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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
2002 wurde Monsantos Krebserreger Glyphosat in der EU zugelassen
Fieses in der Landwirtschaft
Von Volker Bräutigam

Es heißt „Glyphosat“ und ist der weltweit meistverwendete „Unkraut“-Vernichter. Ein Breitband-Herbizid, das nur über die Blätter wirkt. Es tötet in der besprühten Pflanze ein Enzym, das sie für die Photosynthese braucht. Sie kann dann Licht nicht mehr in Energie umwandeln und stirbt. Glyphosat steht seit Jahren im Verdacht, bei Mensch und Tier Krebs zu erregen und deren Hormonhaushalt zu beeinträchtigen. Studien zeigen Zusammenhänge mit der Entstehung maligner Melanome auf, auch dass Glyphosat den Schutz der mütterlichen Plazenta überwindet und das Hirnareal von Embryonen schädigt.
Das Herbizid kam vor einem Vierteljahrhundert zunächst in Nord- und Südamerika auf den Markt und wirkt tödlich auf die gesamte Flora - ausgenommen einige gentechnisch veränderte, landwirtschaftlich nutzbare und deshalb patentgeschützte Gewächse aus dem Labor des US-Chemieriesen Monsanto: Sojasorten, Mais, Raps, Zuckerrüben. Der Konzern hat das Glyphosat zwar nicht selbst erfunden, aber dessen chemische Formel gekauft und sie sich schon vor 45 Jahren patentieren lassen.
Nach Ablauf des Patentschutzes blieb Monsanto der führende Hersteller des Giftes. Seine maßgeschneidert genmanipulierten glyphosatresistenten Pflanzen verkauft der Konzern ebenfalls weltweit. Nur in der EU ist ihr Anbau (noch) nicht erlaubt. Aber als Futtermittel dürfen sie längst importiert werden. So gelangen Glyphosat und gentechnisch Verändertes eben auf kleinem Umweg in unsere Nahrungskette. Glyphosat an sich ist ohnehin in der EU wohlgelitten. Monsanto verkauft es erfolgreich als Spritzmittel unter dem Namen „Roundup“. Darüber hinaus ist es in mehr als 70 ähnlichen Erzeugnissen anderer Anbieter enthalten.

Erfolgreiche Lobbyisten

2002 wurde Glyphosat in der EU zugelassen, allein aufgrund sogenannter Grauer Studien über seine Unbedenklichkeit. Das sind im Auftrag der Interessenten erstellte „wissenschaftliche“ Abhandlungen. Die weiterhin nicht auszuschließenden denkbaren schädlichen Folgen für Mensch und Tier stoppten das fragwürdige Zulassungsverfahren nicht. Zu groß war das Profitpotential, das die Antragsteller im Blick hatten. Monsanto war nicht allein: Die Landwirte betrachteten Glyphosat als Ertragssteigerer, auch der europäischen Pharmaindustrie sollten glyphosathaltige Produkte hunderte Euromillionen in die Kassen spülen.
Die vereinte Bauern- und Pharmalobby besiegte Vorsicht und Verantwortungsbewußtsein. Die bereitwillige EU-Zulassung galt zwar „nur“ für zehn Jahre, wurde jedoch ohne viel Aufhebens bis 31. Dezember 2015 verlängert. Mitgeschoben hatte die Bundesregierung, speziell das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), eine Behörde des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Und in Brüssel steht schon ein erneutes Verlängerungsverfahren an.
Das BfR beharrt bis heute auf der Harmlosigkeit des Pflanzengiftes für den Menschen, obwohl mittlerweile mehrere qualifizierte, neutrale Studien den Verdacht der Krebsgefahr und der Schädlichkeit für den Hormonhaushalt erhärten. Selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO rät inzwischen, Glyphosat nicht mehr großflächig einzusetzen.
Was aber scheren WHO-Warnungen die Bundesregierung? Bei den Verhandlungen in Brüssel hat diesmal Deutschland die Federführung. Somit ist auch in Zukunft Monsantos Reibach auf dem europäischen Agrarmarkt garantiert.
„Geschätzt 6000 Tonnen“ Glyphosat seien in Deutschland im Jahr 2012 ausgebracht worden, ließ seinerzeit das Bundesumweltministerium wissen. Wollte man diese Menge per Bahn transportieren, ergäbe sie einen vier Kilometer langen Güterzug mit mindestens 240 Waggons voll reinen Pflanzengifts. Umweltschutzverbände wie Greenpeace und der BUND führen aber an, daß insgesamt jährlich 15.000 Tonnen an glyphosathaltigen Produkten verbraucht würden, nicht nur das Roundup, sondern beispielsweise auch „Clinic“ von Nufarm, „Touchdown“ von Syngenta, „Vorox“ (Compo) oder „GlyphoMAX“ von Dow AgroSciences. Der Unkrautvernichter wird damit auf annähernd 40 Prozent der Ackerfläche in Deutschland eingesetzt

Im Naturkreislauf

Jahrelang brachten unsere lieben Bauern das Glyphosat nicht nur vor der Aussaat auf die Felder, um sich damit das Unterpflügen von frischem Unkraut und Durchwuchs der alten Saatpflanze und der Stoppeln zu ersparen. Auch kurz vor der Ernte wurde das Gift gesprüht. Das beschleunigte die Reife der jeweils behandelten Kulturpflanze bei gleichzeitiger Abtötung von Unkräutern; die Mähdrescher wurden seltener von wildem Grünzeug verstopft. Der Zeitpunkt der Ernte war damit leichter zu planen. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat die Praxis der sogenannten Sikkation erst im vorigen Jahr verboten – in der Schweiz beispielsweise war sie von vornherein nicht erlaubt. Aber das Gift ist ja längst in die Nahrungskette gelangt.
Europaweite Stichproben haben Glyphosat im Urin von 44 Prozent der Großstädter nachgewiesen, in Deutschland laut BUND sogar bei sieben von zehn Probanden. Es wird nicht restlos wieder ausgeschieden, sondern verbleibt bis zu fast einem Drittel im Körper. Trotzdem wiegelte das Bundesinstitut für Risikobewertung ab: Die nachgewiesenen Werte hätten „weit unterhalb eines gesundheitlich bedenklichen Bereichs“ gelegen.
Wie und von wem und nach welchen Kriterien die entsprechenden Grenzwerte jeweils ermittelt werden und welche Relevanz sie tatsächlich haben, bleibt weiterhin vollkommen intransparent.
Die amtliche Lebensmittelüberwachung hilft auch nicht weiter. Sie soll die Einhaltung der ohnehin fragwürdigen Grenzwerte für Glyphosatrückstände kontrollieren, aber wie das? Anhand von gerade mal 1100 Lebensmittelstichproben jährlich, weil der enorme Personalmangel mehr Einsatz gar nicht zuläßt? Im Schnitt ergibt die Scheinüberwachung denn auch nur bei rund vier Prozent der Proben Rückstände oberhalb des „zulässigen“ Höchstgehaltes. Die Zeitschrift Öko-Test berichtete hingegen bereits 2012, der Wirkstoff habe sich in 14 von 20 Getreideprodukten (Mehl, Semmeln) nachweisen lassen, Glyphosat überstehe auch das Backen.

Alarmierende Erkenntnisse

Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC (International Agency for Research on Cancer) fand im März 2015 Anzeichen für das krebserzeugende Potential des Glyphosat und stufte es deshalb in die Kategorie 2A („wahrscheinlich krebserzeugend“) ein. Das BfR teilte daraufhin mit, die IARC-Einstufung sei „schlecht nachvollziehbar“, und daher müsse ein vollständiger Bericht der IARC abgewartet werden. Noch ruppiger meierte das BfR einige Forscher der Universität Leipzig ab, die ebenfalls Gesundheitsrisiken ermittelt hatten: Deren Ergebnisse seien nicht für eine Risikobewertung geeignet.
Glyphosat schädigt menschliche Plazentazellen laut einer Studie des international beachteten französischen Fachmanns Gilles-Éric Séralini. Und zwar bereits in Dosierungen, die weit niedriger sind als die Konzentrationen im landwirtschaftlichen Einsatz. Das Pflanzengift stelle auch einen Risikofaktor als Mitverursacher von hormonabhängigem Brustkrebs dar. Der an der Universität Caen lehrende Wissenschaftler forscht über die Auswirkungen von gentechnisch veränderten Organismen und Pestiziden auf Gesundheit, Sexualhormone, Fortpflanzung und Krebs beim Menschen. Nur dem von Lobbyisten heimgesuchten Berliner Landwirtschaftsministerium und dessen BfR scheint er nicht bekannt zu sein – oder nichts zu gelten.

Die Rache der Natur

Lange hatte man einfach angenommen, Glyphosat sei unproblematisch, weil es im Erdreich relativ schnell und weitestgehend absorbiert werde. Es lagere sich an bestimmte Minerale an. Doch inzwischen wurde es auch im Grundwasser nachgewiesen. Seine Halbwertzeit ist immer noch nicht endgültig definiert: die Angaben variieren zwischen „wenige Stunden“ und „280 Tagen“, je nach Rahmenbedingungen. Angesichts des häufigen und massenhaften Einsatzes ist aber mit einer Akkumulierung in der Natur zu rechnen.
Und diese rächt sich: Anfänglich hatte Glyphosat „nur“ erhebliche negative Folgen für die Pflanzenvielfalt (Biodiversität) und zwar nicht nur auf den besprühten Ackerflächen, sondern auch in deren direkter Umgebung. Die Zahl der Wildkräuter nimmt ab, die vieler Mikroben und nährstoffbildender Bodenpilze ebenso. Andererseits fördert es das Wachstum toxischer Mikropilze, deren Gifte nun ebenfalls in die Nahrungskette gelangen. Inzwischen mehrt sich die Anzahl von glyphosatresistenten Wildkräutern, denen unsere Intensiv-Landwirtschaft wohl mit neuen chemischen Keulen begegnen wird. Es schließt sich einer der vielen Teufelskreise zum Schaden unserer Mitwelt.

Das Schweige-Kartell

Im April gab es weltweit den dritten Protestmarsch gegen den US-Pharmariesen Monsanto. Auch heuer beschwiegen ihn unsere Massenmedien. Keine Information, kein Bild von den Großdemonstrationen rund um den Globus. Für ihr Mitwirken im Schweigekartell hatte die ARD-aktuell-Chefredaktion voriges Jahr folgende Rechtfertigung: „Der Aktionstag der Anti-Monsanto-Initiative hatte durchaus Chancen, in die Sendung zu kommen. Wir müssen aber jeden Tag für sich beurteilen und verschiedene Themen gegeneinander abwägen. Ein paar hundert Demonstranten in ein paar deutschen Städten reichten am Ende nicht, um in der Relevanzabwägung zu den wichtigsten Themen des Tages zu gehören ...”
Merke: Nicht das Motiv einer Demonstration zählt, sondern deren Umfang. Fliegenbeinzählerei statt Problembewußtsein.
Fazit: Die profitgierige Gentechnikmafia und die gewinnsüchtige Agrarindustrie schädigen die Volksgesundheit. Unsere regierenden Lobbyisten und deren mediale Lakaien pfeifen auf das Volkswohl. So lange, bis das Volk auf sie pfeift.

Nachtrag

Frankreichs Regierung hat jetzt die Gartenzentren angewiesen, "Roundup" aus den Regalen zu nehmen. Die Bauern dürfen das Gift munter weiter versprühen. (PK)
 


Online-Flyer Nr. 520  vom 22.07.2015

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