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Aktueller Online-Flyer vom 21. September 2017  

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Inland
Die Kampagne gegen Walter Herrmann und die Kölner Klagemauer geht weiter
Einen Toten ermorden?
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Kann ein Toter ermordet werden? Die Antwort liegt auf der Hand. Sie lautet NEIN! Walter Herrmann ist tot. Er starb am 26. Juni 2016. Aber seine Idee lebt. Es ist die Idee vom Frieden. Es ist der klare Blick – der auf die Opfer und der auf die Täter. Es ist der Blick, der im Falle Palästina erkennt, welche Seite über Jahrzehnte systematisch Verbrechen begeht. Das können die Täter und ihre Komplizen nicht ertragen. Wer in seiner Klarsichtigkeit Täter als Täter erscheinen lässt, muss als psychisch krank hingestellt, als verrückt erklärt werden. Ein Begriff aus der psychiatrischen Krankheitslehre, der deutlich macht, dass ein Mensch in einer bestimmten Hinsicht wahnsinnig, von einer Zwangsvorstellung besessen ist, kommt da gerade recht. Als "monomanisch" wird er am 21. Juli 2016 in einer Hörfunksendung bezeichnet. Auch andere Begriffe ähnlichen Kalibers kursieren. Sie haben die Funktion des Tötens. Es ist der posthume Rufmord an den Ideen eines unbeirrbaren Friedenskämpfers. Insofern lässt sich die Frage "Kann ein Toter ermordet werden?" auch anders als mit NEIN beantworten.


Walter Herrmann, Initiator der Kölner Klagemauer für Frieden, Völkerverständigung und Menschenrecht (Foto: arbeiterfotografie.com)

Wahnsinnig und besessen?

„Dieser Walter Herrmann war ja ein sehr schriller, tragischer Mensch, sehr plärrend, sehr monomanisch. Das muss man auch immer dazu sagen. Wer macht schon 20, 30 Jahre solch eine Installation? Tag für Tag, jeden Abend, jeden Morgen, wohnt zum Teil in der Installation. Dazu muss man schon eine bestimmte Art von Sturheit haben. Er hat auch viel Kritik, viel Widerspruch geerntet, weil viele Leute die Themen nicht hören konnten. Das hat eskaliert seit den letzten sieben, acht Jahren, als er den Palästina-Israel-Konflikt in den Mittelpunkt gerückt hat. Er hat eine völlig einseitige Position pro Palästina eingenommen, hat nur Israel kritisiert – zum Teil mit extremen – man könnte bei einigen sogar sagen – antisemitischen Karikaturen, die er da dokumentiert hat. Und diese einseitige Parteinahme gegen Israel hat ihm den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht. Und ab dann waren die politischen Parteien sowieso alle gegen ihn. (Moderator: auch Teile der Linken) Ja, die Grünen etwa, die sich bis dahin mit ihm solidarisiert hatten, haben gesagt: so nicht, das geht nicht. Aber sein monomanisches Wesen hat ihm nicht die Möglichkeit gegeben, sich diskursiv – wie wir diskutieren, wie wir Meinungen austauschen – auseinanderzusetzen. Ein Teil der Szene, die ihn früher unterstützt hat, hat sich abgewandt...“ So bekommt es die Hörerschaft der erwähnten Radiosendung von einem Kölner Historiker zu hören.

Unfähig zum Diskurs?

Der Vorwurf lautet: mit Walter Herrmann war eine Diskussion nicht möglich. Ja, es stimmt: er ließ nicht davon ab, zwischen Besatzern und Besetzten, zwischen Angreifern und Angegriffenen zu unterscheiden. Von der Erkenntnis, wer im Wesentlichen Täter und wer Opfer ist, ließ er sich nicht abbringen. Insofern war eine Diskussion mit ihm in der Tat nicht möglich – zumindest nicht in dem Sinne, dass er vom Kern der Erkenntnis abzurücken bereit gewesen wäre. Er ließ sich nicht einreden, dass ein Verbrechen ein Konflikt sei. Für ihn gab es keine Täter-Opfer-Äquidistanz. Er blieb standhaft, die Täter beim Namen zu nennen. Es ist wohltuend, bei der Trauerfeier den ehem. Leiter der Polizeiinspektion Innenstadt und Polizeidirektor Udo Behrendes zu hören: „Walter Herrmann war zwar standfest, er hat ja im wahrsten Sinne des Wortes jeden Tag Stellung bezogen, für das, was ihm wichtig war, aber er war nicht kompromisslos. Wir haben im Gespräch einen gemeinsamen Weg gefunden.“ Auch bei den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki benennt Walter Herrmann die Täter. So jemand muss für verrückt erklärt werden. Sonst wird er zur Gefahr für die Mächtigen. Im Falle Palästina haben sich die Herrschenden noch eine weitere Waffe geschaffen, mit der sie ihre Kritiker zur Strecke bringen wollen: den Vorwurf des Antisemitismus. Auch der wird in der zitierten Hörfunksendung zum Einsatz gebracht – aber nicht nur dort.

Juden als minderwertig diffamiert?

Ein Kölner Boulevard-Blatt lässt am 13. Juli 2016 in Zusammenhang mit der Trauerfeier für Walter Herrmann in der katholischen Kirche St. Theodor, bei der Karten der Klagemauer ausgestellt sind, einen Politiker der GRÜNEN wie folgt zu Wort kommen: „Ich bitte unseren Erzbischof inständig, zu verhindern, dass in einer Kirche dieses antisemitische, antizionistische Machwerk zur Ausstellung kommt.“ Der GRÜNE entlarvt sich damit selbst. Er fordert, indem er den Begriff "antizionistisch" verwendet, die Verbannung eines antirassistischen Werkes. Und einen Tag später, am 14. Juli 2016, wird der IHK-Geschäftsführer und Chef des Kuratoriums der Stiftung Stadtgedächtnis im gleichen Blatt mit folgendem Satz wiedergegeben: „Die angebliche Mahnwache des Herrn Herrmann bestand aus agitatorischen Vorwürfen gegen den Staat Israel, den er als einzigen Schuldigen für die Situation im Nahen Osten ausgemacht hatte und den er abgründig in seiner antisemitischen Haltung hasste.“ Dieser Satz nimmt Bezug auf die Schenkung, die Walter Herrmann der Stadt angeboten hat.

Eine vergiftete Schenkung angeboten?

Weiter geht es im Boulevard-Blatt vom 14. Juli 2016 mit der Garde derer, die Staatsverbrechen zur Staatsräson erheben. Ein weiterer GRÜNER spricht von „antisemitischen Hetztafeln“. Eine CDU-Politikerin: „Das Zeug gehört in die Tonne.“ Ein FDP-Politiker: „Dafür sind Depot- und Archivflächen wirklich zu schade.“ Eine SPD-Politikerin: „Antisemitismus und Rassismus gehören auf den Müll.“ Und das Boulevard-Blatt selber kommentiert: „Nun düpiert Herrmann die Stadt ein letztes Mal – mit seiner [antisemitisch] vergifteten Schenkung. Aber es darf hier keinerlei diplomatisches Geschwurbel geben – um es mit einem Wende-Motto zu sagen: Die Mauer muss weg! Sie hat die City lange genug verschandelt, lange genug der Selbstverwirklichung eines Einzelnen gedient...“ Und in einer Presseerklärung der Stadt Köln vom 15. Juli 2016 ist in Zusammenhang mit der Schenkung Walter Herrmanns zu lesen: „Er bediente sich dabei eines antisemitischen Vokabulars und Bildsprache... Fazit: Die Kölner Klagemauer ist politisch äußerst fragwürdig, aber ein langjähriger Teil der Kölner Protestkultur, die in diesem Fall eine bedenkliche Entwicklung genommen hat.“

Der Rufmord muss ein Ende haben!

Die Mauer muss weg? Ja, die israelische Apartheid-Mauer muss weg – aber nicht eine Mauer des Friedens! Walter Herrmann antisemitisch? Nein: antizionistisch und damit antirassistisch! Fragwürdig? Nein: allenthalben unterdrückte Fragen aufwerfend! Bedenklich? Nein: unbedingt bedenkenswert! Die Idee des Friedens, der Völkerverständigung und des Menschenrechts darf nicht gerufmordet werden!


Anhang

Von Rainer Kippe erscheint am 19. Juli 2016 ein Leserbrief im Kölner Stadt-Anzeiger, der wie das Kölner Boulevard-Blatt die Auffassung des IHK-Geschäftsführers verbreitet hatte:


Ich kannte Walter Herrmann seit 1968 und habe mit ihm immer wieder zusammengearbeitet und immer wieder gestritten. Sein starrer Charakter und seine oft überzogenen Vorstellungen, sein Rigorismus und seine Unnachgiebigkeit haben jede Zusammenarbeit schwierig gemacht. Das gilt auch für seine persönlichen Anschauungen. Er liebte die Zuspitzung und die Konfrontation. Das habe ich selbst erfahren müssen. Bei der Auseinandersetzung um die Täfelchen der "Klagemauer" geht es aber weder um den Charakter noch um die Ansichten von Walter Herrmann. Auf den Täfelchen stehen ja auch nicht seine Ansichten, sondern die Äußerungen von anderen Menschen zu Themen wie Frieden, Atomwaffen, Wohnungsnot oder eben die Besetzung palästinensischer Gebiete durch den Staat Israel. Walter Herrmann hat dazu nicht seine Meinung verbreitet, wie unterstellt wird, sondern denen das Wort gegeben, die unter den genannten Problemen leiden oder sich dazu äußern wollen. Das ist eine wesentliche Grundlage unserer Demokratie. Dass Menschen ihr Leiden in Worte fassen, ist eine Voraussetzung für Verständigung und Konfliktlösung. Von daher kann ich die Erregung von [IHK-Geschäftsführer] Soénius nicht nachvollziehen. Als Kunstwerk, aber auch als ein Denkmal moderner Demokratie und Meinungsbildung sollte die Klagemauer deshalb dokumentiert und ausgestellt werden.


Siehe auch:

Anteilnahme am Tod von Walter Herrmann
Du bist ein Ehrenbürger von Palästina
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22984

Online-Flyer Nr. 572  vom 27.07.2016

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