NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 29. Juni 2016  

zurück  
Druckversion

Inland
Zur Auseinandersetzung zwischen VVN/BdA, Arbeiterfotografie und Freidenkern
Schluss mit dem Gemetzel! Mäßigt Euch!
Von El Friede

Zu den aktuellen Schäbigkeiten zwischen VVN/BdA, Arbeiterfotografie und Freidenkern – ein paar klare und vielleicht sogar klärende Worte: In der einen oder anderen Friedensgruppe können interne Konflikte nur noch mit der Hilfe von MediatorInnen zumindest vorübergehend beigelegt werden. Man redet nicht mehr miteinander, man bezichtigt sich nur noch, giftet sich an und beleidigt einander. Wo die einen hingehen, verweigern die anderen aus dem Grund ihre Teilnahme. „Die Linke“ ficht ihre internen Kämpfe zum Teil über bürgerliche Rechtsinstanzen aus, in der DKP kursieren öffentliche Portale im Internet, in denen gegen den Parteivorsitzenden und die aktuelle Linie der Partei zu Felde gezogen wird. Nun noch die Eskalation zwischen VVN, Arbeiterfotografie (AF) und Freidenkern. Wie soll das weitergehen? Verprügeln demnächst VVN-Mitglieder Arbeiterfotograf/innen, wenn sie eine Anti-Nazi-Demo mit der Kamera dokumentieren wollen? Wird die Arbeiterfotografie keine Bilder mehr veröffentlichen, auf denen VVN-Fahnen zu sehen sind? Gibt es demnächst Unvereinbarkeitsbeschlüsse? Du VVN? Dann du nix AF! - und umgekehrt? Shame on you!

„Der Krieg beginnt hier!“ lautete im vergangenen Jahr das Motto des Ostermarsches Rhein-Ruhr. Ein Schelm, wer böses dabei denkt...

„Der Rote Stein der Weisen, gib zu!
Den gibt’s doch nicht, Genosse, auch du
den gibt es doch nicht, Genosse, auch du
du hast in nicht gefunden.“ *

Die VVN/BdA als antideutsches Flaggschiff des US-Imperialismus zu charakterisieren, als „Akteure der Kriegspartei innerhalb der Friedensbewegung“, als „deutsche Neokonservative“ ist ebenso absurd, wie die Freidenker und die AF als Ideologen und Exekutive brauner Querfrontstrategien und der Verwendung faschistischer Methoden zu bezichtigen. Wer genau hinsieht, bemerkt auf beiden Seiten ähnliche Phänomene in etlichen Beiträgen im jüngsten Schlagabtauschs, wenn es darum geht, die jeweils anderen als getarnte Knechte der Kriegstreiber vermeintlich zu entlarven.

Und dazu scheinen alle Mittel recht. Namentliche Nennungen in der Öffentlichkeit entbehren jeden politischen Anstands ebenso wie Beleidigungen und Beschimpfungen. Woher diese Bösartigkeit, dieser Hass, diese Giftspritzerei von beiden Seiten? So einiges klingt dabei auffallend nach verletzter Eitelkeit, und die hat in politischen Auseinandersetzungen so wenig zu suchen wie eine braune Made im roten Käsekuchen. Hier werden Beiträge publiziert, die eines aufklärerischen, antifaschistischen und friedensbewegten Journalismus unwürdig sind, voller persönlicher Ressentiments und jenseits jeder professionellen Schreibe, teilweise miserabel recherchiert und mit Vermischung von Kommentar, Artikel und Bericht. Das liest sich wie „Kreativen Schreiben“ einer psychotherapeutischen Selbsthilfegruppe, wo man/frau sich alles von der Seele kritzelt, was eine/n je verletzt, gekränkt oder sonst wie angefressen hat. Das kann man ja machen, ist auch oft hilfreich – bloß veröffentlichen sollte man solche Traktate auf keinen Fall!

„Genossen! Fragt nicht penetrant
wie in dem Märchen hirnverbrannt:
wer ist der Linkste im ganzen Land?
– das kann kein Spiegel sagen.“ *

Wie kommt es zu solchen Exzessen? Undifferenzierte, vereinfachte Feindbilder finden überall dort Anklang, wo Unsicherheit und Angst zuhause sind, Müdigkeit, Resignation, Verbitterung, Enttäuschung - das sind menschliche Schwächen, die nachvollziehbar sind, aber nicht zu entschuldigen, wenn sie dazu führen, andere in die Pfanne zu hauen, die es nicht - oder zumindest so nicht - verdient haben. Und wo wenig Lust (oder Fähigkeit) vorhanden ist, genauer hinzusehen, nachzudenken, auf die Feinheiten zu achten. Und das wird viel zu oft auch in unseren Reihen einfach nicht getan. Die einen können es schlicht nicht, die anderen könnten es, tun es aber nicht. Also dumm oder böswillig respektive zu faul? Der Verdacht liegt nahe. Mag sich jede/r der AkteurInnen in diesem hässlichen Spektakel aussuchen, zu welcher Gruppe er/sie sich zählen möchte, und wer nun beleidigt ist, sollte dies am besten mit sich selbst und seinem/ihrem Gewissen ausmachen.

Wer ist denn der wirkliche Feind? Das sind doch nicht die RaucherInnen respektive NichtraucherInnen, nicht die VeganerInnen / FleischfresserInnen,, nicht die „alte“ und auch nicht die „neue“ Friedensbewegung, denn die neue Friedensbewegung gibt es homogen gar nicht, hier gibt es „sonne und sonne“, wie man so schön sagt: rechtslastige und andere dubiose, die die Bewegung missbrauchen wie auch viele ernsthaft Friedensbewegte. Und ob nun auf irgendeinem unserer Feste die „Bandbreite“ spielt oder in Friesland kippt eine Kanne Tee um – das sind doch Nebenschauplätze, an denen wir unsere Zeit und unsere Kräfte verschwenden! Man kann manche ihre Texte und Auftritte für nicht pc halten (und manche sind es auch nicht), aber wer von denen, die sich hier so ins Zeug legen, hat sich jemals zum Beispiel über das Frauenbild eines Hannes Wader (zumindest in seinen alten Texten) echauffiert? Und nicht jede kritische Hinterfragung eines politischen Ereignisses oder Prozesses ist mit einer Verschwörungstheorie gleichzusetzen.

Wir haben doch schon viel zu viel politisch gesehen und erlebt, um nicht das absurdeste Manöver von Politik und Wirtschaft für möglich zu halten, wenn es um die Durchsetzung und/oder Verschleierung ihrer Interessen geht! Man sollte nur nicht dem Fehler verfallen, diese kritischen Denkansätze als ultimative Wahrheiten zu verkaufen. Aber fragen wird man ja wohl noch dürfen!

Doch statt genau hinzusehen, hier und da den Kopf zu schütteln, laienhaft zu staunen oder sich fachlich zu wundern, wird für jeden schrägen Satz der „anderen“ sofort ein Fass aufgemacht, werden Feindbilder in Szene gesetzt, deren Kontraproduktivität in den jüngsten Auseinandersetzungen zwischen VVN und AF eine Zuspitzung erfährt, die ihresgleichen sucht. Wie armselig. Vielleicht wäre es für die Protagonisten dieser wechselseitigen Hetztiraden hilfreich, ab und zu mal ein echtes Fass leer zu saufen oder ein entspannendes Pfeifchen zu rauchen, das soll in Sachen Spaßfaktor und Verständigung schon Wunder gewirkt haben...

„Wir haben wie blödes Federvieh
mit rotem Kamm und Kikerikii
zum Gaudi für die Bourgeoisie
uns oft genug zerschunden.“ *

Recht hatte er, der Biermann, zumindest in diesem Punkt, mag man ihn ansonsten getrost als Arbeiterverräter bezeichnen, denn bloß weil er hier und da einen treffenden Text gedichtet hat, muss ihm noch lange keine linke Ehre gebühren. Ebenso wenig im Übrigen wie ein Eintagsüberflieger wie Ken Jebsen, um nur ein Beispiel zu nennen, „eine(r) der profiliertesten Journalisten und aufrechtesten Friedensaktivisten unserer Tage“ ist, nur weil er hier und da mal nichts Falsches gesagt hat.

Ich will nichts bagatellisieren, beileibe nicht, einige Fragen müssen diskutiert werden, auch wenn keine Einigung in Sicht ist. Aber diese Diskussionen dürfen nicht dazu führen, unsere Handlungsfähigkeiten einzuschränken und schon gar nicht, einander dem Klassenfeind ans Messer zu liefern. Danke, sagte der Verfassungsschutz, als er Namen und Adressen und Umfang von Spenden- und Mitgliedsbeiträgen aus den Friedensorganisation frei Haus geliefert bekam... Steht ja jetzt alles im Netz! (Zum Glück nicht, denn „(…) die Finanzierung all der Gerechten und Ungerechten, all der hunderten Friedensorganisationen, bleibt dem Blick der Öffentlichkeit entzogen.“

Zurück zum Feind: Der wahre Kampf findet statt zwischen oben und unten, zwischen arm und reich. Die Feinde sind immer noch die Herrschenden, die Bourgeoisie (bei der Bourgeoisie, sei angesichts der grassierenden politischen Unbildung erklärt, handelt es sich keinesfalls um eine französische Region ähnlich der Champagne, dementsprechend ist der Bourgeois auch weder ein regionaler französischer Qualitätswein noch ein Ziegenfrischkäse...): das nationale wie internationale Finanz- und Wirtschaftskapital, die Macht- und Geldgierigen in der Politik, denen es um strategische und geopolitische Interessen geht, um Rohstoffe und Märkte. Darüber dürften wir uns doch (hoffentlich!) alle einig sein. Und während wir uns darüber zerstreiten, wer nun der „wahre“ und wer der „echte“ Heino ist, formiert sich der Gegner in einer Form, wie es sie lange nicht gab. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte...

„Der Kampf ist hart, und unser Feind
ist schlau und hat sich längst vereint
ist schlauer als wir! Und hat sich vereint
und will uns einzeln schlagen.“ *

Gibt es nach diesen Angriffen, diesen Beleidigungen und Diffamierungen noch ein zurück?

Die Kernfragen sind Fragen des Klassenkampfes, den keine/r von uns allein gewinnen kann. Besinnen wir uns auf die Grundprinzipien des Aktionseinheits- und Bündnispolitik: mit den geringst möglichen Kompromissen auf den größtmöglichen Nenner zu kommen, das Verbindende finden, statt das Trennende zu suchen. Wenn ich mit niemandem mehr zusammenarbeitete, den ich persönlich nicht leiden kann und/oder dessen politische Denk- und Handlungsweise nicht der meinen entspricht, marschierten ich wahrscheinlich nur noch mit zwei anderen mit unseren Friedens- und NoNazi-Fahnen um meinen Wohnzimmertisch herum...

Es gibt wichtigeres zu tun, als sich gegenseitig (noch nur verbal) auf die Fresse zu hauen!

Also Schluss mit dem Gemetzel! Sofort! Mäßigt Euch! Sofort! Richtet nicht noch mehr Schaden an!

Setzt Euch zusammen, besinnt Euch auf das Wesentliche, findet eine gemeinsame Basis (wenn nötig, auch mittels eines/eines Mediators/Mediatorin, manchmal kann so ein psychologischer „Kampfmittelräumdienst“ durchaus hilfreich sein!) – und nehmt Eure gegenseitigen Beleidigungen und Bezichtigungen zurück, das würde den Antifaschismus und die Friedensbewegung schon enorm weiterbringen und von echter politischer und menschlicher Einsicht und Größe zeugen! Der Krieg sollte nicht hier beginnen!

Übrigens wurde in diesem Beitrag bewusst darauf verzichtet, Zitate nachzuweisen, weil es den Konflikt nicht lösen hilft, diese unappetitliche Suppe ein weiteres Mal namentlich aufzuwärmen. Alles mit „“ gekennzeichnete ist der NRhZ vom 3. und 10.2.2016 bzw. der antifa, 1,2 2016 (alle online) wörtlich entnommen und kann von dem/der Geneigten dort im Original nachgelesen werden.

* Wolf Biermann: Der Rote Stein der Weisen

Online-Flyer Nr. 549  vom 17.02.2016

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FILMCLIP


Walter Herrmann: Fels in der Brandung
Von Arbeiterfotografie
FOTOGALERIE


Wem gehört die Welt?
Von Arbeiterfotografie