15,00 Euro.

Online-Flyer Nr. 596  vom 18.01.2017

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