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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Krieg und Frieden
Der Westen toleriert schon seit 2o12 den Kampf des IS gegen Bashar al Assad
Die "syrische Spur"
Von Hans Georg

Nach den Pariser Terroranschlägen vom vergangenen Freitag verfolgen die französischen Ermittler eine "syrische Spur". Es spreche einiges dafür, dass die Täter einen Hintergrund in den Terrorstrukturen hätten, die sich im Verlauf des Syrien-Krieges in dem Land festsetzen konnten, urteilen Experten. Der Terror in Syrien, der seit der Jahreswende 2011/2012 Suizid-Anschläge mit Dutzenden Toten hervorbringt, ist vom Westen, auch von Deutschland, weithin ignoriert worden, weil er sich gegen den gemeinsamen Gegner Bashar al Assad richtete. Dabei fielen ihm bereits in der ersten Jahreshälfte 2012 mehr Menschen zum Opfer, als in diesem Jahr bei den schrecklichen Attentaten in Frankreich getötet wurden. Enge Verbündete der Bundesrepublik, insbesondere Saudi-Arabien und die Türkei, finanzierten Terrorstrukturen wie den Al Qaida-Ableger "Al Nusra-Front" und den "Islamischen Staat" (IS) und leisteten ihnen logistische Hilfe. Die Chance, im Syrien-Krieg zu einer Verhandlungslösung zu kommen und damit dem entstehenden Terror das Wasser abzugraben, wurde auch von Berlin in der ersten Jahreshälfte 2012 vergeben. Genutzt hat dies Organisationen wie der Al Nusra-Front und dem IS, die systematisch erstarken konnten - und den Terror nun nach Europa tragen.

IS-Terroristen nach den Terroranschlägen in Paris
Foto: IS 

Aus den Kampfzonen

Nach den Terroranschlägen vom vergangenen Freitag in Paris, durch die mindestens 132 Menschen zu Tode kamen und mehr als 350 teils schwer verletzt wurden, verweisen mehrere Spuren auf einen Hintergrund der Täter in Syrien. Das gilt nicht nur für das Bekennerschreiben des "Islamischen Staats" (IS) und auf Äußerungen der Mörder, die sich auf Syrien bezogen. Bereits am Samstag hat der französische Untersuchungsrichter Marc Trévidic hervorgehoben, dass die Täter den Umgang mit Waffen und Sprengstoff perfekt beherrschten. Die Sprengstoffgürtel etwa seien nicht leicht herzustellen; auch müsse man wissen, wie man sich mit ihnen bewege, ohne sie vorzeitig zur Explosion zu bringen. All dies erfordere genaue Kenntnisse. "Die Leute, die aus den Kampfzonen in Syrien und im Irak zurückkehren, sind dafür ausgebildet", hielt Trévidic fest.[1] Einer der Pariser Täter ist Berichten zufolge wohl tatsächlich im Winter 2013/14 in Syrien gewesen.[2] Zwei weitere stammen möglicherweise von dort. Es "beginnt sich abzuzeichnen", dass das Massenverbrechen vom Freitag von Tätern begangen worden sei, "von denen die Mehrheit aus den Kampfzonen in Syrien kam", heißt es in der französischen Presse.[3] Dabei handelt es sich nicht nur um eine Marginalie. 

Suizid-Anschläge en masse

Denn den blanken Terror, der Paris jetzt zum zweiten Mal in diesem Jahr getroffen hat, haben die Staaten der EU und Nordamerikas in Syrien jahrelang faktisch toleriert - und damit dazu beigetragen, dass er sich festsetzen und quasi professionalisieren konnte. Erste Suizid-Anschläge mit Dutzenden Toten wurden in dem Land um die Jahreswende 2011/2012 verübt. So sprengte sich etwa ein Attentäter am 6. Januar 2012 im Damaszener Stadtviertel Al Midan neben mehreren Polizeibussen in die Luft, als dort gerade Proteste gegen die Regierung Assad stattfanden. Der Anschlag zielte darauf ab, die Proteste weiter zu radikalisieren; 26 Menschen - mehrheitlich unbeteiligte Zivilisten - kamen dabei ums Leben. Die damals in Gründung befindliche Al Nusra-Front reklamierte die Täterschaft für sich. Weitere Suizid-Anschläge folgten, so etwa einer am 10. Mai 2012 im Damaszener Stadtteil Al Qazzaz, bei dem 55 Menschen getötet und rund 400 verletzt wurden, die meisten von ihnen Zivilpersonen. Erneut bekannte sich Al Nusra zu der Tat. Bereits damals waren in Syrien mehr Menschen bei Suizid-Anschlägen von Jihadisten zu Tode gekommen als dieses Jahr in Frankreich, und die Zahl der Opfer nahm rasch weiter zu. Eine Verurteilung der Anschläge, die auch nur annähernd mit den Reaktionen auf die jüngsten Pariser Mordtaten vergleichbar gewesen wäre, blieb im Westen jedoch aus. 

"Keine Extremisten"

Stattdessen räumten einige deutsche Medien den mit Terroranschlägen gegen den gemeinsamen Feind Assad kämpfenden Jihadisten zuweilen sogar Raum zur Rechtfertigung ihrer Anschläge ein. "Wir kämpfen und wir beten, aber wir sind keine Extremisten", zitierte die Online-Ausgabe der Wochenzeitung "Die Zeit" im August 2012 einen Kommandeur des Al Qaida-Ablegers "Al Nusra-Front". Befürchtungen, es könne in Syrien zu einer "Radikalisierung" des Aufstandes kommen, seien völlig fehl am Platz. "Wir haben jahrelang an der Seite von Minderheiten gelebt", erklärte der Al Nusra-Kommandeur; in Syrien würden andere Religionen deshalb auch in Zukunft toleriert: "Lasst uns das Land regieren und urteilt dann über uns". Allerdings seien im Kampf gegen die Regierung Assad Suizid-Anschläge völlig legitim: "Wenn wir eine Autobombe zünden, denken wir, dass es gerechtfertigt ist", äußerte der Al Nusra-Mann.[4] 

Ein tödliches Spiel

Darüber hinaus wurden Organisationen wie Al Nusra und der spätere "Islamische Staat", während sie die Taktik ihrer Suizid-Anschläge perfektionierten, im gemeinsamen Kampf gegen Assad von den wichtigsten regionalen Verbündeten der Bundesrepublik unterstützt. Vor allem Saudi-Arabien förderte sie finanziell und mit Waffen. "Das gesamte Geld", über das syrische Milizen verfügten, komme "aus Saudi-Arabien und Qatar, und das gesamte Geld geht an die Salafisten und Islamisten", wurde schon Ende 2012 ein kurz zuvor desertierter Hauptmann der syrischen Streitkräfte zitiert.[5] Die saudische Unterstützung für Al Nusra gleiche derjenigen, die Riad in den 1980er Jahren den Mujahedin in Afghanistan habe zukommen lassen, kritisierte Anfang 2013 ein saudischer Menschenrechtler.[6] Die Türkei habe ebenfalls von Anfang an "das gesamte Spektrum der Gruppen, die für Assads Sturz kämpften, unterstützt - von der moderaten Opposition bis zu extremistischen Fraktionen wie Al Nusra und ISIS", hielt im Juni 2014 die renommierte US-Zeitschrift Foreign Affairs fest. Das Land sei "ein Hauptkanal für den Zustrom von Menschen, Waffen und logistischer Unterstützung" vor allem für Al Nusra geworden.[7] Warnungen vor der Beihilfe für Terrorstrukturen waren selten, aber es gab sie durchaus. US-Stellen müssten Druck auf Staaten wie Saudi-Arabien und die Türkei ausüben, die die größte Verantwortung für die Förderung von Al Nusra trügen, kommentierte im Dezember 2012 die New York Times: "Wie sehr sie Assads Sturz befürworten mögen, sie spielen ein tödliches Spiel, indem sie Ableger von Al Qaida stärken, einer Vereinigung, die zwar geschwächt ist, sich aber dennoch dem globalen Jihad verschrieben hat".[8] 

Kein Kompromiss

Dabei hätte es 2012 wohl die Chance gegeben, den eskalierenden Syrien-Krieg einzudämmen und einer politischen Lösung zuzuführen. Wie der ehemalige Präsident Finnlands, Martti Ahtisaari, vor kurzem berichtet hat, trug ihm Ende Februar 2012 der Botschafter Russlands bei den Vereinten Nationen, Witali Tschurkin, einen Vorschlag für einen Interessenabgleich zwischen Russland und dem Westen in Sachen Syrien vor. Demnach war Moskau damals bereit, Assad zu Verhandlungen mit der syrischen Opposition zu zwingen, wenn der Westen im Gegenzug die Bewaffnung des Aufstandes unterlasse bzw. unterbinde; Russland könne sogar "einen eleganten Weg für Assad zum Rückzug finden", wird Tschurkins damaliges Angebot zitiert. In der Hoffnung, den Absturz Syriens in den Krieg verhindern zu können, sprach Ahtisaari - ein erprobter Vermittler aus dem Kosovo-Konflikt - bei den UN-Botschaften der USA, Großbritanniens und Frankreichs vor, blitzte dort aber ab: Die westlichen Mächte "waren überzeugt, dass Assad in wenigen Wochen sein Amt verlieren" werde und man auf einen Kompromiss nicht angewiesen sei, berichtet der einstige finnische Präsident.[9] Berlin bereitete damals die syrische Exilopposition auf die Übernahme der Macht in Damaskus vor.[10] Die Terroranschläge von Al Nusra trugen aus westlicher Sicht dazu bei, Assads Sturz zu beschleunigen. Eine Reaktion wie diejenige auf die Attentate in Paris blieb daher aus. 

Aus dem Ruder gelaufen

Die Strategie ist nicht aufgegangen. Am Wochenende sind in Wien unter Beteiligung des Westens Verhandlungen über den Syrien-Krieg fortgesetzt worden, deren Stoßrichtung dem russischen Vorschlag vom Februar 2012 nicht unähnlich ist. Zu den zahllosen syrischen Kriegsopfern, deren Tod womöglich hätte verhindert werden können, hätte der Westen sich schon 2012 auf eine Einigung eingelassen, gehören diejenigen, die durch Suizid-Anschläge ähnlich den Attentaten in Paris ihr Leben verloren. In Syrien ist seit Februar 2012 nicht nur Al Nusra erstarkt, sondern auch der Islamische Staat (IS), der dieselben Ursprünge wie Al Nusra hat (german-foreign-policy.com berichtete [11]). Der jihadistische Terror, dessen Träger in Syrien nicht nur vom Westen toleriert, sondern von dessen Verbündeten sogar energisch gefördert wurden, um Assad zu stürzen, beginnt nun aus dem Ruder zu laufen und sich gegen die westlichen Mächte zu wenden. Nebenbei: Wie Entstehung und Erstarken von Usama bin Ladin und seiner Organisation Al Qaida seit den 1980er Jahren in Afghanistan zeigen, geschieht dies nicht zum ersten Mal.
Mehr zum Thema: Der Krieg kehrt heim, Der Krieg kehrt heim (II) und Der Krieg kehrt heim (III). (PK)

 

[1] Le juge Marc Trévidic: "Leur haine ne va pas s'arrêter là". www.lefigaro.fr 14.11.2015.
[2] Simon Piel, Laurent Borredon: Attaques de Paris: Ismaël Omar Mostefaï, l'un des kamikazes français du Bataclan. www.lemonde.fr 15.11.2015.
[3] Christophe Cornevin: Attentats de Paris: les enquêteurs sur la piste "syrienne". www.lefigaro.fr 15.11.2015.
[4] Daniel Etter: Bei den Islamisten von Aleppo. www.zeit.de 20.08.2012.
[5] Jonathan S. Landay, Hannah Allam: U.S. might name Syrian rebel Nusra Front a foreign terrorist group. www.mcclatchydc.com 04.12.2012.
[6] Reese Erlich: With Official Wink And Nod, Young Saudis Join Syria's Rebels. www.npr.org 13.03.2013.
S. auch Vormarsch auf Bagdad.
[7] Karen Leigh: Turkey's Bleeding Border. www.foreignaffairs.com 24.06.2014.
[8] Al Qaeda in Syria. www.nytimes.com 10.12.2012.
[9] Julian Borger, Bastien Inzaurralde: West "ignored Russian offer in 2012 to have Syria's Assad step aside". www.theguardian.com 15.09.2015. S. dazu
Zynische Optionen.
[10] S. dazu
The Day After, The Day After (II), The Day After (III) und The Day After (IV).
[11] S. dazu Vom Westen befreit.
 

Diesen Artikel haben wir mit Dank vom Internetportal German-foreign-policy.com übernommen: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59252



Online-Flyer Nr. 537  vom 18.11.2015

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