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Aktueller Online-Flyer vom 23. Oktober 2017  

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Lokales
Verteidigungsrede eines Oppenheim-Bankers, der in Köln vor Gericht steht
Ich bin unschuldig! Schlagen Sie die Anklage nieder!
Von Werner Rügemer

Sehr geehrte Vorsitzende Richterin, sehr geehrte Herren Richter, sehr geehrte Damen und Herren Schöffen, seit bald zwei Jahren stehen wir, die vier ehemaligen persönlich haftenden Gesellschafter der Bank Oppenheim, hier vor dem Kölner Landgericht. Jedes Mal müssen wir uns an den Eingangsschleusen des Gerichts überprüfen lassen, als wären wir Terroristen. Und das soll noch endlos so weitergehen. Ehrlich gesagt, wir haben besseres zu tun als hier einen so umfangreichen Teil unserer Lebenszeit zu verbringen. Auch wir haben ein Menschenrecht auf Privatheit und Lebensqualität.
 
Hohes Gericht! Die vier Jahre, die wir während der staatsanwaltlichen Ermittlungen und Durchsuchungen durchmachen mussten, waren voll von Vor-Verurteilungen in den Medien. Wir werden ohne jeglichen Beweis als Bankster, Heuschrecken und Betrüger bezeichnet. Wir sollen bei zahlreichen Immobilienprojekten die Bank geschädigt haben. Wir sollen dazu verschiedene Briefkastenfirmen eingerichtet und Zahlungsströme verheimlicht haben. Wir sollen uns als Bankchefs selbst Vorzugskredite gewährt haben. Mein Gott, wie naiv! Wozu hat man denn sonst eine Bank?!
 
Die Sicht des Publikums und auch, leider, der Staatsanwälte, ist immer noch von klischeetriefenden Vorurteilen geprägt. „Briefkastenfirmen“ zum Beispiel sollen etwas schlechtes sein. Das ist Unsinn. Kein Unternehmen, das wir in der Schweiz gegründet haben, hat dort einen Briefkasten. Das sind Vorstellungen aus der Steinzeit. Das, was hier gemeint ist, sind Special Purpose Entities, also rechtliche Einheiten für besondere Zwecke, verstehen Sie? Die können Sie per Mausklick bei einem Treuhänder in der Schweiz gründen, zum Beispiel. Da gibt es keine Briefkästen. Rechtlich einwandfrei, ganz legal. Sonst hätten uns die Schweizer Staatsanwälte längst angeklagt.
 
Hohes Gericht! Ich bin unschuldig. Über meine Mitangeklagten will ich nichts sagen. Ich weiß nicht, welche krummen Geschäfte sie in unserer gemeinsamen Zeit gedreht haben. Geht mich nichts an. Bedenken Sie zudem: Wir sind die eigentlichen Opfer. Wir haben unseren Arbeitsplatz verloren. Das bedeutet etwas anderes als bei einem Leiharbeiter, der arbeitslos wird und mit mehr oder weniger dem gleichen Einkommen sanft in der Hartz Vier-Hängematte landet. Während es sich bei uns um eine ganz andere Fallhöhe handelt! Vom Milliardär zum einfachen Millionär! Können Sie ermessen, was das seelisch und sozial bedeutet?
 
Hohes Gericht! Die Kosten dieses aufwendigen Gerichtsverfahrens gehen in die Millionen. Ich spreche dabei nicht von den Honoraren, die wir den von uns engagierten fünfzehn Spitzenanwälten zahlen müssen. Davon will ich gar nicht reden, obwohl uns das jetzt, da unser Vermögen verloren ist, sehr schwer fällt.
 
Ich gebe Ihnen dringlich zu bedenken, dass bei diesem Verfahren die öffentliche Hand Millionen aus dem Fenster wirft, schon bisher. Und die Staatsanwälte ermitteln noch weiter, diese Stümper, mit Verlaub. Unabsehbare Kosten kommen da auf den Staat zu, der, wie wir alle wissen, hoffnungslos überschuldet ist. Wollen Sie diese Schulden immer weiter in die Höhe treiben? Wir als verantwortungsvolle Bankiers sind immer dafür eingetreten, dass der Staat wirtschaftlich handelt und sparsam mit den Geldern der Steuerzahler umgeht.
 
Hohes Gericht! Lassen Sie die Anklage fallen! Bedenken Sie auch Ihre Verantwortung für unsere Demokratie. Hat sich etwa die Hüterin des vereinigten deutschen Standorts, unsere geschätzte Bundeskanzlerin, von unserer Bank in irgendeiner Weise distanziert? Unsere Bank hat ihrer Partei und ihr persönlich über die Jahrzehnte viele Millionen Demark und Euro für ihre Wahlkämpfe zukommen lassen, nur selten heimlich und meist ganz offiziell. Die hoffentlich auch künftige Bundeskanzlerin kritisiert uns nicht. Ich sage Ihnen, warum: Sie ist auch durch unsere Großzügigkeit in die Lage versetzt worden, den Finanzstandort Deutschland in Europa und der Welt zu stärken, zum Wohl aller Bürger.
 
Die von uns geführte Bank ist 2009 wegen der allgemeinen Finanzkrise, die niemand hat vorhersehen können, in die Insolvenz gegangen. Aber die Deutsche Bank hat uns gerettet und aufgekauft. Sie legt Wert darauf, den renommierten Markennamen Oppenheim zu übernehmen und die Vermögensverwaltung der Leistungsträger der oberen Kategorie fortzuführen. Dazu gehört übrigens auch das Erzbistum Köln. Glauben Sie mir, diese Zielgruppe lässt sich durch solche unwürdigen Gerichtsverfahren wie hier nicht beeindrucken. Und hätte die Deutsche Bank, dieses weltweit renommierte Finanzinstitut, unsere Bank aufgekauft, wenn wir Kriminelle wären?
 
Hohes Gericht! Beenden Sie dieses Verfahren mit einem Freispruch - oder beenden Sie es, wenn es Ihrer Gesichtswahrung dient, mit einem Vergleich und einem Bußgeld. Wir sind zwar vermögenslos, ich sagte es schon. Aber irgendwoher werden wir den Betrag aufbringen können.
 
Ich bin überzeugt, dass sich vor Ihrem inneren Auge allmählich eine Vorstellung von dem herausbildet, was man ein gerechtes Urteil nennen wird! Sie können sich um Deutschland verdient machen. Wir werden Ihnen zu danken wissen! (PK)


Online-Flyer Nr. 517  vom 01.07.2015

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