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Aktueller Online-Flyer vom 12. Dezember 2017  

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Kommentar
Suche nach einem Ausweg
Pest und Cholera
Von Klaus-Peter Kurch

Gegen die Pest haben die Menschen damals Gebete eingesetzt, Fasten und Geißelungen, Quarantäne. So war das vor fünfhundert oder dreihundert Jahren. Dann kam die Cholera nach Europa, und die Menschen waren ähnlich hilflos. Sie blieben es nicht. Vor etwas mehr als hundert Jahren wurden die Krankheitserreger entdeckt, ihre Bedingungen erforscht. Heute hat die moderne Medizin das Todesrisiko bei beiden (nicht absolut besiegten) Krankheiten fast beseitigt. Jetzt wurde in den USA gewählt, und „Pest“ und „Cholera“ kehrten sinnbildlich-politisch zurück. Und nach der Wahl? Die nächste Entscheidung zwischen „Pest“ und „Cholera“ scheint bevor zu stehen, diesmal zwischen Le Pen und Fillon in Frankreich. In Deutschland, wenn es vielleicht heißt Merkel gegen Schulz, entsteht eine ähnliche Situation, diesmal eine Wahl zwischen Cholera und Cholera. Es ist immer dasselbe: Der gemeine Wahlbürger hat keine Alternative, und die Ausbeutungs- und Machtpositionen des Kapitals werden gesichert und aggressiv ausgebaut. Sind also Scheinwahlen zwischen „Pest“ und „Cholera“ bis auf Weiteres unser politisches Schicksal? Müssen wir uns damit abfinden oder können uns allenfalls mit Gebeten wehren wie vor dreihundert Jahren?

Widerstand I

Einer, der wenig beachtet wird. Ihn leisten die – Nichtwähler. Regelmäßig sind es mehr als 40% der Wahlberechtigten, die nicht an der US-Präsidentenwahl teilnehmen, und ebenso regelmäßig vereinigt der Wahlsieger nur etwa 25 bis 30% der Stimmen der Wahlberechtigten auf sich. Mit der Nichtbeteiligung dieses großen Teils der Bevölkerung erweist sich die Wahl zu einem guten Teil als bloßes Kräftemessen zwischen unterschiedlichen Gruppierungen der herrschenden Klasse. Auch bei der besonders dramatisierten Wahl 2016 wurden diese seit langem bekannten Tendenzen bestätigt. Aller Populismus, alle „bananenrepublikanischen“ Exzesse, selbst Weltuntergangsszenarien kümmerten einen gleichbleibend großen Teil der Bevölkerung nicht.

Die herrschende Klasse lebt bestens mit solchen Verhältnissen, solange die Bevölkerung die Akzeptanz der Repräsentationsdemokratie nicht in Frage stellt. Es scheint zu gelten: Je mehr desinteressierte Nichtwähler, umso bequemer kann die Macht gehandhabt werden. Problematisch könnte es werden, wenn aus der Masse derer, die vom Wahlprozess, vom politischen Prozess überhaupt, abgekoppelt sind, sich Stimmen erheben, die eigene Interessen artikulieren. Eine Systemopposition (also nicht nur und nicht primär Parlamentsopposition!) würde der Analyse der Masse der NichtwählerInnen große Aufmerksamkeit schenken. Sie würde die Widersprüche und Potentiale in diesem „Boden“ aufdecken und versuchen, auch in ihm zu wurzeln.

Widerstand II

Er ist laut, bunt, jugendlich, voller Hoffnung. Plötzlich ist er da – und gleich als Massenphänomen! Da sind auch charismatische Führer! Sie heißen Tsipras, Varoufakis, Sanders, Grillo, Iglesias. Und weitere stehen backstage bereit. Sogar vernünftige Menschen fangen an sich zu begeistern. Man hat es mit Fatzebuck und Twitter, mit Flashmobs und dergleichen. Die „Volkstribunen des Tages“ rufen punktgenau das, wonach sich die gequälten Seelen der Ausgebeuteten und Rechtlosen sehnen. Viel Vernünftiges wird ersehnt, und von Pest wie Cholera möchte Jeder/Jede verschont bleiben. Die Kleinbürger, Jugend voran, drängt’s zum Aktivismus. Die Aufwallung steigert sich bis zum Millionenevent und – fällt einen Tag nach der Wahl (oder einem anderen Entscheidungstermin) in sich zusammen. „Pech gehabt. Hat diesmal nicht geklappt. Aber wir waren Millionen, und wie waren wir laut!“ Mancher zieht noch ein wenig Stolz aus dem Erlebten: „Zwar untergegangen aber wenigstens kämpfend untergegangen“. Dass sich am Ende die gescheiterten Tribunen, nehmen wir Tsipras, nehmen wir Sanders, „notgedrungen“, „widerwillig“ zur Cholera bekennen…, interessiert kaum noch. Ein übles Ende, das jedoch eine Hoffnung auslösen könnte:

Widerstand III

Der radikale Widerstand wird möglich, wenn die Niederlage nicht verdrängt, sondern zum Ausgangspunkt tiefgreifender Desillusionierung gemacht wird. Die Ablehnung des Systems wird zu seiner gründlichen Analyse und zu einer konzeptionellen Kritik vertieft. Dann wird klar, dass weder der Weg der allmählichen Kleinstfortschritte noch das kurzzeitige Stimulieren von Massenbegeisterung zum Erfolg führen können. Notwendig ist nichts weniger, als die qualitative Veränderung des Gesellschaftssystems zu organisieren. Die Ausgebeuteten und Machtlosen müssen sich befähigen, die Machtfrage und die Eigentumsfrage zu stellen und ihre Antworten durchzusetzen. Diese Art Widerstand ist mit dem „schrecklichen“ Wort „revolutionär“ zutreffend benannt.

„Revolution“ ist das Unwort schlechthin. Es ist verkoppelt mit den Vorstellungen „Blutvergießen“, „jahrelanges Wüten“, „Stürzen aller Werte“ und dem Fazit: „Verluste auf allen Seiten“. Tatsächlich haben die großen revolutionären Entwicklungen des XX. Jahrhunderts, namentlich die der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution folgenden, neben der Eröffnung neuer Perspektiven zu Jahrzehnten bitterster Schmerzen und schließlich zu einer fundamentalen Niederlage geführt. 100 Jahre Menschheitserfahrung sind das Rohmaterial, aus dem neue Antworten zu schaffen sind.

Dass Die da oben den Menschen nur Pest oder Cholera anbieten, und Die unten begreifen, dass ihnen nur Pest oder Cholera offeriert wird, ist nichts anderes als der bewusstlose Ausdruck dafür, dass die Revolution auf die Tagesordnung rückt. Die Hauptinhalte, Hauptaufgaben, vielleicht auch bestimmte Etappen der Revolution werden begrifflich bestimmt werden. Ich glaube, dass diesbezüglich die Geschichte viele Erfahrungen bereithält, die es Wert sind aufgehoben zu werden. Die Wege zur Revolution dagegen, ihre geistige, „organisatorische“, kulturelle Vorbereitung, ihre „Methode“, werden VÖLLIG NEU gefunden werden müssen. Auch zu dieser Problemstellung gilt es Erfahrungen zu berücksichtigen, doch es überwiegt bei weitem der VÖLLIG ANDERSARTIGE NEUANFANG. Das Schöne ist, dass Jede und Jeder hier und heute bereits beginnen kann (sozusagen „das Einfache, das einfach zu machen ist“ ;-)).

Doch darüber mehr zu sagen, gehört nicht mehr unter das Thema „Pest und Cholera“.


Erstveröffentlichung am 3. Dezember 2016 bei opablog.net

Online-Flyer Nr. 591  vom 07.12.2016

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