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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Lokales
Köln: die Oper braucht noch Zeit - kommunale Krisen & Good Governance
Scheitern aushalten!
Von Wolfgang Hippe

In Köln kursiert derzeit ein kleiner Aufkleber. Er zeigt das offizielle Wappen der Stadt, dazu den Slogan: „Wir können alles. Außer Oberbürgermeister. Okay … U-Bahn auch nicht. Oder Oper“. Die Aufzählung ließe sich problemlos verlängern, denn Köln „kann“ auch nicht wirklich Rheinboulevard, Archäologische Zone/Jüdisches Museum, Museumsbau und –sanierung, Historisches Archiv & Stiftung Stadtgedächtnis, Hubschrauberlandeplatz, Wohnungsbau, Schulbau, Verkehrsstau-Information oder Hauptbahnhof. Hier liegt die „Gleisneigung“ um mehr als das Doppelte über dem Soll-Wert für zulässige Gefälle. Von 29 dokumentierten „Wegrollvorgängen in Bahnhöfen seit 2003“ - so die Bundesregierung - entfallen 22 auf Köln. Das ist Spitze! Sorry, ich vergaß, dass hier die Deutsche Bahn verantwortlich ist. Aber die Nähe zum Kölner Rathaus …. 


Kölner Opern- und Schauspielhaus (das Vorplanungsmodell)
NRhZ-Archiv

Also die Oper. Am 17. September ging es im Hauptausschuss des Kölner Rates zu „wie auf einem türkischen Bazar“, notierte ein Lokalreporter. Das ist natürlich nicht rassistisch gemeint, der Kölner an sich maggelt schließlich gerne zu jeder Tages- und Nachtzeit – zu diesem Klüngel kommen wir noch. Aber „türkischer Bazar“? Gegen das NSU-Attentat in der Keupstraße haben wir in Köln aus Solidarität schließlich gleich zweimal „Birlikte“ gefeiert und eben hat ein Karnevalsverein seinen Namen von „Mülheimer Neger“ in „Müllemer Klütte“ geändert – der Diskriminierung wegen, die im Wort „Neger“ steckt. („Klütte“ ist übrigens Kölsch und steht im Dialekt umgangssprachlich für … Neger). Einigen wir uns also auf „Opern-Bazar“. Auf diesem „Bazar“ ging es darum, wo und zu welchem Preis das Opern-Interim demnächst stattfinden soll. Auf die Gründe fürs Interim kommen wir noch. Auf jeden Fall gab es mit der Magic Media Company GmbH (MMC) und der deutsch-britischen BB-Group GmbH zwei Bieter, die der Stadt „ihre“ Immobilie gegen entsprechendes Entgelt zurichten und vermieten wollten. Beide sind auf die eine oder andere Weise der Stadt verbunden. Alleiniger MMC-Gesellschafter war bis 2012 die Sparkasse KölnBonn und damit Teil der teilweise dubiosen Geschäfte rund um das Film- und Fernsehstudio. MMC bot nun ihr „Coloneum“ als Spielstätte an.




Im Vorfeld der Bautätigkeiten am Opernhaus kamen schon 2012 die Holzfäller
Foto: Klaus Franke, Arbeiterfotografie

 

Zum 1. Juli 2015 hatte die Stadt der BB Group das vormals städtische „Staatenhaus“ per Erbpacht für den Betrieb eines Musical-Theaters überlassen. Die grundsätzliche Entscheidung dazu hatte der Rat bereits im Juli 2011 getroffen. Kostenpunkt des Umbaus für BB: um die 40 Mio. Euro. Ziel des Unternehmens: Kölns Rückkehr „auf die Landkarte der Musical-Metropolen“. Nun wollte die Verwaltung just dieses Haus zurückmieten, um dort vorübergehend drei „Opernbühnen“ einzurichten. Das MMC-Angebot galt als etwas günstiger als das von BB, deshalb reduzierte BB auf der Sitzung um eine halbe Million. Jetzt stand es 14,44 Mio. (BB) zu 14,55 Mio. (MMC). Daraufhin senkte MMC auf rund 14 Mio. – doch die SMS kam zu spät. Die Opern-Lobby war zu präsent, die rot-grün-rote Mehrheit folgte ihr wenig überraschend. Die Entscheidung fürs „Staatenhaus“ freute wiederum die Opernintendantin, die hier die „künstlerisch bestmögliche Variante” realisiert sah. Auch wenn selbst gutwillige Berichterstatter bezweifeln, dass der von der Stadtverwaltung vorgelegte Kostenrahmen für das neue Interim realistisch ist oder Kritikern das Haus als „Schrottimmobilie“ gilt, bei der Oper hat der Stadtrat immer mal wieder ein Auge zugedrückt, wenn’s um Etatüberziehungen und Geld ging. 

Für BB bedeutet die Hingabe des Hauses an die Oper keineswegs das Ende am Standort. Man wird nun bis 2017 das „Blaue Zelt“ hinter dem Hauptbahnhof als Spielstätte nutzen können, das die Stadt eigentlich hatte abreißen wollen. Letzter Zelt-Player zuvor: die Kölner Oper bei ihrem Interim …. 

Denkmalschutz

Muss man die Gründe für das andauernde Opern-Interim wirklich noch einmal erzählen? Das Fakten-Telegramm: 2011 beschließt der Kölner Rat die Sanierung der denkmalgeschützten Städtischen Bühnen für 253 Mio. Euro. Ende der Bauarbeiten: Juni 2o15. Feierliche Wiedereröffnung: 7. November 2015. Bis dahin spielen die Bühnen auf insgesamt acht Interimsspielstätten auf. Ein kleiner Faux-Pas nebenbei: Weil die zuständige Verwaltung nicht zwischen Kalt- und Warmmiete unterscheiden konnte, fielen bei den Anmietungen „überraschend“ Mehrkosten von mehr als 2 Mio. Euro an. Das Rechnungsprüfungsamt wunderte sich später, warum darüber „keine Unterrichtung an die Politik“ erfolgt sei. Aber so kleinlich darf man doch nicht sein! 

Auf der Opern-Baustelle häuften sich derweil die Probleme. Nicht nur die Kosten stiegen (mehr als 30 Mio. plus), immer mehr beteiligte Baufirmen gaben „Behinderungsanzeigen“ ab. Sie sahen sich wegen des Zustands am Bau nicht in der Lage, ihre Arbeiten termingerecht auszuführen. Im Laufe des Jahres 2014 wurde intern zunehmend auf „erhebliche Risiken“ bei der „Umsetzung der vorliegenden Terminplanung“ hingewiesen. In einem internen Papier vom 13. April 2015 heißt es schließlich: „Es ist nun keine Kostensteuerung mehr möglich, ebenso kann keine Kostenprognose erstellt werden“. Kurz: Premiere geplatzt, Image beschädigt. Ein sehr negativer Fakten-Check. Dann die Wende: „Doch – so schloss man messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf“ (historisches Zitat). Der Projektsteuerer wurde ausgetauscht, auf der Baustelle eine „Priorisierung“ der Arbeiten betrieben. Kritische Anfragen wg. Bauverzögerungen u.Ä. wies man als „spekulativ“ zurück und ergänzte „verhalten optimistisch“: Eine schwere Aufgabe, aber wir schaffen das! (Ganz wie unserer Bundeskanzlerin). Die Spielpläne für das sanierte Haus wurden vorgestellt, rot-grüne Kulturpolitiker lobten die „vorbildliche Arbeit“ der Beteiligten und sprachen von „sehr erfreulichen Nachrichten“. Die Opernintendantin mahnte schon mal eine Erhöhung des Opernetats an. 

Noch am 18. Juli meldet die Verwaltung, die Sanierung befinde sich „auf der Zielgeraden“. Am 19. Juli ist intern endgültig klar, nichts geht mehr. 3 Tage später sickert die „überraschende“ offizielle Mitteilung wie aus dem Nichts durch: Der Eröffnungstermin ist nicht zu halten, die Sanierung würde sich noch ein, wenn nicht zwei Jahre hinziehen. Nun gelte es, sich für diese Zeit zu sortieren und ein neues Interim (im Staatenhaus) für die Oper zu finden, denn die bisherigen Ausweichquartiere wie das „Blaue Zelt“ waren bereits gekündigt. „Ein harter Schritt", befand die Kulturdezernentin und nicht nur sie war „unendlich traurig“. Die kulturpolitische Sprecherin der Grünen mochte nicht von einer „Riesenblamage“ sprechen, sondern sah die „intensive“, „sehr fundierte und engagierte“ Arbeit der Betroffenen „nicht belohnt“. Dabei habe die „Projektverantwortung auf breiten Füßen“ geruht. Doch breit hin oder her: gab es auch Verantwortliche? Zitat: Stellen mir uns einmal janz dumm! Wer wordä „Bauherr“ vun där Baustell‘? Und: Wat is‘ ene Bauherr? 

Das Bauherren-Modell

Ein vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ erstelltes Organigramm versucht die „Breite“ der angeblich mit der Opernsanierung befassten Verwaltungsteile und Personen darzustellen. Es zeigt den Oberbürgermeister, den Baudezernenten und die Kulturdezernentin, die Leitung Gebäudewirtschaft, die externe Projektsteuerung wie die externe Bauleitung. Als „Bauherr“ firmieren explizit die „Bühnen der Stadt Köln“, vertreten durch den Geschäftsführenden Direktor, die Opernintendantin und den Schauspielintendanten. Die Bühnenleitung hatte deshalb bei sich extra ein Projektbüro eingerichtet. 

Ein „Bauherr“ ist der rechtlich und wirtschaftlich verantwortliche Auftraggeber, er nimmt beim Bauen „originäre, nicht delegierbare Aufgaben“ wahr, so der mit „Baubetrieb und Bauprozessmanagement“ befasste Dortmunder Professor Mike Gralla. Er kann wie im Sanierungsfall Oper einen „Projektsteuerer“ einstellen, dessen Aufgaben dann vertraglich zu regeln sind. Dabei sind die Bühnen als „Eigenbetrieb“ und als „wirtschaftliches Unternehmen der Kommune“ – so die Stadt Köln – „weitgehend selbständig“ und beteiligen sich „wie Privatunternehmen am Wirtschaftsleben“. Vor diesem Hintergrund hat die Bühnenleitung eine „umfassende (!) Unterrichtungspflicht“ gegenüber dem Rat, dazu muss sie „den Oberbürgermeister über alle wichtigen Angelegenheiten rechtzeitig (!)“ informieren. Damit drängen sich viele Fragen auf. Wurde der Rat „umfassend“ informiert? Kannte er etwa die Verträge mit den Projektsteuerern? Kannte er angeblich nicht – wg. Vertraulichkeit der Verträge. Dabei gibt es gerade für solche Fälle in den Gremien einen nicht öffentlichen Teil. Wenn der Vertrag wg. angeblicher Vertraulichkeit dem Rat tatsächlich nicht vorlag, gibt das einen Vorgeschmack auf die Intransparenz, gegen die wir alle doch gerade im Zuge von TTIP anrennen. Noch eine Anmerkung: Nach dem „Organisationshandbuch“ der Stadt ist - wenig verwunderlich - die Kulturdezernentin in der „Entscheidungshierarchie“ für die Bühnen zuständig. Verträge in Sachen Bau soll sie keine unterschrieben haben. Was auch verwunderlich wäre. Sie hätte den Bühnendirektor jederzeit anweisen können, bestimmte Dinge zu tun oder zu lassen. 

Seit das Desaster öffentlich geworden ist, gibt es von Bühnen, Verwaltung und Politik keine nachvollziehbaren Erklärungen für den Ablauf oder genauere Zahlen. Das Agieren des „Bauherren“ ist ebenso wenig nachzuvollziehen wie das der Verwaltungsspitzen - die Darstellung der Abläufe variiert je nach Interessenslage. Und bitte, etwas Zurückhaltung bei der Kritik, mahnt ein Ratspolitiker: „Wenn man keine Fehler machen darf, entsteht eine gewisse Schweigsamkeitskultur.“ Diesem „Schweigen“ wollen die Ratsparteien nun mittels endloser Fragenkataloge auf die Spur kommen. Dazu gibt es einen „Elf-Punkte-Plan der Stadt“ zur Reorganisierung der Bauarbeiten. Ausgerechnet die Jecken-Zahl „Elf“! Wenn das nicht schon wieder subversiv ist. 

Vielleicht will man auch gar nicht so richtig aufklären. Die Verwaltung sei offenbar in Etwas „hineingeschliddert“, weil „nicht sein sollte, was nicht sein durfte“, so ein Fraktionsvorsitzender. Dazu haben etwa die kulturpolitischen Sprechern von Rot-Grün unisono festgestellt, dass politische Entscheidungen in Köln natürlich nur in Gremien gefällt werden und „informelle Strukturen“ keine Rolle spielen. Es gibt ihn also nicht mehr, den kölschen Klüngel. Einen Schuldigen hat man in jedem Falle schon ausgemacht: „die“ Bauwirtschaft in Köln hat nicht den besten Ruf, meint jedenfalls exemplarisch für ähnliche Äußerungen ein ehemaliger Opernintendant. Dafür sei Köln „berühmt. Gerüchte besagen: Wenn die Firmen Geld riechen, das sie bei der Stadt holen können, passieren die abenteuerlichsten Sachen.“ Netter Versuch. 

Nach einer hektischen Woche voller Sprechblasen und „empörter Verwunderung“ bilanzierte die größte Lokalzeitung: „Niemand in dieser Stadt trägt Verantwortung. Jeder zwar irgendwo und irgendwie ein bisschen. Doch der ‚Oberverantwortungshut‘, wie das neuerdings in Kölner Amtskreisen heißt, geht in geordneter Desorganisation reihum. Die missratene Sanierung ist scheinbar so unergründlich wie eine unendliche Weite des Weltraums.“ Vielleicht gibt es auch eine ganz andere, einfache Erklärung. Ein prominenter und hochrangiger Europa-Politiker hat einmal seine Erfahrungen als Ministerpräsident mit dem Satz zusammengefasst: „Wenn es ernst wird, muss man lügen.“ 

Andererseits findet man am Rhein auch so etwas wie einen Hoffnungsträger. Das ist der 1.FC Köln. Nachdem der Verein jahrelang wahlweise als „Karnevalsverein“ oder „Chaotentruppe“ mit starken Stimmungsschwankungen galt, haben die Verantwortlichen dort inzwischen eine solide Basis für eine sinnvolle Balance zwischen der inzwischen eingeführten Professionalität der Klubführung und der Begeisterung der Fans geschaffen. Heute ist der FC im Vergleich zu früheren Tagen eben „Spürbar anders“. 

P.S.: Die Überschrift „Scheitern aushalten“ ist übrigens geklaut. Ich habe sie 1988 schon einmal verwandt. Das Thema des Stücks: die Kölner Kultur. (PK)

 

Wolfgang Hippe hat diesen Text zuerst in "Kulturpolitik Aktuell Nr xyz" veröffentlicht.

 

 



Online-Flyer Nr. 532  vom 14.10.2015

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