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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Arbeit und Soziales
Die voraus geworfenen Schatten der Industrie 4.0
Vor dem großen Schub
Von Harald Schauff

Es waren einmal: 28,9 Millionen Vollzeitbeschäftigte auf dem deutschen Arbeitsmarkt zur Zeit der Wiedervereinigung Anfang der 1990er. Inzwischen ist die Zahl der Vollzeit-Erwerbstätigen auf 24,2 Millionen gesunken, vermeldet der ARD-Videotext Mitte September. Gestiegen ist in den letzten 25 Jahren dafür die Anzahl der Teilzeit-Beschäftigten: Um über 6 Millionen auf dato 15 Millionen. Damit ist mind. jede dritte Erwerbsperson teilzeitbeschäftigt. Davon wiederum fast ein Drittel ausschließlich geringfügig: Rund 4,7 Mill. Diese Zahl entspricht fast genau der Differenz, um welche die Vollzeitbeschäftigung in einem Vierteljahrhundert abgenommen hat. Nahe liegender Schluss: An die Stelle von Vollzeitarbeitsplätzen sind Mini-Jobs getreten, ein aus den USA bekannter Trend. Rund eine weitere Million Teilzeit-Erwerbstätige sind 1-Euro-Jobber. Auch sie stecken in der Rekordzahl von 43,5 Millionen Erwerbspersonen. Ohne diese, die Leiharbeiter und geringfügig Beschäftigten, befände sich nicht die Ziffer der Erwerbspersonen, sondern diejenige der Erwerbslosen auf Rekordniveau. Die besagten Beschäftigtengruppen machen den feinen statistischen Unterschied.

Trugschluss

Trotz dieser ernüchternden Zahlen wird fortwährend die Hoffnung genährt, die Entwicklung ließe sich umkehren und eine Renaissance des normalen Vollzeitarbeitsverhältnisses Richtung 30 Mill. Erwerbspersonen einläuten. Als bestünde eine Mehrbedarf an menschlicher Arbeitskraft. Ein Trugschluss, wie auch der Blick auf das Arbeitsvolumen, die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden, verrät. Sie ist im angeführten Zeitraum von 25 Jahren bei abhängig Beschäftigten von über 52 Mrd. auf unter 50 Mrd. gesunken. Unter Berücksichtigung von Beamten, Selbstständigen und Freiberuflern ist sie in etwa gleich geblieben. Die Rekordzahl an Erwerbspersonen kam vor allem zustande, weil die vorhandene Arbeit auf mehr Köpfe verteilt wurde. Für einen Teil des Arbeitsmarktes hat faktisch eine Arbeitszeitverkürzung stattgefunden. Genau dies hat zusammen mit dem stärkeren Druck auf die Löhne das sog. ‘Jobwunder’, das eher ein Mini-Job-Wunder ist, bewirkt.

Dass es auch mit der in demselben Atemzug genannten ‘Robustheit’ der deutschen Wirtschaft nicht weit her ist, lässt sich an der Arbeitsproduktivität ersehen. Jene hat sich laut FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) net (8.9.2016) in den letzten Jahren in mehreren Industrieländern abgeschwächt. Und das, obwohl immer lauter über Innovationen im Zuge der digitalen Revolution bzw. ‘Industrie 4.0’ gesprochen wird. Die Arbeitsproduktivität misst die Wirtschaftsleistung eines Erwerbstätigen pro Stunde. Sie fällt umso höher aus, je mehr und effizienter Technologie und Kapital, sprich Computer und Maschinen, zum Einsatz kommen. Die US-Volkswirtschaft produziert heute über viermal so viele Güter und Dienstleistungen wie kurz nach Ende des II. Weltkrieges. Der Vergleich kann auch über die Arbeitszeit erfolgen: Dieselbe Ausstoßmenge, für welche früher 1 Stunde Arbeitszeit benötigt wurde, erfordert heute weniger als 15 Minuten. Zwischen 1949 und 2005 stieg die US-Produktivität um jährlich 2,5 %. Seit 2007 hat sich das Tempo halbiert, auf spärliche 1 Prozent. Zuletzt fiel die Arbeitsproduktivität drei Quartale hintereinander. Einen so langen Rückgang gab es zuletzt 1979, inmitten einer Rezession. Damals begann die 2. Ölkrise. Es war eine Abschwungphase der Weltwirtschaft.

Auch in Deutschland schwächte sich die Arbeitsproduktivität zuletzt deutlich ab. Von 1995 bis 2005 wuchs sie noch um 1,8 % jährlich. Inzwischen liegt sie bei 0,8 %. Ökonomen reagieren beunruhigt: Die schwache Produktivitätsentwicklung bedrohe den Wohlstand des Westens. Dieser sei hoch verschuldet und benötige
dringend Wachstum.

S(chw)achverständig

Was genau bremst seit 2005 die Arbeitsproduktivität? Christoph Schmidt, Vorsitzender des Sachverständigenrates, der sog. ‘Wirtschaftsweisen’ sieht einen Grund in der Wiedereingliederung von drei Millionen Arbeitslosen in die Wirtschaft. Deren niedrige Arbeitsproduktivität habe den Durchschnitt gesenkt. Als wären ehemalige Erwerbslose immer noch das, was sie zuvor angeblich den Job kostete: Zu ungebildet, zu antriebsschwach und zu unflexibel. So s(chw)achverständig und wenig wirtschaftsweise werden billige Klischees fortgeschrieben.

Die Wahrheit, von welcher hier offensichtlich abgelenkt werden soll, sieht wohl eher wie folgt aus: Wirtschaft und Arbeitsmarkt schleppen seit der Finanzkrise 2008/9 erhebliche Überkapazitäten mit sich herum. Üblicherweise hätte ein derartig schwerer Einbruch der Wirtschaft wie damals, immerhin der schwerste der Nachkriegsgeschichte, eine hohe Welle von Firmenpleiten, massiven Rationalisierungsschübe und millionenfachen Stellenabbau nach sich gezogen. Das alles blieb aus, dank milliardenschwerer Rettungspakete, einem Fluten der Finanzmärkte mit billigem Geld und einem raschen Wiederanspringen der Weltkonjunktur, hauptsächlich gezogen durch Schwellenländer wie China und Brasilien. So kam auch die deutsche Exportmaschine wieder schnell ans Laufen.

Die seit rund einem Jahrzehnt recht konstante Zahl der geringfügigen Beschäftigung verrät, dass es für die Unternehmen während dieser Zeit offensichtlich lukrativer war, auf Niedriglöhne zu setzen anstatt in neue Technologien zu investieren, die ein Vielfaches an menschlicher Arbeitskraft überflüssig machen. In den letzten Jahren investierten große Firmen ihr Geld ohnehin lieber in die Finanzmärkte als in die reale Wirtschaft, wie an den steigenden Börsenkursen zu sehen war. Dafür wurde die niedrigere Produktivität gern in Kauf genommen. Dass diese Abbremsung wirtschaftlicher Dynamik und das Mitschleppen von Überkapazitäten nicht ewig anhält, liegt auf der Hand. Bereits seit Jahren befindet sich der Welthandel in der Krise: Er wächst so langsam wie seit über drei Jahrzehnten nicht mehr, als die II. Ölkrise Anfang der 80er die Weltwirtschaft lähmte. Damals war auch, wie oben bereits gesehen, die Arbeitsproduktivität in den USA vergleichbar schwach. Die lange zyklische Bewegung wird erkennbar.

Gefahr des Blechschadens

Die Weltkonjunktur braucht neue Impulse. Deshalb die lauten Debatten über die ‘Industrie 4.0’. In diesem Zusammenhang scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Rationalisierungsschübe nachgeholt werden, die nach der letzten schweren Krise ausblieben. Aufgrund ihres langen Hinauszögerns kommen sie demnächst um so schneller und fallen um so heftiger aus. Wie bei einem Fahrzeug, dessen Fahrer spontan von der Bremse aufs Gaspedal wechselt, so dass es einen gewaltigen Satz nach vorne macht. Die Gefahr des Blechschadens ist dabei erheblich.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe November 2016, erschienen.

Online-Flyer Nr. 589  vom 23.11.2016

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