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Aktueller Online-Flyer vom 22. November 2017  

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Kultur und Wissen
Psycho-historischer und kosmo-politischer Vortrag in Wuppertal
Menschen-Rechte und Zivilgesellschaft in Europa
Von Wolfgang Wiebecke

Zum internationalen Tag der Menschenrechte am Samstag 10. Dezember 2016 hatte PEGAH Wuppertal e. V. mit Unterstützung von Katholisches Bildungswerk und Aktion Komm an des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen den investigativen Journalisten und Sachbuchautor Stephan Mögle-Stadel (Stuttgart) ins Café PEGAH in Wuppertal eingeladen.

Der Vortragende hatte in seiner Biographie über >Dag Hammarskjöld< das Attentat auf den am 18. September 1961 ermordeten UNO-Generalsekretär rekonstruiert und dabei auch die Namen der beteiligten westlichen Geheimdienste, Diplomaten und des multinationalen Bergbaukonzerns Union Minière du Haut-Katanga, mit damals Geschäftssitz in Brüssel, als Drahtzieher im Hintergrund enthüllt. Zur Biographie von Dag Hammarskjöld hatte der Vortragende bereits 2001 und 2011 in Wuppertal Vorträge gehalten, letzteren Vortrag ebenfalls auf Einladung von PEGAH Wuppertal e.V.. Aber auch von Attac Wuppertal war er wiederholt zu Vorträgen zu unterschiedlichen Themen eingeladen.

Im August 1996 prognostizierte Mögle-Stadel den Crash des kapitalistischen Finanzsystems „in 10 bis 15 Jahren“ in der Süddeutschen Zeitung. In seinem 2003 erschienenen Buch "Menschheit an der Schwelle – Globalisierungskrise und Weltwirtschaftsdiktatur"(Amthor Verlag) beschrieb er den Versuch der Deutschen Bank, schon unter Alfred Herrhausen, zum Global Player aufzusteigen und durch eine Initiative zum Schuldenerlass für die Dritte Welt an der anglo-amerikanischen Konkurrenz vorbeizuziehen. Wer das Buch gelesen hat, glaubt nicht mehr an die Verschwörungstheorie, dass eine „dritte RAF-Generation“ Herrhausen liquidiert habe. Der Vortragende beschrieb den verheimlichten Wirtschaftskrieg „auch unter Freunden und NATO-Verbündeten“. Die Milliardenklagen der US-Regierung gegen europäische, insbesondere deutsche Weltkonzerne erscheinen im Rahmen des Buches wie eine Art Rückschlag gegen „aufmüpfige Vasallenstaaten“. In dem genannten Werk prognostizierte der Autor, dass der 1998 gescheiterte MAI-Vertrag (Multilateral Agreement on Investment)  in den nächsten 10 bis 15 Jahren unter anderem Namen wiederkehren werde, Mögle-Stadel gehörte damals zu den NGO-Aktivisten gegen das MAI. Man nennt das Unterfangen heute TTIP, CETA und TiSA.



Diese Thematik streifte der Referent zu Beginn seines Vortrags mit seinen Bildern und Grafiken nur am Rande. Er lieferte Einblicke in das Thema, an dem er und zwei Kollegen zur Zeit für ein neues Buchprojekt recherchieren und das womöglich schon zu einem Einbruchsversuch in seine Wohnung (Arbeitszimmer) geführt hat. Am Beispiel Österreichs, welches schon im Jahr 2000 die erste rechtspopulistische Regierung mit FPÖ-Beteiligung hatte, zeigte er u. a. den obrigkeitsstaatlichen Zerschlagungsversuch der Tierschutz-NGO „Verein Gegen Tierfabriken“ (VGT) auf:

Nachdem die Studenten einige Luxuspelzgeschäfte blockiert und dabei die Gattinnen hoher Staatsbeamter und Politiker verschreckt hatten, wurde gegen sie heimlich unter rechtsmissbräuchlicher Anwendung des Anti-Mafia-Gesetzes ermittelt. Dann traten ihnen am frühen Morgen Spezialeinheiten die Türen ein und brachten die Tierschützer in U-Haft. Martin Balluch, der VGT-Vorsitzende, Veganer und Nichtraucher, wurde in eine Gemeinschaftszelle mit drei Kettenrauchern gesteckt, welche die halbe Nacht Pornos schauten. Er rettete sich aus der „folterartigen“ Situation, indem er in den Hungerstreik trat und sich auf die Krankenstation verlegen ließ. Nach mehreren Jahren Rechtsstreit, mit bis zu drei Tagen Verhandlung pro Woche (www.tierschutzprozess.at), wurden die Tierschützer dann freigesprochen. Da aber Angeklagte in Österreich selbst bei Freispruch nur 1.250 Euro für ihre Kosten für spezielle Strafrechtsverteidiger, entlastende Gutachten und Reisekosten im Rahmen des Prozesses ersetzt bekommen, waren die Angeklagten finanziell und nervlich ruiniert.

Mögle-Stadel, gegen welchen zur Zeit Strafanzeigen wegen „Ehrbeleidigung österreichischer Amtspersonen“ (Richter) laufen, zeigte in seinem Dia-Vortrag dann anhand öffentlichen Medienmaterials die Gefahr auf, wie sich eine rechtsstaatliche Judikatur schleichend in eine juristische Diktatur verwandeln kann. Der Referent machte klar, dass wir nicht erst mit dem Zeigefinger nach Russland, China oder Türkei deuten und von uns ablenken müssen, sondern, dass die Unterhöhlung von Demokratie, Bürgergesellschaft und wahrhafter Rechtsstaatlichkeit schon längst hier in Europa begonnen hat. Und dies durchaus unterhaltsam: „Wozu in die Ferne schweifen, liegt das Böse doch so nah. Wir brauchen nur über den Grenzzaun nach Österreich zu greifen, und schon ist ER wieder da.“ Der Vortragende zeigte auch Material, aus dem hervorgeht, dass schon der faschistoide österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß 1933 dem Militär befahl, streikende Arbeiter, welche u.a. die Elektrizitätswerke von Wien besetzt hielten, so „überfallartig zu vergasen“, indem man sie mit Gasgranaten beschießt. Und S.M.S. wagte die Frage, ob es vielleicht der österreichische Bundeskanzler Dollfuß war, der dem anderen Österreicher, Hitler, welcher 1933 in Deutschland an die Macht kam, die Idee zur späteren Vergasung von Zivilisten lieferte?

Das Café PEGAH war bis auf den letzten Stuhl besetzt, einige, die keinen Stuhl mehr gefunden hatten, standen hinten an die Wand gelehnt und lauschten den psychoanalytischen und historischen Enthüllungen des Referenten. Auch Menschen mit Migrationshintergrund und mit Behinderung nahmen teil. Am Ende konnte man verstehen, warum der österreichische Obrigkeitsstaat im November bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft vorstellig wurde, um die Presse-Freiheit und Meinungs-Freiheit des Journalisten und Buchautors Stephan Mögle-Stadel zu beenden. (Die österreichische Justiz ist schon 2013 mit einem ähnlichen Begehren bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft abgeblitzt.)

Mögle-Stadel, der auch dafür plädierte, dass Deutschland, ähnlich wie Frankreich, sich von der NATO-USA distanziert und der UNO-Hauptsitz von New York nach Genf verlegt wird, empfahl seinen ZuhörerInnen, hier in Deutschland einen Bürgerrechtsschutzverein, ähnlich den Mieterschutzvereinen, zu gründen. Ein solcher Solidaritätsverein der Bürgerschaft sollte dann von Staatsorganen verfolgten Bürgern und freien Journalisten finanziell-rechtsanwaltlich sowie via Publizität und Demonstrationen vor Gerichtsgebäuden und U-Haft-Gefängnissen beistehen. Ähnliche Bürgerrechtsvereine gibt es schon in skandinavischen Ländern.

Auch ein kultureller Rahmen wurde möglich - mit Gedichten von Wolfgang Wiebecke und Mögle-Stadel am Beginn und am Ende sowie Musikimprovisation von Franziska (Querflöte) und W. Wiebecke (Bassblockflöte). Am Vorabend des Vortrags hatte die Malerin Susanne Reinsberg aus Gummersbach fünf ihrer Gemälde ins Café PEGAH gebracht und mit dieser Ausstellung, die noch einige Zeit zur Verfügung stehen wird, den Abend erheblich bereichert. Wiebecke übernahm auch Begrüßung und verbindende Worte, da Kamal Koushan, Vereinsvorsitzender von PEGAH, leider kurz vor dem Vortrag erkrankt war. Koushan ergänzt: „Ich hatte mich so viele Jahre auf diesen Vortrag gefreut, und nun konnte ich leider nicht dabei sein.“ Seine Frau Nasrin sagt: „Der Vortrag war so spannend, dass ich am Ende überrascht war, dass er zwei Stunden gedauert hatte!“

Der Vortragende ergänzt: „Der Dia-Vortrag soll im Januar 2017 im Internet, wohl via www.weltdemokratie.de / TV-Beiträge öffentlich zugänglich gemacht werden. Interessierte, auch jene an einer eventuellen Gerichtsverhandlung in Stuttgart, können via buergerrechte.ngo@gmail.com weitere Informationen erhalten.“






Stephan Mögle-Stadel beim Vortrag im Café PEGAH in Wuppertal (Fotos: Wolfgang Wiebecke)

Online-Flyer Nr. 592  vom 14.12.2016

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