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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Kultur und Wissen
Gedanken am Meeresufer
Es war wunderbar
Von Uri Avnery

Ich ging zum ersten Mal nach meiner Operation vor drei Wochen wieder zum Strand. Es sind fünf Minuten zu Fuß von meiner Wohnung. Das Meer war ruhig und glatt. Eine milde Sonne schien nahe am Horizont, es war weder zu heiß noch zu kalt, genau so, wie wir es gernhaben. Ein kühler, nicht zu kalter Wind wehte. Ich trank einen Becher "americano"-Kaffee und dachte: Alles ist gut in der besten aller möglichen Welten.

Uri Avnery
NRhZ-Archiv 

ABER NATÜRLICH war es das nicht. Tatsächlich war gar nichts gut in der schlimmsten aller möglichen Welten.

Es stimmt schon, hinter dem blauen Meer im weit entfernten Paris beratschlagten die Weltführer auf ihrer größten Versammlung aller Zeiten darüber, wie der Planet vor der Klimakatastrophe gerettet werden muss. Unser eigener Benjamin Netanjahu war dort mit einer riesigen Delegation, obwohl die meisten Israelis, darunter auch Netanjahu, nichts als Verachtung für dieses Thema haben. Sie betrachten es als ein aufgebauschtes Problem verwöhnter Länder, die keine wirklichen Probleme haben, von denen wir allerdings sehr viele haben.

Er flog nur dorthin, um Hände zu schütteln und um sich fotografieren zu lassen, wie er allen großen Führern der Welt die Hand schüttelte, auch Arabern, womit er alle die Lügen strafte, die Israels zunehmende Isolation in der Welt beklagen.

Aber alles das war nur vorgespiegelt. Israel, das Land, das ich liebe, ist in ernster Gefahr. Tatsächlich ist es in mehr als einer Gefahr. 

ICH SAH AUFS Meer hinaus und dachte über die drei großen Gefahren nach, die mir ins Auge stechen und die ich nicht einmal im Krankenhaus hatte vergessen können.

Die erste Gefahr ist, dass Israel ein Apartheids-Staat werden kann (was in den besetzten palästinensischen Gebieten bereits der Fall ist).

Früher oder später wird die imaginäre Grenze zwischen Israel und „den Gebieten“ vollkommen verschwinden. Juristisch gibt es sie noch. Wie lange noch?

In dem Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan leben israelische Juden und palästinensische Araber in ungefähr gleicher Anzahl – jede Gruppe umfasst etwa 6,5 Millionen. Das wird ein Apartheids-Staat in der schlimmsten Bedeutung des Wortes.

Wenn Israel schließlich gezwungen sein wird, den arabischen Einwohnern gleiche Rechte einzuräumen, z. B. das Wahlrecht (etwas, das sehr weit entfernt zu sein scheint), wird Israel ein Staat dauernden Bürgerkrieges sein. Diese beiden Völker haben weder sozial noch kulturell noch religiös noch wirtschaftlich irgendetwas gemein. Gemein ist ihnen nur ihr gegenseitiger Hass.

Die zweite Gefahr stellt Da’esh (oder “IS/ISIL/ISIS“) dar. Alle benachbarten Staaten könnten sich unter dem schwarzen Banner Allahs vereinigen und sich gegen uns wenden. Ähnliches geschah schon einmal vor 900 Jahren, als der große Salah-ad-Din (Saladin) die arabische Welt einte und die Kreuzfahrer ins Meer warf. (Saladin war kein Araber, sondern ein Kurde aus dem Nordirak.)

In Erwartung dieser Möglichkeit wird Israel bis an die Zähne bewaffnet bleiben, Atombomben in Hülle und Fülle haben und sich zunehmend militarisieren. Es wird spartanisiert und religiös fanatisch und damit wird es zu einem jüdischen Spiegelbild des islamischen Kalifats.

Die dritte Gefahr ist vielleicht die schlimmste: Immer mehr junge, gebildete, talentierte Israelis werden in die USA und nach Deutschland auswandern. Zurück bleiben werden die weniger gebildeten, primitiveren, weniger produktiven Teile der Bevölkerung. Das geschieht bereits. Fast alle meine Freunde haben Söhne und Töchter im Ausland.  

Übrigens: Entfernung scheint den „Patriotismus“ zu steigern – tatsächlich arbeitet Netanjahu jetzt daran, ständig im Ausland lebenden Israelis das Wahlrecht zu erteilen. Offensichtlich glaubt er, dass die meisten von ihnen für die extreme Rechte stimmen werden.

Und wie steht es mit der Zukunft des Planeten? Zum Teufel damit. 

ÜBER DIE damit verbundenen Gefahren sprechen sehr wenige. Sie stimmen schweigend der Meinung zu: „Es gibt keine Lösungen.“ Warum sollten wir uns also den Kopf darüber zerbrechen?

Aber da gibt es noch eine weitere Gefahr; über die reden alle ohne Ende: das Auseinanderbrechen der israelischen Gesellschaft.

Als ich jung war, waren wir – es war noch vor der Entstehung des Staates Israel – entschlossen, eine neue Gesellschaft, in Wirklichkeit eine neue Nation, eine neue hebräische Nation, zu schaffen. Wir scheuten die Bezeichnung „jüdisch“, weil wir uns vom Weltjudentum unterschieden: Wir waren erdverbunden, territorial und national.

Wir feierten ganz bewusst den „Sabra“-Prototyp. Sabra ist der hebräische Name einer Kaktuspflanze, von der wir dachten, sie wäre in unserem Land heimisch (tatsächlich ist sie allerdings eine Einwandererin aus Mexiko). So bezeichneten wir die neue, im Land geborene Generation. Ein/eine Sabra sollte praktisch, sachlich und weit entfernt von jüdischer Sophisterei sein. Unbewusst gingen wir davon aus, dass der neue Typ aschkenasisch sein werde: blauäugig und von europäischer Herkunft.

Unter diesem Banner schufen wir das, was wir als neue hebräische Kultur ansahen. Diese Kultur bestand für uns nicht nur aus Literatur, Dichtung, Musik und so etwas, sondern auch aus militärischen und zivilen Normen, aus allem.

Darin lag viel Arroganz, wir waren jedoch stolz darauf, etwas vollkommen Neues zu schaffen. Es verhalf uns dazu, auf eigenen Beinen zu stehen, den Krieg 1948 (allerdings knapp) zu gewinnen und den Staat zu gründen.

Wir holten uns eine riesige Welle neuer Einwanderer ins Land und damit begannen die Schwierigkeiten. Beim „Ausbrechen des Staates“, wie wir scherzhaft auf Hebräisch sagen, waren wir etwa 650.000 Seelen. Innerhalb kurzer Zeit holten wir mehr als eine Million neuer Einwanderer ins Land, und zwar nicht nur die vom Holocaust in Europa Übriggebliebenen, sondern auch fast alle Juden aus muslimischen Ländern.

Den Zögernden wurde auf die Sprünge geholfen. Im Irak legten israelische Geheimagenten in einigen Synagogen Bomben, um die dort lebenden Juden zu überzeugen, dass sie das Land verlassen müssten.

Wir erwarteten, dass die neuen Einwanderer werden würden wie wir, und wenn schon nicht gleich, dann doch in einer Generation. Das geschah nicht. Die „Orientalen“ hatten ihre eigene Kultur und ihre eigenen Traditionen. Ihre im Land geborenen Kinder hatten durchaus nicht den Wunsch, „Sabras“ zu werden.

Die Hoffnung von Leuten wie David Ben-Gurion, dass das Problem sich von alleine lösen werde, scheiterte. Das tat es nicht. Im Gegenteil: Mit der Zeit wuchsen Groll und gegenseitige Abneigung. Heute ist eine dritte und vierte Generation sich dessen bewusster als je eine zuvor. 

DANN IST DA das „national-religiöse“ Lager, das sind die, die gestrickte Kippot tragen.

Als der Staat ausbrach, erwarteten alle, die Religion werde aussterben. Der hebräische Nationalismus hatte übernommen, die jüdische Religion gehört zur Diaspora und wird in diesem Land zusammen mit den alten Leuten, die noch daran hängen, aussterben. Sie wurden mit freundlicher Geringschätzung behandelt.

Das Gegenteil geschah. Nach dem Krieg 1967, der israelische Soldaten zu den antiken biblischen Orten führte, lebte die Religion sprunghaft wieder auf. Sie schuf die Siedlerbewegung, erfasste das rechtsgerichtete Lager und ist jetzt die herrschende Kraft im israelischen Leben und in der israelischen Politik. Langsam erfasst sie auch die allmächtige Armee.

Die „Gestrickten“, wie wir sie nennen, unterscheiden sich von den Orthodoxen. Diese sind eine eigenständige Bevölkerungsgruppe. Sie wohnen in ihren abgeschlossenen Vierteln und tragen schwarze Hüte und schwarze Kleidung. Sie weisen den gesamten Zionismus zurück, aber sie nutzen ihre Macht zum Wählen dafür, den Staat dazu zu zwingen, ihre unzähligen Kinder zu erhalten.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erreichte eine riesige Welle russisch-jüdischer Einwanderer das Land. Etwa jeder fünfte Israeli ist jetzt ein „Russe“ (dazu zählen auch die Angehörigen aller übrigen früheren sowjetischen Länder). Die meisten von ihnen verabscheuen alles, was nach Sozialismus oder linker Politik riecht, und neigen dazu, extrem rechts, nationalistisch und sogar rassistisch zu sein.

Dazu kommen noch die etwa 20% israelische Bürger, die Araber sind und die einerseits dazugehören und andererseits nicht dazugehören. Sie sind besser integriert, als sich viele klarmachen wollen, werden aber von vielen als Feinde betrachtet. Der Ruf: „Tod den Arabern“ ertönt bei Fußballspielen regelmäßig.

Der Traum von einer vereinten, homogenen neuen hebräischen Nation ist schon seit langer Zeit ausgeträumt. Israel ist jetzt eine sehr heterogene Nation, eher eine Föderation voneinander getrennter „Sektoren“, die einander nicht besonders mögen: Aschkenasen, Orientalen, Nationalreligiöse, Orthodoxe, Russen und Araber, dazu viele Unterabteilungen.

Das einzige Band, das die meisten Angehörigen dieser Sektoren miteinander verbindet, ist die Armee, in der alle (außer den Orthodoxen und den Arabern) gemeinsam dienen.

Und natürlich der eine höchste Einiger: der Krieg. (PK)

 

Uri Avnery, geboren 1923 in Deutschland, israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist, war in drei Legislaturperioden für insgesamt zehn Jahre Parlamentsabgeordneter in der Knesset. Sein neues Buch „Israel im arabischen Frühling – Betrachtungen zur gegenwärtigen politischen Situation im Orient“ hat eine unserer Mitarbeiterinnen für die NRhZ rezensiert.
Für die Übersetzung dieses Buches und von Avnerys Artikeln aus dem Englischen danken wir der Schriftstellerin Ingrid von Heiseler. Sie hat selbst auch ein neues eBuch bei Amazon veröffentlicht: "Ira Chernus, Amerikanische Nationalmythen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Alle ihre Bücher findet man unter
http://www.amazon.com/s/ref=nb_sb_noss?url=search-alias%3Daps&field-keywords. http://ingridvonheiseler.formatlabor.net



Online-Flyer Nr. 540  vom 09.12.2015

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