NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Kommentar
Gedanken zu einer Lesung aus Hitlers ‘Mein Kampf’
Pflicht zu "Grund und Boden"
Von Harald Schauff

Er ist wieder da. Eigentlich war er niemals fort. Zu fest hatte er sich im Zeitgedächtnis eingebunkert. Schatten der unrühmlichen Vergangenheit, die sich nicht ausmerzen lässt. Durchblättert man den Geschichtsatlas, stößt man unwillkürlich auf seinen Namen und die riesigen Brandflecken, die er dort hinterlassen hat. Es fällt schwer, ihm auszuweichen, auch ohne die Endlosschleife von Dokumentationen über sein Leben und Wirken auf dem Fernsehkanal N 24. Jährt sich ein Datum oder Jubiläum, sei es Kriegsanfang, -ende, Stalingrad oder Stauffenberg-Attentat, taucht er wieder überall in Schwarz-Weiß-Sequenzen auf, grüßend, Hände schüttelnd, mit gestutztem Schnäuzer ins Mikrofon donnernd, hetzend, keifend und speiend. Gleich ob verteufelt, lächerlich gemacht, verherrlicht oder tabuisiert, der bisherige Umgang hat ihn nicht nur zur Reibe- und Reiz-, sondern zur historischen Überfigur aufgeplustert. Deshalb wurde seine programmatische Trommelschwarte ‘Mein Kampf’ offiziell so lange unter Verschluss gehalten.


Mein-Kampf-Hitler-Inflation

Nazi-Bibel mit 3700 Anmerkungen

Nun ist die Nazi-Bibel also auch im regulären Buchhandel erhältlich. Herausgegeben als ‘kritische Edition’ mit sage und schreibe 3700 Anmerkungen, welche spannender sein sollen als das Original. Gut vorstellbar. Von historisch interessierten Lesern war bereits zu hören, sie hätten sich bei der Lektüre zu Tode gelangweilt. Der Ich-Erzähler würde die ganze Zeit nur um sich selbst kreisen. Was er gesehen, was er erlebt, was er getan habe... Nach 30 Seiten hätten sie die gedruckte Selbstbeweihräucherung beiseite gelegt.

Egomanie ist aller Größenwahn Anfang und aller besseren Einsicht Ende. Darüber hinaus scheint das (Ver-)Führer-Werk zu wenig mehr zu taugen als einer Einschlafhilfe. Auf der Kölner Literaturmesse ‘lit cologne’ wird am 15. März die kritische Edition behandelt in einer Gesprächsrunde, geleitet von der bekannten Moderatorin Bettina Böttinger (‘B.trifft’, ‘Kölner Treff’, WDR). Überdies widmet sich die Runde den ‘Rimini-Protokollen’, einem Theater-Projekt, das versucht, sich dem Text künstlerisch zu nähern. Interessante Details kommen zur Sprache: Im Dritten Reich galt ‘Mein Kampf’ als Buch der Bücher, mit einer Auflage von 12 Millionen Exemplaren. Es brachte Hitler Millionen ein. Viele deutsche Familien hatten das Buch im Regal stehen. Bis heute hängt es ihnen als Klotz am Bein.

Zum Inhalt heißt es, der in einer alten Sprache verfasste Text sei immer noch gefährlich, würde viel verfälschen und sei voller Hass und Brutalität. Schließlich liest der Schauspieler Sylvester Groth einige Passagen aus ‘Mein Kampf’: Altmodisches und martialisches Vokabular schallt entgegen. Der Über-(M)Ich-Erzähler verkündet den Sieg des Pflichtbewusstseins im inneren K(r)ampf gegen die ‘Stimme, die zur Vorsicht mahnte’. ‘Der Wille war Herr geworden.’

Ach herrje, um Himmels Willen. Hitler beschreibt hier seinen Gemütszustand, nachdem er an der Front infolge einer Augenverletzung vorübergehend erblindet ist und in ein Lazarett nach Pommern verlegt wurde. Dort verbringt er die letzten Monate bis Kriegsende, wodurch er den militärischen Zusammenbruch an der Westfront nicht mehr miterlebt. Im Lazarett erfährt er vom Matrosenaufstand, der November-Revolution, der Abdankung des Kaisers und der Entstehung der Republik. Er empört sich über den ‘Landesverrat’ ... ‘ das Ungeheuerliche geschah, das Vaterland war Republik geworden’.

Zuviel für den armen Adolf, er hielt es nicht mehr aus. Wo der deutsche Soldat doch solche Opfer gebracht hatte, Millionen Kameraden waren gefallen, um das Vaterland vor dem Feinde zu bewahren. Und dann fielen ihm ‘eine Handvoll elender und verkommener Verbrecher’ in den Rücken. ‘Was war der Schmerz der Augen gegen diesen Jammer?’

In der Rolle des Rächers und Retters

Gute Frage. Nun, was den Schmerz der Augen betrifft, die ‘glühende Kohlen’ in den Augenhöhlen, war dieser wohl eher psychisch bedingt, die Erblindung eine Folge des Front-Stresses und nicht direkt durch feindlichen Beschuss verursacht. Hitlers Psyche hatte einfach die Rollladen herunter gelassen. Fern der Front mit ihrem Granatengeheule, MG-Geknatter, Explosionen und Geschrei ließ sich leicht der Sieg des Pflichtbewusstseins erklären, der Wille zum Herr erheben und der Empörung über den angeblichen Verrat am Vaterland Luft verschaffen. Im Schützengraben hätten sich die Heldentugenden der ‘mahnenden Vorsicht’ und dem Überlebensinstinkt untergeordnet. In Sicherheit, abseits der Todesgefahr, geht nicht nur das Huldigen und Predigen von Ehre, Pflicht, Treue und sonstigen Kameraden so leicht von den Lippen wie von der Feder. Es lassen sich auch vortrefflich Lügen und Legenden ausbrüten. Wie die bekannte ‘Dolchstoßlegende’, die Hitler zum vorhin erwähnten ‘Jammer’ veranlasste. Danach seien die November-Aufständischen und auch das deutsche Parlament durch den mit den Alliierten ausgehandelten Waffenstillstand den eigenen Truppen an der Front in den Rücken gefallen. So seien diese gezwungen gewesen, ungeschlagen aus dem Feld zu ziehen. In Wahrheit hatten die beiden Oberbefehlshaber des deutschen Heeres, Hindenburg und Ludendorff, die militärische Niederlage erkannt und die Regierung zu Waffenstillstandsverhandlungen aufgefordert. Um die Verantwortung von sich abzuwälzen und in den eigenen Kreisen das Gesicht zu wahren, setzten sie dann die Legende vom Heer, das von hinten durch die eigenen Landsleute erdolcht worden war, in die Welt. Damit legten sie einen der Grundsteine für die nächste, noch verheerendere Kriegskatastrophe.

Wie gesehen griff Hitler diese Steilvorlage dankbar auf und machte sie zu einem Hauptmotiv seines politischen Schaffens. Er gefiel sich in der Rolle des Rächers und Retters des vermeintlich verratenen Vaterlandes. Davon fühlten sich wiederum die Militärs angesprochen. Nicht von ungefähr war der Ex-Oberbefehlshaber Ludendorff am gescheiterten Hitler-Putsch in München 1923 beteiligt.

Seine politische Karriere begann Hitler ebenfalls beim Militär. Er war nach Ende des I. Weltkrieges bei seinem Bataillon in München geblieben. Dort erhielt er Sold, Kost und Logis und durfte sich in zahlreichen Seminaren fortbilden, gehalten von nationalistischen, antisemitischen Hetzrednern. Der Historiker Plöckinger vermutet, dass sich Hitler vor allem hier sein ideologisches, rhetorisches und antisemitisches Rüstzeug aneignete. Etwas später forschte er im Auftrag des Militärs einzelne Parteien aus. Dabei stieß er auf die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), wo er eintrat und sich bis an die Spitze vorarbeitete, um sie dann in NSDAP umzubenennen. Zur Zeit der Münchner Räterepublik bespitzelte und denunzierte er Kameraden. Einige davon wurden zu Unrecht der politischen Umtriebe verdächtigt.

Hitler und das Militär, sie liebten sich vielleicht nicht inniglich, doch spielten sich gekonnt die Bälle zu. Ein entscheidender Pass von Hitler war 1934 die Entmachtung der SA durch den inszenierten Röhm-Putsch. Es durfte nur eine Armee im neuen NS-Staat geben: Die Wehrmacht. Sie brauchte er für seine Kriegspläne.

Das Endspiel ging bekanntermaßen verloren. Nichts war es mit der Weltherrschaft der Herrenrasse, worin der Fortschritt der Menschheit gipfeln sollte nach dem ‘Aufstieg auf der unendlichen Leiter’, wie es in ‘Mein Kampf’ heißt. Dort hatte er sich ausgemalt, wie das deutsche Volk aus einer Art natürlichen Konkurrenzkampf der Nationen als Sieger hervorgeht.

Nationaldarwinismus so hartnäckig wie Unkraut

Laut Umfrage glaubt noch heute ein nicht geringer Teil der deutschen Bevölkerung, Deutsche seien von Natur aus anderen Völkern überlegen. Nach all der langen Zeit hält sich dieser Nationaldarwinismus immer noch so hartnäckig wie das Unkraut, das nicht vergeht.

Hitler treibt es in ‘Mein Kampf’ biologistisch auf die Spitze, wenn er die ‘germanische Mutter allen Lebens’ anführt. Das Leben zahlte einen hohen Blutzoll, um sich aus der tödlichen Umarmung dieser Mutter zu befreien. Kurz davor tönt er national-naturalistisch:

‘Das Recht auf Grund und Boden kann zur Pflicht werden.’ Schon wieder die ‘Pflicht’, die Lieblings-Vokabel eines übermächtigen Über-Ichs, wie man es auch von religiösen Fanatikern kennt. Hier transportiert sie Grundbesitzer-Ideologie bzw. Besitzdenken, das im Kern egozentrisch ist: Ich-Mein Grund und Boden- Mein Haus- Mein Land. Nimmt man die familiäre Abstammung hinzu, erhält man, was Erich Fromm als Wesenskern nationalistischen Denkens beschrieb: Den ‘Inzest mit Blut und Boden’.

Hitler wollte den Deutschen durch ‘Eroberung von Lebensraum im Osten’ zu gehörig viel Grund und Boden verhelfen. Hierzu bemerkt Sebastian Haffner in seinen ‘Anmerkungen zu Hitler’, der Besitz großer Landflächen sei für eine Industriegesellschaft, wie sie Deutschland damals schon war, von geringem Interesse, höchstens vielleicht hinsichtlich der Versorgung der Industrie mit Rohstoffen. Interessant sei er nur für reine Agrargesellschaften. Hitlers Pläne würden hier verdächtig denen des US-Generals Morgenthau ähneln. Jener wollte aus den Deutschen nach dem Krieg ein reines Volk von Landwirten machen, von welchem keine Kriegsgefahr mehr ausging.

Historisch Interessierten seien an dieser Stelle Haffners ‘Anmerkungen zu Hitler’ wärmstens empfohlen. Sie zeichnen ein schärferes Bild dieser historischen Figur als die Parolenfibel ‘Mein Kampf’. Auch wenn diese bereits im Groben skizziert, was Hitler später in die Tat umsetzte. Auf der ‘lit cologne’ wurde sie als ‘Selbstfindungsprozess eines 35jährigen’ bezeichnet. Besser sollte es ‘Selbstverblendungsprozess’ heißen.

Online-Flyer Nr. 563  vom 25.05.2016

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE