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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Globales
Zum Buch "Ausstieg aus der NATO" von Rolf Hochhuth
Trojanischer Esel der USA
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Das ist selten. Das ist einer der wenigen Ausnahmefälle, dass ein Intellektueller den aktuellen Ereignissen auf den Grund zu kommen versucht. Fast alle schwimmen sie mit, tummeln sich allenfalls in den für den Protest freigegebenen Arenen, um dort den Eindruck zu erwecken, sie schwämmen gegen den Strom. Der Großteil der Menschen scheitert an den von den Herrschenden errichteten Kulissen. Ein weiterer Teil, die so genannte Elite in Politik und Medien, ist Mittäter und ist am Errichten der Kulissen beteiligt. Rolf Hochhuth erkennt, was geschieht, wenn jemand ausbricht. Die Herrschenden und ihre Herrschaftsmedien von "rechts" bis "links" schalten auf Ignorieren. „Was ich Ihnen gerade gesagt habe, würde selbstverständlich keine deutsche Zeitung drucken“, sagt Hochhuth in einem Sputnik-Interview. „Das ist eine verabredete Stillschweigerbande... In Deutschland herrscht das Gesetz der Einheitspresse.“ Ein Aphorismus von ihm lautet: „Diktatur – Einheitspartei – Demokratie – Einheitspresse“.

Von Rolf Hochhuth ist am 31. März 2016 zu seinem 85. Geburtstag sein neuestes Buch "Ausstieg aus der NATO" erschienen. Im August 2015 hat er mit dem gleichen Titel einen Offenen Brief an Bundeskanzlerin und Bundespräsident gerichtet, der mit dem Satz endet: „Sie wissen, wenn Sie nicht sofort handeln – das heißt, unseren Austritt aus der NATO erklären –, werden diese Brecht-Zeilen (Das große Karthago führte drei Kriege...) zum Nekrolog auf Deutschland!“ Die Herrschaftsmedien ignorieren den Offenen Brief und das Buch, in dem der Brief den Ausgangspunkt bildet.

Deutschland: Prellbock der NATO

Rolf Hochhuth lässt sich nicht über die wahren Machtverhältnisse hinwegtäuschen. Die Parole "Der Hauptfeind steht im eigenen Land und heißt Deutscher Imperialismus" lesen wir bei ihm nicht. Seine "Mahnungen im Winde" lassen uns wissen: „Die Deutschen sind der Trojanische Esel der NATO – vorgespannt vom Pentagon, damit sie als weitaus stärkster 'Partner', sprich Untertan des Weißen Hauses, die USA bei deren Ziel, die zweitstärkste Weltmacht nach ihnen zu zerlegen, sie unterstützen, die Ukraine und Georgien unter der so oft missbrauchten Flagge 'Selbstbestimmung' via EU in die NATO zu überführen – auch Hitler hatte schon propagiert, er 'befreie' die Ukraine vom Kreml.“

Deutschland ist – so erkennt Rolf Hochhuth – "Prellbock der NATO". Entweder wird Deutschland souverän oder es fügt sich weiterhin dem Suiziddiktat – darauf wartend, „in einem dritten Weltkrieg als Prellbock zermalmt zu werden“.

„Da stimmte die Frau Bundeskanzlerin doch allen Ernstes dem Vorhaben des Pentagons zu, neue Nuklearwaffen nach Deutschland zu bringen... Als atomar am modernsten ausgestattet, ist Deutschland damit im Kriegsfall erstes und dringlichstes Angriffsziel. Sein oder Nichtsein – die Hamlet-Frage erweist sich beim USA-Satellit 'Germany' als höchst aktuell, denn die BRD ist den Amerikanern, die sich sarkastisch als unsere 'Schutzmacht' aufspielen, gerade noch so viel wert, in einem dritten Weltkrieg als Prellbock zermalmt zu werden. Frau Merkels Bundeskabinett aber ließ 'sein' Volk mit keiner Silbe wissen, was das Pentagon mit Deutschland als Kriegsschauplatz vorhat. Dass die Regierung hierzu schweigt, statt sich der aufgezwungenen Suizidstrategie zu erwehren, darauf kann man nur mit Entsetzen reagieren. Bedarf es noch einer weiteren Bestätigung, dass die BRD seit 1945 nicht eine Stunde souverän war? Finanzminister Schäuble wagte es als einer von wenigen, dies 2011 auf einem Bankenkongress einmal ehrlich auszusprechen.“

Hochhuth verweist auf die ZDF-Dokumentation "Standing Army" vom 10. Oktober 2012. Der zufolge hatten die USA laut Pentagon schon im Jahre 2009 in 130 von 193 Staaten auf der Welt 716 Militärstützpunkte. Und er fragt: „Kann es sein, dass die eine unvergleichliche Großmacht [USA] jedes Augenmaß verloren haben, weil weder die zwei Weltkriege 1914-18 und 1939-45 noch die Kriege gegen Japan, Korea, Vietnam, Irak etc. eine Ziegel vom Dach eines amerikanischen Hauses fallen ließen? Zugegeben, einige hunderttausend verloren einen Sohn, Bruder oder Ehemann, aber welcher Amerikaner sonst hat Krieg außer im Kino erlebt?“

Und weiter fragt er: „Warum ist Deutschland noch immer Mitglied der NATO? Wie kann es sein, dass es laut Bundeskanzlerin Merkel am 14. Januar 2016 seinen NATO-Beitrag auf Geheiß Washingtons um 25 Milliarden Euro erhöht hat? Die Gründung des westlichen Bündnisses geschah 1949. Dem folgte, zum Ziele der Abwehr, 1955 der Zusammenschluss zum Warschauer Pakt. Letzterer wurde 1991 wieder aufgelöst... Warum wird die NATO nicht ebenso preisgegeben, sondern allein auf Wunsch der Amerikaner sogar noch verstärkt?“

„So fordern neuerdings Maßgebende innerhalb der NATO, doch sogar auch in Wien, energisch, Österreich solle endlich ebenfalls dem Bündnis beitreten. Seine Neutralität sei 'eher unsolidarisch und halbseiden'... Was hätte Österreich denn davon, wenn es sich plötzlich nach Jahrzehnten, in denen niemand seine Souveränität bedroht hat, von der NATO einverleiben ließe? ... Für die Österreicher gibt es ebenso wenig wie für die BRD eine Veranlassung, Russland als Bedrohung empfinden zu müssen. Warum also sollte der Alpenstaat sich jetzt von einem 'Schutzbündnis' einverleiben lassen... Wozu gibt es das überhaupt noch?“

J.P. Morgan is back!

Alle Welt nennt das, was 2008 geschah und die Weltwirtschaft in bedrohliche Unruhe versetzte, eine Finanzkrise, als sei gewiss, dass die Situation ungewollt entstanden ist – ein Fehler des Systems, des Kapitalismus eben. Nicht so Rolf Hochhuth. Verbrecher und Verbrechen sind für ihn ein Teil des uns beherrschenden Systems. Er schreibt ein Gedicht über das Bankhaus Morgan mit dem Titel "J.P. Morgan is back!" und beginnt mit der Aussage "Krise bewusst herbeigeführt", erinnert an Morgans betrügerische Machenschaften globalen Ausmaßes von 1907 und zitiert Kleist: „Warum sich nur nicht einer findet, der diesem bösen Geiste der Welt die Kugel durch den Kopf jagt!“ Um dann zu schließen: „Doch 2008 beschönigt der Globus das gleiche Gaunerstück mit der Beschwichtigung, kein Mensch sei schuld daran... Kleists Mordempfehlung: Was hätte sie der Welt erspart!“

Rolf Hochhuth beweist, dass er lernfähig ist. Zu Carsten Rohwedder schreibt er: „Anders als in meinem Stück 'Wessis in Weimar' unterstellt, das ich noch wenig informiert schrieb, sprechen ja nun neue Quellen dafür, dass der Treuhand-Chef ebenso wenig von der RAF umgebracht wurde wie der Deutsche-Bank-Chef Herrhausen: Rohwedder wollte keineswegs die Ostzone so enteignen, wie es die Regierung Kohl dann getan hat mit ihrer Durchführerin Breuel, sondern er wurde umgelegt, ebenso wie Herrhausen, durch die Wirtschaft und die Banken. Einer seiner Nachfolger, der unabhängige Schweizer Ackermann, sagte öffentlich bei Maybritt Illner, als man ihm den Schuldenschnitt für Griechenland empfahl, den Herrhausen für die Dritte Welt forderte: 'Dann ergeht es mir ebenso wie Herrhausen!' Ich unterstelle, dass Herr Ackermann wusste, wovon er öffentlich sprach.“

Ein Wermutstropfen

Bestandteil des Buches ist abschließend eine Korrespondenz zwischen Rolf Hochhuth und Peter Gauweiler. Sie enthält einen bedauerlichen Wermutstropfen. Hochhuth lässt sich von Peter Gauweiler aufs Glatteis führen. Am 27. Februar 2016 heißt es in einem Brief von Hochhuth an Gauweiler in aller Klarheit: „Verheerend, der Eifer, mit dem ausgerechnet die deutsche Regierung sich als nützlicher Esel vor den Karren der USA spannen lässt. Ohne jegliches deutsches Interesse ist unsere ekelerregende Presse! ... Noch nie scheint einem Deutschen klar geworden zu sein, dass unsere Befreier 1945 – ohne die Amerikaner wäre ja nie eine Invasion in der Normandie möglich geworden – inzwischen zur gefährlichsten Nation der Geschichte geworden sind, dank ihres einmaligen Glücks, auf dem eigenen Kontinent seit 150 Jahren keinen Schuss gehört zu haben. Dagegen hat den Russen des Braunauers Überfall 27 Millionen Menschen gekostet.“

Als dann Gauweiler am 1. März 2016 geschrieben hat „Kann man, lieber und sehr geehrter Herr Hochhuth, wirklich sagen, dass die Amerikaner immer noch 'das einmalige Glück genießen, auf dem eigenen Kontinent keinen Schuss zu hören'? Hallen die Angriffe auf die beiden Türme und das Hauptquartier nicht bis heute nach, und haben sie nicht der ganzen Welt die große Verletzlichkeit Amerikas offenbart...?“ antwortet Hochhuth am 10. März 2016 doch tatsächlich: „Lieber Herr Dr. Gauweiler, tatsächlich werde ich aufgrund Ihrer Erwähnung des Terrorangriffs auf die zwei Türme meine Aussage, dass die USA seit 1865 nie einen Krieg in ihrem eigenen Land hatten, ergänzen: Selbstverständlich teile ich Ihre Meinung, dass der Angriff vom 11. September 2001 ins Zentrum der USA eine Kriegshandlung ersten Ranges war – durchaus vergleichbar dem Terror japanischer Flieger auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941!“

Das sind gleich zwei tragische Fehleinschätzungen in einem kurzen Statement. Endet hier auch bei Hochhuth das Vorstellungsvermögen, eine Macht, in der er die „gefährlichste Nation der Geschichte“ erkennt, würde nicht mit fingierten Operationen die Weltöffentlichkeit manipulieren können – in dem einen Fall, um den so genannten nicht endenden "War on Terror" vom Zaum brechen zu können, und im Fall Pearl Harbour, um in den Zweiten Weltkrieg einsteigen zu können. Es ist zu hoffen, dass Rolf Hochhuth in dieser Hinsicht lernfähig ist und in seinem nächsten Buch schreibt: „Als ich Peter Gauweiler schrieb, war ich in Sachen False-Flag noch wenig informiert. Eine derartige Perfidie war für mich bis dahin kaum vorstellbar.“

In einer Diktatur aufwachen

„Wer in einer Demokratie schläft, wacht in einer Diktatur auf. Zum Glück gibt es einen Hochhuth, bei dessen Lektüre einem das Einschlafen schwer fallen dürfte“, schreibt Verleger Thomas Röttcher im Vorwort des Buches. Nun gut, es ließe sich einwenden: wir leben längst in einer Diktatur, in einer Diktatur des Großen Geldes, ohne dabei aufgewacht zu sein.



Rolf Hochhuth: Ausstieg aus der NATO – oder Finis Germaniae; Katastrophen und Oasen. Essays, Briefe, Gedichte; Verlag zeitgeist Print & Online, 2016; Gebunden, 312 Seiten, 24,80 Euro


Veröffentlichung aus der Quartalsschrift DAS KROKODIL, Ausgabe 18 (September 2016) – Grundsatzschrift über die Freiheit des Denkens – bissig – streitbar – schön und wahr und (manchmal) satirisch.



Mehr dazu und wie es sich bestellen lässt, hier: http://www.das-krokodil.com/



Siehe auch:

Über Rolf Hochhuths Buch "Ausstieg aus der NATO – oder Finis Germaniae"
Politik der Provokationen beenden
Rolf Hochhuth im Gespräch mit Diana Rissmann
NRhZ 569 vom 06.07.2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22940

Offener Brief an Bundeskanzlerin und Bundespräsident
Ausstieg aus der NATO – oder Finis Germaniae
Von Rolf Hochhuth
NRhZ 560 vom 04.05.2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22764

Zum Erscheinen des Buches "Ausstieg aus der NATO – oder Finis Germaniae"
„Wir Deutschen, willenlose Satelliten des Pentagons“
Sputnik-Interview mit Rolf Hochhuth
NRhZ 559 vom 27.04.2016
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22744

Online-Flyer Nr. 582  vom 05.10.2016

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