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Aktueller Online-Flyer vom 24. Oktober 2017  

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Inland
Sechs Jahrzehnte Bundeswehr. Für Jubelfeiern besteht aber kein Anlass.
Ein Übel wird 60
Von Jürgen Rose

Gerade einmal zehn Jahre waren vergangen, seitdem die Angloamerikaner im Westen im Bunde mit der Roten Armee im Osten den Deutschen ihren größenwahnsinnigen Militarismus gründlich ausgebombt hatten, da traten im November 1955 in der Bonner Ermekeil-Kaserne die ersten 101 Freiwilligen der „neuen Wehrmacht“, die erst nachträglich mit dem Etikett „Bundeswehr“ versehen worden war, an, um aus der Hand von Theodor Blank, dem ersten Verteidigungsminister der jungen Bundesrepublik, ihre Ernennungsurkunden zum amtlich bestellten Vaterlandsverteidiger zu empfangen.
  

Kurt Tucholski: „Ich sehe als erstes
die Verpflichtung, dem Frieden zu dienen."
NRhZ-Archiv
Für die erste Frau an der Spitze des Bundesministeriums der Verteidigung, Ursula von der Leyen, bot jenes nunmehr knapp sechzig Jahre zurückliegende Ereignis den Anlass, am 13. Juni 2015 an 15 Standorten in ganz Deutschland erstmals einen „Tag der Bundeswehr“ zu zelebrieren, Festrede mit Live-Übertragung inklusive. Vorhersehbar wird sie dabei das altbewährte Hohelied auf den »Staatsbürger in Uniform« und die »Innere Führung«, quasi die "Verfassung“ der Bundeswehr, singen, die der General, Friedensforscher und Militärphilosoph Wolf Graf von Baudissin entworfen hatte.
 
Ebenso vorhersehbar ist freilich, daß die Ministerin auf keinen Fall dessen schonungslos realistische Auffassung über die Rolle und Funktion der Bundeswehr in einem Deutschland, das die Hauptverantwortung für die Entfesselung zweier menschenmordender Weltkriege trug, erwähnen wird. Jeder Glorifizierung schimmernder Wehren vergangener Zeiten abhold hatte jener nämlich gefolgert: „So werden die Streitkräfte zum »notwendigen Übel« einer freiheitlichen Lebensordnung; denn sie müssen im Interesse ihrer Wirksamkeit vom einzelnen Staatsbürger Opfer und Gefährdung seiner Freiheit, des rechtsstaatlichen Schutzes und seiner Würde verlangen.“
 
Analog hatte das zuvor schon Kurt Tucholsky nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges gesehen, als er befand: „Eine Armee … ist – im besten Fall – ein notwendiges Übel und eine üble Notwendigkeit.“ Doch auch über jenen scharfzüngigen Militärkritiker und Pazifisten wird die Ministerin beredt schweigen – ebenso wie über den ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann, einen entschiedenen Gegner der sogenannten »Wiederbewaffnung«, und dessen berühmtes Diktum, wonach „jede Bundeswehr grundsätzlich bereit sein müsse, sich um einer besseren politischen Lösung willen in Frage stellen zu lassen.“
 
Völlig vergessen scheint mittlerweile, was er der Bundeswehr – und jenen, die über ihren Einsatz zu entscheiden haben! – dereinst ins Stammbuch geschrieben hatte: „Ich sehe als erstes die Verpflichtung, dem Frieden zu dienen. Nicht der Krieg ist der Ernstfall, sondern heute ist der Frieden der Ernstfall, in dem wir alle uns zu bewähren haben. Hinter dem Frieden gibt es keine Existenz mehr.“ Kongenial hierzu hatte der bereits erwähnte Generalleutnant Baudissin die prinzipielle Existenzberechtigung von Militär kategorisch mit dessen strikt defensiver Ausrichtung im Rahmen seines Frie-densauftrages begründet und dabei unmissverständlich klargestellt, dass ausschließlich die „Verteidigung gegen einen das Leben und die Freiheit zerstörenden Angriff“ gerechtfertigt wäre. Statt dessen wurde und wird die Bundeswehr auch weiterhin entsprechend den Vorgaben der NATO – präziser: auf Kommando der US-amerikanischen Imperialmacht – einem sogenannten „Transformationsprozeß“ unterzogen und umgebaut zur „Einsatzarmee“, wie der Orwellsche Neusprech der militärischen Nomenklatura euphemistisch lautet.
 
Im Klartext heißt das, Deutschland hat sich Interventionsstreitkräfte zugelegt, die direkt (Kosovo 1999, Afghanistan 2001) oder indirekt (Irak 2003) auch für völkerrechtswidrige Angriffskriege Gewehr bei Fuß stehen und für die Durchsetzung neoliberaler Globalisierung mit militärischen Gewaltmitteln sorgen. Anachronistisch erscheint heutzutage offenbar die Vorstellung von Abschreckung und Verteidigung als allein legitimem Daseinszweck von Streitkräften. Intellektuell meilenweit entfernt hiervon zelebriert im laufenden Jahr die „Classe politique“ dieser Republik lieber in elender Selbstgefälligkeit ihr vor sechzig Jahren neu geschaffenes Militär. Eine solche Bundeswehr aber bietet wahrlich keinen Grund zum Feiern.
 
„Die Angehörigen der Reichswehr sind dafür da, eine Wehr des Reiches zu bilden – weiter nichts.“ Kurt Tucholsky, 1926. (PK)
 
 
Dipl. Päd. Jürgen Rose war Oberstleutnant der Bundeswehr und ist Mitglied im Vorstand des Darmstädter Signals.


Online-Flyer Nr. 515  vom 17.06.2015

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