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Aktueller Online-Flyer vom 21. Oktober 2017  

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Globales
Sogar minderjährige Flüchtlinge in Abschiebehaft
Wie in einem Wartesaal hinter Gittern
Von Heinrich Frei

Die Schweiz setzt Minderjährige in Abschiebehaft. Jetzt verlangt der Europarat und die UNO ein Verbot dieser Praxis jugendliche Flüchtlinge ins Gefängnis zu stecken. „Gemäß eines bisher unveröffentlichten Berichts des Hilfswerks Terre des Hommes wurden im Jahr 2015 in der Schweiz 142 minderjährige Asylsuchende in so genannte Administrativhaft gesetzt. Administrativhäftlinge sind keine verurteilten Straftäter. Alle 142 von Terre des Hommes gezählten minderjährigen Häftlinge waren zwischen 15 und 18 Jahre alt. Zwölf von ihnen befanden sich ohne Eltern in der Schweiz. Das Hilfswerk stützt sich auf Angaben des Staatssekretariats für Migration (SEM) und jener 20 Kantone, die Auskunft gaben“. (1)


Zürcher Ausschaffungsgefängnis beim Flughafen Kloten (Foto Heinrich Frei)

Im Gefängnis ohne ein Delikt begangen zu haben

Mit dem Einsperren sogar von Minderjährigen will man verhindern, dass abgewiesene Flüchtlinge, die nicht freiwillig die Schweiz verlassen, nicht untertauchen. Sind diese eingesperrten Männer, Frauen, und die 15-18jährigen, die keine Delikte begangen haben, nicht eine Art von politischen Gefangenen? Diese Fremden warten wie in einem Wartesaal hinter Gittern auf ihre gewaltsame Abschiebung, die manchmal gar nicht möglich ist, da kein Land sie aufnehmen will. Die maximale Haftdauer in diesen Sonder-Knästen in der Schweiz wurde von 18 Monaten auf maximal neun Monate reduziert, auf Druck des Auslandes hin. Vom Flughafen Zürich-Kloten aus sieht man im Süden, neben der Landepiste den grossen, grauen Bau des Zürcher Ausschaffungsgefängnisses.

Sinnvoll Menschen hinter Gitter zu setzen?

Nicht zur Diskussion steht heute die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, Menschen die ein Delikt begangen haben, hinter Gitter zu setzen. Die Meinung scheint vorzuherrschen, dazu gebe es «Keine Alternative». Im neusten Film von Michael Moore, «Where to Invade Next“, werden Einrichtungen für Delinquenten in Norwegen gezeigt, in denen Menschen nicht wie Tiere oder billige Arbeitskräfte wie in den USA gehalten werden. Von Norwegen könnte die Schweiz vielleicht auch etwas lernen, obwohl die Verhältnisse in den Vollzugsanstalten hier viel besser sind als in den USA.


Michael Moore zeigt in seinem Film «Where to Invade Next“, wie Delinquenten in Norwegen menschlicher behandelt werden

Vergessen scheint auch August Aichhorn zu sein, der mit Erfolg nach dem Ersten Weltkrieg in Österreich verwahrloste Jugendliche betreute. Aichhorn (1878-1949) war ein österreichischer Pädagoge und Psychoanalytiker. Er veröffentlichte 1925 in Wien zehn Vorträge zum Thema „Verwahrloste Jugend: Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung - mit einem Geleitwort von Sigmund Freud - im Internationalen Psychoanalytischen Verlag.


„Die Psychoanalyse kann nur dort gedeihen, wo Freiheit des Gedankens herrscht“, Briefwechsel Anna Freud / August Aichhorn

Der Aberglaube an Sühne und Vergeltung scheint in der Frage des Einsperrens seit dem Mittelalter intakt geblieben zu sein. Ein Gefängnisaufenthalt mit der damit verbundenen Isolation kann einen Menschen jedoch zerstören, ändert seinen Charakter nicht zum Besseren. Eine Gefängnisstrafe ist fast zu vergleichen mit der früher praktizierten Austreibung des bösen Geistes, des Teufels. Es gibt heute andere Wege als Kerker und Teufelsaustreibung, um die Gesellschaft zu schützen und um Täter zu bessern.


Quellen:

(1) Mit 17 nackt in der Betonzelle. Die Schweiz setzt Minderjährige in Abschiebehaft. Jetzt fordert die UNO ein Verbot
http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/die-schweiz-setzt-teenager-in-abschiebehaft/story/24549225

Online-Flyer Nr. 567  vom 22.06.2016

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