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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Versuch eines Nachrufs für Ulfert Bewig-Glashoff
Wie vieles hätte ich ihn noch gern fragen wollen...
Von Wolfgang Wiebecke

Am 6. Juni 2016 ist unser jahrelanger Mitstreiter, der bekannte und begabte Demeter-Bauer Ulfert Bewig-Glashoff, überraschend im 56. Lebensjahr verstorben. Am 14. Juni konnte ich an seiner Bestattung auf dem Evangelischen Friedhof in Velbert-Langenberg als einer von weit mehr als 200 Trauernden teilnehmen, von denen viele von sehr weit her gekommen waren. Nikolai Fuchs, der ehemalige Leiter der Landwirtschaftlichen Sektion am Goetheanum in Dornach bei Basel, jetzt im Vorstand der GLS Treuhand in Bochum, hielt die sehr würdige, umfassende und auch mich sehr bewegende Ansprache. Danach folgte die Bestattung durch Herrn Ralf Steinhoff, einen Pfarrer der Christengemeinschaft Wuppertal.


Ulfert Bewig-Glashoff am 7. April 2006 in Düsseldorf bei der Demo gegen Monsanto, Fotos - soweit nicht anders vermerkt: W. Wiebecke, Creative Commons Lizenz (CC)

Für mich war Herr Bewig, wie ich ihn immer nannte, ein sehr wichtiger Vernetzungspartner, der immer wieder geholfen hat und immer wieder auch mit dabei war, wenn es mir, als Ansprechpartner der Agrargruppe von Attac Wuppertal, und uns allen wichtig war: So war er am 7. April 2006 als einer der Hauptredner bei der Demo in Düsseldorf dabei, die wir im Bund mit vielen weiteren Einzelpersonen und Gruppen vom Deutschland-Sitz von MONSANTO zum Landtag planten und durchführten.


Eingang des Evangelischen Friedhofs Velbert-Langenberg, 18. Juni 2016

Am 21. Februar 2007 kam Herr Bewig gemeinsam mit Ruth Tippe aus München zu einer Podiumsveranstaltung in die Wuppertaler börse, zu der Attac Wuppertal gemeinsam wieder mit vielen weiteren Gruppen und Organisationen eingeladen hatte. Thema: Kulturpflanzen bald nur noch Industrie-Eigentum?.

Bereits am 21. November 2007 durfte Attac Wuppertal - wieder mit Unterstützung der "Biohöfe Windrather Tal" (und damit der Hilfe von Herrn Bewig!) sowie vielen weiteren Gruppen Werner Müller aus Wien zu seinem legendären Vortrag über die EFSA in der Wuppertaler börse begrüßen, Thema diesmal: Gentech-Zulassungsverfahren: Heimspiel der Industrie. Auch die Teilnahme von Werner Müller bei dem Weltkongress Planet Diversity im Mai 2008 in Bonn wurde neben vielen anderen auch durch Ulfert Bewig mit ermöglicht.


Ulfert Bewig-Glashoff am 7. April 2006 in Düsseldorf bei der Demo gegen Monsanto, gemeinsam mit Jutta Sundermann (Gendreck weg, rechts vorn) und Jan Pehrke (Coordination gegen Bayer-Gefahren, rechts hinten)

Im Herbst 2009 hätte eigentlich Christoph Palme kommen sollen, aufgrund seines schweren Unfalls kamen stattdessen - wieder mit Hilfe von Herrn Bewig und "Biohöfe Windrather Tal" die ebenfalls lohnenden, gut besuchten Vorträge von Jörg Bergstedt (Thema: MONSANTO auf Deutsch: Filz-Gemeinschaften Deutscher Gentechnik) und von Prof. Sigmar Groeneveld (Thema: mit Innovationen in den Abgrund? - Zur Hinterfragung moderner Fortschrittsmythen. Wo liegen die Perspektiven, wo die Gründe?) zustande. Auch, als Christoph Palme dann wirklich am 12. November 2011 auf Einladung von PEGAH zu seinem Vortrag ins IBZ der Caritas in Wuppertal kam, standen die "Biohöfe Windrather Tal" dank der großzügigen Hilfe von Herrn Bewig mit vielen weiteren Gruppen und Organisationen auf den Plakaten und Zetteln. Das Thema: Der juristische Kampf gegen Gentech - Klagemöglichkeiten und Erfolgschancen

Am 16. Februar 2013 waren wieder die "Biohöfe Windrather Tal" in einer großen Gruppe von Unterstützer-Organisationen dank der Hilfe von Herrn Bewig beteiligt, als Andreas Bauer-Panskus aus München im Katholischen Stadthaus Wuppertal auf Einladung von PEGAH seinen Vortrag Gentechnik und Pestizide - Ökologische und gesundheitliche Aspekte hielt.

Am 21. Oktober 2014 kam Sigmar Groeneveld, wieder auch mit Unterstützung auch von "Biohöfe Windrather Tal" mit Hilfe von Herrn Bewig und bei Beteiligung wieder von einigen weiteren Organisationen auf Einladung von Attac Wuppertal in die Wuppertaler börse zu einem Vortrag anlässlich des Welternährungstags, das war wohl das letzte Mal, dass ich Herrn Bewig begegnen durfte. Ursprünglich hatte den Termin Herr Eckehard Niemann (AbL) zugesagt, der wegen einer Erkrankung sehr kurzfristig absagen musste, sodass Prof. Sigmar Groeneveld für ihn einsprang, Thema dieses Abends: Bauernhöfe statt Agrarfabriken.


Ulfert Bewig-Glashoff am 21. Oktober 2014 in der Wuppertaler börse im Gespräch mit Sigmar Groeneveld

Mein letztes Telefongespräch, das ich mit Herrn Bewig führen durfte, betraf Herrn Hans-Christoph Vahle und seinen Vortrag zum Thema Mähwiesen, bei dem Herr Bewig, diesmal als Privatmann, wieder freundlich und großzügig Unterstützung zugesagt hat.


Die Kapelle des evangelischen Friedhofs Velbert-Langenberg, 18. Juni 2016

Die Nachricht von dem überraschenden Tod von Herrn Bewig hat mich persönlich tief getroffen, weil ich ihn rein gefühlsmäßig als Mensch sehr schätzen gelernt hatte. Noch tiefer hat mich getroffen, wie ich einem Nachruf des bekannten Anthroposophen Dirk Kruse entnommen habe, welch tiefe Qualitäten Herr Bewig gerade auch im zeitgemäßen Umgang mit Landschaften, Tieren, Pflanzen und nicht zuletzt auch dem Jahreskreislauf entwickelt hat, wie er auf der Basis von Beobachtung, Meditation und Gebet Heilungswege entwickeln hatte können. Erst bei der Rede von Herrn Nikolai Fuchs habe ich dann auch unter anderem noch erfahren, dass Herr Bewig in Braunschweig geboren wurde, dass er eine maßgebliche aktive Rolle bei der freien Demeter-Landwirtschafts-Ausbildung gespielt hat, und dass er trotz seiner unendlich vielen Aufgaben bis zuletzt eine sehr lebendige und vorbildliche, von regelmäßigen Gesprächen getragene und belebte Ehe mit seiner Frau Dorothee Glashoff geführt hat. Wie vieles hätte ich ihn da noch gern fragen wollen...! Die Kinder von Herrn Bewig und seiner Frau habe ich erstmalig an seinem Grab wahrgenommen...! Und seinen Hof, den Hof Vorberg im Windrather Tal, kenne ich leider bisher nur aus den begeisterten Erzählungen und von wenigen Fotos...


Blutbuchen im evangelischen Friedhof Velbert-Langenberg, 18. Juni 2016

Dieser Nachruf darf nicht enden ohne eine Andeutung auf das außergewöhnlich große soziale, kulturelle wie auch künstlerische Gefüge seiner Bestattung, bei der Gesang, Instrumentalmusik (Flöte, Leier und - dann am Grab - Oboe) gleichermaßen wesentlich waren wie die Ansprache, das Gedicht, mit dem die Ansprache schloss, der Bestattungs-Kultus, das stete Singen der Vögel vor der Kapelle, die wunderbare Jugendstil-Architektur der Kapelle, die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster der Kapelle gleichermaßen hereinbrachen wie sie uns zum Grab und bis wieder zurück aus dem Friedhof begleiteten, trotz der gegenteiligen Wettervorhersage, ja, selbst eine Hummel kam kurz in die Kapelle hinein, um dort - vielleicht - auch noch Abschied von Herrn Bewig zu nehmen. Ja, und gewiss auch die vielen geschmackvollen Sträußchen, mit denen so viele in der Trauergemeinde Abschied nahmen von Herrn Bewig, sei es mit grünen Äpfeln, mit Getreideähren oder mit mannigfaltigen Blüten. Selbst die Blutbuchen am Weg von der Friedhofskapelle zu Herrn Bewigs Grab hatten für mich so eine erhabene Geste. Selten war ich bei einer Bestattung, wo für mich so viel Gefasstheit, Ruhe und Dank zu spüren waren! Und daheim war ich dann nochmals ganz überrascht, als ich in dem schönen Blättchen, das an der Friedhofskapelle verteilt wurde, mit dem wunderbaren Bild von Herrn Bewig, dem Gedicht und seinen Lebensdaten dann auch am Ende die Bitte fand: "Im Sinne von Ulfert erbitten wir eine Spende an "campact e.V." IBAN: DE95 2512 0510 6980 0000 00, bei der Bank für Sozialwirtschaft. Stichwort: Ulfert Bewig-Glashoff."


Bild von Herrn Ulfert Bewig-Glashoff aus dem Blatt, das bei seiner Bestattung verteilt wurde, Copyright © Dorothee Glashoff.

Möge das so vielfätige, opferreiche Lebenswerk von Ulfert Bewig-Glashoff und all sein mutiger, treuer und steter Einsatz in so vielen Bereichen und auf so vielen Ebenen noch lange fruchtbar, ermutigend und gesundend nachwirken!

... ein sehr bekanntes Toten-Gedicht der von mir sehr verehrten Wuppertaler Dichterin Ulla Weymann beginnt mit den Zeilen:



Ein anderes der Totengedichte dieser Dichterin (Das Brückenlied) endet mit den Zeilen:


Die beiden Abbildungen von Verszeilen von Ulla Weymann stehen unter Copyright © der Nachlassverwalterin Sigrid Nordmar-Bellebaum und werden mit ausdrücklicher Erlaubnis ausschließlich für diesen Nachruf verwendet. Meine darin genützte Schriftart Rrune habe ich unter SIL OFL Open Fonts Lizenz veröffentlicht.


Bei diesen Zeilen denke ich auch besonders innig an Herrn Ulfert Bewig-Glashoff...

In tief empfundener Dankbarkeit, Wolfgang Wiebecke.


Detail des Blumenschmucks auf dem Grab von Herrn Ulfert Bewig-Glashoff, Aufnahme: W. Wiebecke, 18. Juni 2016; © diese und jede weitere Verwendung dieses Bildes nur mit schriftlicher Genehmigung von Dorothee Glashoff.


Quellen:
Hof Vorberg
Terminarchiv der Agrargruppe von Attac Wuppertal
Dokumentation von PEGAH Wuppertal e.V.
Seite der Dichterin Ulla Weymann (1916-2010)


Dieser Text wird unter Creative Commons Lizenz (CC) (by-nd) veröffentlicht.

Online-Flyer Nr. 567  vom 22.06.2016

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