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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Über die Kleinrechner des sozialen Gefälles
Mittelwertschöpfung
Von Harald Schauff

Wenn man sieht: Wie viele Menschen inzwischen die Papierkörbe der Innenstädte nach Pfandflaschen durchwühlen... Wenn man liest: Wie viele Rentner noch jobben gehen, weil die Rente nicht zum Leben reicht. Wenn Fernsehreportagen zeigen: Auf der einen Seite sanierungsbedürftige Wohnviertel, auf der anderen Campingplätze, wo sich nicht nur Stützeempfänger, sondern auch Gering- und Mittelverdiener ganzjährig eingerichtet haben, weil sie sich die teuren Mieten in Großstädten wie Frankfurt am Main nicht mehr leisten können. Wenn man sieht, liest und hört, wie die Schere bei Einkommen und Vermögen immer weiter auseinander geht: Dann, ja dann könnte man den Eindruck gewinnen, in Deutschland gehe es nicht ganz gerecht zu und das soziale Gefälle werde immer steiler.

Doch dieser Eindruck ist sehr subjektiv, gespeist von ewiger Unzufriedenheit, diffusen Ängsten und Unsicherheitsgefühlen. Einer wahrhaft seriösen Überprüfung, wie sie z.B. das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln mit seinen regelmäßigen statistischen Erhebungen durchführt, hält er keineswegs stand. Seit Jahren meistern die professionellen Rechenschieber des IW mit Bravour die schwere ihnen obliegende Aufgabe, das schiefe öffentliche Bild vom angeblich zunehmenden sozialen Gefälle hierzulande gerade zu rechnen. Und im Gegenzug das andere schöne Gemälde vom Wohlstand, der uns allen dank brummender Wirtschaft und robusten Arbeitsmarktes zuteil wird, noch nachdrücklicher mit Aufpreis zu verkaufen. Am 5. September war einmal wieder Verkaufstag: Da ließ das IW verlautbaren, die soziale Ungleichheit habe entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nicht zugenommen, speziell bei den Löhnen. Geringverdiener hätten in den letzten Jahren deutliche Aufschläge von über 6 % erhalten, Mehrverdiener nicht einmal 3 %. Immerhin, auch wenn es sich um Bruttoverdienste handelte und Vermögen und Kapitaleinkünfte nicht mitberücksichtigt wurden. Das ist der unschlagbare Vorteil derartiger Rechenmodelle: Mittels ihrer lässt sich zumindest halbwegs die Solidarität und Verteilgerechtigkeit herstellen, welche realiter nicht besteht. So bekommt rechnerisch ein größeres Stück vom Kuchen ab, dem de facto nur Krümel bleiben. Das will schon etwas heißen im digitalen Zeitalter, unter der Diktatur der Zahl.

Inzwischen scheint die statistische Begradigung des krummen Wirklichkeitsstromes jedoch zu schwächeln: Hieß es Anfang des Jahres aus dem Rechenzentrum des IW noch, die Ungleichheit würde abnehmen, so wurde zuletzt lediglich bescheinigt, sie hätte nicht zugenommen. Weshalb stagniert sie nun? Schaffen die Mittelwert-Arithmetiker es nicht mehr, die Schere nach innen zu biegen? Sie lassen sich doch nicht etwa von extremen Abweichungen nach oben wie nach unten den moderaten Durchschnitt verderben? Stören irgendwelche Erschütterungen die ruhige Hand beim Ziehen der schnurgeraden Linie? Nicht, dass es in ein paar Monaten gar heißt, die Ungleichheit wäre weniger stark angestiegen als öffentlich wahr genommen. Womit ihr Anstieg endlich eingeräumt würde. Sie werden doch nicht Stück für Stück einknicken und klein beigeben, die Kleinrechner des sozialen Gefälles? Umkehrschluss: Wenn den Gralshüt(h)ern des gepflegten Durchschnitts das Kleinrechnen so schwer fällt, dürfte die Situation erst recht im Argen liegen.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe Oktober 2016, erschienen.

Online-Flyer Nr. 583  vom 12.10.2016

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