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Aktueller Online-Flyer vom 19. Februar 2017  

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Aktuelles
Zum Tod des Weltbürgers und Kommunisten Klaus Steiniger
Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Bis auf den letzten Tag und bis zum den letzten Funken Energie hat Klaus Steiniger seiner schweren Krankheit über Jahre widerstanden. Wer ihn kannte, kam zur Einsicht, dass vor allem die Arbeit zur Befreiung der Menschheit von der Geißel Kapitalismus und Krieg ihn nicht aufgeben ließ. Wieder und wieder ist er den beschwerlichen Berg hinauf gegangen. Schwere Rückschläge, wie der Verlust seines Vaterlandes DDR hat er analysiert und darüber geschrieben. Die Konterrevolution war Teil seines Schicksals.


Klaus Steiniger mit seinem Buch „CIA, FBI & Co.“, Berlin, Anfang August 2014 (Foto: arbeiterfotografie.com)

„Der Tod aller fortschrittlichen Kräfte ist das Sektierertum“, ist die Lebensweisheit von Klaus Steiniger, der stolz darauf war, über 65 Jahre aktiver und überzeugter Kommunist zu sein. Beziehungen pflegen und – fraglos – seinen Idealen und Überzeugungen treu zu bleiben, war eine Selbstverständlichkeit für den studierten Juristen und Journalisten. Als Mitarbeiter und Auslandskorrespondent, als „Sonderkorrespondent“ des Neuen Deutschland ND mit diplomatischen Aufgaben, erlebte er Erfolge, Rückschläge und mehrfach den Verrat am Sozialismus. Als erster in den USA akkreditierter DDR-Korrespondent berichtete er über den Prozess der Bürgerrechtlerin Angela Davis. Eine seiner prägendsten Erfahrungen war die Zeit der portugiesischen Nelkenrevolution. „Es war eine Volksrevolution“, war ihm wichtig, immer wieder zu betonen.


Angela Davis und Klaus Steiniger, der 1972 über den „Schauprozeß in San José“ berichtete

Die Konterrevolution marschiert

„Die Portugiesische Revolution, die durch eine Volks- und eine Militärkomponente geprägt wurde, war der bisher weitreichendste antikapitalistische und antiimperialistische Vorstoß im Westen Europas. Auch wenn mit der EU als der Zusammenballung aller politisch-ökonomischen und militärisch-repressiven Kräfte im Dienste des Monopolkapitals ein Instrument geschaffen wurde, um weitere »Nelkenrevolutionen« auf unserem Kontinent im Keim ersticken oder niederschlagen zu können, bleibt der 25. April 1974 ein Fanal.“  so Klaus Steiniger. Und: „Vor Jahrzehnten schon hat sich in Portugal der Wind gedreht. NATO und CIA im Bunde mit der damals als Sturmspitze der Konterrevolution agierenden Sozialistischen Internationale unter Willy Brandt sowie dem westdeutschen Parteienfächer von SPD über FDP bis CDU/CSU haben die Revolution der Nelken zu Fall gebracht und erdrosselt. Die Gegner des 25. April konnten sich nicht zuletzt auf starke innere Kräfte – von den Klerikalfaschisten über die konservativen Rechten bis zu den falschen Sozialisten und mit Hammer und Sichel ausstaffierten antikommunistischen Provokateuren – stützen...“

Ehrenmitglied im Bundesverband Arbeiterfotografie

2014 wurde der unbequeme Kommunist Klaus Steiniger als Ehrenmitglied in den Bundesverband Arbeiterfotografie berufen. Beeindruckend waren seine herausragenden Leistungen auf fotografischem Gebiet insbesondere während der „Nelkenzeit“ in Portugal. Seine Nähe zu den kämpfenden Menschen spricht aus jedem seiner Portraits, die Überzeugung der gerechten Sache verwandelt er in Dokumente machtvoller Volksmassen – wie im Vorübergehen, denn er ist gleichzeitig für die Textberichterstattung zuständig.

1989 widerspricht er der Mär einer „friedlichen Revolution“ in der DDR, sieht langjährige Kollegen und Parteigenossen „nach rechts abdriften“. Beifall und Buhrufe erhält er für seinen Diskussionsbeitrag, in dem er sich auf seine Erfahrung als Berichterstatter aus Portugal beruft, wo er zwischen 1974 und 1979 den Beginn einer Revolution und den Ablauf einer Konterrevolution minutiös erlebt habe. “Macht Euch keine Illusionen, Genossen, Kollegen! Das, was sich gegenwärtig in der Deutschen Demokratischen Republik abspielt, ist eine klassische Konterrevolution mit allem, was dazugehört.“

Die Stachel der Konterrevolutionäre sitzen fest im roten Fleisch

2004 schreibt er in seinen Erinnerungen „Bei Winston und Cunhal - Reporter auf vier Kontinenten“ über „die letzten Veranstaltungen der in Panik auseinander laufenden ND-Grundorganisation der SED-PDS. Damals – zur Zeit des als Sonderparteitag ausgegebenen Kongresses der siegreichen Parteiputschisten um Gysi – gingen selbst manche ND-Redakteure wie Ratten von Bord, und es kam die große Stunde der »Enttarnungen« und Selbstbezichtigungen: »Stramme Genossen« von gestern erwiesen sich als die Karrieristen der nächsten Brotherren und lernten schnell deren Lied. Auf die Vergesslichkeit der anderen spekulierend beteuerten sie, »die Dinge schon immer so gesehen« zu haben. Natürlich gab es auch solche, die tapfer standhielten. Und manche, die wir für schwach gehalten hatten, schlugen sich gar wie die Löwen.“

„Woran man sich heute kaum noch erinnert, dass mit dem Parteiputsch im Oktober 1989 die reformistische Gruppierung mit Gregor Gysi an der Spitze die Führung an sich riss und danach die Umwandlung der SED, später PDS in eine Linkspartei sozialdemokratischer Orientierung einsetzte,“ schreibt Doris Tatus (NRhZ 274, 3.11.2010) in der Neuen Rheinischen zu einer Einschätzung Gerhard Feldbauers im Jahr 2010.

Mit Klaus Steiniger (gestorben am 9. April 2016) hat uns ein unersetzbares Trifolium der stärksten Kämpfer, zu denen Heinz Hammer (gestorben am 31. März 2016) und Peter Kleinert (gestorben am 6. Februar 2016) gehörten, in den letzten Tagen der mit Grollen heraufziehenden Kriegsgefahr verlassen. Sie haben uns gelehrt, wir konnten sie bei ihren Kämpfen beobachten, wir konnten sie alles fragen. Jetzt müssen wir das Vermächtnis der Unentbehrlichen mit Leben erfüllen.


Siehe auch:

Gedanken zum Kriegskinder-Projekt der Arbeiterfotografie
Über Kriegs- und Friedenslieder
Von Klaus Steiniger
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=22729

Online-Flyer Nr. 558  vom 20.04.2016

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