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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Kommentar
Gibt es eine Lösung für Israel?
Die Zukunft gehört den Optimisten
Von Uri Avnery

WENN ich Karikaturenzeichner wäre, würde ich Israel als Wasserschlauch zeichnen. Am einen Ende fließen Juden hinein. Sie werden von Antisemiten und einem großen zionistischen Apparat dazu angeregt. Am anderen Ende fließen junge enttäuschte Israelis hinaus und lassen sich in Berlin und an anderen Orten nieder. Die Zahl der Einreisenden scheint der Zahl der Ausreisenden ungefähr die Waage zu halten. Seit ein paar Wochen fühle ich mich jetzt wie ein Junge, der einen Stein in einen Teich geworfen hat. Die Wasserringe, die der Spritzer geschaffen hat, werden immer größer und breiten sich immer weiter aus. Alles, was ich getan habe, war, einen kurzen Artikel in Haaretz zu schreiben. Darin forderte ich israelische Auswanderer in Berlin und an anderen Orten auf, nach Hause zu kommen und am Kampf zur Rettung Israels vor sich selbst teilzunehmen. Ich räumte bereitwillig ein, dass alle Menschen das Recht hätten, selbst zu entscheiden, wo sie leben wollten (vorausgesetzt die Behörden an Ort und Stelle hießen sie willkommen), aber ich rief sie dazu auf, ihr Heimatland nicht aufzugeben. Kommt zurück und kämpft, bat ich sie. Ein Israeli, der in Berlin lebt, der Sohn eines bekannten israelischen Professors (den ich sehr schätze), antwortete mir mit einem Artikel mit der Überschrift: „Nein danke!“ Er machte geltend, dass er schließlich an Israel und seinen ewigen Kriegen verzweifelt sei. Er wolle, dass seine Kinder in einem normalen, friedlichen Land aufwüchsen. Das brachte eine wütende Debatte in Gang, die noch andauert.

Jetzt nicht mehr

NEU AN diesem Wortgefecht ist, dass beide Seiten die Heuchelei aufgegeben haben. Seit den ersten Tagen Israels hat es immer Israelis gegeben, die lieber an anderen Orten lebten. Aber bisher gaben sie immer vor, ihr Auslandsaufenthalt sei vorübergehend, sie wollten nur ihre Ausbildung abschließen, nur etwas Geld verdienen, nur ihren nicht israelischen Lebensgefährten überzeugen. Bald, sehr bald, würden sie zurückkehren und zu vollwertigen Israelis werden. Jetzt nicht mehr. Die heutigen Auswanderer erklären stolz, dass sie nicht hier leben und ihre Kinder aufziehen wollten, dass sie schließlich an Israel verzweifelt seien, dass sie ihre Zukunft in ihren neuen Heimatländern sähen. Sie tun nicht einmal so, als hätten sie vor zurückzukommen. Andererseits haben Israelis aufgehört, die Auswanderer wie Verräter, Deserteure, Abschaum der Menschheit zu behandeln. Vor nicht allzu langer Zeit noch nannte sie Jitzchak Rabin, der eine Begabung für die Formulierung hebräischer Redewendungen hatte, „Abfall an Schwächlingen“. (Hebräisch klingt das noch weit beleidigender.) Die fast offizielle Bezeichnung für Auswanderer war „Jordim“, diejenigen, die hinuntergehen. Einwanderer werden immer noch „Olim“ genannt: diejenigen, die hinaufgehen. Heute werden Auswanderer nicht mehr verflucht – das wäre auch schwierig, denn viele von ihnen sind Söhne und Töchter der israelischen Elite.

Analogie zwischen Israel und Kreuzfahrer-Königreich

ES GAB einmal eine Zeit, als es in Israel, besonders bei Historikern, Mode war, Analogien zwischen Israel und dem Kreuzfahrer-Königreich im Mittelalter herzustellen. Die meisten glauben, dass das Kreuzfahrer-Königreich Jerusalem etwa hundert Jahre Bestand gehabt habe und dass es vom großen Saladin in der historischen Schlacht bei Hattin in der Nähe Tiberias zerstört worden sei. Aber so war es nicht. Das Königreich lebte weitere hundert Jahre, ohne Jerusalem, und mit seiner Hauptstadt Akko. Es wurde nicht durch eine Schlacht, sondern durch Auswanderung zerstört. Es gab einen steten Strom von Kreuzfahrern – Söhne und Töchter sogar noch der 6. oder 7. Generation – die, als sie an dem Unternehmen verzweifelten, Schluss machten und nach Europa „zurückkehrten“. Natürlich sind die Unterschiede zwischen den beiden Fällen riesig – verschiedene Zeiten, verschiedene Situationen, verschiedene Gründe. Und doch sind für mich – einen dilettierenden Studenten der Kreuzfahrergeschichte – die Ähnlichkeiten bedeutsam. Ich mache mir Sorgen. Historiker debattierten über eine wesentliche Frage: Hätten die Kreuzfahrer mit den Muslimen Frieden schließen und zu einem integralen Bestandteil des mittelalterlichen Orients werden können?

Wenigstens einer der Kreuzfahrer, der bekannte Raymond von Tripoli, scheint einen solchen Kurs befürwortet zu haben, aber das eigentliche Wesen des Kreuzfahrerstaates verhinderte das. Schließlich waren die Kreuzfahrer ja nach Palästina gekommen, um gegen die Ungläubigen zu kämpfen (und ihnen ihr Land wegzunehmen). Abgesehen von ein paar kurzen Waffenstillständen kämpften sie vom ersten bis zum letzten Tag. Die Zionisten sind bis jetzt diesem Weg gefolgt. Wir sind unaufhörlich in Kriege verwickelt. Einige schwache Anstrengungen einiger Zionisten am Ort gleich zu Beginn, eine Allianz mit den Arabern gegen die osmanischen Türken (die damals das Land regierten) zu schmieden, wurden von der zionistischen Führung ignoriert und wir sind immer noch in Kämpfe verwickelt. (Eben erst, als ich die Morgenzeitung las, bemerkte ich wieder einmal, dass 70% der Nachrichten direkt oder indirekt mit dem zionistisch-arabischen Konflikt zu tun haben.) Es stimmt, von der Zeit vor der Gründung Israels an bis zum heutigen Tag hat es immer Stimmen gegeben (darunter auch meine), die die Integration in die Region befürwortet haben, aber sie wurden von den israelischen Regierungen ignoriert. Alle jeweiligen Führer zogen einen ständigen Konflikt-Zustand vor, der Israel ermöglicht, sich ohne Grenzen auszudehnen.

Der Totenschein ist eine Fälschung

HEISST DAS, dass wir wie unsere jungen Leute in Berlin an unserem Staat verzweifeln müssten? Meine Antwort ist: Durchaus nicht. Nichts ist vorherbestimmt. Es ist, wie ich unseren Freunden Unter den Linden zu sagen versucht habe: Alles hängt von uns selbst ab. Aber zuallererst müssen wir uns fragen: Wie soll die Lösung aussehen, die wir uns wünschen? Meine Freunde und ich haben einen historischen Sieg davongetragen, als unser Konzept: Zwei Staaten für zwei Völker zum Welt-Konsens wurde. Aber jetzt verkünden einige Leute: „Die Zwei-Staaten-Lösung ist tot“. Das erstaunt mich immer wieder. Welcher Arzt hat den Totenschein ausgestellt? Aufgrund welcher Ursachen? Es gibt viele unterschiedliche Formen, die eine Lösung hinsichtlich der Siedlungen und Grenzen annehmen kann. Wer hat entschieden, dass sie alle unmöglich sind? Nein, der Totenschein ist eine Fälschung. Das Zwei-Staaten-Ideal lebt, weil es die einzige praktikable Lösung ist, die es gibt.

Jedes der beiden Völker unter seiner eigenen Fahne

ES GIBT zwei Sorten hoch motivierter politischer Kämpfer: die einen suchen nach idealen Lösungen und die anderen begnügen sich mit realistischen Lösungen. Die erste Sorte ist bewundernswert. Die ihr angehören glauben an ideale Lösungen, die von idealen Leuten unter idealen Umständen in die Praxis umgesetzt werden können. Ich verkenne die Verdienste derartiger Menschen durchaus nicht. Manche von ihnen bereiten mit ihren Theorien Künftigen den Weg, die dann nach zwei oder drei Generationen die Träume ihrer Vordenker verwirklichen. (Ein Historiker schrieb einmal: Jede Revolution verliert zu der Zeit ihre Bedeutung, zu der ihre Ziele verwirklicht sind. Einige Theoretiker der einen Generation legen das Fundament, in der nächsten Generation gewinnt die Idee Anhänger, und wenn sie endlich von der dritten Generation verwirklicht wird, ist sie bereits überholt.)

Ich begnüge mich mit einer realistischen Lösung, einer Lösung, die von realen Menschen in einer realen Welt umgesetzt werden kann. Die egalitäre Form der Ein-Staat-Lösung ist ideal, aber unrealistisch. Sie kann entstehen, wenn alle Juden und alle Araber freundliche Menschen werden, einander umarmen, ihre Beschwerden vergessen, sich ein Zusammenleben wünschen, dieselbe Fahne grüßen, dieselbe Nationalhymne singen, in derselben Armee und Polizei dienen, denselben Gesetzen gehorchen, gleich hohe Steuern zahlen, ihre wechselseitigen religiösen und historischen Narrationen annehmen und vorzugsweise untereinander heiraten. Wär’ ja schön. Vielleicht sogar möglich – in fünf oder zehn Generationen. Wenn nicht, würde die Ein-Staat-Lösung einen Apartheidstaat bedeuten, ständigen Krieg im Inneren, viel Blutvergießen, vielleicht am Ende einen Staat mit arabischer Mehrheit und jüdischer Minderheit, die noch dazu durch ständige Auswanderung weiter vermindert würde. Die Zwei-Staaten-Lösung ist nicht ideal, aber realistisch. Sie bedeutet, dass jedes der beiden Völker in einem Staat lebt, den es sein eigen nennt, unter seiner eigenen Fahne, mit seinen eigenen Wahlen, seinem eigenen Parlament und seiner eigenen Regierung und Polizei, seinem eigenen Bildungssystem und seiner eigenen Olympiaauswahl.

Die beiden Staaten werden – freiwillig oder notwendigerweise – gemeinsame Institutionen haben, die sich im Laufe der Zeit und von selbst von einem notwendigen Minimum zu einem viel größeren Optimum entwickeln werden. Vielleicht werden sie nahe an eine Föderation herankommen, wenn sich die Beziehungen zueinander ausweiten und sich der gegenseitige Respekt vertieft. Wenn erst einmal die Grenzen zwischen den beiden Staaten festliegen, kann das Problem der Siedlungen gelöst werden: Einige werden durch Austausch von Land Israel angeschlossen, einige gehören zu Palästina und einige werden aufgelöst. Beziehungen zwischen den Militärapparaten und eine gemeinsame Verteidigung werden von den realen Umständen gestaltet. Alles das wird äußerst schwierig werden. Wir wollen uns keine Illusionen machen. Aber es kann von realen Menschen ausgearbeitet werden und ist in einer realen Welt möglich.

Verzweifelnde erschaffen nichts

FÜR EBEN diesen Kampf rufe ich die Söhne und Töchter, die neue israelische Diaspora, in Berlin und in aller Welt auf, nach Hause zu kommen und sich wieder mit uns zu verbinden. Verzweifeln ist einfach. Es ist immer auch tröstlich, sei es in Berlin oder in Tel Aviv. Wenn man sich jetzt so umsieht, ist Verzweiflung auch durchaus nachvollziehbar. Aber Verzweiflung verdirbt uns. Verzweifelnde erschaffen nichts, das haben sie noch nie getan. Die Zukunft gehört den Optimisten.


Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ ist in der NRhZ Nr. 446 rezensiert.

Für die Übersetzung dieses Artikels aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie betreibt die website ingridvonheiseler.formatlabor.net. Ihre Buch-Publikationen finden sich hier.


Top-Foto:
Uri Avnery (arbeiterfotografie.com)


Online-Flyer Nr. 575  vom 17.08.2016

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