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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Tübingen: Aeham Ahmads Klavierspiel zu Ehren von Felicia Langers 86. Geburtstag
Musik des Friedens – Abend des Lichts
Von Dietrich Schulze

Im Leben von Friedensaktivisten gibt es Momente, die sich zutiefst in das Innere eingraben. Ein solcher Moment war das Klavierkonzert am 9. Dezember 2016 im Ev. Gemeindezentrum Tübingen-Lustnau [1]. Der Palästinenser Aeham Ahmad spielte Klavier mit unbeschreiblicher Anteilnahme für die 86-jährige Jüdin und Menschenrechts-Ikone Felicia Langer. Zwei Welten, zwei außerordentlich mutige, weltweit bekannte Menschen trafen im voll besetzen Hauptsaal des Gemeindezentrums aufeinander. Jeder konnte die starke gegenseitige Sympathie spüren des Musikers aus dem zerstörten Palästinenser-Lager Yarmouk in der Nähe von Damaskus und der für die Rechte der Palästinenser kämpfenden Alternativen Friedensnobelpreisträgerin. Mit meiner Teilnahme hatte ich zwei persönliche Anliegen verbunden. Ich wollte Aeham meinen Artikel über Felicias ersten öffentlichen Auftritt nach dem Tod ihres geliebten Mannes und Auschwitz-Überlebenden Mieciu Langer am Tag der Befreiung 2016 in Karlsruhe übergeben. Und ich wollte wissen, ob Aeham bei der vielfach berichteten Klavierverbrennung durch die faschistoide IS mit dem Tode bedroht war und wie er sich retten konnte. Alles schön der Reihe nach.


Michael Langer, Aeham Ahmad und Felicia Langer am 9. Dezember in Tübingen (Foto: Dietrich Schulze)

Mündliches von Felicia

Am 11. Oktober 2016 hatte ich das Glück, mit Felicia Lager an Telefon sprechen zu können. Sie sagte mir, dass sie so etwas noch nie erlebt habe. Nach jedem der Klavierstücke verbeugte sich Aeham vor ihr persönlich. Sie habe wohl 86 Jahre alt werden müssen, um etwas derart Ergreifendes mit einem begnadeten Musiker und verfolgten Migranten erleben zu dürfen. Bitte schauen Sie auf das Bild oben.

Sie empfand, dass Aehams Musik des Friedens, den Waffen der faschistoiden IS und den Waffen des israelischen Gewaltstaats gegen die Palästinenser überlegen ist. Ja, Aeham hatte die Kinder in der Hölle des zerstörten Yarmouk mit seinen Klavierstücken aus Not und Verzweiflung gehoben. Ja, es ist möglich, gewaltfrei gegen militärische Unterdrücker vorzugehen. Die Musikkunst, ein noch nicht genug gewürdigtes Kapitel von tätigem Pazifismus.

Felicia erinnerte sich daran, dass 1988 Morddrohungen gegen sie in Palästina/Israel mit Graffiti auf Wände gesprüht worden seien. Sie lebe 28 Jahre danach immer noch. Der motivierende Schlussgedanke in ihrer Rede am 9. März: »Setzt euch ein für die Misshandelten, die Unterdrückten und Wehrlosen dieser Erde! Bis zum letzten Atemzug!«.

Beitrag Sylvia „Ein Abend des Lichts“

Sylvia Langer ist die Frau von Felicias Sohn Michael. Sie hat die Rede von Felicia mehr über das Klavierkonzert „Ein Abend des Lichts“ festgehalten, die später veröffentlicht werden soll. Daraus ist mir erlaubt zu zitieren. Zuerst die Entstehungsgeschichte des Abends:

»Es ist der 86. Geburtstag von Felicia. Viele Wochen vorher teilten ihr ihre Freunde, Hans Karl und Mechthild Henne, mit, dass sie ihr ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk bereiten wollen: Ein Konzert des in Deutschland inzwischen sehr berühmten Aeham Ahmad. Als Sohn palästinensischer Flüchtlinge wuchs dieser in Yarmouk, einem palästinensischen Flüchtlingslager bei Damaskus auf und machte es sich während des Bürgerkriegs zur Aufgabe, mit seiner Musik Hoffnung zu spenden. Er rollte sein Klavier durch die Trümmerstadt und machte für die Kinder und Erwachsenen Musik. Nachdem der IS sein Klavier vor seinen Augen verbrannt hatte, flüchtete Aeham, seine Frau und Kinder zurück lassend, über die Balkanroute nach Deutschland. Als Mechthild und Hans Karl Aeham von Felicia und ihrem lebenslangen Wirken als israelische Menschenrechtlerin erzählten, war dieser tief beeindruckt von ihr und nahm mit Freude die Idee eines Geburtstagskonzertes ihr zu Ehren auf.«

Und Sylvia schließt ihren Beitrag so: »Wie schön, dass Aeham seinen kleinen zwei-jährigen Sohn Achmad zum Konzert mitgebracht hat – im August konnte er endlich seine Familie nach Deutschland nachholen, auch das ist ein Licht in dieser dunklen Zeit! Wir, die wir an diesem großartigen Abend reich beschenkt wurden, bleibt nur unsere Dankbarkeit auszudrücken: Vielen Dank, lieber Aeham, vielen Dank, liebe Felicia, vielen Dank an alle, die dieses Konzert möglich gemacht haben!«.

Befreiungsfeier 2016 mit Felicia

„Das Beste, was mir im Leben passiert ist, Felicia begegnet zu sein“, sagte Mieciu († 27.03.2015) gemäß Bericht vom 14.5.2016 [2]. Erstmals nach dem Tod ihres Mannes Mieciu sprach Felicia Langer in einer öffentlichen Veranstaltung über das Leben mit ihm als Holocaust-Überlebenden aus fünf Konzentrationslagern. Das ist eine Ehre für die Veranstalter und die Stadt. In Karlsruhe wird traditionell die Befreiung zum 8. Mai gefeiert - von der VVN-BdA und Gewerkschaften heute mit Zeugen der Zeitzeugen. Allein aus diesem Grund war der Auftritt der weltbekannten Menschenrechtsaktivistin ein TOP-Ereignis, die beste Befreiungsfeier in Karlsruhe seit langer Zeit.

Mieciu war im KZ Theresienstadt am 8./9. Mai von der Roten Armee befreit worden. Er kann sich nur nebelhaft erinnern, dass ihn eine Krankenschwester der Roten Armee auf Händen getragen hat, wie ein kleines Baby. „Ich habe immer diese Krankenschwester vor Augen“, sagt Felicia Langer. „Sie trug Mieciu wie eine gute Mutter zurück ins Leben. Ich werde ihr immer dankbar sein.“

Soweit einige wichtige Gedanken aus dem Beitrag. Mein Motiv: Aeham eine Kopie des Artikels über den bewegenden Auftritt von Felicia in Karlsruhe zu übergeben und ihm damit gute Gedanken für seine Kultur des Friedens zu übermitteln.

Und jetzt wird es handgreiflich. Vor Beginn der Veranstaltung konnte ich auf Empfehlung von Felicia die Frau Sylvia ihres Sohnes Michael sprechen und sie bitten, die benannte Kopie zu passender Gelegenheit an Aeham zu übergeben. (Fortgang des Wunsches: [3])

Aeham und Klavierverbrennung

Von Beginn an, als mir Michael am 24. November die Einladung [1] zuschickte, bewegte mich die Frage, ob Aeham bei der Klavierverbrennung mit dem Tode bedroht war und wie er sich retten konnte. Hier das Bild, das um die Welt ging und sich auch in der Einladung findet.


Aeham Ahmad am Klavier auf der Straße in Yarmouk. Foto: Niraz Saied

Über Aeham gibt es eine Unmenge von Berichten über sein Leben und jetzt über seine Auftritte. Habe dort erst nach der Tübinger Veranstaltung intensiv gesucht, bin fündig geworden [4] und möchte hier die Abschrift des Schlüsselereignisses wiedergeben:

»Es geschah am 17. April 2015. Es war ein Freitag. Ich schob das Klavier von Yarmouk nach Yalda, um für die Kinder im Flüchtlingslager dort zu spielen. In Yalda angekommen, war ich überrascht, jemand von den Radikalen zu sehen, schwarz angezogen. Er sagte zu mir: „Was ist das?“ Ich sagte ihm: „Das ist ein Klavier.“ „Weißt Du nicht, dass die Musik ein Tabu ist – ausdrücklich verboten.“ „Ich weiß es nicht.“ „Wem gehört dieses Klavier?“ Mein Vater war bei mir. Er antwortete schnell: „Es gehört mir.“ Wenn er gesagt hätte, dass das Klavier mir gehört, hätten sie mich umgebracht. Aber mit einem alten Mann darf man barmherzig sein. Dann hat er das Klavier in die Ecke gestellt. Mein Vater hat zu ihm gesagt: „Was hast Du vor?“ Ich habe meinen Vater angefasst und zu ihm gesagt: „Es ist o.k. - lass ihn machen, was er will.“ Er hat Benzin auf das Klavier geschüttet und es angezündet. Ich habe das brennende Klavier angeschaut und geweint. Ich bin nach Hause gegangen. Gott sei Dank bin ich nicht mit dem Klavier gestorben.«

Jetzt habe ich die Antwort auf meine Frage bekommen. Aeham ist dem Tode entronnen aufgrund von Unerschrockenheit und klugen Spontan-Handlungen von seinem Vater und von ihm selbst.

Das hat mich an zwei andere todesgefährliche Handlungen von Menschen erinnert, die gegen die deutschen Faschisten aufgetreten sind. Vor 6 Jahren schrieb ich im Antifa-Magazin der VVN-BdA den Essay „Verweigerung und Mut“ [5]. Der deutsche Kommunist Karl Wagner hatte im Dachauer Außenlager München-Allach (BMW-Rüstungsproduktion) im April 1943 den Befehl verweigert, einen sowjetischen Zwangsarbeiter zu schlagen. Der 11-jährige Sinto-Junge Hugo Höllenreiner durchschritt in Auschwitz im Februar 1945 die SS-Reihen, um zum Transportzug seiner Eltern zu gelangen. Beide überlebten aufgrund unerschrockener und defensiv-kluger Handlungen. (Zur Abrundung der Veranstaltungsbericht mit eindrucksvollem Bild im Tübinger Tagblatt: [6])

Schlussgedanke

Für junge Menschen, die diese Zeilen lesen, meine Botschaft für diese gefahrvollen Zeiten, die in der Abschlusserklärung des Kasseler Friedensratschlags [7] überzeugend zusammen gefasst wurden: Bitte denkt über solche menschlichen und politischen Vorbilder wie Aeham Ahmad, Felicia und Mieciu Langer, Karl Wagner und Hugo Höllenreiner nach und versucht deren Taten für die Menschheit in Eure Zukunftspläne aufzunehmen.


Quellen:

[1] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20161124af.pdf
[2] http://www.palaestina-portal.eu/Stimmen_Israel_juedische/Langer_Felicia_In_Memoriam_Mieciu.htm
und als pdf-Faltblatt http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20160514.pdf
[3] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20161211a.pdf
[4] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20161211b.pdf
[5] http://antifa.vvn-bda.de/2013/09/05/verweigerung-und-mut/
[6] http://www.tagblatt.de/Nachrichten/Dem-syrischen-Pianisten-Aeham-Ahmad-gelang-die-Flucht-nach-Deutschland-Jetzt-spielte-er-in-Lustnau-313676.html
[7] http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20161204ar.pdf


Über den Autor: Dr.-Ing. Dietrich Schulze (Jg. 1940) war nach 18-jähriger Forschungstätigkeit im Bereich der Hochenergie-Physik von 1984 bis 2005 Betriebsratsvorsitzender im Forschungszentrum Karlsruhe (jetzt KIT Campus Nord). 2008 gründete er mit anderen in Karlsruhe die Initiative gegen Militärforschung an Universitäten (WebDoku www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf). Er ist Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative für Frieden und Zukunftsfähigkeit und publizistisch tätig. Email dietrich.schulze@gmx.de

Online-Flyer Nr. 592  vom 14.12.2016

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