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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Aus dem Buch "Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet"
Dichter & Henker: Feiern mit Goethe
Von Werner Rügemer

In dem Buch „Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet. Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft, Geschichte und Kultur“ (siehe die Rezension von Harry Popow in der NRhZ vom 21.9.2016), hat Werner Rügemer ausgewählte Veröffentlichungen aus drei Jahrzehnten zusammengestellt. Darunter sind Texte zu Literatur und Kunst, die man so nicht mit dem Sachbuchautor Rügemer verbindet. Wir veröffentlichen deshalb zunächst einen Text über den deutschen Nationaldichter, dessen immer noch verdrängte bürgerliche Zwiespältigkeit Rügemer 1999 darstellte. Die Redaktion.

Zum 250. Geburtstag Goethes im Jahre 1999 erschienen erstmals zahlreiche empirische kritische Veröffentlichungen. Sie wurden im Kulturbetrieb aber kaum zur Kenntnis genommen: Sigrid Damm, Christiane und Goethe, Frankfurt 1998; Tilman Jens, Goethes Opfer, München 1999; Dieter Kühn, Goethe zieht in den Krieg, Frankfurt 1999; Daniel Wilson, Das Goethe-Tabu, Protest und Menschenrechte im klassischen Weimar, München 1999; Karl-Otto Conrady, Goethe - Leben und Werk, München 1998. Daraus stammen die folgenden Zitate.

Die gebildete deutsche Welt feierte mit dem 250. Geburtstag des „größten deutschen Dichters“ zugleich ihre anhaltende Selbsttäuschung. Kein deutsches Individuum – außer Adolf Hitler - wurde und wird mehr beforscht als Goethe, wenn auch sehr einseitig: Für die Erforschung von Goethes Streifzügen zu verheirateten und unverheirateten, jungfräulichen und schon entjungferten Frauen wurde mehr Staatsknete abgedrückt als für die Erforschung von Goethes Kriegszügen und Ministertätigkeiten. Während der „gemeine Mann“ und die „gemeine Frau“ sich herzlich wenig für Goethe und das Goethe-Jubiläum interessieren, kann sich die gebildete community an ihrem Liebling nicht satt genug forschen und begaffen.

Vorbild: Vom Aufmüpf zum Staatsminister

Neue Ausgaben seiner Werke, neue Teilausgaben, neue Biografien und Goethe-Lexika finden ihr Publikum. Und das, bemerkenswert, zunehmend nicht nur in Deutschland, sondern international. Der Engländer Nicholas Boyle etwa, der in seiner mehrbändig angelegten Biografie allein dem Zeitraum 1790 bis 1803 immerhin 1.115 Seiten widmet, die nicht nur in England, sondern sogleich nun auch in Deutschland publiziert wurden, macht den Grund klar: Goethe, aus der „vorrevolutionären Welt“ stammend, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts zu Ende gegangen sei, habe sechs Jahrzehnte lang auf die „Geburtswehen der europäischen Moderne“ reagiert. Daraus ist zu lernen, so heißt es nun, gerade heute: Wie können die „Geburtswehen“ so gedreht und gewendet werden, dass die Geburt des wirklich Neuen verhindert wird? Wie können wir endlich „wieder“ zurück in die vorrevolutionäre Welt, in der die wenigen Besitzer im Schutze größerer Mächte ihren Gewinn mehrten, im Stillen und möglichst ohne Arbeit?

Lernen wollen Boyle und sein Publikum, wie man sich und andere über den Charakter des eigenen bürgerlichen Tuns täuschen könnte, und zwar nicht nur politisch (das reicht und überzeugt nicht), sondern gerade kulturell. Gerade Goethe ist ja nicht deshalb so interessant, weil er ein guter oder viel gelesener Literat ist (wer liest heute schon Goethes gestelzte Romane? wer führt schon seine Stücke auf?), sondern weil er als Minister, Lebenszeitbeamter, Vielreisender, Tierexperimentator, Spitzelchef, Kriegschronist und nicht zuletzt als Liebhaber, Frauenheld und Frauenliebling ein facettenreiches Leben vorgelebt hat, wo es immer was zu gucken gibt.

Und das Interessante an Goethe ist es ja, dass er zunächst als Bürgersohn selbst den Aufstand gegen „die alten Zustände“ geprobt und geschrieben hat, bevor er zum herzoglichen Staatsminister, überzeugten Monarchisten und geadelten Mitglied der regierenden Klasse wurde. Und natürlich ist ein Konterrevolutionär, der selbst aus der aufbegehrenden neuen Klasse kommt, viel kreativer und sensibler als ein vertrockneter Höfling oder Geldsack, der nur alte Privilegien mit alten Argumenten verteidigt.

Goethe wünschte sich eine Monarchie, die sich selbst läutert. Die deutsche Öffentlichkeit hat mit seiner Hilfe an der Legende der Weimarer Klassik als Hort der Humanität und Liberalität fleißig mitgestrickt. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ - aber die Gesellschaft bleibe die des elitären Privateigentums. Ob mit Monarchie, Demokratie oder irgendeiner Form der Diktatur - das ist zweitrangig. Mit Goethe soll die Zeit im vorrevolutionären Zustand stehenbleiben, und dahinter gibt es nichts, außer Katastrophen, Ausnahmen und Unfälle, die keiner versteht - das ist die Botschaft, für die er selber schon gesorgt hat. Für die Elite sind Luxus, Bildung und schöne Literatur reserviert, für die „Classe von Menschen“, die man „die niedere“ nenne, hatte der Dichterfürst etwas anderes parat, das uns auch heute (wieder) recht vertraut ist: „Da sind doch alle Tugenden beysammen: Beschränktheit, Genügsamkeit, gerader Sinn, Treue, Freude über das leidlichste Gute, Harmlosigkeit, Dulden - Dulden - Ausharren.“

Konterrevolution ist grausam, man kann es sich dabei aber auch recht gemütlich machen


Seinem Glaubensbekenntnis, dass alles im Menschenleben gut werde, wenn man nur geduldig auf die Natur höre, konnte der Dichter nicht mehr folgen, seit er Geheimrat, also Mitglied der herzoglichen Weimarischen Regierung war. Mit dem preußischen Heer zog er 1793 auch nach Mainz, um die erste Republik auf deutschem Boden auszulöschen - Mainz wurde zerbombt.

Goethes Herzog August wurde von König Friedrich Wilhelm II. in den preußischen Generalstab aufgenommen und 1787 mit der Führung des 6. Kürassierregiments beauftragt. Goethe begleitete den Herzog zu einer Inspektionsreise des preußischen Heeres nach Berlin und schwärmte: „Es ist ein schön Gefühl, an der Quelle des Krieges zu sitzen in dem Augenblick, da sie überzusprudeln droht.“ Die Quelle des Krieges war die Revolution von Goethes ehemaligen Standesgenossen, der Bürger, in Frankreich. Die meinten den Aufstand etwas anders als der junge Goethe/Werther, der die Klassenschranken vor allem in Bezug auf die freie Bewegung seines Genitals empfunden hatte.

Goethe bezeichnete die Revolutionäre in Paris als „Hunnenhorde“ und „gewalttätige Demagogenbande“. Dabei zogen sie eigentlich nur die Konsequenz aus den Einsichten, die auch Goethe 1781 aus Anlass bekannt gewordener Korruption am französischen Königshofe geäußert hatte: „Unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Kellern, Gängen und Kloaken miniert, wie eine große Stadt zu sein pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohnenden Verhältnisse wohl niemand denkt und sinnt; nur wird es dem, der davon einige Kundschaft hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt.“

Ausrotten! Verspeisen!

Nun stand aber der herzogliche Geheimrat inzwischen selbst auf dem Boden, der einzustürzen drohte. Deshalb wollte er 1791/92 im Generalstab des vereinten Monarchistenheers von Preußen und Österreich nach Paris durchmarschieren, um die französische Revolution „auszurotten“. Dem damals abgesetzten, aber noch nicht geköpften König Louis wollte man „den Weg freischießen“. Herzog August wollte der „Anarchie, welche gewiss der ganzen Menschheit drohte, den Kopf abbeißen.“

Der Marsch durchs revolutionäre Frankreich sollte schnell gehen. „Noch am Morgen hatte man nicht anders gedacht als die sämtlichen Franzosen aufzuspießen und aufzuspeisen“, berichtet der Humanist und Aufklärer vor der entscheidenden Schlacht in Valmy. Der Generalstab ließ es sich gutgehn. Man quartierte sich in hübschen Schlössern ein, der Geheimrat ließ sich auf den Schultern von Soldaten durch den Matsch tragen. Er bedauerte, „so nah an Champagne“ zu sein, aber „kein gut Glas Wein“ zu finden. An sein Liebchen zuhause schwärmte er von „großen Betten“, die leider nun nicht richtig genutzt werden könnten, versprach aber als Mitbringsel „lokale Specialitäten“ und aus Paris die berühmten Pasteten, auch Mandeln, umhüllt von Zucker und Honig.

Geschützt vor dem direkten Kriegsgeschehen sammelte er Steine, an die er ohne Krieg nicht gekommen wäre. „Für mein wissenschaftliches Bestreben höchst vorteilhaft… Ich sah die Natur in offener Welt... Gefahr belebt und ergötzt“, notierte er. Vor den zerfetzten Soldaten des eigenen Heeres und den zermatschten Bürgern der bombardierten Stadt Valmy machte er die Augen zu. „Überhaupt habe ich für den ästhetischen Sinn meines Auges wenig Genuß gehabt.“

Die Franzosen erwiesen sich den arroganten Herrenreitern aus Deutschland gegenüber als militärisch überlegen. Die „Konterrevolution“ sei unmöglich, fasste der Herzog nach dem schmählichen Rückzug mit Goethes Beifall zusammen, freute sich aber, Frankreich „tüchtig ausgeplündert“ zu haben. In seinem Bericht verschweigt Goethe, dass beim Rückzug die Straßen von toten preußischen Soldaten übersät waren, die an Fieber, Ruhr und Hunger krepierten, schwelgt aber von den „schönen heiteren Zimmern“, in denen er mit dem Generalstab untergebracht war. Schlimmer als der Tod des einfachen Volkes auf beiden Seiten war für den Sensiblen die Mühsal im eignen Innern. Auf dem Rückzug trank er im Offizierskasino Champagner auf sein Überleben. „Ich für meine Person singe den lustigesten Psalm Davids dem Herrn, daß er mich aus dem Schlamme erlöst hat, der mir bis an die Seele ging.“

Goethe erfüllte seinen Auftrag und schrieb nach Vorgabe des Generalstabs die Schuld an der Niederlage gegen die Franzosen dem Wetter zu: Der Regen und der Sturm hätten die preußisch-weimarisch-österreichischen Truppen besiegt. Zum Dank erhielt er nach Ende der Kriegszüge 1794 vom Herzog das bisher nur mietfrei genutzte Haus am Frauenplan zum Geschenk, samt einer Einrichtungshilfe von 1.500 Talern.

Der Humanist hatte die französische Revolution sofort abgelehnt: Sie sei gewalttätig. Immer wieder karikierte er die Revolutionäre. In dem Lustspiel „Der Bürgergeneral“ führte er 1793 in Gestalt der Hauptfigur namens Schnaps einen Betrüger vor, der sich als Jakobiner am Eigentum von Bauern vergriff. Goethe führte dieses sein Lustspiel am Hoftheater zur Belustigung des höfischen Publikums auf – Goethe war 1791 zum Intendanten ernannt worden. Der höfische Aufsteiger bastelte bis zum Ende seines Lebens am Gegenbild der harmonischen Klassik. Dabei übersah er geflissentlich die extreme Gewaltförmigkeit der griechischen und römischen Sklavenhalter-Gesellschaften. Er lehnte Gewalt ab, übte und billigte sie aber selbst.

Mal sehen, was passiert, wenn man Eierstöcke in Salzsäure taucht

Auch in der Naturforschung kam er auf Wege, die seiner Naturschwärmerei widersprachen. Der im Prinzip gewiss begrüßenswert wissbegierige Autodidakt griff selbst zum Seziermesser und machte sich mit gezielten Experimenten über Raupen, Schmetterlinge und Frösche her. So sezierte er einen vorsätzlich ausgehungerten Windenschwärmer und notierte kühl: „Der After scheint ganz Null geworden zu sein. Lange Wirkung nach der Zerstückelung des Tiers.“

Während er Newton öffentlich vorwarf, die Natur mit seinen Experimenten vergewaltigt und zerstückelt zu haben (Brechung des Lichtstrahls über Prismen) und deshalb auch zu falschen Ergebnissen gekommen zu sein, zerstückelte Goethe selbst zarte lebendige Tierchen. Er öffnete einen Ligustenschwärmer, um Nerven und Drüsen offenzulegen, presste die Eier mit der Pinzette zusammen, trennte den Kopf ab. Er sezierte Froschweibchen, schnitt den Eierstock auf und übergoß die Eier mit Salzsäure, um die Wirkung zu beobachten. Er legte das Herz einer lebendigen Hummel bloß: „Es ist Versuch zu machen, wie lange es schlägt, wenn man es feucht hält oder ob es etwa in der Kälte gleich erstarrt.“ Das Herz pulsierte 3 bis 4 Stunden, dann war die Hummel tot. Er beobachtete am lebenden Objekt das aufgeschnittene Herz einer Raupe: „Pulsiert auf dem Rücken... schlug 48 mal in einer Minute, Konvulsionen der Raupe dabei.“

In seiner Naturphilosophie schwärmte Goethe immer wieder von der Metamorphose, der Formverwandlung in der Natur, so etwa das Ausschlüpfen des Schmetterlings aus der Raupe. Doch als Tierexperimentator ging er anders vor. „Ein ausgekrochener Schmetterling im Augenblick des Ausschlüpfens aufgeklebt... Ich schnitt dem Tier den Kopf ab.“ Ein andermal: „Ein Schmetterling gleich nach seinem Ausfliegen aufgespießt.“

Damit sei keineswegs vordergründig kritisiert, dass Goethe hier Tierquälerei praktizierte. Das Problem ist: Während er in seiner Literatur weiter die Röslein auf der Heide und die Vögelein im Walde besang, verhielt er sich, in Übereinstimmung mit der vorherrschenden Naturwissenschaft seiner Zeit, ganz anders. Diese coole Brutalität, obwohl sie das Naturverhältnis der bürgerlichen Moderne war (und bis heute ist), wurde aber nicht Thema der Literatur oder der öffentlichen Reflexion. Bewusstseinsspaltung war angesagt. Er notierte ins Tagebuch: „Früh am Gedichte korrigiert, dann Anatomie der Frösche.“

Bessere Bezahlung der herzoglichen Spitzel

Für Goethe waren die Untertanen keine Menschen, sondern sprechende Werkzeuge oder Tiere. Selbst über seinen studierten Werkbearbeiter Eckermann notiert er: „Eckermann schleppt, wie eine Ameise, meine gesammelten Gedichte voran.“ Als bei einem Vogelschießen am Hofe versehentlich ein junger Bursche unter den Zuschauern tödlich getroffen wurde, kommentierte der Minister in einem Billet an seine damalige Geliebte flüchtig: „Dumm geendigt“ und eilte zum nächsten höfischen Vergnügen, einem Ringelpiez mit jungen Frauen.

Aus den Akten der herzoglichen Regierung geht hervor, dass Goethe als einer von drei Ministern mit darüber beschloss, zu welchen Konditionen und Preisen - 10 bis 40 Taler pro Kopf - Weimarische Häftlinge und Vagabunden verkauft wurden, damit die englische Krone sie als Söldner gegen die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung einsetzen konnte. Für Getötete kassierte die Staatskasse der Klassikoase einen Extrabonus, Goethe bestand auf akkurater Abrechnung. Er selbst hatte ausgehandelt, dass für einen gefallenen Infanteristen 100 Gulden vergütet werden, für einen Kavalleristen mit Pferd 300. Für die Leitung der Kriegskommission, die den Menschenhandel maßgeblich abwickelte, kassierte Goethe übrigens 200 Taler extra, womit er sein steuerfreies jährliches Anfangsgehalt von 1.200 Talern, das zweithöchste im Herzogtum, aufbesserte.

Goethe sorgte sich um die bessere Bezahlung der Spitzel, die auf die mit der französischen Revolution sympathisierenden Studenten und Professoren der Universität Jena angesetzt wurden. „Durchlaucht genehmigen auch eine und andre baare Auslage, wenn Sie nöthig finden sollten, durch diese und jene Mittel der Wahrheit näher zu kommen,“ so der Dichterfürst in einer Notiz an seinen Geheimratskollegen Voigt, worin er auch die Weisung weitergibt, noch mehr Spitzel anzuheuern; dabei ist die Identität des Begriffes „Wahrheit“ mit „Geheimdienst-Erkenntnis“ für das gespaltene Bewusstsein des beamteten Humanisten aufschlussreich.

Zeitunglesen für Untertanen verderblich

Fast zwei Drittel der Bevölkerung waren Bauern, und Herzog August war der größte Grundstücksbesitzer. Fronende Bauern versorgten den Hof mit Lebensmitteln, fuhren Brennholz für Beamte wie Goethe in die Stadt, auch etwa für die fürstliche Brauerei, reparierten Schlösser und Parks. Goethe, der 1782 nicht nur in den Adelsstand erhoben wurde, sondern auch, was weniger bekannt ist, das Lehnsrecht bekam und zeitweise selbst Gutsbesitzer war, sorgte mit seinen Geheimräten dafür, dass Bauern, die einzelne Fronarbeiten verweigerten oder sich in untertänigen Worten submissest über Rechtsbrüche der Lehnsherrn beschwerten, eingeschüchtert und wegen „Widersetzlichkeit gegen die landesherrlichen Befehle“ bestraft wurden.

„Zeitunglesen für Untertanen ist verderblich“, meinte der erste deutsche Repräsentant der Weltliteratur. Die Pressefreiheit setzte er mit „Pressefrechheit“ gleich. „Der Preßanarchie setze sich ein Preßdespotismus entgegen, eine weise und kräftige Diktatur“, empfahl Goethe, als er für das Verbot der Zeitschrift ISIS eintrat. Sie war von dem Naturforscher Oken gegründet worden, der neben seinen demokratischen Ansichten sich erfrecht hatte, unabhängig von Goethe den Zwischenkieferknochen entdeckt zu haben. Das Verbot sei „ein chirurgischer Schnitt, der die Krankheit ausrotte“, so der liberale Aufklärer, der 1819 die Entlassung Okens durchsetzte, ähnlich auch die Entlassung des Philosophen Fichte. In der Dichtung setzte der Dichterfürst die humanistische Rhetorik unbekümmert fort. So schenkte er den Deutschen im „Faust“ die Vision von allgemeiner Freiheit: „Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.“

Goethe und die Frauen

„Wenn ein tüchtiger Schwanz nur wäre, die Weiber würden sämtlich zufrieden sein“, dies blieb zu Goethes Lebzeiten unveröffentlicht, aber schon mit weniger drastischen Sprüchen schockierte der Dichterfürst die berufsmäßig Bigotten unter seinen Zeitgenossen. Man mag zu diesem genialischen oder ordinären Männergetue stehen wie man will, es ist eigentlich nicht der Rede wert, wenn man es mit dem Durchschnittsniveau des gebildeten wie ungebildeten deutschen Stammtisches vergleicht.

Dass Goethes Lebensstil eigentlich mehr interessiert als seine Literatur, zeigt das Endlos-Thema „Goethe und die Frauen“. Goethe praktizierte und literarisierte eine Vielfalt der Beziehungen zwischen Männern und Frauen: Menage à trois, Selbstmord aus verschmähter Liebe, bürgerliche Ehe, wilde Ehe, platonische Anbetung, Kurschatten, Seitensprünge, Quickies („Äugelchen am Wege“). Diese gegenüber einem strengen Ordnungsprinzip garstige Konfusion war gewiss naheliegend, wenn wie damals die individuelle Geschlechtsliebe selbstbewusster als vordem und vergleichsweise öffentlich auf erstarrte höfische Gesellschaft und verstocktes Christentum prallte. Soweit nichts Ungewöhnliches.

Interessant wird es, wenn die systemische Doppelmoral zutage tritt. Noch vergleichsweise harmlos, aber aufschlussreich ist sein Verhältnis zur frustrierten Frau des Stallmeisters von Stein. Ob sie es nun miteinander trieben oder Goethes 1.800 Billets an Charlotte - bis zu drei Stück am Tag - nur platonisch bedingt waren: die fleißigen Germanistenheere haben es noch nicht sicher ergründet, und man mag sie zu diesem Ergebnis ausnahmsweise beglückwünschen, auch wenn man den dabei verschwendeten Steuergeldern eine bessere Verwendung gewünscht hätte. Interessanter ist, was der Minister an Brust oder Schulter Charlottes ausweint. So klagt er ihr (und keinem Mann), dass Regieren „schon im Voraus müde“ mache. Er hofft weinend, sie möge ihn von den Beschwernissen beim täglichen Piesacken von Untertanen „wohltätig abtrocknen“.

Bekanntlich gab der Dichter, der im „Faust“ einfühlsam das Schicksal Gretchens beweint, den Ausschlag für das Todesurteil über die Kindsmörderin Anna Höhne im Jahre 1783. Staatsminister Goethe zeichnete auch die Anordnung ab, dass bei der Hinrichtung vor dem Halsgericht Weimar ungewöhnlich viel Miliz aufgestellt wurde, um das „etwaige Zudrängen des Volcks“ zu verhindern.

Seine langjährige Ehefrau Christiane sah der Prophet menschlicher Würde als „Haus- und Bettschatz“ und würdigte sie sowohl als Frau und als Mitglied der „arbeitenden Classe“ herab. Goethe schrieb über ihre „glückliche Art zu sein“: „ein Geschöpf, das in glücklicher Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht, von einem Tag zum andern sich durchhilft.“ Christiane sah es selbst so, scheinbar klaglos: „Mit deiner Arbeit ist es schön: was du einmal gemacht hast, bleibt ewig; aber mit uns armen ist es ganz anders. Ich hatte den Hausgarten sehr in Ordnung, gepflanzt und alles. In einer Nacht haben mir die Schnecken beinahe alles aufgefressen, meine schönen Gurken sind fast alle weg, und ich muß wieder von vorn anfangen.“

„Ich trenne den Geheimrat vom Poeten“


Goethe wusste über so manche seiner öffentlichen Lügen und Opportunismen Bescheid, hatte so manche Einsicht in seine und seiner Herren destruktive und asoziale Funktion: „Wir haben’s soweit gebracht, daß oben immer mehr verzehrt wird, als unten in einem beygebracht werden kann.“ Im Anschluss an diese oft zitierte Privatnotiz spricht der Meister weitergehend von der „Verdammniß, daß wir des Landes Marck verzehren.“ Er trennte bewusst zwischen Kultur und Politik: „Ich trenne den Geheimrat vom Poeten.“ Oder: „So getrennt laß ich ietzt den Geheimrat und mein anderes Selbst... ich habe mein politisches und gesellschaftliches Leben ganz von meinem moralischen und poetischen getrennt.“ Schöner kann man die Trennung und den Zusammenhang zwischen dem Feuilleton und dem Wirtschaftsteil in der FAZ oder in der ZEIT kaum beschreiben.

Goethe wollte gelegentlich die staatsfinanzierte Gespaltenheit verlassen, schaffte es aber nie. Sein bekanntester Versuch war seine über einjährige Flucht nach Rom. Wohlweislich kündigte er aber sein Dienstverhältnis nicht und bezog sein Ministergehalt - erhöht auf 2.000 Taler - weiter. Für sein kulturelles Aushängeschild griff Herzog August gern in die völlig überschuldete Kasse seines wirtschaftlich und technisch zurückgebliebenen Kleinstaats - er wusste, was er an dem teuren Bildungsurlauber hatte.

Der junge Goethe ist gewiss zunächst unschuldig vom aufmüpfigen Literaten in die Funktion des Geheimrats einer absolutistischen Regierung geschliddert. Übrigens möchte man der willfährigen und blassen Menge heutiger Schriftsteller einen praktischen Wirklichkeitsbezug wie bei Goethe wünschen - verantwortlich nicht nur für Weimars Theater, sondern auch für Bergwerke und Wegebau. Gewiss auch wurde Goethe in seiner Doppelexistenz gehätschelt und gelobt, von oben wie auch durchaus von so manchen Untertanen. Aber sollten wir allmählich nicht daraus etwas gelernt haben, statt immer noch, wie Thomas Mann nach dem 2. Weltkrieg, Goethe als Vorbild für Humanität und Demokratie gesamtdeutsch schönzureden?


Werner Rügemer: „Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet. Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft, Geschichte und Kultur“



Papyrossa-Verlag, Köln 2016, 226 Seiten, 14,90 Euro

Online-Flyer Nr. 581  vom 28.09.2016

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