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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Kurt gehörte zu den vielen, deren Väter im Krieg „gefallen“ waren
Noch ein Nachruf auf Kurt Holl
Von Lothar Gothe

Weil ein Aspekt in den Nachrufen zu kurz kommt , will ich diesen hiermit nachtragen, damit meinem  Freund Kurt und vielen anderen „Achtundsechzigern“ umfassende Gerechtigkeit widerfährt. Es geht um unsere Väter, die - freiwillig oder unfreiwillig - an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt waren. Ihre verleugnete oder totgeschwiegene Schuld führte dazu, dass viele von uns Töchtern und Söhnen nicht nur aufbegehrten, sondern sich auch außerstande sahen, ihre vorgesehenen Plätze im Mittelklassebürgertum einzunehmen. Dies will ich an drei Beispielen erläutern.

Kurt Holl mit Benjamin Marx (rechts), Manager des inzwischen europaweit vorbildlichen Roma-Wohnprojekts von Berlin-Neukölln in der Krippe von St. Maria Lyskirchen


Kurt Holl (links)
NRhZ-Archiv

Im Herbst 2011 verbrachten Hanne und Kurt einen Sonntagnachmittag auf dem Hof von Meggie und mir, zu Gast war auch  Robert (Peter) Naumann. (Hanne ,schon schwer gezeichnet vom Krebs, starb 3 Monate später, Robert an einer Lebertransplantation im Frühjahr 2012). Die Väter von uns drei Kölner „68ern“ repräsentieren zufällig das ganze Spektrum der. V(T)ätergeneration: 

Mein Vater war Wehrmachtsoffizier an der „Ostfront“, daher sicher beteiligt an Kriegsverbrechen.  Schwer traumatisiert - wie ich heute weiß - schwieg er darüber, scheiterte in seinem Beruf  und endete im Elend des Alkoholismus .

Roberts Vater war im Krieg Staatsanwalt im annektierten Polen und setzte unbeirrt seine Juristenkarriere als kultivierter Bildungsbürger in der BRD fort. Robert wollte in polnischen Archiven nachforschen, was sein Vater dort als Nazistaatsanwalt  getrieben hatte. Er schob es wieder und wieder auf: Sicher aus Angst davor, in einen familiären Abgrund blicken zu müssen.

Kurt gehörte zu den vielen, deren Väter im Krieg „gefallen“ waren und bei den „Volkstrauertagen“ als Helden geehrt wurden. Er zeigte mir zwei erschütternde Dokumente: das eine war das Cover einer SS-Illustrierten, auf dem sein Vater als strahlender junger SS-Mann mit einem Motorrad posierte, neudeutsch ein „cooles SS-Model“. Das zweite war eine Feldpostkarte, die sein Vater dem „lieben Kurtl“ zum 3. Geburtstag aus der Ukraine geschickt hatte. Kurts Nachforschungen hatten ergeben, daß die SS- Einheit seines Vaters ein Massaker an der Zivilbevölkerung an dem Tag verübt hatte, als er diese Glückwunschkarte schrieb. 

Kannst Du mit solchem „background“ eine „normale“ bürgerliche Karriere einschlagen in der konsumistischen Disneylanddemokratie Bundesrepublik?  Kurt konnte es nicht, Robert nicht, ich nicht und viele andere auch nicht, das zeigen die Brüche in den Biografien.

Die einen wie die anderen unserer Nazi-Väter haben uns ihre Verbrechen wortlos in die Wiegen gekippt, wir mußten uns damit auseinandersetzen, ihre  Schuld abarbeiten, sie haben sich ja so oder so entzogen oder verweigert.

Gegen diese Zumutung und gegen die kollektive Verdrängung der verlogenen bundesrepublikanischen Gesellschaft zu rebellieren, das war nötig, um unsere Seelen zu erretten und sie von der stinkenden braunen Nachkriegssoße zu befreien. Wie sich gezeigt hat, besteht diese Notwendigkeit fort, für unsereins offenbar lebenslang!

Bei allem Spaß an unserer „Revolution“: Kurts und all der anderen Mut war insofern auch ein Mut aus Verzweiflung. Das, meine ich, gehört unbedingt zum ganzen Bild, auch und gerade zu dem von Kurt. (PK) 



Online-Flyer Nr. 544  vom 06.01.2016

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