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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Aktuelles
Kommentar: Gewalt gegen Frauen ist Alltag in Deutschland
Dem Manne untertan
Von Anneliese Fikentscher

„30 Jahre nach Eröffnung der ersten Frauenhäuser in Deutschland und nach dem Aufbau zahlreicher Unterstützungseinrichtungen für Frauen und Mädchen konnte das Ausmaß der Gewalt nicht reduziert werden“, schreibt Kathie von Asel, und mehr noch: „Das 30-jährige Jubiläum ist ein zweifelhafter Anlass zum Feiern: Einerseits konnten die Frauenhäuser als Zufluchtseinrichtungen für Frauen fast flächendeckend durchgesetzt werden, anderseits sind sie gleichzeitig Ausdruck einer erschreckenden gesellschaftlichen Realität.“ Das war vor zehn Jahren. 2016 bestehen die Autonomen Frauenhäuser in Deutschland seit 40 Jahren. Entgegen aller Versuche, das Thema aus der Öffentlichkeit fernzuhalten, und im Angesicht des Versagens der „öffentlichen Hand“, Frauen die ihnen gesetzlich zustehende Sicherheit zu garantieren – und das heißt auch und vor allem diese Sicherheit zu finanzieren – bestehen die Frauenhäuser weiterhin. Aber die Situation ist nicht besser geworden. Mitinitiatorin der Autonomen Frauenhäuser und Mitgründerin der Vereinigung „Frauen helfen Frauen“, die Sozialwissenschaftlerin Professor Maria Mies, kommentiert: „Die Situation ist schlimmer geworden.“


Global Action Day, August 2001 (nach "Genua" und vor 9/11)

Der Internationale Frauentag war gestern

Hohle Phrasen, die in ihr Gegenteil verkehrt werden, kennt mensch aus schönfärberischen PolitikerInnen-Sonntagsreden. Da braucht es keine diskriminierenden Sprüche von Alice im Wunderland (Schwarzer), die den Überblick aus ihrer der Talk-Show-Couch-Perspektive verloren hat. Nicht Kopftuch und Schleier sind das Problem. „Dem Manne untertan“ zu sein gilt nach wie vor in der christlichen Ideologie. Gewalt gegen Frauen findet seit Jahrzehnten und noch heute – unvermindert – in Deutschland quer durch alle Gesellschaftsschichten und in allen Kulturkreisen statt. Nichts leichter als das, könnte doch Alice im Gespräch von Frau zu Frau mit der christlich-demokratisch abgepuderten Angie thematisieren, schnellst möglich eine bundesweit einheitliche Regelung der finanziellen Sicherstellung für von Gewalt betroffene Frauen zu gewährleisten. Von einem derartig imposanten Projekt kann mensch und erst recht frau aber nur träumen. Menschen- und Frauenrechte werden dann erst interessant, wenn damit die Ausweitung der Wirtschafts- und Machtbereiche verbunden ist. Und das funktioniert – zum Beispiel – so: die Frauenrechte in Afghanistan sind von allerhöchstem Interesse, wenn es gilt, in ein Land einzufallen und dabei versehentlich – kollateral – die ein oder andere Zielperson „aus der Burka (zu) bomben“, wie es der Schriftsteller Hartmut Barth-Engelbart zugespitzt formuliert.

Der Inter-nationale Frauentag ist jeden Tag

Am 17. Januar 2016 folgen mehrere hundert Menschen (Männer und Frauen) im Schatten des Kölner Domes dem Aufruf zweier partei- und organisationsungebundener Frauen: Francoise Maiorano und Janine (Jäger) Hunter. Die Kölner „Silvesterereignisse“, die sich auch in anderen Städten so oder ähnlich abgespielt haben sollen (Hamburg, Stuttgart, Paderborn), werden dazu benutzt, rassistische Ressentiments zu fördern, schließlich sogar eine verschärfte Asylgesetzgebung zu begründen. Vortragende selbstbewusste junge Frauen, die auf ihrer Unabhängigkeit und der uneingeschränkten Akzeptanz  ihrer Geschlechtsgenossinnen, Queer- und Transpersonen selbstverständlichen Unversehrtheit bestehen, fordern unter Beifall: Support your local Feminist! „Ja aber, Männer sind nun mal so. 50 Prozent der Frauen hätten damit kein Problem. Aber du kennst Opa doch. Der ist nun mal so. Ja aber, der hat das doch gar nicht ernst gemeint. Ja aber, sie hätte sich doch wirklich nicht so aufreizend anziehen sollen... Es gibt kein Scheiß-Ja-Aber!“ Und dann ist die Rede von „Vergewaltigungskultur“. Was hat mensch sich darunter vorzustellen?  „Vergewaltigungskultur ist, wenn die Medien von Triebtätern, Sexmonstern, Sextätern sprechen. Sexualisierte Gewalt ist kein Sex, sondern ein Mittel zur Ausübung von Macht.“ Das sagten wir schon. Und nicht nur in Afghanistan sondern in Starnberg, Kreuzberg, Hannover-Linden...  Der sich jetzt als Frauenrechtler gerierende Horst Seehofer hat noch 1997 gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt. Und mit ihm die „christlich soziale“ Moralfront. „Sexualität wird als eine Form der Demütigung benutzt, durch die klare Machtpositionen hergestellt werden. Vergewaltigungskultur ist, wenn vor Gericht und in den Medien Männern eher geglaubt wird als Frauen, weil SIE ja offensichtlich diejenige ist, die lügt, die sich rächen will, die zwar den Sex gewollt, aber ... obwohl er doch so ein netter Typ ist. Vergewaltigungskultur ist eine Atmosphäre der Angst, die dazu dient, Frauen zu kontrollieren... “

Don’t tell me how to dress. Tell them not to rape!


Hoffnung keimt auf, wenn (junge) Frauen sich derart kämpferisch positionieren, Klartext reden. Nicht eine Silvesternacht ist das Problem, sondern – nur zum Beispiel – das bayrische Oktoberfest. Und ein Problem ist auch, „wenn selbst ernannte Frauenrechtler wie Horst Seehofer, im Rest des Jahres die Wichtigkeit von Frauenhäusern und Notruftelefonen ignorieren. Frauenhäuser machen aufmerksam, dass sie jeden Tag drei bis fünf von Gewalt betroffene Frauen (und deren Kinder) abweisen müssen...“

Und weiter: „Vergewaltigungsphantasien und Gewaltandrohungen sind ein typisches Mittel, um Frauen, Lesben, Trans und Women of Color zum Schweigen zu bringen, wenn sie sich politisch kritisch äußern und es wagen, für sich selbst zu sprechen. ... Die Häufigkeit dieser Gewaltandrohungen zeigt uns, dass es nicht um Kritik an sexualisierter Gewalt geht, sondern dass es diesen weißen Männern darum geht, den Zugriff auf deutsche Frauen für sich selbst zu beanspruchen... Wir lassen Euch nicht Feminismus und Anti-Rassismus gegeneinander ausspielen. Beides muss gemeinsam wirken.“

Auch Maria Mies äußert sich zum 30jährigen Bestehen der Autonomen, unabhängigen Frauenhäuser, denen es nach ihrem Verständnis darum gehen muss, die gesellschaftlichen Zusammenhänge von Ausbeutung und Gewalt offen zu legen: „Allerdings müssen wir dazu unseren Blick nicht länger nur auf ein Einzelproblem werfen sondern auf den gesamten Umfang dieses Problemfeldes. Das heißt heute zunächst auf das Problem der heute immer mehr akzeptierten Gewalt in all ihren Dimensionen, einschließlich der wirtschaftlichen Gewalt, der Globalisierungsgewalt und den damit verknüpften neuen Kriegen hinzuweisen und dieses Problem zu bekämpfen. Es heißt auch, dass Frauen sich um die Ökologie, die Wirtschaft, die Demokratie und die Politik kümmern müssen, nicht nur im Sinn von Parteipolitik sondern im Sinn von allgemeiner Politik. Feministinnen, ob alte oder neue, müssen aus der Frauenecke hinaustreten, sich nicht nur um ihre eigene Familie und die eigenen Kinder kümmern, sondern die Welt als ‘ihren Haushalt’ betrachten, wie es Frauen vor ein paar Jahren formulierten,“ konstatiert die weltgewandte Feministin Maria Mies in ihrem Aufsatz „Was haben wir gewollt? Was ist daraus geworden?“ (in Infobrief gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik Nr. 24)

„Für einen solchen Ansatz ist zwar auch Geld notwendig. Aber das Geld kommt nicht an erster, sondern an zweiter oder dritter Stelle. An der ersten Stelle steht , wie 1976, die Betroffenheit, das Engagement, die Solidarität und der Wille, unerträgliche, gesellschaftliche Zustände zu ändern. In diesem Sinne kann uns der Rückblick auf die Geschichte der Frauenhäuser ermutigen.“

Online-Flyer Nr. 552  vom 09.03.2016

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