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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Fragen zur Frage "Warum schweigen die Lämmer?"
Der Mensch im Geflecht von Medien, Manipulation und Macht (1)
Prof. Rainer Mausfeld im Interview mit Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Die Hauptverantwortung einer Regierung in einer "Demokratie" ist, die Minorität der besitzenden Klasse gegen die Majorität der Nicht-Besitzenden zu schützen. Eine repräsentative Demokratie repräsentiert NICHT den Willen des Volkes. Die bewusste und intelligente Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil so genannter "demokratischer" Gesellschaften. Solche seltenen Sätze waren bei den Aachener Friedenstagen 2016 zu hören - bei einem Vortrag zur Frage "Warum schweigen die Lämmer?", gehalten von Prof. Rainer Mausfeld, einem Psychologen und Kognitionsforscher an der Universität Kiel. Mit ihm hat die NRhZ nun ein vertiefendes Interview geführt, das wir in zwei Teilen wiedergeben. Und wieder begegnen uns Aussagen, die sich der herrschenden Ideologie in den Weg stellen: "Es ist nicht Aufgabe einer Regierung, die Wahrheit zu sagen." Oder: "Regierungen der westlichen Demokratien sehen die eigene Bevölkerung als ihren Hauptgegner an."


Prof. Rainer Mausfeld beim Vortrag im Rahmen der Aachener Friedenstage 2016 (Foto: arbeiterfotografie.com)

1. Sie haben in Vorträgen unter dem Motto "Warum schweigen die Lämmer?" Strategien der Herrschaftssicherung beleuchtet. Von welcher Seite hat es darauf welche Reaktionen gegeben? Zustimmung, Ignoranz, Kritik, Drohungen?

Das Echo in Form von Zuschriften ist überraschend groß. Die überwiegend positive Resonanz und der Inhalt der meisten Zuschriften zeigt mir vor allem, wie groß das Unbehagen über Leitmedien und öffentlich-rechtliche Medien ist, durch die sich viele in systematischer Weise fehlinformiert fühlen. Zudem zeigen die Zuschriften, wie hoch das Bedürfnis ist, die mediale Fragmentierung zu überwinden und übergeordnete politische Sinnzusammenhänge zu erkennen, durch die sich die Flut hochgradig selektierter und ideologisch verzerrter Informationen wieder in ihren politischen Zusammenhang setzen läßt.

2. Zum Desaster der "Aufklärungs"-Bestrebungen. Es gibt Gegensatzpaare, von denen einige lauten: Neoliberalismus und Demokratie sind unvereinbar, real existierende Gewerkschaften und (marxistischer) Klassenkampf mit dem Ziel des Systemwechsels sind Antipoden, Aufklärung und Tabu widersprechen sich. Es handelt sich um klassische Themen der "Linken". Doch es ist zu beobachten, wie die sich in der repräsentativen "Demokratie" etabliert haben oder etablieren wollen (Stichwort: Atlantiker). Wo sind die entscheidenden aufklärenden Debatten zu führen? Wie nehmen wir „linke Programme“ in die Pflicht? Wie enttarnen wir deren Einbettung ins (neoliberale) System? Wie enttarnen wir Vernebelungsgeschosse wie "Querfront" und "Anti-Amerikanismus" und "Verschwörungstheorie"?

Auch Kernelemente der Aufklärung lassen sich als politischen Gegensatzpaare formulieren: nämlich Demokratie im Gegensatz zu einem Führerprinzip oder einer Elitenherrschaft sowie ein universeller Humanismus im Gegensatz zu Rassismus, Chauvinismus und ethnisch exklusivem Nationalismus. Genau auf diesen Kern geht das linke Programm historisch zurück. Hierin liegen also weiterhin die Ideale für eine Art linken Minimalkonsens, nämlich in einem universalistischen Humanismus und einer radikal demokratischen Gesellschaftsorganisation, an der ein jeder einen angemessenen Anteil an allen Entscheidungen hat, die seine ökonomisch und gesellschaftliche Situation betreffen. Bereits daraus ergibt sich, dass Neoliberalismus und Demokratie unvereinbar sind. Denn der Kapitalismus klammert einen für die Gestaltung einer Gesellschaft zentralen Bereich - die Wirtschaft - von einer demokratischen Kontrolle aus und verzweckt Menschen zur Ausbeutung als Lohnarbeiter. In diesem Sinne bedeutet Linkssein zwangsläufig, anti-kapitalistisch zu sein. Die grundlegende Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie - jedenfalls Demokratie in einem ernsthaften Sinne - hat sich mit all ihren desaströsen gesellschaftlichen Folgen in den vergangenen Jahrzehnten immer deutlicher gezeigt.

Die von Ihnen genannten ‚Verneblungsgeschosse‘ sind ohne inhaltliche Substanz. Sie bereiten aber der Linken ziemliche Probleme. Denn sie haben für weniger Informierte eine Art Oberflächenplausibilität, durch die sich leicht Zweifel und Unsicherheiten säen lassen. Die Linke kommt also gegenwärtig auch von innen unter einen Zersetzungsdruck, der von unterschiedlicher Seite gefördert wird. Zum einen gibt es ein ganzes Spektrum dezidiert anti-linker, explizit chauvinistisch-rassistischer Gruppierungen, die sich aber ‚links‘ nennen. Zum anderen gibt es Formen eines sich als ‚links‘ bezeichnenden Reformismus, der innerhalb der bestehenden Machtverhältnisse einige Korrekturen anzubringen sucht, in dem Glauben, dass soziale Reformen gleichsam symbiotisch im Konsens mit den herrschenden Eliten durchgesetzt werden können. Das ist angesichts geschichtlicher Erfahrungen eine einigermaßen absurde Position, weil alle echten Reformen bisher nur in sozialen Kämpfen durchgesetzt wurden - und mehr noch, es gerade reformistisch-sozialistische und sozialdemokratische Parteien waren und sind, die in Europa das neoliberale Projekt am konsequentesten vorangetrieben und rechtlich verankert haben. - Der Reformismus verdeckt ja die tatsächlichen Machtverhältnisse und suggeriert, dass soziale Kämpfe weitgehend überflüssig seien.

Zur Verneblung trägt auch bei, dass die Neue Rechte und rechtspopulistische Strömung sich eines linken Vokabulars und - bei oberflächlicher Betrachtung - auch einiger Themen der Linken – wie Medienkritik, Demokratiedefizite der EU, Kritik US-amerikanischer Hegemonialbestrebungen etc. – bedienen. Bei der Neuen Rechten verbirgt sich jedoch dahinter eine ganz andere Stoßrichtung, nämlich eine nationalistische Agenda, die die Ursachen dieser Problemfeldern in einer Schwächung der ‚ethnischen Volksgemeinschaft‘ verortet und entsprechende autoritäre Therapien empfiehlt.

3. Wie bewerten Sie den Vorwurf "Lügenpresse" im Kontext der gesellschaftlich geschmähten Pegida-Bewegung, die sich als Nachfolgerin der 1989er "Wir sind das Volk"-Bewegung darstellt. Ist mit Verwendung des Begriffs "Lügenpresse" alle Medienkritik vom Tisch? Ist der Begriff damit kontaminiert und „außerhalb der gedanklichen Grenzen“ gestellt. Wer profitiert davon? Als wie rechts-extrem – und damit wesentlich gefährlicher – sind Krieg führende deutsche und west-imperialistische Kräfte zu markieren?

Der Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ geht inhaltlich an den wirklichen Problemen vorbei und steht zudem im Kontext einer anderen politischen Agenda. Er bezieht sich gar nicht auf eine ernstgemeinte Kritik der Rolle von Medien in einer Demokratie. Dieser Vorwurf bezieht sich direkt oder indirekt immer auf genau die eine ‚Lüge‘: Dass nämlich der demokratische Staat zu schwach sei, sich gegen die Ansprüche von ‚Eindringlingen‘ zu wehren, und dass die Medien die Bürger nicht darüber aufklärten, wie sehr die Ordnung und Intaktheit der ‚ethnischen Volksgemeinschaft‘ durch ‚Eindringlinge‘ gefährdet sei. Die ‚Therapie‘ ergibt sich aus solchen nationalistischen und rassistischen Prämissen von selbst: Das ‚Fremde‘ müsse kraftvoll abgewehrt werden und ‚zersetzendes Denken‘ – insbesondere also die ‚Humanitätsideologie‘ der Aufklärung und linkes Gedankengut – müsse bekämpft werden. Vom Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ profitieren also alle diejenigen, die Vertrauen in staatliche Institutionen und Medien allein aus dem Grund zu erodieren suchen, um einen autoritären exkludierenden Nationalstaat zu errichten. Im übrigen nähren sich letztlich alle großen Parteien ebenso wie die AfD von den gleichen Früchten neoliberaler Politik und den dem Neoliberalismus zugrunde liegenden Ressentiments gegen alles ‚Schwache‘.

Der Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ lenkt also nur von einer ernsthaften Medienkritik ab. Denn zum einen ist die Lüge wesentlicher Bestandteil von Machttechniken. Sie wird, wie der US-amerikanische Politologe John Mearsheimer in seinem Buch Why Leaders Lie vor allem gegenüber der eigenen Bevölkerung eingesetzt; das ist kaum überraschend, weil die Regierungen der westlichen Demokratien die eigene Bevölkerung als ihren Hauptgegner ansehen. Lüge und Macht bilden schon immer eine enge Verbindung. Je mehr also Journalisten - und vor allem Alpha-Journalisten - selbst politische Macht ausüben wollen, um so stärker werden sie sich der Lüge bedienen. Zum anderen ist der Normalfall ideologischer Verzerrungen der politischen Berichterstattung von ‚Nachrichten‘ in seiner Indoktrinationswirkung sehr viel folgenschwerer als der Fall der Lüge. Die ‚erfolgreichen‘ Journalisten der Leitmedien und auch der öffentlich-rechtlichen Medien sind nämlich in der Regel durch die beruflichen Karrierefilter so gründlich indoktriniert, dass sie gar nicht lügen müssen: Sie glauben, was sie schreiben. Bereits durch die Auswahl des ‚Nachrichten‘-Materials, durch die Art der Kontextualisierung und durch die Vermischung von Information und Kommentar lässt sich die Indoktrinationsfunktion sehr viel effizienter gewährleisten als durch den Fall bewusster Lügen. Dass also bei allen relevanten politischen Themen die privaten und auch – zumindest in den Kerneinschaltzeiten - die öffentlich-rechtlichen Medien mehr Indoktrinations- als Informationsmedien sind, ist nicht lediglich ein Vorwurf, sondern eine Tag für Tag in überwältigender Weise empirisch bestätigte Tatsache.

4. Sie vertreten die Auffassung, dass es für "Linke" (also der Aufklärung verpflichtete Menschen) sinnvoll ist, sich vorrangig mit der globalen Hauptmacht, dem US-Imperium, zu befassen. Nun spielt aber in der "Linken" die These vom Hauptfeind im eigenen Land (Deutsches Kapital, deutscher Imperialismus) eine erhebliche Rolle. Wie bewerten Sie dieses Phänomen?

Wir haben natürlich die Verpflichtung, den Blick zunächst auf diejenigen Machtfaktoren zu richten, für die wir unmittelbar mitverantwortlich sind. Und es gibt in der Tat einen aggressiven deutschen Wirtschaftsnationalismus, wie er vor allem von Wolfgang Schäuble vorangetrieben wird – besonders aggressiv im Fall Griechenland. Auch verfolgt Deutschland nicht nur in der EU, sondern auch global immer offensiver eigenständige geopolitische Ziele – unter der Formel, dass Deutschland „mehr Verantwortung übernehmen müsse“ und daher die Rüstungsausgaben erhöhen müsse. Zudem spielt es eine zentrale Rolle bei der zunehmend enger werdenden Verzahnung von EU und NATO. Auch SPD und Grüne vertreten außenpolitisch ja seit langem einen klar nationalistischen Kurs, den sie freilich in eine liberalere innenpolitische Agenda einpacken und hinter Etiketten wie ‚Wirtschaftsstandort stärken‘ oder ‚humanitäre Intervention‘ verbergen.

Das alles ist Anlass genug zur Besorgnis und darf nicht aus dem Fokus der Öffentlichkeit geraten. Global hingegen bleiben natürlich die USA weiterhin der wirkungsmächtigste Faktor – und zwar militärisch, wirtschaftlich und im gesamten Feld der Meinungssteuerung. Das ist die von ihnen selbst deklarierte „full spectrum dominance“ der gegenwärtig einzig verbliebenen Supermacht. Dieser Anspruch auf eine vollständige Dominanz schließt neben dem militärischen und wirtschaftlichen Bereich auch den Weltraum, den Cyberspace und den Bereich der öffentlichen Meinung ein. Obama hat 2015 noch einmal den Willen und die Möglichkeit der USA bekräftigt, global die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu formen („our ability to shape world opinion“). Hinzu kommt der von den US-amerikanischen Machteliten explizit deklarierte ‚Exzeptionalismus‘, dem zufolge die USA durch ihre Geschichte und ihre Machtfülle eine so ‚außergewöhnliche‘ Nation seien, dass sie durch internationale Verträge nicht gegen ihre Interessen gebunden werden können und frei entscheiden können, ob und in welcher Weise sie sich an internationale Vereinbarungen halten oder nicht.  Im Mai 2016 hat Obama noch einmal festgestellt: „Andere Länder sollten nach den Regeln spielen, die die USA und ihre Partner setzen, und nicht umgekehrt.“ Damit beantwortet sich die Frage, welches Gewicht man in politischen Analysen den USA beimessen sollte.

5. Sie sehen im Steuern von Meinung mittels Propaganda ein entscheidendes Herrschaftsinstrument. Welche Rolle spielen dabei so genannte False-Flag-Operationen, wie z.B. Reichstagsbrand, Sender Gleiwitz, Pearl Harbor, 9/11 usw., wenn also Ereignisse unter falscher Flagge inszeniert werden und diese dann propagandistisch ausgeschlachtet werden?


Natürlich gibt es solche Operationen, weil Machtsysteme sich aller Mittel bedienen, ihre Macht zu erhalten und zu erweitern. Sie stellen dabei jedoch nicht den normalen Operationsmodus dar. Denn sie sind für die Herrschenden durch die unkalkulierbaren Konsequenzen im Falle einer Aufdeckung ein relativ gefährliches Mittel. Für den normalen Operationsmodus gibt es sehr viel effizientere Mittel, die weniger risikobehaftet sind. In jedem Fall bilden False-Flag-Operationen nur den Extrempunkt auf einem großen Kontinuum von Staatsterrorismus. Dieser Staatsterrorismus dient häufig dazu, ein Bedrohungsszenarium zu schaffen, das die Kriegsbereitschaft der Bevölkerung erhöht oder auch die Bereitschaft, die Schaffung eines autoritären Sicherheitsstaates voranzutreiben. Das hatte der Sicherheitsberater der Carter-Regierung Zbigniew Brzezinski bereits klar auf den Punkt gebracht, dass nämlich ein multikultureller Staat wie die USA für einen Konsens in außenpolitischen Angelegenheiten oftmals darauf angewiesen ist, ein wirklich massives Bedrohungsszenarium („a truly massive and widely perceived direct external threat“) zu schaffen.

Wir müssen also strukturelle und institutionelle Formen von Staatsterrorismus, der besonders in Krisenzeiten zum normalen Operationsmodus von Staaten gehört, unterscheiden von den Extremfällen der False-Flag-Operationen. In Fällen, in denen tatsächlich False-Flag-Operationen durchgeführt wurden, sind diese in der Regel wegen ihrer möglichen Konsequenzen so geheim organisiert, dass es praktisch kaum mehr möglich ist, sie zweifelsfrei als solche nachzuweisen. Zudem sind wohl in den meisten Fällen die Konsequenzen, die aus einer Offenlegung resultieren würden, zwar für die jeweils politischen Verantwortlichen fatal, nicht jedoch für die Strukturen, die diese Form des Staatsterrorismus hervorbringen. Es würde also bestenfalls auf personeller Ebene Konsequenzen geben, nicht jedoch auf einer tiefer liegenden Ebene der jeweiligen Machtsysteme.

So wichtig es also ist, alle Fälle von Staatsterrorismus aufzudecken und ihre Systematik zu enthüllen, so unproduktiv ist es, überwiegend auf ungeklärte und oft kaum mehr klärbare Einzelfälle zu fokussieren statt auf die strukturellen und institutionellen Zusammenhänge, auf deren Grundlage Staatsterrorismus erst möglich ist. Es gibt beliebig viele Fälle von Staatsterrorismus - etwa die Drohnenmorde -, die immer wieder und mit strukturbedingter Dauerhaftigkeit und Regelmäßigkeit erfolgen, die gut dokumentiert und die – nicht nur in den Opferzahlen - von vielfach größerer Auswirkung sind als vermeintliche oder tatsächliche False-Flag-Operationen. Eine überwiegende Fokussierung auf konkrete Einzelfälle derartiger Operationen zieht die politische Aufmerksamkeit von dauerhaften strukturellen Faktoren, also vom normalen Operationsmodus, ab und bindet auf diese Weise politische Veränderungsenergie. Wie im Fall der Erzeugung von Astroturf-Bewegungen - also den von interessierter Seite künstlich ins Leben gerufenen und als Grassroot-Bewegung verkleideten sozialen Bewegungen – ist auch die Erzeugung und Förderung von False-Flag-Spekulationen für die Herrschenden ein willkommenes Mittel, mit dem sich systematisch Protestpotential neutralisieren und binden lässt.

6. Sie bewerten den Begriff "Verschwörungstheorie" als Instrument der Gegenaufklärung. Warum? Gibt es keine Verschwörungen?

Natürlich kann es Ereignisse geben, die sich zutreffend als Verschwörung charakterisieren lassen. Der Begriff ‚Verschwörungstheorie‘ ist jedoch ein ideologisch zutiefst verseuchter Begriff. Wir sollten daher in der Regel auf ihn verzichten. In der Sache bleiben dann zwei Punkte zu klären. Zunächst der ganz banale Punkt, dass - wie bei jedem Verbrechen - auch bei jedem Akt von Staatsterrorismus die Öffentlichkeit ein Recht auf Aufklärung hat. Dabei darf sie sich – was eigentlich eine Binsenweisheit ist – nicht von der naiven Auffassung leiten lassen, dass sie von der jeweiligen Regierung angemessen unterrichtet wird. Denn es ist nicht Aufgabe einer Regierung, die Wahrheit zu sagen. Die Aufgabe einer Regierung liegt vorrangig darin, dem Staatswohl zu dienen, wozu sie aus naheliegenden Gründen vor allem zählt, ihre Stabilität zu sichern. Dabei kann sie sich eines großen Instrumentariums bedienen, zu dem Lüge, Täuschung – und bisweilen auch die Wahrheit gehören kann.

Der zweite Punkte, den es zu klären gilt, ist die Funktion des Begriffs ‚Verschwörungstheorie‘ im politischen Diskurs. Bei der Erklärung komplexer Ereignisse weisen Verschwörungskonzeptionen offensichtlich eine besondere Faszination auf uns auf.  Das liegt an einer natürlichen Disposition unseres Geistes: Wir neigen bei der gedanklichen Organisation unserer Erfahrungen zu einem ‚Konkretismus‘, wir sind also auch gedanklich ‚Sinnesmenschen‘. Bei der Zuschreibung von Ursachen zu Ereignissen haben wir eine Vorliebe für konkrete, sinnlich fassbare Ursachen. Bei sozialen Ereignissen haben wir insbesondere eine Vorliebe für konkrete personale Zuschreibungen. Wir neigen also von Natur aus dazu, uns bei einer Ursachenanalyse komplexer Ereignisse lieber mit dem konkreten Einzelfall und mit konkreten Personen zu beschäftigen als mit institutionellen Eigenschaften der Machtstruktur, in der sie sich ereignet haben. Diese Neigung läßt sich für Ziele der Meinungskontrolle gut ausnutzen. Denn als Folge unserer konkretistischen Dispositionen sind wir nahe ‚kognitiv blind‘ für Vorgänge, die sich in einem weiteren und metaphorischen Sinne als ‚Verschwörungen‘ bezeichnen ließen, die jedoch nicht sichtbare konkrete Einzelfälle betreffen, sondern abstrakte institutionelle Aspekte. Denn derartige Vorgänge sind kaum geeignet, unsere natürliche Aufmerksamkeit und unser Interesse zu wecken; sie geraten dadurch aus dem politischen Fokus. Ein gegenwärtig besonders folgenschweres Beispiel ist die Schaffung eines internationalen Rechts - wie TTIP - , das Konzerne gegen die letzten Reste von nationalen Beschränkungen zu immunisieren sucht und das der organisierten Kriminalität der besitzenden Klasse in gleicher Weise ein rechtliches Fundament geben soll, wie dies beim organisierten Landraub der Feudalherren im Feudalismus der Fall war.

Daher kommen Verschwörungskonzeptionen für Ereignisse, die sich unserer Erklärung entziehen, unseren natürlichen Dispositionen entgegen. Sie sind ihrer Natur nach geeignet, eine breite Resonanz in der Bevölkerung und eine - politisch in der Regel folgenlose - Empörung hervorzurufen. Zugleich lenken sie in den meisten Fällen die Aufmerksamkeit von den andauernden und strukturellen Machtfaktoren, und somit von den Zentren der Macht, ab und richten sie auf einen konkreten Einzelfall, dessen konkrete Ursachenfaktoren im nachhinein oft kaum noch zu entschlüsseln sind. Das bindet politische Veränderungsenergien und trägt letztlich zu einer Entpolitisierung eines Empörungspotentials bei. Deswegen gehören ‚Verschwörungstheorien‘ für die Machteliten zu den Instrumenten des Empörungsmanagements. Dabei verfolgen sie eine Doppelstrategie zur Bindung und Neutralisierung politischer Veränderungsenergien: einerseits durch Förderung und Verbreitung von ‚Verschwörungstheorien‘ über alle möglichen Arten von Ereignissen, andererseits durch eine konsequente Entwertung und Ausgrenzung solcher Konzeptionen aus dem zulässigen öffentlichen Denkraum. Auf diese Weise wird das aktivierte Empörungspotential marginalisiert und politisch neutralisiert.

7. Ein wichtiges Instrument zur Manipulation der Massen, insbesondere zur Konditionierung in Richtung Krieg, sind Feindbilder. Warum sind Menschen so anfällig dafür? Wie gelingt es den Eliten, Feindbilder zu konstruieren und wirksam werden zu lassen?

Die Klassifikation in ‚Freund‘ und ‚Feind‘ ist eine Grundkategorie der Organisation sozialer Prozesse, die zu der natürlichen Konzeptausstattung unseres Geistes gehört. Sie ist, wie die große Vielfalt der Kulturentwicklung zeigt, in hohem Maße durch Erfahrungen formbar. Das macht sie in besonderem Maße anfällig für Manipulationen. Daher haben sich zur Manipulation der Massen seit je alle Herrschaftssysteme darum bemüht, die Klassifikation als ‚Feind‘ in einer für ihre Ziele geeigneter Weise zu manipulieren. Dazu reicht wenig, und die erforderlichen Manipulationstechniken sind recht einfach.

Der Soziologe Harold Lasswell hatte schon 1930 in seinem Standardwerk zur Propaganda darauf hingewiesen, dass man die Bevölkerung niemals im Unklaren darüber lassen dürfe, wen sie zu hassen habe – eine Auffassung, die sich gegenwärtig seine Schüler in den Redaktionsstuben unserer Leitmedien mit einer ideologischen Besessenheit zu eigen machen, die in ihrer Maßlosigkeit der antikommunistischen Hetze des Kalten Krieges nicht nachsteht.

Die Anzahl der Möglichkeiten, wie dies zu bewerkstelligen ist, ist durch die Komplexität unseres Geistes praktisch unbeschränkt. Auf individueller Ebene haben sich Dämonisierung und Hitler-Vergleiche sehr bewährt. Auf kollektiver Ebene ist es wichtig, den ‚anderen‘ – ob ‚Feind‘, ‚Eindringling‘ oder Objekt unserer ‚Zivilisationsbemühungen‘ - als weniger human, als ‚Untermensch‘, erscheinen zu lassen, als jemand, der weniger ‚Anteil‘ am ‚Menschsein‘ hat.

Die Psychologie hat eine Vielzahl von Befunden darüber gewonnen, dass Menschen derjenigen Menschengruppe, zu der sie sich selbst zählen, der sog. Ingroup, alle Kerneigenschaften dessen zuschreiben, was für sie Menschsein ausmacht. Zugleich schreiben sie Mitgliedern fremder Gruppen, sog. Outgroups, diese Eigenschaften in geringerem Maße zu. Es kennzeichnet uns als Menschen, dass wir von Natur aus über eine einzigartige Flexibilität verfügen, auf der Basis nahezu x-beliebiger Merkmale, sei es Herkunft, Kultur, Religion, Hautfarbe, Geschlecht oder sexuelle Orientierung, andere aus unserer ‚Ingroup‘ auszugrenzen und ihnen damit das zu verwehren, was wir als elementare Menschenwürde für die als ‚Unseresgleichen’ Empfundenen beanspruchen.

Folglich sind ‚unsere‘ Toten mehr zu beklagen als ‚ihre‘ Toten. Ein solches affektives Vorurteil – eine sog. Dehumanisierung oder Infrahumanisierung – ist also ein ganz alltägliches psychologisches Phänomen, dessen wir uns jedoch in der Regel nicht bewußt sind. Es hilft uns bei unserer affektiven Stabilisierung des Status quo und schützt uns davor, affektive Energie in Form kreatürlichen Mitleids mit dem Leiden anderer an ‚Fremde‘ zu verschwenden. Dieses Vorurteil ermöglicht uns auch, ohne besondere emotionale Erschütterung Berichte über Völkermorde, Kriege, Ausbeutung oder Sklaverei etwa in Afrika oder Asien zu lesen oder anzuschauen. Dieser Eigenschaften unserer eigenen Natur müssen wir uns bewußt werden und ihren Folgen durch Aufklärung und geeignete kulturelle Schutzmechanismen – wie sie beispielsweise in der Universellen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommen – entgegenwirken.


Siehe auch:

Teil 2 des Interviews:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22955

Teil 1 des Vortrags in Aachen:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22751

Teil 2 des Vortrags in Aachen:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22754

Online-Flyer Nr. 568  vom 29.06.2016

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