NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 29. März 2017  

zurück  
Druckversion

Globales
Prof. Rainer Mausfeld über Strategien der Erzeugung von Duldung und Lethargie
Warum schweigen die Lämmer? (2)
Zusammengefasst von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Die Hauptverantwortung einer Regierung in einer "Demokratie" ist, die Minorität der besitzenden Klasse gegen die Majorität der Nicht-Besitzenden zu schützen. Eine repräsentative Demokratie repräsentiert NICHT den Willen des Volkes. Die bewusste und intelligente Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Solche Sätze hören wir nicht sehr häufig. Aber dank der Aachener Friedenstage waren sie zu hören. "Warum schweigen die Lämmer? – Demokratie und Neoliberalismus – Strategien der Erzeugung von Duldung und Lethargie" – das ist der Titel eines außergewöhnlichen, eineinhalbstündigen Vortrags von Prof. Rainer Mausfeld, einem Psychologen und Kognitionsforscher an der Universität Kiel, gehalten am 22. April 2016 im Rahmen der 17. Aachener Friedenstage – veranstaltet vom Euregioprojekt Frieden in Kooperation mit dem Bundesverband Arbeiterfotografie. Es ist nach dem Vortrag über "Demokratie, Psychologie und Empörungsmanagement" der zweite Vortrag in der Reihe "Warum schweigen die Lämmer?" über Herrschaftstechniken. In der vorangegangenen Woche haben wir die Inhalte der ersten Hälfte des Vortrags wiedergegeben. Es folgen hier die Inhalte der zweiten Hälfte.


Prof. Rainer Mausfeld (Foto: arbeiterfotografie.com)

Zurück zur Aufklärung: Die Aufklärung hat noch mehr zu bieten als den humanitären Universalismus. Einer ihrer wesentlichen Bestandteile ist - neben Vorurteilskritik - der moralische Universalismus. Das bedeutet: wenn wir moralische Regeln aufstellen, die wir für die Bewertung anderer heranziehen, dann gelten die auch für unsere eigenen Handlungen. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit. Die würden wir alle im Schulunterricht abnicken. Allerdings: wenn wir Zeitung lesen, ist sie wieder verschwunden. Die Binsenweisheit hat gewaltige Konsequenzen. Der Exzeptionalismus macht allerdings aus der Verletzung dieser Regel eine ganze Philosophie. Er sagt: die Regeln, die für mich gelten, gelten nicht für die anderen. Und die Regeln, die ich für die anderen mache, beachte ich nicht. Beispiel ist Terrorismus. Wenn "wir" arabische Länder zerbomben, ist das kein Terrorismus sondern ein Kampf für Freiheit und Menschenrechte. Wenn "wir" Drohnenmorde begehen und dabei z.B. zum Zeitpunkt der Attentate von Paris im Jemen 180 Menschen der Zivilbevölkerung töten, dann sind das für uns nicht betrauerbare Tote...

Gegen das Projekt der Aufklärung gab es immer das Projekt der Gegenaufklärung. Das war damals der Erhalt der Monarchie, der Einfluss der Kirche usw. Ein ganz wichtiger Punkt der Gegenaufklärung ist die prinzipielle Vorrangstellung der eigenen Gruppe: wir sind etwas Besonderes - wer immer gerade WIR sagt. Das wird verkörpert in Rassismus, Chauvinismus, Nationalismus und Exzeptionalismus - allesamt Positionen, die sagen: was für uns gilt, gilt nicht für die anderen.

Aufklärung ist links, Gegenaufklärung rechts

Die politische Unterscheidung zwischen links und rechts - das müssen Sie sich klar machen - stammt aus der Zeit der Aufklärung. Links war, was den Zielen der Aufklärung verpflichtet war. Rechts war, was sich gegen die Aufklärung gewandt hat. Wenn wir nach dem Identifikationskern fragen, erkennen wir: es kann keine Gemeinsamkeiten zwischen LINKS und RECHTS geben. Sie wissen, wie groß in der Linken die Tendenz ist, sich selbst zu zersetzen und die eigene Identität zu verlieren. Und die Frage ist: wie kommt es, dass in der gegenwärtigen Situation die Linke so hilf- und planlos ist? Dabei spielt der Identifikationsverlust eine große Rolle. Extrem befördert wird innerhalb der Linken Spaltungstendenzen. Und interessanterweise werden die Knochen, die zur Selbstzersetzung hingeworfen werden, von der Linken gerne aufgegriffen. Deshalb wäre es äußerst wichtig, sich auf den gemeinsamen Kern zu besinnen.

Krieg der Reichen gegen die Armen

Es gab eine Zeit der wechselseitigen Symbiose zwischen Demokratie und Kapitalismus. Das war der New Deal. Zwischen 1950 und 1970 zerbrach diese Symbiose. Man suchte nach Wegen, wie sie aufgebrochen werden kann. Es setzte sich die Erkenntnis durch: das ist eine Zwangsverbindung - beides passt nicht zusammen. Die Zwangsverbindung ging Stück für Stück in die Brüche. Sie finden jetzt das Reden vom Krieg. Warren Buffet, der Superinvestor, 2006 wunderbar offen: "Es herrscht Klassenkrieg. Richtig! Aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt. Und wir gewinnen." Robert Reich, ehemaliger Finanzminister unter US-Präsident Bill Clinton, sagt: es gibt einen Krieg gegen die Armen. Und Jean Ziegler sagt 2012: "Für die Völker des Südens hat der dritte Weltkrieg längst begonnen." Man spricht offen von Krieg. Was im Moment herrscht, ist ein Krieg, ein Krieg der Reichen gegen die Armen. Und dieser Krieg ist fast unsichtbar. Es ist ein Krieg, gegen den wir kaum revoltieren, weil wir ihn kaum mitkriegen, wenn wir nicht gerade die ganz Armen sind. Auch DIE ZEIT schreibt vom "Krieg gegen die Armen" (29.8.2002) Der Guardian schreibt: "Griechenland ist das jüngste Schlachtfeld im Krieg der Finanzelite gegen die Demokratie." (7.7.2015) Ein UN-Wirtschaftberater für Afrika (Yach Tandon) hat ein Buch geschrieben: "Handel ist Krieg"... Wir sind nur deswegen noch ruhig, weil der Krieg noch nicht so ganz bei uns angekommen ist. Zwar gibt auch bei uns ein Prekariat, aber der Hauptkrieg findet woanders statt.

Nichts so unterschätzt wie das Projekt des Neoliberalismus

Wenn Krieg ist, haben wir zwei Aufgaben. Ein berühmter chinesischer Kriegsphilosoph sagte: Wenn Du den Feind nicht kennst, wirst Du alle Schlachten verlieren. Als zweite Regel nennt er: wenn Du DICH nicht kennst, wirst Du alle Schlachten verlieren. Das ist die viel schwierigere Aufgabe. Hinsichtlich der ersten Aufgabe werden Sie sich wundern: sie kennen den Feind nicht. Es wird nichts so gravierend unterschätzt wie das Projekt des Neoliberalismus. Wenn wir einen Krieg der Reichen gegen die Armen haben, dann bedeutet das: die Soft Power muss immer subtiler, ausgefeilter und raffinierter gemacht werden. Wir müssen die Indoktrinationsmechanismen immer weiter verfeinern, um einen Anschein von Demokratie aufrecht zu erhalten. Es gibt jetzt enorme Anstrengungen, um dafür zu sorgen, dass es keiner merkt. Wie wird das gemacht? Dazu gehört: Fakten unsichtbar machen, Aufmerksamkeit steuern,... Erinnern wir uns, was Hannah Arendt, die große politische Philosophin, gesagt hat: "Meinungsfreiheit ist eine Farce, wenn die Informationen über die Tatsache nicht garantiert sind."

Alternativen eliminieren

Fakten unsichtbar zu machen, gehört zum leichten Teil von Medien und Politik. Das gehört zu ihrem Tagesgeschäft. Die schwieriger Aufgabe - das gilt es zu erkennen - ist, ganze Denkmöglichkeiten unsichtbar zu machen. Das Verschwinden von Alternativen. Es gibt Experten - da können Sie Angela Merkel fragen - die sagen: unsere Zeit ist alternativlos. Wie kann man Alternativen zum Verschwinden bringen? Der erste Weg ist ganz real. Man eliminiert sie einfach. Es darf keine Alternative geben. Wie kann man Alternativen zu Kapitalismus und Neoliberalismus zum Verschwinden bringen? Durch System Change, Regime Change - das Austauschen von Regierungen. Das ist ein Prinzip, das weit in die Geschichte zurückgeht: Iran 1953, Guatemala 1954, Brasilien 1964, Bolivien 1971, Chile 1973, Operation Condor 1970ff, El Salvador 1980ff, Contra-Krieg in Nicaragua 1981ff, Invasion in Grenada 1983, Militärputsch in Honduras 2009, usw. Immer sind demokratisch gewählte Regierungen eliminiert worden - durch Putsch, durch Militär, durch Einmarsch usw. usw.. Das ist die Beseitigung von Demokratie "zum Wohle von Demokratie".

Guatemala ist ein interessanter Fall. Die US-Bevölkerung wollte kein Eingreifen in Guatemala. Dort gab es einen Präsidenten, der eine Bodenreform durchgeführt hatte, soziale Projekte eingeführt hatte... Das hat die amerikanischen Eliten "mords" beunruhigt. Was hat die amerikanische Regierung gemacht? Sie hat Bernays beauftragt, eine Propaganda-Kampagne durchzuführen - mit der Botschaft, dass die Demokratie bedroht sei. Das war eine der ersten Kampagnen dieser Art. Die hat er so raffiniert gemacht, dass er in wenigen Monaten die Bevölkerung kriegsbereit geschossen hatte - nur durch Propaganda, nur durch Soft Power.

Im Rahmen bleiben

Wie lassen sich kognitiv Alternativen beseitigen? Ich zitiere aus einem Buch von Philip Mirowski aus dem Jahr 2013, das es auch in deutscher Übersetzung gibt ("Untote leben länger - Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist") und das ich Ihnen nur sehr empfehlen kann: Die neoliberalen Indoktrinationssysteme dienen einer "industrial-scale manufacture of ignorance". Das haben die Gründungsväter des Neoliberalismus ganz bewusst so formuliert. Das Wichtigste für die Bevölkerung ist Ignoranz. Die "Unwissenheit... ist der Garant der neoliberalen Ordnung. Das neoliberale Selbst fühlt sich in dieser Unwissenheit wohl." Kognitiv heißt: Alternativen sind nicht mehr denkbar - selbst für die Linke. Sie bleiben im vorhandenen Rahmen und sagen: wir müssen den Mindestlohn noch um 50 Cent erhöhen. Und wir müssen noch Schlimmeres verhindern - die Rente mit 80 beispielsweise. Und das gilt dann als revolutionär.

full spectrum dominance - zu Wasser, in der Luft, im Weltraum und im Meinungsmarkt


Es ist immer wieder lohnend, sich die Originalquellen anzusehen, z.B. das Strategiepapier des Pentagon. Das sagt: Die USA streben eine absolute Dominanz im gesamten Spektrum an, eine "full spectrum dominance" zu Wasser, in der Luft, im Weltraum – und im Meinungsmarkt. Die Meinung soll weltweit dominiert werden. (Joint Vision 2020: "The label full spectrum dominance implies that U.S. forces are able to conduct prompt, sustained, and synchronized operations with combinations of forces tailored to specific situations and with access to and freedom to operate in all domains – land, sea, air, space, and information.") Darüber gibt es Handbücher. Obama hat das auch wieder erfreulich offen ausgesprochen. Er spricht von der "Befähigung der USA, die Weltmeinung zu beherrschen" ("Our ability to shape world opinion...", Obama, 28.5.2014) Das ist das Ziel der Eliten.


Pentagon-Strategie-Papier Joint Vision 2020

Es wird ganz offen von "perception management" gesprochen. Es geht darum, die Wahrnehmung der Bevölkerung vollständig im Griff zu haben. ("Planned operations to convey selected information and indicators to foreign audiences to influence their emotions, motives, objective reasoning, and ultimately the behavior of foreign governments, organizations, groups, and individuals in a manner favorable to the originator’s objectives.") Das ist alles in Handbüchern nachzulesen. Die sind öffentlich zugänglich. Die gibt es sogar bei amazon. Es macht denen gar nichts, dass das öffentlich ist. Es muss gar nicht geheim sein, weil die Schafsherde eh blöd ist. Ein Prinzip: Verberge das Wirkliche und zeige das Falsche. Dazu gibt es Handbücher, die darstellen, wie das zu bewerkstelligen ist.

27.000 PR-Berater des Pentagon in die Redaktionsstuben

Ein anderes sehr lehrreiches Beispiel: Dem Vorstandschef von Associated Press, eine der ganz großen amerikanischen Nachrichtenagenturen, Tom Curley, ist bei einer Veranstaltung der Kragen geplatzt, so dass er aus dem Nähkästchen geplaudert hat und gesagt hat: in all unseren Redaktionen sitzt das Pentagon. Wir können nichts schreiben, was nicht vom Pentagon abgesegnet ist. Und er hat gesagt: das Pentagon hat 27.000 PR-Berater - wie sie genannt werden - in die Redaktionsstuben geschickt - mit einem Etat von 4,7 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das stand in dem in der Schweiz erscheinenden Tages-Anzeiger (12.2.2009) und auch im Herold Tribune (5.2.2009). Es geht um das Gewinnen von Herzen und Gemütern ("winning hearts and minds"). "Psychological operations" sind der Bereich, der am schnellsten wächst (NBC News, 5.2.2009) - basierend auf 100 Jahren Erfahrung bei der Entwicklung von Techniken der Bevölkerungskontrolle und des Meinungsmanagements...

Propaganda über Propaganda

Ein weiterer Bereich - den man witzig finden könnte, wenn er es wäre - ist die Meta-Propaganda. Meta-Propaganda ist Propaganda über Propaganda. In der FAZ war zu lesen: "Russlands geheimer Feldzug gegen den Westen", "Der ungleiche Kampf um die Deutungshohheit". In der Süddeutschen Zeitung: "Machtlos gegen Russlands Propaganda". Bei Spiegel-Online: "Kampf gegen russische Propaganda - Das Ende der Wehrlosigkeit". In der Tat macht Russland wie alle großen Staaten Propaganda. Aber sie ist kaum vergleichbar mit der Propaganda der USA mit ihren 100 Jahren Propaganda-Erfahrung, die mit einer Tiefe und Subtilität operiert, von der wir kaum eine Ahnung haben. (Einwurf aus dem Publikum: "Die Nazis konnten das auch gut." Antwort: "Ja, Göbbels war Fan von Bernays.")

Gefühl von Kontrollverlust

Der Bereich des Affektiven - das ist ein Bereich, der neuerdings ganz systematisch betrieben wird: Was bedeutet das? Man muss in der Bevölkerung das Gefühl erzeugen: es lässt sich ohnehin nichts ändern. Sie können machen, was Sie wollen. Sie können so informiert sein, wie Sie wollen. Rove hat das ja gesagt: Sie können studieren, was wir machen... Es entsteht ein Gefühl von Kontrollverlust. Das ist eine Entwicklung, die mit dem Siegeszug des Neoliberalismus ab 1970 eingesetzt hat.

"Kenne Deinen Feind, bevor Du davon träumst, eine bessere Welt zu schaffen"

Nochmal Mirowski: "Kenne Deinen Feind, bevor Du davon träumst, eine bessere Welt zu schaffen." Es folgt ein ganzes Kapitel, in dem er sagt: das hat die Linke nicht geschafft. Gemäß Mirowski hat die Linke den Neoliberalismus vollständig missverstanden. Was ist nämlich das neoliberale Projekt? Gehen wir an den Ursprung zurück. Thatcher sagt: es geht gar nicht um Ökonomie. Es geht darum, das neoliberale Subjekt zu schaffen, das Selbst zu erobern, den gesamten Bereich von Seele, Emotion - von allem. Das bedeutet zum einen die Ökonomisierung von Identitäten. Die Bausteine von Identität werden durch den Markt bereitgestellt. Was Sie sind, ergibt sich durch einen Identitätswarenkorb ("express yourself"). Der geht auch auf Bernays zurück...

Wahl aus einem Identitätswarenkorb

Wie machen Sie das? Sie suchen aus dem Identitätswarenkorb aus. Ihre Identität ergibt sich daraus, welche Apps Sie runterladen, aus Ihrer Facebook-Seite, welche Klicks Sie machen und auf wem Sie die machen. Was Sie "liken". Die einzige Wahl, die Sie haben, ist aus einem Identitätswarenkorb zu wählen. Und die Identität wird befreit - ganz wichtig - von sozialen Bindungen und Solidaritäten, durch die Menschen miteinander verbunden sind. Das Prinzip geht zurück bis in die 1930er/1940er Jahre. Da gab es ein großes Projekt: wie kann man die Solidarität der Arbeiter als Klassensolidarität aufheben? Es ging darum, zu erreichen, dass die Identität der Arbeiter nicht über ihre Klassenzugehörigkeit, sondern durch die Zugehörigkeit zu ihrer Firma gestiftet wird. Das Wort WIR musste neu belegt werden. WIR sind nicht die Arbeiter. Sondern WIR sind die bei Bayer-Leverkusen. Und wir gründen einen Fußballverein. So gewinnen WIR, wenn der Fußballverein gegen BASF gewinnt. So hat man Fehlidentitäten konstituiert... Das Volk lebt regelrecht von Fehlidentitäten. Das Volk hat kein Klassenbewusstsein mehr - im Gegensatz zur Elite. Die hat ein Klassenbewusstsein. So entsteht deren Kampfkraft.

Pervertierung des Freiheitsgedankens

Damit einher geht auch die konsumistische Reduktion des Freiheitsbegriffs. Freiheit ist jetzt etwas ganz anderes. Freiheit ist die individuelle Wahl des Lebensstils: livestyle - "express yourself". Sie können entscheiden, wohin Sie gehen, was Sie kaufen, welche Apps Sie runterladen. Wir sind dermaßen mit Entscheidungen konfrontiert, dass wir nicht auch noch politisch entscheiden wollen. Was ist jetzt die Bedrohung der Freiheit? Sie sehen, wie die Sprache pervertiert wird. Bedrohung der Freiheit ist jetzt die Unterbrechung von den Möglichkeiten der Identitätsproduktionsmaschine - eine Pervertierung des Freiheitsgedankens.

Gigantische Asymmetrie

Jetzt kommt der schwierigere Teil: wenn Du Dich nicht kennst... Die herrschenden Eliten verfügen über ein unglaubliches Wissen: über die Natur unserer Psyche, unseres Geistes, unserer Disposition. Die herrschenden Eliten verfügen über ein vielfach größeres Wissen über uns als wir selbst. Da gibt es eine gigantische Asymmetrie. Wenn wir diese Asymmetrie nicht beseitigen, haben wir keine Chance. Unser Immunsystem ist geschädigt. Es ist unzureichend, wenn die andere Seite die Angriffskörper so konstruieren kann, dass sie unser Immunsystem unterlaufen. Die Eliten haben ein Manipulationswissen.

"Yes, we can"

Die Wahlkampagne von Obama "Yes, we can" ist so brillant gemacht, dass der Verband der amerikanischen Werbewirtschaft dafür einen Preis verliehen hat: toll gemacht, weil so die Hoffnung, die im Volk war, aufgenommen, in eine falsche Richtung geleitet und neutralisiert wurde.

Status-quo-Bewahrung

Wir haben von Natur aus eine Neigung, den Status quo allen Alternativen vorzuziehen. Wir sind Status-quo-Bewahrer. Wir haben die Tendenz, den gesellschaftlichen Opfern des Status quo die Schuld für ihre Situation zu geben. Das sind menschliche Dispositionen - hundertfach untersucht. Wir haben eine Tendenz, diejenigen eher negativ einzuschätzen, die den Status quo verändern wollen. So sind wir gebaut. Die Status-quo-Neigung lässt sich vergrößern durch Angst, Unsicherheit und Bedrohung - sowie durch systematische Ablenkung. Es ist eine ganz leichte Nummer, die Bevölkerung dazu zu kriegen, den Status quo zu bewahren - selbst wenn er gegen ihre ökonomischen Interessen geht.

Komplizen ihrer eigenen Unterwerfung

"Menschen, die dazu gebracht werden, sich machtlos zu fühlen, empfinden die Machtstrukturen, denen sie unterworfen sind, eher als fair und Legitim." (van der Toorn, 2015) Das ist absurd, aber es ist so. "In gewisser Weise dienen die Machtlosen als Komplizen ihrer eigenen Unterwerfung." Ist doch super, das lässt sich nutzen. "Die Armen betreiben eine nationale Identifikation, um ihr geringes Selbstwertgefühl zu überwinden, und zeigen zugleich auch eine Tendenz zur Systemrechtfertigung auf Kosten der Selbstachtung." (Kang & Chang, 2015)

Mir alles, dem anderen nichts

Wir können mit 19 Monate alten Säuglingen Experimente machen und nachweisen: der Säugling hat ein Gefühl für Verteilungsgerechtigkeit - wenn er nicht selbst beteiligt ist und es nur andere betrifft. Sobald es um ihn geht, sagt er: mir alles, dem anderen nichts. Das heißt: auch die Doppelmoral ist Teil unserer menschlichen Natur. Wir müssen diese Neigung kennen und damit umgehen lernen. Wir sehen sehr gut moralische Verfehlungen anderer, aber sind ausgesprochen tolerant bei uns selbst.

Wir sind sinnliche Konkretisten. Wenn wir ein Bild sehen, ergreift uns das sinnlich, viel mehr als ein abstrakter Gedanke. Unsere moralischen Sensitivitäten reagieren besonders stark auf Bilder. Das ist eine Eigenschaft, die sich wunderbar nutzen lässt.

Wer unsere Schwachstellen kennt, kann uns manipulieren

Wenn wir einen Blick auf die Kognitionsforschung legen, dann sehen wir: der Mensch ist von Natur aus mit moralischen Sensitivitäten versehen. Wir sind moralische Wesen. Wir haben eine Reihe von Eigenschaften unseres Geistes, die sich für Manipulationszwecke eignen. Die lassen sich als Schwachstellen bezeichnen. Für jemanden, der uns manipulieren will, hat unser Geist eine Reihe von Schwachstellen. Das ist wie bei Trojanern und Viren bei der Software. Wer die Schwachstellen kennt, kommt rein ins System. Wer die Schwachstellen kennt, kann uns manipulieren.

Alternative: Kontinuität der Blutspur in der Geschichte

Das Projekt der Aufklärung ist mit gewaltigen Schwierigkeiten behaftet, weil es ein gewisses Spannungsverhältnis zu unserer menschlichen Natur gibt. Das müssen wir konstatieren. Das ist so. Die Frage ist: welche Alternative gibt es zum universellen Humanismus der Aufklärung? Es gibt eine "Alternative". Die lautet: weiter so wie bisher - die Kontinuität der Blutspur in der Geschichte - der Blutspur und der ökologischen, sozialen und psychischen Verwüstungen, die Kapitalismus, Rassismus, Chauvinismus, Nationalismus, Exeptionialismus in der Zivilisationsgeschichte angerichtet haben.

Pessimismus des Intellekts, Optimismus des Willens

Was können wir konkret machen? Es wird sehr schwierig. Wir haben - was Gramsci sagt - den Pessimismus des Intellekts, aber den Optimismus des Willens. Mehr haben wir nicht. Der Optimismus des Willens heißt: wir müssen bereit sein, unseren Willen, unsere Entschlossenheit zu artikulieren, inhumane Zustände zu ändern - als Teil eines Gegenprojekts gegen die neoliberale Indoktrination und die Verformung des Selbst. Kognitiv heißt das: das explizite Ziel des Neoliberalismus, die induzierte Ignoranz überwinden. Sozial heißt das: die tiefgehende Fragmentierung sozialer Beziehungen überwinden. Und affektiv heißt das: induzierte Fragmentierung des Selbst und Falsch-Identitäten überwinden. Das ist eine ganz schwierige Sache. Das steckt uns so tief in den Knochen, dass wir gar nicht wissen, wie tief das geht. Und wir müssen Wesen und Funktionsweise neoliberaler Indoktrination erkennen und die Asymmetrie des Wissens, das die Eliten über uns haben und das wir über uns haben, versuchen zu reduzieren. (Starker Applaus)


Teil 1 des Vortrags hier:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22751


Siehe auch:

Bericht des Euregioprojekts Frieden
http://euregioprojekt-frieden.org/index.php/component/content/article/15-hauptmenue/friedenswerkstadt/aft/158-aft-17-20160422

Bericht der Kritischen Aachener Zeitung (KRAZ)
https://kraz.ac/verbrechen-auf-dem-kronenbergaachen-1981

Vortrag als Videoaufzeichnung bei newscan-TV
https://www.youtube.com/watch?v=vBc4A1HNmPk

Online-Flyer Nr. 560  vom 04.05.2016

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Angst vor Lissabon
Von DIE BANDBREITE
FOTOGALERIE


NEIN zum EURO, NEIN zur EU, NEIN zur NATO
Von Patrizia Cortellessa / contropiano.org