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Aktueller Online-Flyer vom 23. Januar 2017  

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Einer der letzten Kleinbetriebe im Arbeiterstadtteil Köln-Nippes verschwindet
Abschied von einer Autowerkstatt
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

In den 1960er Jahren gewann der Schreinermeister Strasser im Lotto und legte mit dem Gewinn den Grundstein zur Autowerkstatt Strasser in der Merheimer Straße 109. Im (ehemaligen) Arbeiterstadtteil Köln-Nippes inmitten eines Wohngebiets kam 1974 Theodor Puchelski als KFZ-Mechaniker in den Betrieb, den er acht Jahre später übernahm. 33 Jahre lang – bis zum September 2015 – hat er sie als KFZ-Meister geleitet. Dann war Schluss. Ein benachbartes Unternehmen, dem das Grundstück gehört, hatte ein halbes Jahr zuvor Eigenbedarf angemeldet. Die Werkstatt muss in ein Gewerbegebiet ausweichen.


KFZ-Meister Theo Puchelski (62) vor dem geschlossenen Tor der Zufahrt zur Werkstatt Strasser, in der er gelernt, gearbeitet, ausgebildet und die er 33 Jahre lang geleitet hat
Fotos: arbeiterfotografie.com


Abriss der Werkstatt-Einrichtung. Es helfen die drei Söhne und Freunde vom Fußballverein SV WESTHOVEN-ENSEN 1931, dessen 2. Vorsitzender Theo Puchelski ist


Pause bei der Demontage


Theo Puchelski – im Hintergrund die Lutherkirche (Kulturkirche)


Die letzte von vier Hebebühnen ist noch in Betrieb. Der Umzug ist kostspielig.


Werkstattmeister Marko Kandzija (43)  ist als ehemaliger Werkstatt- und Kundendienstleiter spezialisiert auf Citroën-Fahrzeuge


Marko Kandzija, ehemaliger Lehrling und Meisterschüler von Theo Puchelski, führt den Betrieb in Köln-Ossendorf weiter.


Paulchen: der letzte Patient


Theo Puchelski mit Paulchen: 2CV (die legendäre Citroën-Ente) mit Sportwagen-Umbausatz zum Zweisitzer


Paulchen erhält eine Verjüngungskur


Theo Puchelski mit Spachtelmasse


Paulchen, 2CV-Zweisitzer. Werbespruch von Citroën: Sprit sparen, Ente fahren


Theo Puchelski bei Schönheits-OP für Paulchen


Werkzeug-Wand mit Galgen (Motorheber)


Kollege (52), der mit 28 Jahren bei Auto-Strasser beschäftigt war, hilft an der Werkbank


Werkzeug-Wand mit Seegeringzangen, Spitzzangen, Schweiß-, Loch-, Schlauchschellenzangen für verschiedene Fahrzeugfabrikate


Werkstatt-Hof, hier waren Rangierkünste und Organisationstalent gefragt


Theo Puchelski bei Reparatur eines Fensterhebers


Durchfahrt zur Werkstatt in der Merheimer Straße 109 nach spontanem Starthilfe-Einsatz


Dorothea Puchelski im Büro der Werkstatt – an der Tür der Hinweis: „Wir ziehen um!“


Dorothea Puchelski war über 33 Jahre die Chefin im Büro: “Ein Lebensabschnitt geht zu Ende.“


Theo Puchelski. Die Werkstatt war gelegentlich Aufnahmeort für Hörspiele und Fernsehproduktionen, z.B. SOKO Köln


Dorothea und Theo Puchelski im Büro der Werkstatt. Vor 33 Jahren wirbelte der älteste von drei Söhnen als Kleinkind durch Büro, Werkstatt und übers Außengelände.


Demontage unter Mithilfe von Sohn David (re) und Freunden aus dem Fußballclub SV WESTHOVEN-ENSEN 1931


Mit eigenen Händen aufgebaut. Abriss der Überdachung des Reifenlagers


KFZ-Meister Marko Kandzija mit ca. 25 Kilogramm schwerem Federspanner, ist nach dem Umzug der neue Geschäftsführer von Auto-Strasser


Durchfahrt zur Werkstatt in der Merheimer Straße 109 – benachbart die Galerie Arbeiterfotografie in der Merheimer Straße 107


Marko Kandzija mit ca. 25 Kilogramm schwerem Federspanner


Dorothea und Theo Puchelski vor dem geschlossenen Tor der Zufahrt zur Werkstatt


Durchfahrt zur Werkstatt. Hier wurde jeden Karnevals-Dienstag der vor dem Tor vorbei ziehende Nippesser Veedelzoch mit Freunden, Kunden und Verwandten gefeiert. Theo Puchelski ist Mitglied im Karnevalsverein „KKG Schwazze Kääls“ (Kaminfeger)


Dorothea und Theo Puchelski vor dem geschlossenen Tor der Zufahrt zur Werkstatt. Über 40 Jahre Lebenszeit spielten sich hier ab.

„Ich hätte gern noch zwei, drei Jährchen weitergearbeitet,“ ist der Kommentar des 62jährigen KFZ-Meisters und Geschäftsführers der Strasser GmbH-Autowerkstatt in der Nippeser Merheimer Straße, „doch dann kam völlig unerwartet die Kündigung.“ Der Eigentümer des Geländes, die angrenzende Kompressol-Oel Verkaufs GmbH, meldet Eigenbedarf an. Jetzt muss Theodor Puchelski mit eigenen Händen abreissen, was er in rund 40 Jahren aufgebaut hat. Seinem Kollegen und von ihm ausgebildeten KFZ-Meister Marko Kandzija (43) überträgt er die Geschäftsführung. Auto Strasser firmiert damit in der dritten Generation fortan im Gewerbegebiet Köln-Ossendorf.

Angefangen hatte alles in den 1960er Jahren mit einem Lottogewinn. Schreinermeister Strasser legt damit den Grundstein für eine Citroën-Autowerkstätte, die seine Frau Lisa noch einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes als Geschäftsführerin weiter betreibt. 1974 steigt Theo Puchelski, der seine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker im deutschen Citroën-Hauptsitz in Köln-Porz absolviert hatte, in den Betrieb ein. 1982 übernimmt er die Geschäftsführung und Ehefrau Dorothea den Chefsessel im Büro. Zu der verwunschenen Hinterhofwerkstatt mit rund 2000 Quadratmetern Grundfläche führt von außen sichtbar nur ein Rolltor und eine Leuchtreklame, die mit über 30jähriger Citroën-Erfahrung wirbt. 1995 erweitert die Werkstatt auf Reparatur aller Fabrikate. Damit verbunden ist die Anschaffung zahlreicher Spezialwerkzeuge für unterschiedliche Fahrzeugtypen. Doch die eingeschworene Gemeinschaft der Franzosenliebhaber weiß, was sie bei Auto-Strasser mit Inhaber Puchelski erwartet: „Ich lass seit Jahren nur Herrn Puchelski an meinen früheren CX und jetzt XM,“ heißt es in einem Citroën-Internetforum, der „schraubt bei Auto-Strasser in Köln-Nippes“. „Super Laden! Liefert tolle, ehrliche Arbeit zu sauberen Preisen!“, heißt die Empfehlung an anderer Stelle. „Ein Citroën-Spezialist von altem Schrot und Korn, sauberes Handwerk. Lediglich bei der Terminvergabe muss man etwas Geduld haben; da muss man schon sich mal eine Woche oder 10 Tage gedulden. So ist das eben bei einer kleinen Werkstatt, die ständig ausgebucht ist.“

Nach den fleißigen Handwerkern lässt sich die Uhr stellen: von montags bis freitags öffnet sich mit markantem Ton pünktlich um 7.30 Uhr das Rolltor zur Merheimer Straße, dann wird das Zwischentor aufgeschlossen, das Geräusch eines einfahrenden Fahrzeuges – und dann geht es los: lebhafter Betrieb von hinzukommenden Kundenfahrzeugen, freundliche Stimmen über den ganzen Tag. Samstags erst ab zehn. Öfter ein Abschleppwagen, regelmäßig der Schrotti, Kleinlaster müssen gekonnt rangieren. Die Organisation des mit Fahrzeugen voll gestellten Hofes grenzt an ein Kunststück. „Fahr den vor, den fahr ich raus, der kommt auf die Bühne“, sind typische Zurufe, im Handwerksbetrieb, der regelmäßig alle 3 ½ Jahre einen Lehrling ausbildet.

Nostalgie haftet an den Fensterscheiben mit aufgebrachter Werbung für den GS, den Bautyp der neuen „Grande Série“, die in den 1970ern an den Start geht. Und auf der letzten von vier, beim Werkstatt-Rückbau verbliebenen Hebebühnen wartet geduldig „Paulchen“ auf eine Verjüngungs- und Schönheitskur. „Paulchen“ ist gebürtig ein 2CV, also die legendäre „Ente“, sportlich getrimmt mit Umbauhaube zum Zweisitzer. Welcher Sportwagen wirbt schon mit dem Slogan: Sprit sparen – Ente fahren? Das klingt nach französischem „Savoir Vivre“, der Lebenskunst, die auch den Kölnern nicht fremd ist.

Apropos Lebenskunst. Da gab es noch eine besondere Begebenheit, erinnert sich Marko Kandzija. Alle Fabrikate! Ein VW-Caddy – warum nicht? Auf der Durchreise nach Kroatien hatte der Volkswagen eine Panne. „Auto Strasser“ liegt an der Route. Das VW-Nutzfahrzeug ist ein Leichenwagen – inklusive! Die „Fracht“ wird ausgelagert, das Fahrzeug repariert. Die Abholung am nächsten Tag wird vereinbart. Aber was machen wir mit der Leiche – über Nacht? „Die läuft nicht mehr weg“, meint der Kunde.

So gibt es über Jahrzehnte Geschichten, bequeme und unbequeme KundInnen, Schauspielerinnen, Fernsehmoderatoren, Kabarettistinnen. „Die Köster war immer nett,“ erinnern sich Puchelskis. Andere hoch kompliziert. Passend zur echten Leiche gibt es hin und wieder eine Hörspielproduktion im Werkstattareal, dann und wann wird eine Fernsehszene z.B. für „Soko Köln“ produziert. Leiche hin oder her: Nippes verliert ein gewaltiges Stück seiner Seele.

„Die einzig wahre Werkstatt ist (ehemals Citroën) Strasser in Nippes auf der Merheimer. Herr Puchelski und sein neuer Kollege führen zwar eine typische Hinterhofwerkstatt, aber ich habe dort noch nie irgendetwas Unnötiges repariert bekommen. Macht auch TÜV - ohne Runderneuerungen. Ich fahre dort jetzt mit dem sechsten und siebten Auto mittlerweile aus Wesseling hin.“ – Dann bald nicht mehr nach Nippes, sondern nach Ossendorf in die Gunther-Plüschow-Straße zwischen Hünefeld- und Mathias-Brüggen-Straße. „Auto Strasser“ wirbt mit inzwischen 50 Jahren Citroën-Erfahrung und Reparaturen aller Fabrikate. Viel Erfolg! (PK)

Online-Flyer Nr. 530  vom 30.09.2015

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Von Kostas Koufogiorgos
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