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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Menschen unterscheiden sich genetisch kaum voneinander
Fast zu 100 Prozent identisch
Von Harald Schauff

In Zeiten, wo die Gesellschaft auseinander driftet, feiert manche Un(Denk)art Wiedererweckung. Vorneweg die Tendenz, Menschen nach bestimmten oberflächlichen Merkmalen und Unterschieden zu klassifizieren. Auf einmal ist wieder wichtig, woher eine/r kommt, welche Hautfarbe er/sie hat und welcher Ethnie, Kultur und Religion er/sie angehört. Rechte Denkmuster führen diese vordergründigen, sichtbaren Unterschiede gern auf tiefer liegende genetische Veranlagungen zurück. Sie erheben sie zu wesentlichen Merkmalen und machen sie dadurch größer, als sie sind.

Überleben durch Zufall


In Wahrheit, auf welche uns die Evolutionsbiologie stößt, fällt die genetisch bedingte Abweichung zwischen einzelnen Menschen lächerlich geringfügig aus, wie aus der ZDF-Wissenschafts-Sendung ‘Leschs Kosmos’ (24.5.2016) zu erfahren ist. Sie beträgt ganze 0,1 Prozent. Davon entfällt wiederum nur ein Bruchteil auf optische Merkmale. So sehr sich Menschen äußerlich unterscheiden, sie sind genetisch nahezu identisch: Über Kontinente hinweg deckt sich das menschliche Erbgut zu 99,9 Prozent.

Die Unterschiede im Aussehen haben wenig mit der tatsächlichen genetischen Differenz zu tun. Aufschluss hierüber gibt ein Vergleich mit den nächsten tierischen Verwandten des Menschen, den Schimpansen. Diese ähneln einander äußerlich viel stärker als Menschen, z.B. hinsichtlich Haar- und Augenfarbe. Dafür sind die Abweichungen im Erbgut von Tier zu Tier weitaus größer. Das Genom von Schimpansen besitzt doppelt so viele Varianten wie dasjenige von Menschen. Grund: Schimpansen bevölkern die Erde seit rund einer Million Jahren. Während dieser langen Zeit waren sie nie vom Aussterben bedroht und konnten eine große genetische Vielfalt entwickeln. Von Biologen werden sie sogar in vier verschiedene Unterarten eingeteilt.

Homo sapiens bewohnt die Erde erst seit rund 200.000 Jahren. Seine Vorfahren schafften es, mit knapper Not zu überleben. Bereits in Afrika starben viele infolge von Klimaveränderungen. Da nur eine kleine Gruppe von Auswanderern überlebte, verminderte sich die genetische Vielfalt. Anders als die Schimpansen stammen alle heute lebenden Menschen von wenigen Vorfahren ab. Forscher untersuchten das Y-Chromosom bei Männern und fanden heraus: Alle Männer hatten und haben einen gemeinsamen Vorfahren. Einzig die Nachfahren dieses Ur-Adams überlebten durch Zufall und verbreiteten sich über die Welt.

Künstliche Trennwände

Durch diesen gemeinsamen Ursprung gleicht sich unser Erbgut zu annährend 100 Prozent. So gesehen sind wir alle 7 Milliarden Brüder und Schwestern. Menschen anhand äußerlicher Merkmale zu klassifizieren, ist Unsinn. Das Erbgut bietet dafür keine Grundlage. Wenn es ein wesentliches Unterscheidungskriterium gibt, ist es unsere Individualität: Wir sind alle Einzelwesen und einzigartig. Darüber hinaus trennt uns von der natürlichen Veranlagung her praktisch nichts. Unterschiede, die uns in Gruppen sortieren, wie die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, Kultur oder Religion sind künstliche Trennwände, die wir zwischen uns schieben. Unter anderem auch, um von einem wesentlichen, ebenfalls von uns selbst zu verantwortenden Gegensatz abzulenken: Dem in den Geldbeuteln.

Der absurdeste der künstlich gemachten Unterschiede ist die Einteilung in Rassen. Sie fußt einzig auf reiner, menschenverachtender Ideologie, um nicht zu sagen, Idiotie. Weder die Zugehörigkeit zu einer Nation noch zu einer ‘Rasse’ lässt sich aus den Genen erschließen. Ein weit überschätztes Unterscheidungsmerkmal ist z.B. die Hautfarbe. Sie hat mit unterschiedlicher Sonneneinstrahlung, Pigmentierung der Haut und Vitamin-D-Produktion zu tun. Von ihr auf tiefer liegende natürliche Veranlagungen oder gar Charaktereigenschaften zu schließen, ist absurd.

Eine andere Neigung scheint dagegen laut ‘Leschs Kosmos’ fest in unserem Erbgut verankert: Jene, Gruppen zu bilden, den Zusammenhalt unter den eigenen Leuten zu fördern und andere auszugrenzen. Schon Kinder legen solche Verhaltensweisen an den Tag. Evolutionsbiologen vermuten, diese schematische Haltung gegenüber Fremden sei in prähistorischer Zeit einst ein Vorteil im Überlebenskampf gewesen. Unsere Vorfahren kooperierten in kleinen Gruppen bei der Jagd. So waren ihre Chancen besser, Beute zu machen. Die Beute teilten sie wiederum mit anderen Gruppenmitgliedern, die Früchte und Wurzeln sammelten. Kooperation und Arbeitsteilung verbesserten die Überlebenschancen der gesamten Gruppe. Mit dem Ackerbau wurden sie noch wichtiger. Gegenseitige Unterstützung brachte Vorteile wie unterschiedliche Gegenleistungen. Mit fremden Clans stand man dagegen im Konkurrenzkampf, hauptsächlich wegen der knappen Nahrung. Fremde als potenzielle Gefahr zu betrachten verbesserte damals die Überlebenschancen, selbst wenn es ein Fehlurteil war.

Höchste Grenzzäune innerhalb der Gesellschaft

Auch heute noch haben Menschen das Bedürfnis zu Gruppen zu gehören. Es geht jedoch nicht mehr uns Überleben, sondern um soziale Anerkennung in der Gruppe. Diese stärkt das Selbstwertgefühl. Der eigene Kreis wird als positiv und sympathisch erlebt, während der Konkurrenz eher negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Jedes Mitglied der anderen Gruppe wird mittels dieser Vorurteile charakterisiert. Die Entscheidung, ob jemand zur eigenen Gruppe gehört oder nicht, fällt blitzschnell. Aus einer Fülle von Sinneseindrücken sammelt das Gehirn Informationen, die es in Kategorien sortiert. Wenige Attribute genügen, um die passende Kategorie zu finden. Die Denkschubladen helfen, das Leben zu bewältigen. Werden sie jedoch dauerhaft mit negativen Einschätzungen verknüpft, geraten sie zum Problem. Beispielsweise könnten durch die Berichterstattung manche Menschen die Kategorie ‘Muslime’ mit den negativen Attributen ‘fundamentalistisch’ und ‘radikal’ verknüpfen. Allerdings können derartige Vorurteile auch abtrainiert werden.

Der übertriebenen Pauschalisierung ist immer die Differenzierung entgegen zu halten, dem oberflächlichen, leichtfertigen Urteilen das kritische Hinterfragen, der geschichtsblinden Betrachtung die Orientierung an historischen Fakten. Aus letzteren geht hervor: Migrationsbewegungen, Ein- und Auswanderung, hat es immer gegeben. Sonst säßen wir heute nicht hier. Eben so den Austausch von Gütern und Nahrungsmitteln: Kartoffeln wurden hierzulande vor einigen Jahrhunderten aus Amerika eingeführt, Weizen kam vor Jahrtausenden aus dem ‘fruchtbaren Halbmond’, einer Region im Nahen Osten zwischen Mittelmeer und Persischen Golf. Von dort stammen auch die Vorfahren unserer heutigen Rinder. Schon allein deshalb ist es unsinnig ‘Grenzen dicht!’ zu fordern. Bis heute leben die Gesellschaften von Güteraustausch und Wanderungsbewegungen. Die höchsten Grenzzäune verlaufen ohnehin nicht zwischen Staaten und Völkern, sondern innerhalb der Gesellschaft.


Harald Schauff ist Redakteur der Kölner Obdachlosen- und Straßenzeitung "Querkopf". Sein Artikel ist im "Querkopf", Ausgabe August 2016, erschienen.


Online-Flyer Nr. 574  vom 10.08.2016

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